Donnerstag, 30. Dezember 2010

Bully Paula oder Hund sein in Schilda

Ein kleiner Rückblick auf eines der Hundethemen von 2010. 
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern meines Blogs ein gutes Jahr 2011!

Einst versuchten die Schildbürger, mit Eimern das Sonnenlicht einzufangen, um damit einen dunklen, fensterlosen Raum zu erhellen. Nicht minder einfältig sind unsere Staatsdiener beim Thema Hund, hier und heute. Wir haben von Michael Künzel aus Mönchengladbach gelesen, dessen 14 Jahre alte Dackeldame Dalia unbedingt an die Leine musste. Dalia war keineswegs bissig oder anderweitig auch nur im Entferntesten gefährlich. Mit Lähmungserscheinungen an ihren Hinterläufen war Dalia froh, überhaupt ein paar Meter an der Seite von Herrchen laufen zu können. Die Behörden blieben stur und Michael Künzel wird bis heute traktiert wie so mancher Verbrecher nicht. Trotzdem wurde Mönchengladbach von Heimtier-Discounter Fressnapf zur hundefreundlichen Stadt erklärt - so geschehen in Deutschland im Dezember 2010.

Währenddessen hat man in Weitnau, im schönen Allgäu, eine ganz neue Kampfhunderasse entdeckt: die Französische Bulldogge. Frauchen Sophie staunte nicht schlecht, als ihre Bully-Dame Paula diesen behördlichen Stempel erhielt. Einsprüche wurden abgelehnt, man habe ja extra im Internet recherchiert, Paula sei ein Kampfhund. Für die kynologische Welt eine Sensation, nur die Stelle im Internet bleibt ihr bis heute behördlich verschlossen. Erst als Sophie die amtliche Bescheinigung eines Tierarztes vorlegt, die Paula von jedem Kampfhundeverdacht freispricht, lenkte die Behörde in Weitnau ein. So geschehen in Deutschland im Herbst 2010.
Kampfhund Paula
Wie auch die Stadt Zwickau, die bis vor kurzen die englischen Brüder von Paula, den Bulldog, als gefährliche Hunderasse in ihrer Hundesatzung führte. Der Autor schrieb an die Stadt und klärte ein wenig über den Bulldog auf, auch, dass kaum je überhaupt ein Beissvorfall in einer amtlichen Statistik aufgetaucht sei. Am 28.10.2010 streicht der Stadtrat von Zwickau den Bulldog aus dieser eh schon zweifelhaften Rasseliste. Also es gibt noch ein klein wenig Hoffnung auf noch vorhandene Rudimente von Hundeverstand bei Politikern.

Bulldog Berta
Doch nicht zuviel gehofft. Den genau anderen Weg geht just zur selben Zeit das Land Thüringen. Innenminister Prof.Huber, im November 2010 zum Richter am Bundesverfassungsgericht aufgestiegen, legt einen Gesetzesentwurf vor, der pauschal sämtliche Hunde schwerer 20 KG oder größer 40 cm - ohne irgendeine Prüfung oder irgendeinen anderen Nachweis - zu "gefährlichen Tieren" erklärt - von Amtes wegen. Da ist der Bulldog also wieder auf der Liste, während er in Zwickau gerade aus selbiger gestrichen und bis dato nirgends sonst das Opfer solcher Schildbürgerstreiche wurde.

Derweil bleiben - von Flensburg bis Passau - die eigentlichen Verursacher der Anlässe unserer Politiker für Schildbürgerstreiche auf Kosten der Hunde völlig unbehelligt. Im schlimmsten Falle wurden verantwortungslose Halter beißender Hunde zu Bewährungsstrafen verurteilt - in der Regel nicht deren erste; während zugleich deren erste Opfer, die Hunde, längst euthanasiert wurden. In Halle an der Saale lässt man derweil amtlich bekannte Halter so genannter Kampfhunde, die sich rechtswidrig mit ihren Hunden verhalten, sogar ganz bewusst in Ruhe *. Gerade wenn diese ihre gesetzliche Pflicht zur Vorstellung ihrer Hunde zur Wesensprüfung ignorieren. Diese Halter würden eh nicht auf amtliche Aufforderungen reagieren und schließlich habe man nicht genug Tierheimplätze für 65 zumal gefährliche Hunde, erklärt der Innendezernet, daher müsse man diese Halter gewähren lassen. Während dessen hat die Stadt Halle für 2011 gleich mal wieder die Hundesteuer erhöht von 90,- auf 100,- Euro für den ersten. Und Leute wie Michael Künzel mit seiner Dalia werden auch in Halle an der Saale gnadenlos zur Kasse gebeten. Ein leinenloser Mops kommt da locker auf 150 Euro - der guten Ordnung halber und ohne die Halter auch nur einmal gewähren zu lassen.

* Nachtrag 9.1.2011: Am 8.1. erklärt nun Innendezernent Bernd Wiegand endlich, dass er gegen ignorante Halter "gefährlicher Hunde" entsprechend geltendem Recht vorgehen wolle. Straftätern und "Männern, die u.a. wegen Drogendelikten aufgefallen sind" und trotz mehrfacher Aufforderung zu einem Wesenstest, diesen nicht nachgekommen sind, soll der "Pitbull" weggenommen werden.

Dienstag, 21. Dezember 2010

Die Französische Bulldogge im Focus

Ein Beitrag von Gudrun Schäfer und Claudia Fuhrmann, Vorsitzende des "Französische und Englische Bulldoggen e.V."

