Dienstag, 29. Juni 2010

Border Terrier und Krampfanfälle

Ein Gastbeitrag von Jaro

"Ich kann das Märchen vom gesunden Border Terrier nicht mehr hören." Diesen Satz las ich irgendwo in einem ausländischen Forum, geschrieben vom frustrierten Halter eines Border Terriers.

Der Border Terrier gilt in der Tat als besonders robust und gesund. Kein Modehund. Zumindest nicht in Deutschland, wo der Border Terrier erst 1965 Einzug erhielt und noch Anfang der 90er Jahre weniger als hundert Welpen pro Jahr eingetragen wurden.

Anders sieht es im Mutterland des kleinen Terriers aus, in Großbritannien. Dort steht die Rasse auf Platz 8 der Top 10 der beliebtesten Hunderassen. Der Border Terrier entstand dort im 19. Jahrhundert als reiner Arbeitsterrier in der Grenzregion (englisch border) zwischen England und Schottland. Seine nächsten Verwandten sind der Bedlington Terrier, der Lakeland Terrier und der Dandie Dinmont Terrier. Terrier wurden - wie der Name schon sagt (von lateinisch terra = Erde) - gezüchtet, um bei der Jagd unter Erde helfen zu können. Der Border Terrier entstand aus dem Bedürfnis heraus, einen für die Fuchsjagd geeigneten Terrier zu züchten. Er hat die passende Größe, um in Fuchsbauten einschliefen zu können. Ein rauhes Fell schützt ihn vor Gestrüpp und unwirtlichem Wetter. Todesmutig und leidenschaftlich - sein Charakter hilft ihm ebenfalls bei der Jagd auf den Fuchs.
In den ersten Jahrzehnten wurde der Border Terrier als reiner Arbeitsterrier und Mischlingshund gezüchtet. Nachkommen, die den jagdlichen Anforderungen nicht gerecht wurden oder nicht gesund waren, wurden kurzerhand ertränkt. Auf Schönheit wurde nicht geachtet, weshalb der Border auch heute noch eher zu den unscheinbaren Hunden gehört. Besitzer von Border Terriern sind es auch gewohnt, die Frage zu erhalten, was für ein Mix ihr Hund denn da sei...

1920 wurde die Rasse der Border Terrier vom Kennel Club in Großbritannien als eigenständige Rasse anerkannt, nachdem zwei Züchterfamilien lange um diese Anerkennung gekämpft hatten. Die heutigen Border Terrier stammen alle von drei Hunden ab, die in den 20er Jahren auf die Welt kamen und deren Nachkommen eifrig Championtitel einheimsten.

In den letzten Jahrzehnten gewann der Border Terrier auch als Familienhund an Beliebtheit. Seine handliche Größe, sein besonderer Charme und sein Leistungswille sprechen nicht nur den Jäger an. Border Terrier eignen sich (sofern gesund) z.B. für Agility und andere Hundesportarten und sind auch bei Wettbewerben erfolgreich. Auch in der Therapiehundearbeit oder als Behindertenbegleithunde findet man Border Terrier.
In der einschlägigen Literatur über Border Terrier wird zugegeben, daß es bei dieser Rasse - wie bei anderen Rassen auch - inzwischen zu einigen gesundheitlichen Problemen kommen kann: Hüftgelenksdysplasie, Progressive Retina Atrophie, Herzerkrankungen. Eine fatale Erbkrankheit wird meistens verschwiegen: das Canine epileptoid cramping syndrome (CECS) - eine Erkrankung unbekannter Ursache, die sich in Krampfanfällen äußert.

Der erste Border Terrier, bei dem Krampfanfälle auftraten, die sich offensichtlich von der üblichen Epilepsie bei Hunden unterschieden, kann in die 70er Jahre zurückverfolgt werden. Als Krankheit wahrgenommen wurden diese Anfälle aber erst Anfang der 90er Jahre, als sie vermehrt auftraten. In Deutschland schlug die Züchterin und Tierärztin Diana Tillner (heute Plange) Alarm, nachdem ihr mehrere Welpenkäufer von diesen Krampfanfällen berichtet hatten. Bald erhielt sie auch Kontakte ins Ausland, wo ebenfalls Border Terrier an diesen Anfällen litten.

