Sonntag, 29. Januar 2012

Milliardenmarkt Hunde-Produktion

In der aktuellen Ausgabe des "Stern" (5/2012) finden wir einen interessanten Artikel mit den Titel "Tierhandel - Das weltweite Millionengeschäft mit dem Deutschen Schäferhund". Basierend auf der langjährigen Arbeit des Schäferhund-Verein (SV) Mitglieds Jan Demeyere wird die Geldmacherei auf Kosten der Hunde entlarvt, die durch China-Exporte gerade einen Boom erfährt. Inzwischen sind diese Geschäfte ein Thema der deutschen Steuerfahndung. Aus deren internen Bericht dokumentiert "Stern":

"Detailliert beschreibt er, wie erhebliche Summen am Fiskus vorbeigeschleust werden. Viele Züchter, heißt es dort, versuchten ihre Hundezucht als ´steuerlich unbeachtliche Liebhaberei`darzustellen."
Und weiter:
"Der jährliche Umsatz der größten deutschen Zwinger wird nach den Berechnungen von Experten auf weit über 100 Millionen Euro geschätzt."

Allein mit Decktaxen Umsätze eines kleinen Unternehmens

Schon 2008 hatte Jan Demeyere allein anhand offizieller Unterlagen des SV nachgewiesen, dass etliche Schäferhundfabrikanten im SV alleine aus Decktaxen jährliche Umsätze im sechs- bis siebenstelligen Bereich erwirtschaften - und das über viele Jahre hinweg stetig. Der "Stern" gibt ein wenig Einblick in die Machenschaften von Teilen der Zucht- und Ausstellungsszene, wo auch die Show-Richter kräftig bei der Vermittlung im Hundehandel abkassieren, samt garantierter V1-Bewertungen und Championate für die Zukunft.

Das große Geschäfte aus Liebhaberei

Das Ganze läuft unter dem Grundsatz einer Zucht "lediglich aus Gründen der Liebhaberei" wie sie VDH und FCI vorschreiben (siehe auch Internationales Zuchtreglement der F.C.I., Präambel). Auch der evidente Verstoß gegen das satzungsgemäße Verbot von kommerzieller Zucht, das diese Dachverbände bei Strafe eines sofortigen Ausschlusses vorschreiben, interessiert real offenbar weniger als die Vorschriften des Papstes zur Verhütung - sowohl die Hundefabrikanten als auch die Verbände selbst. Andere Verbände geben sich gar nicht erst die Mühe, sich von solchem kommerziellen Gebaren abzugrenzen.

Schäferhund kein Einzelfall

Sicher nehmen die rein monetären Ausmaße der Geschäfte mit dem Deutschen Schäferhund eine Sonderstellung ein. Doch bei weitem nicht vom Kern der Sache her. Der Do Khyi, ebenfalls vom China-Boom erfasst, wird für diese Geschäfte gerade genetisch zugrunde gerichtet. Und hier geht es noch um die - vergleichsweise - "seriöse" Facette der Geschäftemacherei mit der Hundezucht. Realität im "Tierschutz"-Deutschland:

Krumme Geschäfte auf Kosten der Hunde: Die Regel und nicht die Ausnahme

Ein Großteil des Geschäftes in diesem jährlich 1-Milliarde-Euro-Markt allein in Deutschland (Berechnung auf Basis Ohr/Zeddies, Göttingen 2006) wird von Vermehrern, "Hobby-Züchtern" und EU-weitem Hundehandel abgedeckt. Der Hundehandel liefert inzwischen Welpen aus Ost- oder Südosteuropa in großem Stil nach Deutschland, die hier mit riesigen Profiten vermarktet werden. Erst kürzlich zeigte eine TV-Reportage zwei Hundehändler aus Polen, die mit einem PKW-Transport 13 Bulldog-Welpen allein an einen einzigen Käufer in Stuttgart liefern wollten, für 300 Euro das Stück. Verkauft werden diese Hunde dann für locker 800-1000 Euro je Welpen oben drauf und nicht selten getarnt als eigene Aufzucht mit "Pedigrees" von zwielichtigen Verbänden der Hundezucht oder gerne auch ausländischen FCI-"Dokumenten" - so genannte "Kuckuckswelpen" - Superprofite steuerfrei. Das lässt manche sämtliche Skrupel vergessen gegenüber Tier wie Mensch.
Screenshot ZDF-Sendung Zoom vom 11.01.2012 "Das Geschäft mit Hundebabys"
Für den arglosen Hundehalter ist das kaum durchschaubar und eine unabhängige Kontrolle gibt es in der Hundezucht nicht. Jeder, der des Schreibens mächtig ist, darf in Deutschland "Papiere" ausstellen und wenn man sieben Leute zusammenbekommt, kann man sogar einen e.V. als "Weltverband der Hundezucht" gründen und ganz legal Championate, Papiere und Zuchtzulassungen vergeben. Die Hundezucht zählt in Deutschland zu den Wirtschaftsbereichen mit den wenigsten staatlichen Auflagen bei praktisch nicht vorhandener Kontrolle. Die seriösen Züchter, zumeist im VDH organisiert, haben das Nachsehen - und natürlich zu allererst die Hunde.

Zwei Seiten einer Medaille: Krumme Geschäfte und Missstände der Zucht

Undurchsichtiges Geschäftsgebahren, krumme Deals der Show-Richter, internationaler Hundehandel am Rande der Legalität, Schwarzgeld, Schwarzarbeit und Steuerbetrug sind in der Hundezucht-Szene weit verbreitet und das nicht nur beim Deutschen Schäferhund. Dieses zwielichtige Geschäftsgebahren ist nur die andere Seite der Medaille der Missstände in der Zucht, wie Inzucht, Extremzucht, Zucht mit Erbkrankheiten oder der Show-Zucht. Das Ganze wird dann mühsam ummäntelt und vernebelt durch das Mantra einer selbstlosen Zucht nur aus Liebe zu der jeweiligen Hunderasse und dem allerorten selbst verpassten Heiligenschein der Gesundzucht, nein: "Qualzucht, was ist denn das? Wir haben nur die gesündesten Hunde!"