Der Bully wird als kleiner, lebhafter, sportlicher, niemals aggressiver Begleithund beschrieben, ein freundlicher, anspruchsloser Hund für Jedermann. Sorgfältig auf Gesundheit, ohne Übertreibung des Rassestandards gezüchtet, ist er ein robuster, langlebiger und vitaler Mini-Molosser.
Die Bulldogge kann trotz seiner gedrungenen Größe enorme Ausdauer und Leistung bringen, dies aber nur, wenn sein Körper kompromisslos auf Gesundheit gezüchtet wurde. Er verfügt über einen ausgesprochenen Willen, Mut und Konsequenz. Unsere French Bulldogs sind zähe kleine Kämpfer mit sonnigem Gemüt. Damit diese wunderbaren Eigenschaften gesund harmonieren, bedarf es einiger züchterischer Sachkenntnis.
Da dieser bullige, aus den leichten Englischen Bulldoggen gezogene Hund seine speziellen körperlichen Merkmale aufweist, müssen Züchter und Liebhaber dieser Rasse auf einige Besonderheiten achten, Abweichungen erkennen und der Rasse zuliebe objektiv beurteilen und dann gewissenhaft entscheiden, ob der jeweilige Hund die Rasse erhält und verbessert oder nur vermehrt. Leider ist seit der Modewerdung hier einiges schief gelaufen. Immer mehr Züchter drängen auf den Markt, um die Welpennachfrage zu decken. Nicht immer zum Wohle und Fortbestand der Rassen, denn einige Züchter, Hobbyzüchter und Vermehrer haben die hohe Nachfrage für sich genutzt und wurden vielleicht sogar unabsichtlich  nachlässig, was die Gesundheit angeht.
 Genau hier müssen seriöse Vereine und willige Züchter ansetzen, um das ewige Vorurteil der Qualzucht nachhaltig zu entkräften. Dies gelingt nur mit ehrlicher und offener Zusammenarbeit. Viele Defekte, wie auch bei anderen Rassen, schlummern unerkannt im Hintergrund. Dank der fortschrittlichen Forschung gibt es aber in Zukunft unzählige Möglichkeiten, diese zu erkennen und weitgehendst zu vermeiden, auszudünnen oder bestenfalls, erst gar nicht in die Rasse hineinzubringen.
Unsere Bullys sind Spätentwickler. Daher darf man keinesfalls das, je nach Verein festgelegte Zuchtalter von 12-15 Monaten, als das optimale Einstiegsalter für die Zucht sehen. Es ist wichtig, gerade vielversprechende Nachwuchsrüden so weit ausreifen zu lassen, dass das Risiko etwaiger später vorkommender Atemprobleme so gering wie möglich zu halten ist.
Wichtig ist neben der körperlichen Gesundheit unserer Bulldogs auch ein angemessenes Temperament.

Gesundheit heißt für den Bully, außer dem Aussehen, ein funktionierendes Atemorgan, angefangen bei der Nasenöffnung bis hin zur Luft- und Speiseröhre. Es reicht nicht, nur auf lange Nasen zu achten, die dahinter liegenden Organe sind ungleich wichtiger. Nähere Erklärungen zu diesem komplexen Gesamtorgan finden sie hier. http://www.gesunde-bulldoggen.de/haeufige-probleme/brachyzephalie/66-lange-nase-die-loesung-aller-probleme.html
Gesundheit heißt für den Bully auch eine funktionierende Wirbelsäule, http://www.gesunde-bulldoggen.de/haeufige-probleme/keilwirbel/54-keilwirbel-hemivertebrae.html die durch den immer kürzeren Rücken und der teilweise nur noch ahnenden Rute, http://www.gesunde-bulldoggen.de/haeufige-probleme/ruten.html nicht immer selbstverständlich ist.

Gesundheit fängt bei dem Bulldog, egal ob Engländer oder Franzose, bei der sorgfältigen Auswahl der Deckpartner an. Gesunde Zucht beginnt mit der möglichst natürlichen Zeugung und der komplikationsfreien Spontangeburt. Die Voraussetzungen hierfür haben wir hier zusammengefasst.  http://www.gesunde-bulldoggen.de/haeufige-probleme/kaiserschnitt.html

Wenn in der Nachzucht, trotz sorgfältiger Zuchtauswahl Erbkrankheiten auftreten, so ist es das erste und wichtigste Gebot, diese als Chance zu nutzen, um zu forschen und aufzuklären, um diese Fehler zukünftig zu vermeiden. Nur durch offenen Umgang mit  Problemen in jeder Rasse, können wir diese verbessern, erhalten und somit vermeiden, dass sich Defekte festsetzen.
Es ist heute an der Zeit zu reagieren, vielleicht auch strenger zu selektieren, um eine gewisse Sicherheit wieder in die Rassen zu bringen. Die Wende in der Hundezucht ist eingeleitet, es bedarf nur ein klein wenig Disziplin, um diese auch sinnvoll durchzusetzen. Was wir allerdings nicht oder wenig beeinflussen können, sind die unzähligen Import- oder Händlerhunde, die aufgrund der hohen Nachfrage in Liebhaber- aber auch in Züchterhände gelangen. Wir verzeichnen  kleine, aber auch nachhaltige Erfolge und wir sind stetig bereit für offenen Austausch mit anderen Züchtern, Vereinen, aber auch Betroffenen, die Fragen und Probleme mit weniger gesunden Bullys haben.
Das  wichtigste Ziel unseres Vereins ist, die Bullys durch wohlüberlegte Verpaarungen und strenge Zuchtauflagen auf einen gesunden Weg zu bringen. http://www.franzoesische-und-englische-bulldoggen-ev.de/zuchtziel
Und das ist einfacher als man auf den ersten Blick annimmt. Hier kann auch die Forschung helfen, und wahre Züchter werden diese nutzen wollen.