Auch wenn nicht klar war (und es bis heute nicht ist), was die Ursache für diese Erkrankung ist, erkannten Fachleute recht schnell, daß es sich um eine erbliche Krankheit handeln könnte. Trotz ihrer entsprechenden Hinweise wurde CECS (damals noch Spike's disease genannt nach einem holländischen Border Terrier, der diese Krampfanfälle hatte) bei vielen Züchtern nicht ernstgenommen. Während zu Beginn diese Krampfanfälle sich noch auf wenige Linien beschränkten, treten sie heute praktisch in allen Linien weltweit auf. Da man CECS nicht als erblich anerkannte, konnte sich die Erkrankung durch die Zucht gut weiterverbreiten, zumal der Genpool der Border Terrier recht klein ist und einige Deckrüden übermäßig oft eingesetzt werden. Auch ist Linienzucht normal bei dieser Rasse.

Heute ist wissenschaftlich aufgezeigt worden, daß es sich bei CECS um eine Erbkrankheit mit rezessivem Erbgang handelt. Im Augenblick sind Forschungsteams in den USA und Finnland dabei, nach der genetischen Ursache zu suchen. Dennoch wird das Vorhandensein dieser Erkrankung weiterhin heruntergespielt. Die Besitzer der Elterntiere erkrankter Hunde werden zwar informiert, aber es gibt keine Bestimmungen, die das weitere Züchten mit ihnen verbieten. Einige Züchter, die diese Erkrankung ernstgenommen haben, haben ihre Zuchten aufgegeben. Ohne Gentest und ohne Offenheit unter Züchterkollegen ist es auch schwierig geworden, Border Terrier zu züchten, die diese Erkrankung nicht in ihren Genen tragen (auch äußerlich gesunde Hunde können ein defektes Gen in sich haben und dies weitervererben).

Das größte Leid machen die kranken Hunde und ihre Besitzer durch. Ich erspare mir an dieser Stelle eine Beschreibung, wie sich die Krampfanfälle äußern, und verweise auf entsprechende Videos im Internet: http://www.youtube.com/results?search_query=border+terrier+cecs&search_type=&aq=f

Die Krampfanfälle treten im Alter von 2 bis 5 Jahren das erste Mal auf und treffen die Besitzer meistens unvorbereitet, da üblicherweise weder Züchter noch Literatur auf das Vorhandensein von CECS bei Border Terriern eingehen. Auch für mich kam der erste Krampfanfall meines Borderrüden im Alter von 2,5 Jahren völlig überraschend. Ich dachte an eine Vergiftung und hatte Angst, mein Hund würde mir unter den Händen wegsterben. Zum Glück öffnete der nächstgelegene Tierarzt trotz seiner Mittagspause und beruhigte mich, daß mein Hund sich nicht vergiftet hatte. Es brauchte dann aber Recherchen im Internet und die lange Fahrt zu einer Kleintierklinik, in der man bereits Border Terrier mit dieser Erkrankung behandelt hatte, ehe klar war, daß mein Hund an einer Erbkrankheit leidet.

Die bereits erwähnte Tierärztin Diana Plange hat schon vor ein paar Jahren eine umfangreiche Webseite zu Border Terriern und ihren Krampfanfällen erstellt, die sich unter www.borderterrier.de aufrufen läßt. Da diese Webseite inzwischen nicht mehr aktualisiert wird, man als Frauchen oder Herrchen eines kranken Borders jedoch auf dem Laufenden sein möchte, habe ich einen Blog dazu ins Internet gestellt: www.borderterrier.tk.

Auf diesen beiden Webseiten findet man viele weitere Informationen rund um Border Terrier und Krampfanfälle.