Gesetzliche Mindeststandards für die Zucht notwendig

Daher sehe ich in gesetzlichen Mindeststandards für die Zucht und die Zulassung als Züchter sowie einer unabhängigen Kontrolle einen unverzichtbaren Beitrag zum aktiven Tierschutz in der Hundezucht. Es ist eigentlich ein gesellschaftlicher Skandal, dass in einem 1-Milliarden-Markt im ansonsten so bürokratie-wütigen Deutschland fast unbehelligt und im großen Stil Schwarzarbeit und Schwarzgeldschieberei grassieren dürfen. Das Opfer sind die seriösen Züchter, die letztlich geprellten Hundehalter und zu allererst die Hunde, die diese Profitgier mit ihrem Wohl und ihrer Gesundheit und zuweilen mit ihrem noch ganz jungen Leben bezahlen müssen - Tierschutzrealität mitten in  Deutschland.


Ein Beitrag von Christoph Jung

Sonntag, 22. Januar 2012

Tierärztekongress für eine Wende in der Hundezucht

E
in persönlicher, parteiergreifender Bericht von Christoph Jung

Der Leipziger Tierärztekongress gilt inzwischen als der größte seiner Art in Europa. Da ist es schon bemerkenswert, wenn das Thema der Auftaktveranstaltung lautet:


Vor etwa 1000 Zuhörern sprachen wissenschaftliche Schwergewichte auf dem Gebiet der Kleintiermedizin und Genetik wie Prof.Dr. Oechtering und Prof.Dr. Distl und der VDH-Präsident Prof.Dr. Friedrich.

Prof.Oechtering zeigte eindringlich, in welche mießliche Lage der Mensch - und alleine der Mensch - gerade die Plattnasen, die brachyzephalen Hunde- und Katzenrassen gebracht hat. Besonders Mops und Französische Bulldogge leiden an chronischer Atemnot. Da aber die Nase des Hundes das wesentliche Organ der Thermoregulation ist, leiden brachyzephale Hunde besonders bei warmer Umgebung zudem an Überhitzung. Bei Möpsen kollabiert darüber hinaus nicht selten die Luftröhre. Untersuchungen haben ergeben, dass 29% dieser Hunde im Sitzen schlafen, weil sie im Liegen keine ausreichende Luft mehr bekommen, um nur ein Beispiel dieses vom Menschen ohne Not und unter der nicht selten verlogenen Flagge des "Tierschutzes" oder der "Liebe zum Hund" wissentlich erzeugten Elends zu nennen. Wir haben hierzu im Petwatch-Blog schon häufig berichtet.

Hunde Shows küren Qualzucht-Champions

Trotzdem werden insbesondere im Ausstellungswesen evident Qualzucht-relevante Hunde zu Champions gekürt, wie der Jahrhundertsieger beim Mops. Der VDH-Präsident versuchte dies in der nachfolgenden Podiumsdiskussion als eine Fehlentscheidung eines einzelnen Richters darzustellen, was ihm weder das Podium noch das Publikum so recht glauben wollte.

Immer wieder: Grundübel Inzucht

Auch die Ausführungen Prof. Distls belegen, dass es nicht um einzelne Fehlentwicklungen, vielmehr um einen grundlegend falschen Weg in der Rassezucht geht. Er mahnte insbesondere die genetische Verarmung durch Inzucht und zu häufige Verwendung einzelner Deckrüden an. Inzwischen sei kaum eine Hunderasse frei von durch solche Fehlleistungen der Zucht verbreiteten Erbkrankheiten. Er sprach von mindestens 5 verschiedenen züchterisch verbreiteten Erbkrankheiten bei jeder einzelnen Hunderassen, beim Cavalier King Charles Spaniel seien es gar 20. Aber er zeigt auch begründetes Vertrauen in das - noch - vorhandene genetische Potenzial des Rassehundes. In den Rassehunde-Populationen zusammengenommen, sei auch heute noch der fast vollständige genetische Reichtum des Stammvaters Wolf erhalten. Er zeigte sich auch zuversichtlich, dass selbst bei so krank gezüchteten Hunderassen wie den Plattnasen genug genetisches Material für eine Gesundung vorhanden sei.
Mops - Champion Zuchthündin von 1915

"Der genetische Reichtum des Wolfes ist in den Hunderassen in toto noch heute erhalten."

(Prof. Dr. Ottmar Distl, Institut für Tierzucht und Vererbungsforschung, Stiftung Tierärztliche
Hochschule Hannover, Hannover)

Überhaupt gaben Referate und nachfolgende Podiumsdiskussion einem zuweilen genervten und fast schon resignierenden Mahner der Hundezucht etwas Hoffnung und gar Zuversicht. Immerhin wurde ganz offiziell und weder vom VDH-Präsidenten noch von der Vertreterin des Bundesministeriums bestritten oder relativiert, dass es ein relevantes Qualzuchtproblem in der Hundezucht gibt und dass es des Handelns dringend bedarf.

Wirksames Tierschutzgesetz vor der Tür?

Dr. Katharina Kluge vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz stellte den Gesetz-Entwurf der Bundesregierung vor, der die Qualzuchtbestimmungen des Tierschutzgesetzes (§11) ausdrücklich praxisrelevanter machen soll. Es soll in Zukunft viel leichter sein, etwa Qualzucht verdächtige Hunde und Katzen von Ausstellungen auszuschließen. Ob das eher halbherzig geänderte Gesetz wirklich den Zweck erfüllen wird, muss abgewartet werden; der Autor hat hieran so seine Zweifel (auch wenn man an die mächtige Lobby der Agrar- und Nahrungsindustrie denkt). Aber immerhin, der Handlungsbedarf ist anerkannt.