Mit Hilfe der modernen Wissenschaft kann die Welt für unsere Bullys und auch andere Rassen besser und gesünder werden. Daher nehmen wir an verschiedenen Forschungsprojekten teil.

Als kleiner Verein haben wir die Einführung eines DNA Tests für die Zuchthunde unseres  Vereins beschlossen, der nach einer Übergangsfrist von zwei Jahren, in denen die Züchter ihre Hunde freiwillig testen lassen können, zur Pflicht wird. Und wir möchten möglichst viele Blutproben archivieren lassen, um zukünftige Forschungsprojekte unterstützen zu können.

Wenn Sie uns bei unserer Arbeit helfen möchten, wenden sie sich bitte an uns. Sie können auch teilnehmen ohne Vereinsmitglied zu sein und wir freuen uns über jede Unterstützung.
Jeder krank gezüchtete Hund ist einer zuviel, daran muss sich schnell und nachhaltig etwas ändern. Es wird funktionieren, denn mit ein bisschen Willen wird der Bully wieder sein, was er eigentlich immer war. Ein robuster und vitaler Hund. Das zeigen uns viele rüstige Bullysenioren mit 12 Jahren und mehr.

Gudrun Schäfer & Claudia Fuhrmann
www.franzoesische-und-englische-bulldogge-ev.de
www.gesunde-bulldoggen.de


Anmerkung CJ:
In meiner Jugendzeit begleitete ich eine Zeit lang Madame. Eine liebe, intelligente, vitale Bully-Madame, die ich sehr geliebt habe. Sie wurde gesunde 14 Jahre alt, um dann aus der Narkose wegen einer angeblich notwendigen Zahn-OP nicht mehr aufzuwachen. Ein gesunder Bully ist ein absolut passender, hervorragender Begleiter auch in unserer hektischen, teils hundefeindlichen Zeit.

Samstag, 18. Dezember 2010

Ende des Rassehundes?

Am 11.12.2010 zeigte das niederländische TV "Einde van de rashond", eine Dokumentation ähnlich Pedigree Dogs Exposed. Endlich wurde auch in den Niederlanden offen über die Realität der Hundezucht berichtet. 
Der niederländische Kennel Club "Raad van Beheer" hat bereits angekündigt, sich für eine Wende in der Hundezucht einzusetzen.

Man kann nur hoffen, dass auch in der deutschen Medienwelt endlich die wahren Verhältnisse zur Kenntnis genommen werden und der Tierschutz für Hunde nicht lediglich nach Ungarn oder Spanien "exportiert" wird - während zugleich bei HundKatzeMaus &Co die heile Hundewelt für Deutschland suggeriert wird, wo lediglich Martin Rütter hie und da ein paar Erziehungsprobleme lösen müsse.

Ungeachtet der tierschutzrelevanten Realität bei vielen, ja den meisten Hunderassen in Deutschland, erlaubt der deutsche Kennel Club VDH in seiner neuen Zuchtstrategie ab 2011 nun ausdrücklich, auch mit erbkranken Hunden zu züchten und zwar, ohne dass erst ein praxiswirksames Programm zur Ausmerzung derselben Erbkrankheit in der Population verbindliche Voraussetzung dafür wäre. Wir werden hierauf noch zu sprechen kommen.

Wir brauchen eine grundlegende Wende in der Hundezucht zum Wohle und für die Gesundheit unserer Hunde.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Leinenzwang aus Prinzip

Interview mit Michael Künzel aus Mönchengladbach, dessen alte Dackeldame Dalia unbedingt an die Leine musste.

Herr Künzel, können Sie uns kurz schildern, welchen Strauß Sie und ihre Dackeldame mit den Behörden von MG auszufechten hatten?

Michael Künzel: 24.04.2006: Erste Anzeige - Dackel (11) ging sehr langsam unmittelbar neben mir Fuß (40 cm Abstand). Verwarnung 35 Euro bezahlt. Ordnungsamt-Mitarbeiter alleine und in Zivil. Hund wurde sofort von mir auf den Arm genommen.

19.09.2008: Es geht weiter: Ich stehe mit meiner Hündin (13) auf der Wiese in Hugo-Junkers-Park an der Brucknerallee. Eine Nachbarin gewährt ihren beiden Hunden Freilauf (Windhund und Mischling mittelgroß). Zwei Mitarbeiter des mittlerweile eingerichteten "KOS"  (Kommunale Ordnungs- und Servicedienst) gehen auf uns zu. 35 Euro für jeden - bezahlt.

04.11.2008: Dalia zeigt plötzlich erhebliche Lähmungserscheinungen der Hinterläufe. Konservative Behandlung mit Metacam und Prednisolon zeigt Erfolg. Leichte Schwäche bleibt.

15.05.2009: 21:20 Uhr: Dalia liegt regungslos unter einer Parkbank, auf der ich mich niedergelassen habe. Menschenleere. Zwei Mitarbeiter des KOS fahren mit Pkw durch die Anlage und stoppen mit eingeschalteten Scheinwerfern vor mir. Aufforderung den ruhig liegenden Hund anzuleinen. Platzverweis wegen Nähe zum Spielplatz (Richter stellt später fest, Aufenthalt mit Hund ist dort rechtmäßig). Bußgeldverfahren wird eingeleitet, Bußgeld 35 Euro zuzüglich 23,48 Euro Gebühren. Ich lege Einspruch ein.
Michael mit seiner Dalia

Sommer 2009: Dalia zeigt erste Anzeichen einer chronischen Niereninsuffizienz (Polyurie/Polydipsie).