J. H. Frank mit Border Terrier "Beyer's Ragn-Jaro" (seit Herbst 2008 erkrankt, einen seiner Krampfanfälle kann man hier betrachten: http://www.youtube.com/watch?v=OdCru2HeL70)

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Zum Monatswechsel jährt sich zum ersten Mal die Veröffentlichung des DORTMUNDER APPELL für eine Wende in der Hundezucht. Dazu mehr beim nächsten Mal.

Literaturhinweis - die Dokumentation zum Dortmunder Appell:

Dienstag, 15. Juni 2010

Warum noch Rassehund?

Immer wieder höre ich die Meinung, "ein Rassehund, was soll das?" Rassehunde seien eh überzüchtet und es gäbe doch genug Hunde im Tierheim. Neuerdings wird diese Argumentation von manchen "Tierschützern" ausgeweitet unter Hinweis auf die tatsächlichen und vermeindlichen Nothunde auf Mallorca oder Ibiza, die man im großen Stil nach Deutschland exportiert und hier vermarktet. Natürlich geben solche Argumente zu denken.

Über den Dortmunder Appell habe ich inzwischen von mehr als 80 Hunderassen Berichte erhalten, die Erscheinungen von Qualzucht dokumentieren. Meist sind es die auf den ersten Blick nicht ersichtlichen Wirkungen einer am Profit und nicht am Wohl der Hunde orientierten Zucht: Erbkrankheiten, wo man hinschaut, Herz, Auge, Nieren, Immunschwächen, Epilepsie... - alles keine Seltenheit bei Rassehunden. Und nicht nur das.

"Es gibt genug Hunde in Tierheimen"

Sicher gibt es viel Hundeelend auf der Welt. Wobei die von vermeindlichen Hundefreunden angeführten Straßenhunde oft genug nicht hierzu zu zählen sind. In vielen Regionen der Welt haben Straßenhunde ein besseres Leben als Rassehunde hier in den Ballungsgebieten Deutschlands. Sie können artgerecht streunern, sich ihre sozialen und sexuellen Partner eigenbestimmt aussuchen und müssen weder Leine noch Maulkorb ertragen. Natürlich haben sie Hunger.
Straßenhund in Spanien (Foto: Sylvia Bosse)

Aber haben es ihre satten Verwandten bei uns alleine deswegen besser? Und weil immer noch Hunde in Tierheimen auf ein neues Herrchen oder Frauchen warten - soll man auf den Kauf eines Welpen beim Züchter verzichten? Mit dieser Argumentation dürfte man auch keine eigenen Kinder in die Welt setzen, denn es gibt auch (mehr als) genug Kinderelend auf der Erde.

Das Übel an der Wurzel packen

Man sollte besser das Übel an der Wurzel packen, als nur an den Symptomen herum zu kurieren - auch wenn jeder einzelne Hund im Tierheim der Fürsorge bedarf. Mindeststandards für die Zucht und Haltung von Hunden einzuführen und insbesondere den Handel mit Hunden verbieten, wäre die beste Vorsorge vor Hundeelend. Auch sollte jeder Züchter bzw. Zuchtverein verpflichtet sein, sich um die verkauften Welpen im Notfall zu kümmern, eine Hundeleben lang. Seriöse Züchter machen das eh selbstverständlich.

armer Hund in Deutschland (Belgischer Zwerggriffon)

Hunderassen schreiben Geschichte

Wenn heute Rassehunde krank sind und wie Kleidung und Mode nach Farben und Felleigenschaften gezüchtet und vermarktet werden, so muss deswegen Rassehund als solches nicht schlecht sein. Die allermeisten Hunderassen gehen letztlich auf eine uralte gemeinsame Geschichte von Mensch und Hund zurück. Hunderassen sind aus den Anforderungen an die Zusammenarbeit mit dem Menschen entstanden. Jede einzelne Hunderasse wurde durch spezielle Anforderungen an die Arbeit, die sie im Dienste der Menschen verrichten mussten, geformt und geprägt. Insofern ist jede Hunderasse auch ein Zeugnis der Geschichte und ein Kulturgut.