Ohne wirksame Kontrolle der Hundezucht geht es nicht!

In der Podiumsdiskussion nahm der Ruf nach einer wirksamen und zwar unabhängigen Kontrolle der Rassezucht einen hervorragenden Platz ein. Es bedarf einer wirksamen Kontrolle über die Hundezucht als Ganzes und gerade auch gegenüber den so genannten Hobby-Züchtern. Die Verweise des VDH-Präsidenten auf die eingeschränkten Möglichkeiten des VDH als Dachverband konnten nicht überzeugen. Der Vorschlag einer "Ampel" für Hunderassen und Züchter fand viel Zustimmung, ebenso der Vorschlag eines Screenings wie einer Berichtspflicht durch die Tierärzteschaft. Der Autor dieser Zeilen forderte zudem gesetzliche Mindeststandards für eine Zulassung zur Zucht und die Zucht selber. Gegen Entgelt dürften nur zugelassene Züchter Welpen veräußern sowie Tierheime. Jede Salatgurke beim Discounter hat mehr Kontrolle, staatliche Fürsorge und Aufsicht als die "Produktion" des angeblich besten Freund des Menschen.
Charakter, Leistung und Schönheit
Der Vorsitzende einer Tierärzteorganisation fragte nach dem Sinn von Verboten bzw. Kastrationen bei "Qualzuchtrassen". Das Verbot von Hunderassen schafft keine einzige Lösung. Die Hunderassen sind nicht von selber so krank geworden, das hat alleine der Mensch zu verantworten (der heutige Mensch in Deutschland, der so selbstgerecht sein vermeintlich hohes Tierschutzverständnis in alle Welt exportiert und vierbeinig importiert). Wenn sich im Denken und Handeln der Menschen nichts ändert, wird sich auch in der Zucht nichts zum Guten wenden, gleich ob man einzelne Rassen verbietet oder nicht. Und wo fängt man an, wo hört man auf, was sind die Kriterien? Eine positive Lösung ist mit Rasseverboten allemal nicht zu erreichen. Der Autor wies darauf hin, dass schon einiges gewonnen wäre, wenn Tierärzte ihre Dienste etwa für terminierte Kaiserschnitte oder instrumentelle Besamung bei selbst zur Fortpflanzung unfähigen Hunden verweigerten, ein Appell, den Prof. Friedrich ausdrücklich unterstützte.

Der Rassehund ist zeitgemäß.

Schließlich wurde gefragt, ob der Rassehund als solches noch zeitgemäß sei. Dies wurde einhellig bejaht. Auch Tierethiker Prof.Dr. Grimm pflichtete dem bei unter Verweis auf die so wesentlich bessere Chance, dass passende Hund-Mensch-Paare zusammenfinden. Man stimmte überein, es gelte die Vielfalt und unterschiedlichen rassetypischen Charaktere zu erhalten. Nicht der Rassehund sei das Problem, vielmehr bedürfe es einer grundlegenden Neuorientierung in der Zucht und auch eines anderen Verantwortungsbewusstseins der Halter. Ohne Halter, die bei windigen Hobby-Züchtern, Vermehrern und Hundehändlern kaufen, würde schon viel Elend vermieden. Schließlich wurde immer wieder an die große Verantwortung der Tierärzteschaft appelliert. Der Moderator der Diskussion, Thomas Bille vom Mitteldeutschen Rundfunk, konnte dem VDH Präsidenten Prof. Peter Friedrich schließlich ein Bekenntnis zum Dortmunder Appell für eine Wende in der Hundezucht entlocken, den dieser in vielen Punkten unterstütze.

Charakter, Leistung und Schönheit (Foto Elisabeth Naumann)

"Das Konzept der Hundeschauen muss grundlegend überdacht werden. Das Konzept der vergangenen hundert Jahre hat offensichtlich nicht funktioniert und folgenschwere Fehlentwicklungen ermöglicht. Viele der (Schönheits-) Richter und diejenigen, die diese Richter auswählen, haben in der Vergangenheit keine gute Arbeit geleistet. Völlig widersinnige Überbetonung äußerer Merkmale wurde und wird noch immer von vielen Richtern belohnt und so die Ausrichtung der Zucht stark beeinflusst. Beispielsweise hat noch heute ein Mops oder eine Bulldogge "mit sichtbarer Nase" bei einer Schönheitsschau kaum eine Aussicht, zu gewinnen.


Die in Zuchtvereinen organisierten Züchter haben eine Vorreiter- und Vorbild-Funktion, die sogenannte "Private  Zucht" außerhalb organisierter Vereine  –  die bei manchen Rassen über dreiviertel der Population ausmacht  –  muss aber zwingend nach den gleichen Qualitätskriterien beurteilt werden. Möglicherweise müssten Tierzüchter auch nach dem Vorbild anderer Länder länger für erblich bedingte Erkrankungen bei von ihnen verkauften Tieren finanzielle Verantwortung übernehmen.

Die Behörden von Bund und Ländern müssen erkennen, dass die aktuelle Gesetzgebung bisher nicht ausreicht, um durch eine klare Interpretation vor Gericht züchterische Eitelkeiten zu stoppen.

Man wird sogar überlegen müssen, ob es nach den Erfahrungen der Vergangenheit noch zeitgemäß ist, dass Hunde ohne den Nachweis einer Befähigung gezüchtet und veräußert werden dürfen."