26.10.2009: Gerichtverhandlung AG Mönchengladbach  - Der Richter bestätigt die Richtigkeit des Bußgeldes. Einlegung der Rechtsbeschwerde durch die Anwältin.

10.02.2010: Das Oberlandesgericht Düsseldorf befindet die Rechtsbeschwerde als begründet, stellt das Fehlen von Urteilsgründen fest (formaler Fehler). Rückverweisung an das Amtsgericht.

17.05.2010: Verhandlung nach Rechtsbeschwerde - das Bußgeld wird erneut bestätigt.

24.06.2010: Rechnung über die Gerichtskosten einschließlich Bußgeld: 86,16 Euro - Ratenzahlungsvereinbarung über 8 Raten zu je 10,77 Euro wurde bewilligt.

0.12.2010, 09:20 Uhr: Kurz vor Weihnachten wird das Amtsgericht in Mönchengladbach vier verbliebene Einsprüche zurückweisen, und die Bußgelder nochmals deutlich erhöhen.

Zwischenzeitlich: Mein Hund (15) mag altersbedingt  nur noch in ihren o.g. Park, wo sie die meiste Zeit sitzend verweilt.

Anzeigenflut beginnt: 27.03.2010 / 03.05.2010 / 28.05.2010 durch den KOS - Bußgeldbescheide über je 35 Euro zuzüglich Gebühren folgen.

Jetzt steigt auch noch ein Bezirksdienstbeamter der Polizei ein - sein Steckenpferd, denn andere Polizisten haben sich nie für uns interessiert. Anzeigen werden ans Ordnungsamt weitergeleitet. Besonderheit: Bei der ersten seiner Anzeigen droht er, den Hund mit der Feuerwehr abtransportieren zu lassen. Aufnahme der Personalien. Weitere Anzeigen folgen später aus größerer Distanz (aus dem Fahrzeug heraus, ohne mich anzusprechen).

Daten: 04.05.2010 / 14.05.2010 / 08.06.2010 / 11.06.2010 / 06.07.2010.

05.08.2010: Ich lege zeitgleich Einspruch gegen alle Bußgeldbescheide ein (außer den wg. Verstoß vom 06.07.2010, da der Bußgeldbescheid erst Anfang November zugestellt wird).

Anfang Oktober 2010: Erneute Lähmungen bei Dalia. Tierarzt stellt ein Attest aus, daß seit 2008 eine schwere Errkrankung der Wirbelsäule vorliegt. Vom Anleinen rät er ab, zumal starke Schmerzen auftreten können.

18.10.2010: Verhandlung beim Amtsgericht - ich alleine ohne Anwalt.  4 Zeugen vom Ordnungsamt (sagen wahrheitsgemäß aus), Zeuge Polizist (belastet mich durch Falschaussage - "würde andere Hundehalter auffordern, ihre Hunde abzuleinen").
Nur 3 Einsprüche werden verhandelt, keine Ahnung warum. Attest ist irrelevant, denn der Hund könnte durch das Anleinen Schaden erleiden, muß aber nicht - so der Richter. Droht schon mit Erzwingungshaft, ich entgegne:"Ich zahle, ich zahle." Ich sage:"Ich halte mich grundsätzlich gerne an Gesetze und Vorschriften, muß aber zwangsläufig auch das Tierschutzgesetz beachten." Der Richter:"Wie, sie halten sich grundsätzlich nicht an Gesetze?"   Bußgelder setzt Richter Dr. Alberring von je 35 Euro auf 80, 90 und 100 Euro herauf. Gerichtskosten kommen noch.

12.11.2010: Einspruch gegen nach Nachzügler 06.07.2010.

15.11.2010: Dalia geht über die Regenbogenbrücke.


Warum haben Sie Dalia  nicht einfach ins Auto gepackt und sind zur nächsten Hundewiese gefahren?

Michael Künzel: Dalia war so erzogen, daß sie in der Stadt - einschließlich Straßen und Ampeln sowie Fußgängerüberwege -   verkehrssicher war und auf mein Wort stehenblieb. Sie war kein Hund, der auf einer Hundewiese im Kreis läuft oder hin- und her rennt. Sie war gewohnt, längere Spaziergänge mit mir zu machen, oft etwa 2 - 3 Stunden. Zum Thema Auto. Bei Grundsicherungsleistungen kann man sich nur schwer ein Auto erlauben. Zudem ist auch die Parkplatzsituation tagsüber sehr heikel. Das Auto könnte ich keineswegs in unmittelbarer Nähe parken.
Im letzten Jahr ihres Lebens mußte mein Hund sehr oft ausgeführt werden. Der Wasserkonsum war hoch, damit die kranken Nieren noch in der Lage waren, Harnstoff und andere Abbauprodukte aus dem Körper auszuscheiden. Ein alter und kranker Dackel mit seinen kurzen Beinchen soll und darf bei Nässe und Kälte nicht auf einer Wiese laufen müssen. Er bekäme nicht nur kalte Pfoten, sondern die gesamte Körperunterseite wäre betroffen.
Zur nächsten Hundewiese wäre ein Fußweg von 2 Kilometern zurückzulegen. Die Frage bleibt offen, inwieweit die dort anwesenden Besucher (mit oder ohne Erfahrung) ihre kleinen und großen Hunde (erzogen oder nicht erzogen) im Griff haben. Dalia hatte kein Interesse daran, mit fremden Hunden zu spielen. Was wäre gewesen, wenn ihr ein großer Hund auf ihren Rücken gesprungen wäre?

