In der heutigen Print-Ausgabe der Mitteldeutschen Zeitung erfährt man ein wenig von den Hintergründen. Der Rottweiler und der ebenso auf dem Grundstück laufende Boxer gehörten der 21-jährigen Mutter des 3-jährigen Kindes. Alle drei wurden regelmäßig bei der 76-jährigen Ur-Großmutter geparkt. Das Grundstück mit dem kleinen Haus soll in einem verwahrlosten Zustand sein. Nachbarn hatten sich bereits über den Rottweiler offiziell beschwehrt, da der Rüde mit fletschenden Zähnen auf dem Hof gestanden und Passanten bedroht habe. Die zuständigen Behörden hätten nichts unternommen. Die Mitteldeutsche Zeitung schreibt: "Um die Tiere hat sich niemand gekümmert, sagt ein Mann. Auslauf hätten sie jedenfalls nie erhalten, obwohl der nahe Wald nur ein paar Schritte entfernt ist, oft waren die Hunde von früh bis spät allein." Eine weitere Kommentierung dieser Umstände ist kaum notwendig.
Ich habe nun über bald 20 Jahre hinweg jeden Beißvorfall, der durch die Presse ging - soweit möglich - recherchiert. In der ganz überwiegenden Zahl der Fälle war das Umfeld der Hunde als "sozial schwierig" bis hin zu kriminell zu kennzeichnen. In "Schwarzbuch Hund" wird hiervon ausführlich berichtet. (* mehr Details siehe unten)
Und in diesem Kontext sollte man auch ein Auge auf die Herkunft der Hunde selbst werfen.
Immer wieder liest man im Zusammenhang mit Beißvorfällen vom Rottweiler. Über Jahrhunderte hatte sich der "Rottweiler Metzgerhund", wie er früher genannt wurde, aber als familienfreundlicher, menschenzugewandter Hund bewährt. In Brehms Tierleben von 1915 heißt es: "Die Tiere machen einen ruhigen, vielleicht etwas phlegmatischen Eindruck. Sie sollen sehr gutmütig sein, aber auch, wenn es nötig ist , außerordentlichen Mut zeigen." Das ist ein Wesen, wie es für Hunde vom Typ der Molosser geradezu typisch ist bzw. war. Gerade weil diese Hunde so kräftig, mutig und kampfstark waren, hatte man über tausende Jahre hinweg auf gleichfalls ausgeprägte Kontrollierbarkeit, Menschenfreundlichkeit, Gutmütigkeit höchsten Wert gelegt.
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| Rottweiler von 1904 (Richard Strebel) - schlanker, freundlicher |
Auf www.deine-tierwelt.de finden sich aktuell nicht weniger als 230 Rotti-Verkaufsanzeigen, darunter ist mindestens jede zweite als problematisch anzusehen, nicht wenige geben sich offen als Hundehändler zu erkennen. Es ist eine Folge der völligen Unregulierung der Hundezucht, dass eben auch so kräftige Hunde wie Rottweiler aus zwielichtigen Quellen kommen können, um dann als lebendige Zeitbombe unter uns zu leben. Ein immer wieder von Politikern diskutiertes Rasseverbot bestraft nur die seriösen Züchter und die Hunde selbst für die Vergehen einer ganz konkreten Gruppe. Letztere wird dann nur zur nächsten Rasse wechseln. Es wäre die Aufgabe der Politik, Mindeststandards für die Zucht festzulegen und Vermehrern wie Hundehändlern das Geschäft zu verderben. Hiervon würde auch die Gesundheit der Hunde und letztlich die Tierheime profitieren.
Übrigens: der Boxer blieb während der ganzen Beißorgie des Rottweilers friedlich und beteiligte sich hieran in keinster Weise, wie es im Pressebericht heißt.
* Die Mitteldeutsche Zeitung berichtet in ihrer Printausgabe vom 14.09.2010:
- Grundstück war so vermüllt, dass die Frau von den Behörden die Auflage erhielt, es zu säubern (deshalb auch der Container auf den Bildern)
- Mutter des Kindes seit Jahren in sozialpädagogischer Betreuung
- Vater wegen verschiedener Vergehen in Haft
- Rottweiler war schon einmal entwichen und hatte auf offener Straße Nachbarn bedroht, was diese auch zur Anzeige brachten. Die Behörden haben aber nichts unternommen.
Nachtrag vom 24.09., MZ Printausgabe: "Das Tier war damals aus dem Grundstück der Halterin - der Urgroßmutter des später getöteten Kindes - ausgebrochen und hatte eine Nachbarin bedroht. Polizisten fingen den Hund ein und brachten ihn der Halterin zurück. Anschließend benachrichtigen die Beamten das Ordnungsamt der Verwaltungsgemeinschaft über die Aggressivität des Rottweilers, die nicht artgerechte Haltung und die augenscheinliche Überforderung der Halterin des Hundes."
Die örtlichen Behörden waschen ob ihrer Untätigkeit weiter ihre Hände in Unschuld.
Und: Würde ein einigermaßen seriöser Züchter einen Rottweiler-Welpen in solche Hände geben?


3 Kommentare:
Super Beitrag.
Schade, dass die breite Öffentlichkeit wenig Neigung zeigt, eine so differenzierte und die wahren Ursachen aufzeigende Perspektive zu solchen mit übler Regelmäßigkeit in den Medien auftauchenden Meldungen einzunehmen. Danke petwatch dafür!
In der Doggen-Szene haben wir derzeit einen parallelen Fall, bei dem zwar schon ein Kleinkind krankenhausreif gebissen wurde, diese Vorfall aber außer der Euthanasie des gebissen habenden Doggenrüden keine Konsequenzen nach sich zieht. Über diesen wahrhaft skandalösen Fall habe ich in meinem Artikel "Aua 6: Kindswohl? Doggenwohl? Weder noch?" auf www.doggennetz.de, Rubrik "aktuell & kritisch" ausführlich berichtet. Die in diese Familie vermittelt habende Tierschutzorga brüstet sich nachgerade damit, sich auf solchen Bedenken, wie in Aua 6 artikuliert, ein Ei zu backen!
Schon der bisherige Schaden ist beträchtlich: 1 Kleinkind schwerstverletzt; 1 Doggenrüde tot. Keine Anzeichen von Einsicht in die eigene Verantwortung bei der Tierhalterin. Die "neue" Doggenhündin wird von der Tierhalterin in diversen Foren auch schon wieder als "Problemhund" beschrieben.
Und nichts passiert! Bis etwas passiert? Kann es nicht wenigstens ein Mal einen Fall geben, wo man VORHER etwas unternimmt?
Karin Burger
www.doggennetz.de
Hervorragend geschrieben.
Wir werden Deinen Artikel mit in die nächste Report Ausgabe nehmen. Dort werden wir ebenfalls Stellung zu den Vorfällen nehmen.
Heike Beuse
Absolut-Hund GbR
www.absolut-hund.de
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