Professor Dr. Gerhard Oechtering, Direktor der Klinik für Kleintiere, Universität Leipzig, "Leipziger Blaue Hefte" 2012, Bd1 (Hervorhebungen CJ)

Samstag, 14. Januar 2012

Der Cavalier-King-Charles-Spaniel - Traumhund und Sorgenkind zugleich

Ü
ber Ängste und Sorgen der Cavalierliebhaber
(Teil 1 von 2)
von Elke Grabhorn

Der Cavalier - ein Traumhund

Vor gut 20 Jahren suchten meine Eltern nach einem kleinen und leicht zu führenden Hund und mit Hector ist der erste Cavalier bei ihnen eingezogen. Hector war ein Blenheim- Rüde, der mit seinem typischen Cavalier-Charme die gesamte Familie so verzaubert hat, dass wir alle uns seitdem ein Leben ohne Cavalier nicht mehr vorstellen können, obwohl seit ich denken kann Cocker unsere Familienhunde waren.
Heute lebt Rap, ein Blenheim, bei meiner Mutter und bei mir sind es gleich zwei Cavalier-Jungs, der Tricolour Jasper und der Black and Tan Ceddy. Unsere Cavaliere sind einfach Traumhunde, sie gehören zur Familie und bereichern unser Leben.
 
Die Freundlichkeit und Sanftheit der Cavaliere ist sprichwörtlich, sie sind wirklich so, jede Aggression und andere Verhaltensauffälligkeiten sind absolut untypisch für sie.
Kleine freundliche Hunde, wie geschaffen um auch in heutiger Zeit unser Leben auf dem Land und in der Stadt zu begleiten. Verträglich mit Mensch und Tier, sensibel, fröhlich und leicht zu erziehen, machen sie ihrem Namen alle Ehre.

Jeder Cavalierliebhaber möchte – wenn er überhaupt einen Hund "halten" kann – immer wieder sein Leben mit einem Cavalier teilen.

Leider treten beim Cavalier mehrere schwere Erbkrankheiten auf, die dem Cavalierfreund Ängste und Sorgen bereiten und viele nachdenken lassen, ob die Feststellung:
"Einmal Cavalier – Immer Cavalier!" auch weiterhin uneingeschränkt gelten kann.

Der Cavalier - ein Sorgenkind

Etwas zur Geschichte der Rasse

Obwohl wir die kleinen bunten Spaniels schon von Gemälden aus dem 16. Jahrhundert kennen, sind unsere heutigen Cavaliere eigentlich eine viel jüngere Rasse, noch nicht einmal 100 Jahre alt.
Das Aussehen der "früheren Cavaliere" hatte sich im Laufe der Jahrhunderte durch die Einzüchtung von Möpsen und anderen kurznasigen Hunden stark verändert.
 
Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde durch das von einem reichen amerikanischen Züchter ausgerufene Preisgeld Interesse daran geweckt, eine Rückzüchtung dieses alten Spaniel-Typs zu erreichen.
Mitte der 1920er Jahre wurde der Rassestandard nach dem Bild des berühmten Cavaliers "Ann's son" formuliert und in den 1940er Jahren wurde schließlich der erste Cavalier-King-Charles-Spaniel beim Kennel Club eingetragen.
Anders als andere Hunderassen, die aus einer längeren Entwicklung heraus entstanden sind, stammen unsere heutigen Cavaliere also von sehr wenigen Hunden ab.
 
Die schnell angestrebte Anerkennung als eigenständige Rasse, schließlich wollte man die Hunde auch auf Ausstellungen zeigen, begrenzte den Genpool sehr früh. Durch die Jahre des 2. Weltkriegs, in denen nur noch wenige Hunde zur Zucht eingesetzt wurden, verstärkte sich die "enge Zucht" in den frühen Jahren unserer Cavalier-Rasse zusätzlich.

Erbkrankheiten

In Veröffentlichungen über die Syringomyelie - wie auch in der Dissertation von Dr. C. Rusbridge - ist zu lesen, dass sich die Abstammung aller in einer Studie erfassten SM-kranken Hunde auf eine in den 1950er Jahren geborene Hündin und die Welpen ihres einzigen Wurfs zurückverfolgen lässt http://igitur-archive.library.uu.nl/dissertations/2007-0320-201201/full.pdf (S. 149).
 
Dies verdeutlicht, wie Erbkrankheiten, unter denen unsere heutigen Hunde leiden, vor Jahrzehnten ihren Ursprung finden und wie die Anlagen im Laufe der Jahre weit in die Population getragen werden.

Dr. C. Rusbridge spricht in ihrer Dissertation (link s.o., S. 167) auch darüber, dass Hunde einiger herzgesunder und "langlebiger" Linien besonders oft in der Zucht eingesetzt wurden. Züchter, die mit dem Zuchteinsatz ihrer gesunden Hunde Gutes erreichen wollten, haben dadurch ungewollt und unbewusst dazu beigetragen, dass die SM-Anlagen, die ihre Hunde neben den gesunden Herzen leider auch in sich trugen, weit unter den Cavalieren verbreitet wurden.

Als Cavalierfreundin freue ich mich immer, wenn ich das Bild eines Cavaliers in einem Buch oder in einer Zeitschrift entdecke. Das Gesicht eines Cavaliers auf dem Titelbild eines Buches, in dem es um typische Erbkrankheiten bei Hunden und Katzen geht, macht mich aber traurig.

Diese kleinen Hunde und ihre Menschen haben es nicht verdient, dass bei 50% der fünfjährigen Cavaliere (http://cavalierhealth.org/mitral_valve_disease.htm , "in Depth") und bei über 70% der sechs und mehr Jahre alten Cavaliere Untersuchungen den Befund MVD bzw. SM ergeben! (http://veterinaryrecord.bmj.com/content/early/2011/06/12/vr.d1726.abstract).

Dies sind nur zwei von einigen Krankheiten, die der Cavalier von seinen Vorfahren erben kann, sie stellen jedoch heute wegen ihrer Schwere und leider auch wegen ihrer Verbreitung innerhalb der Rasse die gravierendsten Gesundheitsprobleme des Cavaliers dar.

Krankheitsbilder

Neben Krankheiten wie z. B. der Patellaluxation oder der Hüftgelenksdysplasie, von denen alle Hunderassen betroffen sein können, kommen beim Cavalier weitere "rassetypische" Krankheiten vor.