Der Leinenzwang soll doch der Vermeidung von Gefahren durch Hunde dienen. Ging von Ihrer Dalia irgendeine Gefahr aus?

Michael Künzel: In der Zeit der Anzeigenflut sicherlich nicht mehr. Ohnehin hat sie in ihrem Leben nie nach einem Kind oder Erwachsenen geschnappt oder gar gebissen. Selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, wären die Verletzungen gering geblieben. Bei einem Hund, genau wie bei Menschen auch, kann ein Anfall von Aggression  nie völlig ausgeschlossen werden. Aber Dalia war ein kleiner Hund mit einem schmalen Mäulchen. Viele Hundebesitzer großer Hunde wären im Falle des Falles, sollte das Tier einmal ausrasten, nicht in der Lage dies zu kontrollieren und in den Griff zu bekommen.


In Halle erklärte kürzlich Innendezernent Wiegand öffentlich, er könne nichts machen, wenn - namentlich bekannte - Halter sogenannter Kampfhunde ihrer gesetzlichen Verpflichtung zum Wesenstest für ihre Hunde nicht nachkommen. Gleichzeitig gehen die Beamten des Ordnungsamtes kompromisslos gegen Bürger vor, die ihren Hund, ob Mops oder Pekinese, ob alt oder gebrechlich, in den Grünanlagen einmal von der Leine lassen. Nicht selten werden saftige Bußgelder verhängt und - im Gegensatz zu o.g. - auch eingetrieben. Kennen Sie so etwas aus MG?

Michael Künzel: Für MG kann ich mir das eigentlich nicht vorstellen. Ich denke das Ordnungsamt hier würde einer solchen Angelegenheit schon nachgehen. Ansonsten hat aber der KOS bei uns seinen Sinn nicht erfüllt. Frauen haben weiterhin Angst bei Dunkelheit auf die Straße zu gehen, die Verschmutzung und Vermüllung hat keineswegs abgenommen. Mönchengladbach ist eine schmutzige und arme Stadt geworden. Leider. Rücksichtslose Radfahrer, die kreuz- und quer über die schmalsten (Geh-)Wege rasen, haben hier jedenfalls nicht zu befürchten. Fußgängern empfiehlt es sich, rechtzeitig zur Seite zu springen.


Was sollte man für die Zukunft ändern?

Michael Künzel: Wenn man meint, man bräuchte für die Haltung von Hunden in der Öffentlichkeit besondere Vorschriften, Gesetze und Überwachung, dann könnte das Beispiel Hamburg Vorbildcharakter haben. Freilauf für ausgebildete, erzogene Tiere. Befreiung für sehr alte und kranke Hunde.

Herr Künzel, vielen Dank für das Interview. Man würde sich wünschen, dass die Behörden auch bei so manchem Gewaltdelikt so konsequent vorgehen würde. Ob man Hamburg als Vorbild sehen kann, nun da habe ich meine Bedenken. Man denke nur an die Erfahrungen der Hunde-Lobby Hamburg oder das Vorgehen im Umfeld des schrecklichen Todes des kleinen Jungen im Jahr 2000, dem Startschuss für eine beispiellose Hetze gegen Hunde durch Politiker und Medien. Aber das Thema ist brennend und bedarf einer Lösung. Man sollte sich auch diesen Ansatz aus Österreich anschauen: Aktion "Mehr Platz für Hunde" 

p.s.:
Gerade kam die Pressemeldung. Die Heimtier-Fachmarktkette Fressnapf kürt die hundefreundlichsten Städte Deutschlands. Und siehe da, auf Platz drei genau unser Mönchengladbach. Interessant auch, dass es zu Sieger München heißt: "Den Platz 1 auf dem Siegertreppchen der hundefreundlichsten Großstädte verdient sich München zuallererst durch die großzügige Auslegung der Leinenpflicht." Wo da die Bewerter in MG hingeschaut haben?

Vielen Dank für den Hinweis an Frank Gilka!

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Tierschutzskandal Zarenhof: 6 Thesen für einen Wandel?

Ein Einwurf von Karin Burger. 

Die Autorin Karin Burger hat bereits im Juni 2009 hier im Blog einen sehr lesenswerten Artikel zur Lage der Deutschen Dogge veröffentlicht. Sie ist eine der ersten Unterstützerinnen des Dortmunder Appels für eine Wende in der Hundezucht. Vor dem Hintergrund jahrelanger eigener Tätigkeit beschäftigt sie sich heute kritisch mit dem Geschehen rund um den Tierschutz.

Seit Ende September 2010 ist er da: Der bisher größte Tierschutzskandal aller Zeiten. Eine auf vereinsloser Ebene agierende "Tierschützerin" sammelt in einer ihr von der prominenten Fernsehmoderatorin Sonja Zietlow vermieteten Immobilie mit Hilfe von Tierfreunden, Tierschützern und Tierschutzvereinen rd. 70 Hunde, die sie vollkommen verwahrlosen lässt. Zum Zeitpunkt der Aufdeckung des Skandals watet man im Haus nahezu knietief durch Dreck und Kot. Die Hunde waren oft ganze Tage vollkommen sich selbst überlassen. In einer Grube hinter dem Haus findet man jede Menge Hundekadaver. Eine umfassende Dokumentation mit Bildern, Videos und vielen Zeugenaussagen findet sich auf: http://www.derzarenhofinfo.com/.