Hirtenhunde entstanden aus der Notwendigkeit, die Ziegenherden zu kontrollieren und die Herdenschutzhunde wiederum entstanden hieraus als selbständige Beschützer vor Bären, Wölfen und feindlichen Menschen. Es gibt sogar handfeste Hinweise, dass der Mensch diesen epochalen Fortschritt der Viehhaltung nur durch die Mithilfe des Hundes geschafft hat.

Hunderassen als Kulturgut

Als das Eigentum an Haus und Hof entstand, brauchte man Wächter zum Schutz vor Neidern. Auch diese Arbeit machte der Hund. Diese Hunde brauchten wieder ganz andere Fähigkeiten als ein Hirtenhund. Sie mussten melden, Fremden Angst einflößen und eventuell auch mal einer Ratte nachsetzen. Auf keinen Fall konnte man hier einen Hund gebrauchen, der hinter jedem vorbeilaufenden Kaninchen herjagde und seinen Wachposten verließ. Bei der Jagd aber brauchte man exakt diese Eigenschaft und hier zudem die unterschiedlichsten Spezialisten. Ohne Hunde, die anzeigen, Schweißarbeit leisten, hetzen, apportieren, nachsuchen wäre die Jagd um ein vielfaches weniger einträglich gewesen.

Rassehunde sind berechenbar

Wenn man heute einen Rasse-Welpen kauft, so erhält man ein Paket, das sehr berechenbar ist. Und zwar berechenbar nach Erscheinung, Wesen und auch den Anforderungen an sein künftiges, artgerechtes Leben. Will ich als Jäger einen Hund haben, der mir eine geschossene Ente aus dem Wasser apportiert, so liege ich beim Labrador richtig. Für ihn ist Apportieren Lebensinhalt geworden und ohne solche Tätigkeiten kann er nicht mehr artgerecht leben. Ein Greyhound wäre hier fehl am Platze. Er hat wieder ganz andere Fähigkeiten aber auch Bedürfnisse. Und wenn ich in einer Etagenwohnung lebe und nicht jeden Tag und bei jedem Wetter Zeit und/oder Lust habe, zwei bis drei Stunden mit dem Hund zu arbeiten, sollte ich keinen Border Collie oder anderen ehemaligen Hütehund zu mir nehmen. Wer es etwas gemächlicher liebt und keinen sportlichen Ehrgeiz hat, ist wiederum mit einem Mops oder einem Bulldog als Begleiter bestens bedient.

Rasseeigenschaften als Tierschutz

In den kleinen Welpen stecken alle diese unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Eigenschaften bereits drin. Ich kann den wirklich passenden Hund zu mir holen. Auch das ist ein wesentliches Element von Tierschutz. Es schafft die Voraussetzung, dass der Hund artgerecht mit uns leben kann.

Ein Mischling ist dagegen eine Wundertüte, bei der man nie so recht weiß was drin ist. Und vielleicht habe ich gerade das Pech, dass der Hund Eigenschaften hat, die nicht zu den eigenen passen. Oft genug ist das Tierheim die nächste Station. Natürlich kann ich auch Glück haben und den Hund finden, der ideal zu mir passt. Mischlinge sind zudem aufgrund der nicht oder nur selten auftretenden Inzucht im Durchschnitt gesünder und um 1,5 Jahre langlebiger als ihre oft "linien-" oder anderweitig ingezüchteten Rasse-Verwandten. Aber dieser Vorteil ist kein Argument gegen den Rassehund, vielmehr nur eines gegen die heutige Praxis der Hundezucht.

Ich selbst erfreue mich immer wieder an den unterschiedlichen Eigenschaften und Fähigkeiten der Hunde. Und wenn ich wieder einmal die Harzer Füchse beim Wetthüten der Schäfer beobachten kann, so geht mir das Herz auf angesichts der imposanten Leistungen dieser Hunde. Ich weiß dann aber ganz genau, dass sich ein solcher Hund nicht als "mein Hund" eignen würde, schon alleine weil ich ihm keine adäquate Beschäftigung bieten kann - und auch nicht wollte. Da halte ich es für mich persönlich dann lieber mit dem Vertreter einer gemütlichen Rasse...