Sei es der in einigen Linien auftretende fortschreitende Hörverlust, bei dem die Hunde nur in ihrer frühen Jugend "richtig gut" hören, die Hörfähigkeit sich aber schnell – vermutlich durch eine Degeneration der Hörnerven – verschlechtert, bis die Hunde im Alter von 3 bis 5 Jahren vollständig taub sind http://www.cavalierhealth.org/deafness.htm#Veterinary_Neuroanatomy.
Auch bei seltenen Krankheitsbildern wie z. B. dem Eosinophilen Granulom werden Cavaliere als eine von wenigen betroffenen Rassen genannt http://www.vetcontact.com/de/art.php?a=2247. Hier die Beschreibung einiger Krankheiten, die besonders große Sorgen bereiten:

Episodic Falling Syndrome (EFS)

Bei EFS handelt es sich um eine Erkrankung, die bisher nur beim Cavalier beobachtet wurde. Laut Aussagen von Prof. Penderis (Universität Glasgow) kommt sie relativ häufig vor, wenn auch zum Glück eher selten dramatische Symptome beobachtet werden. Weil leichte Symptome übersehen oder als Epilepsie gedeutet werden, wird die Verbreitung von EFS innerhalb der Population eher unterschätzt.

Die Krankheit äußert sich durch vorübergehend ("episodisch") auftretende   Bewegungsstörungen. Der Bewegungsablauf kann beim Gehen "einfrieren", der Hund ist unfähig, die Füße voreinander zu setzen, dabei hält er den Kopf gesenkt oder zu einer Seite gedreht. Ein anderes Symptom ist das Umfallen (Falling) des Hundes begleitet von Krämpfen der Gliedmaßen. Der Hund ist während eines solchen Anfalls nicht in der Lage, seine Bewegungen zu kontrollieren bzw. bewusst zu steuern. Es können auch Krämpfe der Gesichtsmuskulatur auftreten, die auf den Beobachter ganz besonders beängstigend wirken.
Im Internet finden sich sehr traurige Videos, die ganz junge Cavaliere mit akuten Anfällen zeigen. Anders als bei epileptischen Anfällen, mit denen die Symptome mitunter verwechselt werden (können), ist der Hund während der "Episode" bei vollem Bewusstsein und nimmt seine Umwelt wahr http://www.youtube.com/watch?v=s3fQtElVxUo&feature=related. Deshalb ist es besonders wichtig, sich die eigene Aufregung in diesem Moment nicht anmerken zu lassen und beruhigend auf den Hund einzuwirken.

Je nach Schwere und Dauer des Anfalls ist der Hund danach sofort wieder völlig "normal", kann aber auch ermüdet sein und ein ausgesprochenes Ruhebedürfnis zeigen.

Es ist nicht bekannt, ob Hunde während eines Anfalls oder in den "Zwischenintervallen" Schmerzen empfinden http://www.youtube.com/watch?v=ZfVfLrwb-Ds&feature=related.
Seit 2011 ist ein Gentest verfügbar, die Krankheit wird durch ein Gen rezessiv vererbt. Mit dem Gentest kann verhindert werden, dass zwei Anlagenträger miteinander verpaart werden. Damit wird - wenn denn alle Züchter den Gentest einsetzen und ihre Zucht danach planen! - verhindert, dass zukünftig Welpen geboren werden, die an dieser Erbkrankheit leiden.
Halter betroffener Cavaliere möchte ich an dieser Stelle auf das EFS-Infoportal hinweisen.
Hier finden sie neben Informationen zur Behandlung auch Kontaktmöglichkeiten für direkte Hilfestellung und Beratung http://cavalierepisodicfalling.com/first.html.

Drye Eye Curly Coat / Rough Coat Syndrome
CCDE (Congenital Keratoconjunctivitis Sicca und Ichthyosiform Dermatosis)

Die betroffenen Hunde bilden keine Tränenflüssigkeit und leiden darum unter schweren und extrem schmerzhaften Entzündungen von Bindehaut und Hornhaut sowie – als Folge – an Hornhautgeschwüren.

Ihre Haut ist extrem trocken und schuppig, es treten Entzündungen auf. Besonders bei stark betroffenen Pfoten können die Hunde vor Schmerzen weder stehen noch gehen. Das Fell fühlt sich rauh und ölig an. Eine lockige Fellveränderung und Augenprobleme betroffener Hunde sind bereits in Welpentagen offensichtlich.

Leider kann weder durch eine ständige Versorgung mit Augenmedikamenten noch durch tägliche Hautbehandlung mit medizinischen Bädern und Salben für die betroffenen Hunde eine Schmerzfreiheit erreicht werden. Deshalb sehen sich Halter bei dieser schweren Erkrankung meist früh vor die traurige Entscheidung gestellt, ihren Hund von seinen Leiden erlösen zu lassen  http://www.cavaliercampaign.com/#/otherhealth-issues-page2/4547905633.

Das gemeinsame Auftreten von Augen- und Hauterkrankung ist in dieser Form nur bei Cavalieren bekannt. Auch für diese Erbkrankheit ist seit 2011 ein Gentest verfügbar.

Mitral-Valve-Disease (MVD)

Im Oktober 2010 habe ich in einen ausführlichen Aufsatz über die Herzkrankheit MVD verfasst  http://petwatch.blogspot.com/2010/11/cavaliere-haben-sehr-viel-herz.html.
 
Die Forschungen werden mit großem Aufwand weiter betrieben. Auf der Seite von Rod Russel wird über neue Studien berichtet http://www.cavalierhealth.org/mitral_valve_disease.htm.
 
Diese beziehen sich zum einen auf diagnostische Verfahren wie etwa auf den Einsatz von Röntgenuntersuchungen, den Nutzen spezieller Doppler-"Protokolle" oder Herz-MRT-Untersuchungen und zum anderen natürlich auch auf Tests der Wirksamkeit verschiedener Medikamente.