Seit über vier Wochen tobt die Diskussion über den Skandal Zarenhof. Und die Verantwortung wird zwischen den Beteiligten hin- und hergeschoben wie eine verwurmte Kotprobe, ohne dass sich jemand zur Wurmkur entschließen könnte. Konstruktive Ansätze in der Diskussion über die Vorgänge sind bisher nicht zu erkennen. Die gesamte Diskussion geht bisher nur in des Tierschützers liebste Richtung: Empörung, Schuldzuweisung und Aktionismus!

Deshalb muss spätestens jetzt eine breite, engagierte und ernst gemeinte Diskussion darüber beginnen, wie man strukturell Tierschutz im 21. Jahrhundert so ändern kann, dass solche und andere Furchtbarkeiten nicht mehr oder nicht mehr so häufig vorkommen.

Und dieser Diskussion liefert Doggennetz ein Thesenpapier. Diesen Thesen muss man nicht zustimmen. Im günstigsten Fall sollte sich aber über diese Punkte eine Diskussion entwickeln.

1.    These: Kontrolle und Transparenz

Dass politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Abläufe zum einen einer vereinbarten Kontrolle unterworfen sein müssen, zum anderen für alle Außenstehenden transparent sein müssen, ist inzwischen gesellschaftlicher Konsens - außerhalb des Tierschutzes! Und besonders im Fundraising-Bereich, zu dem auch der Tierschutz gehört, ist Kontrolle und Transparenz schon längst das, was Stefan Loipfinger von Charity-Watch.de als "Branchenstandard" bezeichnet.
"Kontrolle" bedeutet nicht ausschließlich die Kontrolle durch die entsprechenden Fachbehörden wie z. B. die Veterinärämter. Kontrolle geschieht auch durch "leichtere" Strukturen wie z. B. eine Vereinsorganisation. Auf der praktischen Ebene führt dieses anerkannte Instrumentarium dann zu dem Entschluss, nur noch Vereine oder andere gesetzlich definierte Rechtsformen zuzulassen und zu unterstützen.
Kontrolle und Transparenz bedeuten des Weiteren, sich an bestehende Gesetze zu halten. Beim Thema Auslandstierschutz ist es de facto momentan so, dass eine nicht unerhebliche Anzahl von Tierschutzorganisationen an den bestehenden Gesetzen (Binnenmarkt-, Tierseuchen- schutzverordnung, Tierschutzgesetz etc.) vorbei Tiere aus dem Ausland einführen. Das ist schlicht illegal und lässt sich mit keinen moralischen Verweisen rechtfertigen. Wer die bestehenden Gesetze, z. B. die Kategorisierung "gewerblich" für jegliche Tiereinfuhr von Tierschutzorganisationen, hier für unzureichend hält, muss sich auf parlamentarischer Ebene um Änderungen bemühen.

2.    These: Professionalität

Tierschutz im 21. Jahrhundert hat eine Dimension erreicht, der man auf der Basis rein ehrenamtlichen Engagements ohne jede (professionelle) Qualifikation nicht mehr gerecht wird. Fort- und Weiterbildung ist in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen schon längst eine Selbstverständlichkeit. Warum nicht im Tierschutz?
Organisatorisch ist das überhaupt kein Problem. Es gibt genügend Anbieter sachkundiger Fortbildung. Die Tierschutzakademie des Deutschen Tierschutzbundes ist hier zu nennen; die verschiedenen Institutionen, die professionell auf die Sachkundeprüfung vorbereiten; kynologische Fachorganisationen, die zertifizierte Absolventen hervorbringen und ein breites Themenspektrum an Vorträgen, Workshops und Seminaren anbieten.
Es muss zum selbstverständlichen "Branchenstandard" werden, dass Verantwortliche und Agierende von (eingetragenen) Tierschutzorganisationen auf ihrer Website eine Liste ihrer Qualifikationen und absolvierten Seminare veröffentlichen. Wer dies nicht tut, wer dies nicht vorweisen kann, disqualifiziert sich selbst.
Unter der Leitorientierung von Professionalität kann es dann eben nicht mehr sein, dass Tierschützer zu der von ihnen geschützten Tierart weder über eigene Empirie noch über irgendwelche Qualifikationen verfügen.
Wenn Tierschützer sich die für ihr Engagement notwendigen Fachkenntnisse aneignen, dann können sie auch ihre Aufgaben professionell erledigen. Und das fängt ganz banal und ganz anspruchsvoll bei professionellen Vor- und Nachkontrollen an!
Das bitterste Thema, welches unter den Leitorientierungen Kontrolle, Transparenz und Professionalität komplett auf den Prüfstand muss, ist das Pflegeplatz-System. Das nämlich funktioniert aus genannten Gründen viel zu häufig nicht: Kontrolle ist in dem definitionsgemäß privaten Bereich der Menschen, die sich als Pflegeplatz anbieten, nur bedingt möglich. Ebenfalls an den privaten Status gebunden ist das Defizit an Sachkunde. Leider hat die Rechtsprechung hier auch die ursprüngliche Forderung eines Sachkundenachweis für Pflegeplätze gemäß § 11 Tierschutzgesetz wieder zurückgenommen.