Die Frage, wie eine Prognose für den Verlauf der Erkrankung gegeben werden könnte, ist auch heute nicht geklärt. Immerhin ist bekannt, dass es eine "bösartige" und schnell fortschreitende Form gibt und andererseits eine Variante, bei der ein weniger dramatischer und besser therapierbarer Verlauf zu erwarten ist.

Der genaue Erbgang ist noch nicht bekannt, so konnten auch Hoffnungen auf die Entwicklung eines DNA Testes bisher nicht erfüllt werden.

Syringomyelie (SM) und Chiari-like malformation (CM)

Bei der Syringomyelie (SM) handelt es sich um eine neurologische Erkrankung. Diese Erkrankung kann bei Menschen und verschiedenen Tierarten auftreten. Bei Hunden sind vornehmlich die Rassen Brüsseler Zwerggriffon und Cavalier-King-Charles-Spaniel betroffen.
Als Folge einer Störung der freien Zirkulation der Hirnflüssigkeit (Liquor) kann es im Rückenmarkskanal zur Ausbildung einer Art "Zyste" (Syrinx) kommen.

Je nach Lage, Symmetrie und Ausdehnung dieser Syrinx treten keine, "nur geringe" oder massive Symptome auf.
Beispielhaft kann als ein Symptom unter vielen das von Videos bekannte sog. "Phantomkratzen" genannt werden. Ein Kratzen, das vorwiegend auf die betroffene Körperseite im Nacken-Schulterbereich gerichtet ist. Eine Besonderheit besteht darin, dass zwar eine Kratzbewegung ausgeführt, der Körper dabei aber kaum oder gar nicht berührt wird. Diese Bewegung kann von stärksten Schmerzäußerungen begleitet sein. Traurig ist die häufig zu lesende Feststellung, dass betroffene Hunde offensichtlich versuchen, ihre Schmerzen weg zu kratzen. Menschen die an dieser Krankheit leiden, beschreiben diesen Schmerz als unerträglich. Dass dies bei klinisch schwer betroffenen Hunden zutrifft, weiß jeder, der die grauenvollen Schmerzschreie bei den Videos gehört hat.

Es ist noch nicht ausreichend erforscht, in welchen Fällen es bei einem SM-betroffenen Hund zu einem Auftreten und ggf. auch zu einer Zunahme der klinischen Symptomatik kommt. Bekannt ist, dass es sich bei der Syringomyelie um eine spät einsetzende und fortschreitende Erkrankung handelt.

Ende Teil 1.
Teil 2 folgt in einigen Tagen hier im Petwatch-Blog.


Fotos: Rena und Lutz Peter Gellert

Montag, 2. Januar 2012

Hundezucht mit Erbkrankheiten - Gibt es ein Lundehund Syndrom?

Der Lundehund ist ein ganz besonderer Hund. Er wurde für die Jagd auf Papageientaucher (Lunde) an den schroffen Küsten der Nordsee schon vor mehreren hundert Jahren herausgezüchtet. Die Lunde brütet in tiefen und engen Höhlen an den unzugänglichen und schroffen Felshängen hoch über der kalten Meeresbrandung. Diese speziellen Anforderungen ließen einen Hund entstehen, der zahlreiche anatomische Besonderheiten aufweist. Im Beitrag Anfang Dezember 2011 wurde hiervon berichtet.

Da die Jagd auf Papageientaucher vor etwa 100 Jahren an Bedeutung verloren hatte, schien auch der spezielle Jagdhund auf den Lunde ausgestorben zu sein. In den 1960er Jahren fand man jedoch auf einer Insel Restbestände dieses so einmaligen Hundes. Mit nur fünf Exemplaren begann man ein Zuchtprogramm. Heute finden sich in Skandinavien, Deutschland, Frankreich und Nordamerika wieder über 1.200 Exemplare dieser Hunderasse unter dem Patronat Norwegens.

Folge eines genetischen Flaschenhalses?

Schon bei der modernen Gründerpopulation zeigte einer der fünf Hunde Symptome einer Magen-Darm-Krankheit. Heute gibt es zahlreiche Hinweise, dass diese Krankheit in der Lundehund-Population weltweit verbreitet ist. Meist wird sie kurz als "Lundehund-Syndrom" bezeichnet, in der Wissenschaft wird von der "Lundehund-Gastroenteropathie" (1) gesprochen. Weite Teile der Züchter und Zuchtvereine sprechen von rein "gar nichts", doch dazu später.

Eine Definition des Lundehund-Syndroms

Tierärztin Dr. Nora Berghoff fasst das Lundehund Syndrom wie folgt zusammen:
"Das Lundehund-Syndrom kann sich in einem Hundeleben zu jeder Zeit, in verschiedenen Graden und bei jedem Geschlecht zeigen. Der Begriff „Lundehund Syndrom“ umfasst die Komponenten Gastritis, PLE, Intestinale Lymphangiektasie (IL), entzündliche Darmerkrankungen (IBD) und Malabsorption."

Sie schrieb 2006/7 über dieses Thema ihre Dissertation unter wissenschaftlicher Betreuung von Prof. Dr. Ingo Nolte von der TiHo Hannover und Prof. Dr. J. M. Steiner von der Texas A&M University. Man kann die Symptome, jedoch nicht die eigentliche Krankheit behandeln. Fast immer führt die Krankheit trotz immensem diätischen und medizinischem Aufwand zu einem - man muss es so sagen - jämmerlichen Tod der armen Hunde. Was die Hunde zu sich nehmen, kommt gleich wieder heraus, erbrochen oder als Durchfall. Die Blutwerte demonstrieren schnell Anämie sowie Schäden an Leber und Nieren. Die Hunde wirken ausgezehrt, sind schlaff und geschwächt. Eine strenge Diät kann das Problem lindern, aber nicht heilen. Die Behandlungskosten übersteigen zudem nicht selten die Möglichkeiten eines Durchschnittshaushalts (siehe unten *).