3.    These: Primat des gesunden Menschenverstandes

Der Tierschutz insgesamt muss weg von der gesellschaftlich auch nicht akzeptierten übersteigerten Emotionalität. Wenn die Tierschützer wieder vernünftiger werden, dem gesunden Menschenverstand Raum geben und zeitgleich eine gesunde Portion Skepsis entwickeln, werden sie viele Dinge aufdecken, bevor sie wie im Fall Zarenhof eskalieren.
Auf der pragmatischen Ebene führt dieses Primat des gesundes Menschenverstandes zusammen mit der Professionalität dann zwangsläufig dorthin, die pseudo-privaten Tierhaltungen von Tierschützern zahlenmäßig drastisch zu begrenzen. Wo genau man die Grenzen setzt, muss diskutiert werden.
Das Primat des gesunden Menschenverstandes muss dann auch zu einer kritikfähigen Haltung gegenüber den Angeboten der Veterinärmedizin führen. Unter Rückgriff auf Professionalität und eigene Grundkenntnisse zu den elementarsten physiologischen Zusammenhängen befähigt ein gesundes Maß an Skepsis Tierschützer dazu, diese Angebote erst einmal kritisch zu überprüfen.
Eine ordentliche Portion Menschenverstand und gesunde Skepsis sind vor allem auch bei der Rezeption dessen angebracht, was uns die Medien so alles unter dem Label "Tierschutz" offerieren. Wenn sich im Kontext mit dem Zarenhof Tierschützer auf die mediale Berühmtheit der Animal-Hoarderin herausreden, dokumentiert das einen erschütternden Kinderglauben daran, wie man ins Fernsehen kommt: Exzellente Beziehungen und sich selbst gut verkaufen können, das sind die Schlüssel zu medialer Berühmtheit, nicht aber ethische Vorzüglichkeit und qualitativ guter Tierschutz!
Und nicht an letzter Stelle fällt unter das Primat des gesunden Menschenverstandes das ausnahmelose Verdikt des Personenkults, wie er überall im Tierschutz anzutreffen ist. Personenkult ist ein Merkmal totalitärer und faschistischer Strukturen. Schon allein deshalb verbietet sich die moralische Überhöhung von einzelnen Personen. Moderner Tierschutz muss ohne all die Pferde- und Hundeflüsterer, die Tierschutzengel, die Mutter Theresas und Doggenmamas auskommen, wenn er eine seiner wichtigsten Existenzvoraussetzungen nicht verspielen will: gesellschaftliche Akzeptanz.

4.    These: Qualität statt Quantität


Sonja Zietlow hat mit einem mutigen Statement zur Qualitätsgarantie für gerettete Tiere eine Leitorientierung gesetzt: "Wenn man schon Tiere vor dem Tod rettet,  dann sollte man gefälligst dafür Sorge tragen,  dass diese Tiere ohne Qual und Leiden, sondern mit Würde und Anstand leben können!!! Ansonsten ist, und das ist nur meine persönliche Meinung, der Tod die bessere und mildere Alternative!" (http://www.derzarenhofinfo.com/blog-1/). Die bisherigen Handlungsorientierungen im Tierschutz verlaufen dieser klugen Einsicht diametral entgegengesetzt. Einem Bericht im WDR 5 zufolge werden jährlich zwischen 250.000 bis 400.000 Hunde von Auslandstierschützern "gerettet" und nach Deutschland eingeführt. Gleichzeitig klagt der Deutsche Tierschutzbund darüber, dass rund die Hälfte seiner Tierheime vor dem finanziellen Aus stehe.
Und dem Qualitätsgedanken muss noch auf viel breiterer Ebene Raum verschafft werden. 20 oder gar 70 frei umherlaufende Hunde in einer pseudo-privaten Tierschützer-Haltung im Haus ist keine Qualität. Qualität und Professionalität aber sind Hunde-Kleingruppen-Haltungen, wie ich sie z. B. jüngst bei der Besichtigung des BMT-Tierheims in Pfullingen sehen durfte: vier bis fünf Hunde in eigenen Gruppen mit Innen- und Außenzwinger, jeder Menge Platz und Rückzugsmöglichkeiten. Das ist Qualität!
Qualität ist nicht, wenn eine vergleichsweise kleine Tierschutzorganisation in ihrem Jahresbericht unhinterfragt angibt, über 500 Tiere vermittelt zu haben. Das ist schlichte Quantität auf dem Level von Tierhandel. Immer wieder aber liest man auf Tierschützer-Sites Vermittlungszahlen, die sich ganz offensichtlich an Quantität orientieren, um am Ethik-Markt bestehen zu können - und damit genug Spenden zu bekommen.
Den Finger am Stellhebel zwischen Quantität und Qualität haben auch die Spender, die sich weniger von Horror-Leidensgeschichten einzelner Tiere und dem Eigenlob der rettenden Tierschützer beeindrucken lassen sollten, sondern von der Erfüllung oben genannter Kriterien: Wer ist qualifiziert? Wer beweist Transparenz und legt alle relevanten Vorgänge offen? Wer handelt nach verlautbarten Ethik-Grundsätzen? Wer dokumentiert Prinzipien seiner Tierschutzarbeit?

5.    These: Verbindliche Ethik-Grundsätze


Dass Politik und Gesellschaft den Tierschutz insgesamt komplett allein lassen, das  wurde in verschiedenen Artikeln auf Doggennetz thematisiert. Dann müssen die Tierschützer eben selbst die Dinge in die Hand nehmen und versuchen, im gemeinsamen Diskurs für alle ihre Bereiche verbindliche Ethik-Grundsätze auszuhandeln.
Bisher können Tierschützer nur auf das dürftige Instrumentarium zurückgreifen, das ihnen die einschlägigen Gesetze und Verordnungen bieten. Ethik-Grundsätze gibt es darüber hinaus auch für den gesamten Bereich des Fundraising. Hier gilt es z. B. als verwerflich, mit besonders schockierenden Bildern zu werben, für tote Tiere Geld zu sammeln oder die Zielgruppe moralisch unter Druck zu setzen. Trotzdem geschieht solches jeden Tag auf den verschiedenen Tierschützer-Websites, in Bettelmails oder in Broschüren.
Die Moralphilosophie weiß: Ethik ist nicht teilbar. Deshalb sind Tierschützer, die sich zumindest im privaten Gespräch ganz offen zu ihrer Misanthropie (Menschenverachtung) bekennen, ein Widerspruch in sich selbst und nicht tragbar. Diese inzwischen leider innerhalb der Peergroup viel zu breit akzeptierte Grundhaltung des "Menschen sind mir egal!", muss stigmatisiert und sanktioniert werden. Wer menschlichem Leid und menschlicher Not gleichgültig gegenübersteht, kann für Tiere nichts bewegen.
Ethisch auch überhaupt nicht geklärt ist das breite Feld des Auslandstierschutzes. Hier und dort sich entzündende Diskussionen arten regelmäßig aus; verwertbare Ergebnisse gibt es keine.