Leider keine Einzelschicksale

"Alle Blutwerte sind sehr niedrig. Dagegen müssen wir unverzüglich etwas tun. Wegen des Spuckens müssen wir ihn so lange spucken lassen, bis die Medikamente wirken und er dann das Essen drin behalten kann. Wenn das nicht gelingt, muss er in eine Klinik aufgenommen werden. Darüber hinaus erhält er ein besonderes Diät-Futter und bekommt fünf verschiedene Medikamente über den Tag. Cor und ich bleiben immer in der Nähe und schlafen nachts neben den Hunden, es geht ihm so schlecht, dass wir ihn nicht alleine lassen wollen." So aus einem Bericht von November 2008.

"Liebes Frauchen und Freunde,
Über viele Monate habe ich tapfer gegen diese schreckliche Krankheit gekämpft, gegen das Lundehundsyndrom.
Manchmal glaubte ich, dass es mir gelungen ist und ich konnte, zusammen mit meinem Frauchen, noch richtig fröhliche Sachen machen. An anderen Tagen ging es mir dann wieder schlechter, aber zusammen mit meinem Frauchen bin ich immer wieder schön auf die Füße gekommen.
Aber am letzten Freitag und Samstag ist dann doch etwas mit meinem kleinen Gehirn fehl geschlagen. Danach war ich gelähmt und ich konnte überhaupt nichts mehr tun.
Aber ich habe hier eine so wunderschöne Zeit verlebt, ich hatte ein Frauchen an meiner Seite, das nichts lieber tat, als mit mir herum zu tollen, mich zu verwöhnen und das mich überall mit in die Welt genommen hat.
Auch ich weiß noch nicht, wie ich denn demnächst überhaupt ohne sie auskommen soll.
Jetzt bin ich aber zu müde geworden, um noch kämpfen zu können.
Auf eine Besserung darf ich nicht mehr hoffen und ich werde jetzt bald meine Ruhe im Hundehimmel finden.
Alle werde ich dort so sehr vermissen, mein liebstes Frauchen ..., meinen Betreuer ..., meine Spielkameradin ..., die ganze Familie und all die lieben Freunde.
Es soll Euch allen gut gehen.
Euer kleines Knuddelchen" (so aus einem Brief eines verstorbenen Lundehundes *2007 +2009)

Diese Lundehund-Schicksale stehe für inzwischen Dutzende alleine in Europa und nicht wie aus Kreisen der Zuchtvereins-Funktionäre gerne behauptet wird "für Einzelschicksale".

Anfang 2011 notiert die norwegische Züchterin T.O. auf Facebook: "Ich hasse das Syndrom. Donnerstag musste ich wieder einen meiner Hunde nach einem aussichtlosen Kampf gehen lassen. Der kleine Rüde ist gerade einmal ein Jahr alt geworden." Weiter schreibt sie: "Ich habe jetzt fünf Hunde verloren und weitere drei erkrankte Hunde zu Hause. Außerdem weiß ich, dass vier von meinen gezüchteten Hunden ebenfalls erkrankt sind."

Oder Folge jahrhundertelanger Ernährung ohne Fleisch?

Zunächst wurde vermutet, dass dieses Problem aus der Geschichte des Lundehundes herrühre. Man nahm an, dass sich der Verdauungstrakt des Lundehundes über die Jahrhunderte voll auf die Verwertung von Fisch(-resten) und Vögeln (Lunde) spezialisiert habe. Hieraus würden dann Probleme bei Ernährung mit herkömmlichem Hundefutter rühren. Es gab nur noch wenige Lundehunde und wenig Erfahrung. Mit der Zeit konnte man jedoch beobachten, dass zwei Lundehunde, die in demselben Haushalt lebten und gleich ernährt wurden, völlig unterschiedlich reagierten. Bei dem einen konnte das "Lundehund-Syndrom" voll mit allen Symptomen ausbrechen und schnell zum Tode führen, der andere Hund zugleich problemlos und gesund ein hohes Alter erreichen. Zu beobachten war dann auch, dass sich das Lundehund-Syndrom vorwiegend bei bestimmten Zuchtlinien zeigt.

Verdacht auf eine genetisch bedingte Krankheit

Dieser Verdacht auf eine genetisch bedingte, eine Erbkrankheit konnte inzwischen wissenschaftlich erhärtet werden. Praktisch alle Wissenschaftler, die sich mit dieser Problematik befasst haben, gehen von einer erblichen Disposition aus (2). Tierärztin Dr. Susan Lyn Torgerson aus Seattle (USA): "Lundehunde bekommen diese Erkrankung sehr viel häufiger als andere Rassen, und die meisten werden eine Attacke irgendwann in ihrem Leben haben. Forscher schätzen die Inzidenz zwischen 40% und bis zu 100%." (3)
Der genaue Erbgang und die genaue Ursache des Lundehund-Syndroms sind aber noch nicht verstanden, was bei einer so seltenen Hunderasse nicht unbedingt verwundert. Ein Forschungsprojekt "Lundehund Syndrom" wurde 2006 an der TiHo Hannover ins Leben gerufen. Professor Dr. Otmar Distl hatte sich bereit erklärt, das für diese Erkrankung verantwortliche Gen zu bestimmen (9) **. Leider wurde dieses Projekt von der deutschen Züchterschaft nicht wirklich unterstützt.

Ignoranz aus Liebe zu den Hunden oder warum?

Es verwundert schon, wie die Zucht mit diesem offensichtlichen Problem ihrer Hunde umgeht. Das Lundehund-Syndrom wird von weiten Teilen der weltweiten Zuchtvereine und Züchter kurzerhand verharmlost oder unterschlagen (4, 5). Den Haltern und Welpenkäufern der Lundehunde wird gerne suggeriert, dass es sich um ein Randproblem handele. Tritt die Krankheit auf, wird der einzelne Halter ins Visier genommen und ihm Nachlässigkeiten in der Ernährung oder eine zu große Stress-Belastung seines Hundes unterstellt. Es ist eigentlich ein Skandal, wenn die Zuchtordnung des Deutschen Clubs für Nordische Hunde (DCHN) im VDH keinerlei Regelung für dieses Krankheitsbild enthält (6).

Und es erscheint natürlich nicht als Skandal, wenn man das Problem kurzerhand als exotisches Randproblem darstellt, welches nur 10% der Lundehunde in Norwegen beträfe, wie es die IG Norwegischer Lundehund und der Lundehund e.V. machen. Sie berufen sich dabei auf die Ausarbeitung der norwegischen Lundehund-Züchterin und -Zuchtverbands-Funktionärin Espelien, die mit einem netten Aufsatz mal nebenbei die versammelte Wissenschaft Lügen straft, freilich ohne selbst einen belastbaren Beleg zu erbringen. Zu ihrer "nur 10%"-Behauptung räumt sie freimütig ein: "Diese Schätzung basiert auf empirischen Daten, denn eine diesbezügliche Statistik gibt es gegenwärtig nicht." Der Lundehund-IG reicht das aber völlig: "Um vielen Horrorgeschichten (z. B. kurze Lebensdauer, kranke Rasse (IL), Diät erforderlich), die im Hinblick auf den Lundehund im Umlauf sind, entgegenzutreten, wurde ein hervorragendes Exposé von Ingvild Svorkmo Espelien – ... Diplombiologin (cand.scient. ...) und tätig als Oberstudienrätin/ Dozentin für Kleintierkunde – ausgearbeitet." (7) Die meisten anderen Zuchtvereine stoßen ins gleiche Horn.

Diese Ignoranz weiter Teile der Zucht macht Sorge um die Zukunft dieser so besonderen, erhaltenswerten Hunderasse. Mit einer Vogel-Strauß-Taktik mag man zwar Welpenkäufer und geprellte Hundehalter im Zaum halten können, nicht aber die Krankheit. Der Lundehund muss dringend vor einer weiteren Ausbreitung dieser Erbkrankheit geschützt werden - wie auch vor Züchtern, die solche Erbkrankheiten ignorieren. Hunde, die als (wahrscheinlicher) Carrier dieser Krankheit identifiziert wurden, müssen aus der Zucht genommen werden. Eine - soweit medizinisch machbar - negative Diagnose sollte verpflichtende Voraussetzung für eine Zuchtzulassung sein.

Was ist das für eine "Liebe" zu den Hunden, wenn man sie dem Risiko einer solch fatalen Erbkrankheit sehenden Auges aussetzt!? 

Der 1988 gegründete "Norwegian Lundehund Club of America, inc." (8) nennt das Problem beim Namen: "Die Lebenserwartung eines norwegischen Lundehunds gilt als unberechenbar aufgrund des Lundehund Syndroms." Deshalb:

Wir brauchen dringend eine Wende in der Zucht des Lundehundes zur Rettung dieser einmaligen Hunderasse!


* Kostenrisiko Lundehund:
Ein Lundehundwelpe kostet mittlerweile 1.500 €. Die entstehenden Tierarztkosten eines kranken Lundehundes belaufen sich mtl. auf um die 300,- € + teures Spezialfutter. Ein kranker Lundehund kann schnell bei der Erstbehandlung (stationärer Aufenthalt und das Einstellen der Medikamente) 1.000,- € und auch weitaus mehr kosten.

** Möglicherweise ist das LS eine kanine Form des Morbus Crohn  (Inflammable Bowel Disease); Dr. Hellmuth Wachtel weist darauf hin, dass eine Erforschung des LS möglicherweise entscheidende Fortschritte für die Humanmedizin im Verständnis des Morbus Crohn bringen könnte.

(1) Dr.med.vet. Nora Berghoff, Prävalenz und Teilcharakterisierung von Gastroenteropathien mit Proteinverlust beim Norwegischen Lundehund in Nordamerika http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/berghoffn_ws06.html
(2) Prof. Dr. Ingo Nolte, Dipl. ECVIM-CA/ ECVON-CA, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, Schreiben vom 22.11.2007
(3) DVM Dr. Susan Lyn Torgerson, Lundehund Intestinal Syndrome http://lundehunds.com/lundehundsyndromeinfo.html
(4) Norwegian Lundehund Association of America: "There is a small group of Lundehund owners who, prior to the establishment of the NLAA, coined the phrase "Lundehund Syndrome" in an effort to paint an all encompassing picture of the Lundehund GI problems. Please take note that this term is NOT found in any official medical textbooks."
http://www.nlaainc.com/main_page.htm
(5) Norwegischer Lundehundeclub
Suomen Lunnikoirayhdistys Ry
Dänischer Lundehundeclub (keine Erwähnung des Lundehund-Syndroms)
Svenska lundehundsällskapet
(6) Zuchtordnung des Deutschen Clubs Für Nordische Hunde (rassespezifischen Anhang der ZO/DCNH für den Lundehund http://www.dcnh.de/satzung/ralundehund.pdf
(7) Interessengemeinschaft Norwegischer Lundehund, http://www.norwegischer-lundehund.de/informationen.html
Lundehund e.V. http://www.lundehund.eu/
10%-"Untersuchung" von Ingvild Svorkmo Espelien: www.norwegischer-lundehund.de/images/EXPOSE_IL.pdf
(eine Anfrage des Autors an die IG nach Informationen zum Lundehund Syndrom blieb unbeantwortet)
(8) Norwegian Lundehund Club of America http://lundehund.com/health.htm
(9) zur Studie TiHo Hannover Prof. Dr. Otmar Diestl http://quistel.de/Merkblatt_COBOL_Hund.pdf
(10) Warnung vor dem Lundehund-Syndom auf einer kanadischen Info-Seite

Ein Beitrag von Christoph Jung in Zusammenarbeit mit Nicole Kamphausen