Ohne jede ethische Leitorientierungen auch bleibt bislang der Umgang mit Hunden, die schon einmal oder sogar mehrfach Menschen gebissen haben. Gerade wieder erleben wir eine neuerliche Verschärfung der einschlägigen Landeshundeverordnungen, nachdem es jüngst zu weiteren Todesfällen durch Hundebisse gekommen ist. Wann endlich werden die Tierschützer auf gesellschaftliche Forderungen reagieren? Dass eine sture Verweigerungshaltung die Hunde und die betroffenen Halter nicht weiterbringt, dokumentiert der lange Weg von dem kleinen Wolkan bis zu den aktuellen Gesetzesverschärfungen.
Tierschützer haben keine Standards und keine Verfahren für solche Fälle, die allgemein als verbindlich anerkannt wären. Stellt diese Tierschutzorga den fraglichen Hund einem zertifizierten Gutachter vor, entscheidet die nächste schon wieder anders und experimentiert mit teilweise hochfragwürdigen Eigentherapiemodellen. Wieder andere gehen den ganz sicheren Weg und lassen euthanasieren - müssen dies aber so geheim halten wie einen Atomraketencode, weil sie sonst von ihren Kollegen angegriffen und bloßgestellt werden.
Zur ergebnisorientierten Diskussion über die im Tierschutz zu praktizierenden Ethik-Grundsätze gehört auch die Anerkenntnis von Leid und Tod als unausradierbare Bestandteile allen Lebens. So ein mutiges Statement, wie das oben zitierte von Sonja Zietlow, kann sich eine Fernsehprominente erlauben. Bei der herrschenden Intoleranz unter Tierschützern liefert sich jeder andere Bekenner solcher Einsichten der virtuellen Lynchjustiz aus.

6.    Tierschutz als hoheitliche Aufgabe

Bis hierhin mag der Eindruck entstehen, dass die Tierschützer schlicht alles falsch machen und im unstrukturierten Dilettantismus vor sich hinschützen. Im Status quo behaupten wir das zwar für viel zu weite Bereiche des Tierschutzes so, aber auch dieser Status quo hat Gründe. Und diese Gründe entlasten den Tierschutz und seine Akteure umfassend:
Tierschutz im 21. Jahrhundert ist eine derart komplexe Aufgabe, die im Ehrenamt schlicht nicht mehr zu bewältigen ist. Das fängt an mit der Fundtierverwaltung, die als kommunale Pflichtaufgabe vom Staat in den ehrenamtlichen Bereich abgeschoben wird. Und das hört bei Lösungskonzepten für hoch problematische Hunde, die kraft Behördenakt den Haltern weggenommen, dann aber Ehrenamtlern ausgeliefert werden, noch lange nicht auf. Tierschützer sollen das alles leisten? Um dies wirklich professionell und kompetent in der extremen Komplexität der Aufgaben bewältigen zu können, müssten sie Verwaltungsrechtler, Kynopädagogen, Ernährungsphysiologen, Verhaltensbiologen, Veterinärmediziner, Steuerberater, Psychologen, Betriebswirte und Sozialpädagogen - alles in einem sein! Unmöglich!
Überdies ist Tierschutz in der Bundesrepublik Deutschland Staatsziel - und damit eigentlich eine hoheitliche Aufgabe. Politik und Gesellschaft machen es sich bisher bequem und drücken diese Mammutaufgabe komplett ins Ehrenamt ab. Für die Tierschützer resultiert daraus ganz logisch die vollständige Überforderung.
Die hier formulierten Leitorientierungen wie Kontrolle, Transparenz, Rationalität, Ethik, Professionalität können nur die Krücken auf dem weiten Weg zu dem langfristigen Ziel sein, Tierschutz als hoheitliche Aufgabe zu vergreifen und zu organisieren. Damit verknüpft sein müssen dann auch entsprechende Ausbildungs- und Studienangebote, um professionelle Mitarbeiter für alle tierschutzrelevanten Bereiche zur Verfügung zu stellen.

Wenn die breite gesellschaftliche Bewegung Tierschutz den Skandal Zarenhof zum Anlass nimmt, nach der kompletten Aufarbeitung des Falles selbst sich konstruktiv der Zukunft zuzuwenden, über die strukturelle Veränderung zu diskutieren und sie dort zu gestalten, wo sie jetzt schon möglich ist, dann ist für den Tierschutz selbst und die von ihm betreuten Tiere tatsächlich etwas gewonnen. Nur dann haben die 70 Hunde auf dem Zarenhof nicht umsonst gelitten - die toten inklusive!

(Dieser Petwatch-Artikel ist eine Zusammenfassung einer dreiteiligen Artikelserie auf www.doggennetz.de, Rubrik "aktuell & kritisch", Aua 24 bis Aua 26. Dort sind die verschiedenen Thesen noch mit mehreren Beispielen unterfüttert.)
 
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