Freitag, 16. November 2018

Auf den Müll mit der Theorie von der Domestikation des Hundes auf der Müllkippe

Daniela Pörtl und Christoph Jung im Interview mit Professor Dr. Marc Bekoff auf Psychology Today unter dem Titel: "Dumping the Dog Domestication Dump Theory Once and For All".

Anlass: Im Oktober veröffentlichten wir in einem wissenschaftlichen Magazin den Artikel "Scavenging Hypothesis: Lack of Evidence for Dog Domestication on the Waste Dump". Dort weisen wir nach, dass die von Ray Coppinger und anderen Wissenschaftlern verbreitete These von der Domestikation des Hundes als Aasfresser auf den ersten Müllkippen des Menschen auf sehr wackeligen Füßen steht und keinerlei Belege für ihre Richtigkeit vorlegen kann. Hierzu bat uns Marc Bekoff um ein ausführliches Interview für Psychology Today, das wir hier auf Deutsch in kurzen Auszügen wiedergeben wollen:

(Bekoff) Warum habt ihr diesen Artikel geschrieben und wie steht er in Verbindung zu euren anderen Forschungsinteressen?

(Pörtl) Ich bin mit Hunden aufgewachsen und durfte die Erfahrung machen, dass Hunde mir Liebe und Geborgenheit und somit eine sichere emotionale Basis in einem unsicheren familiären Umfeld geben konnten.

(Jung) Schon seit meinem 14. Lebensjahr habe ich regelmäßig im Supermarkt, als Postbote und Fabrikarbeiter mein eigenes Geld verdient. Von diesem Geld habe ich mir die teuren wissenschaftlichen Bücher und Zeitschriften über Säugetiere und besonders Hunde und Katzen gekauft. Seit meiner Kindheit hat es mich fasziniert, das Geheimnis der Mensch-Hund-Beziehung zu ergründen. Ich hatte dann das Glück bei Professor Bergler in Bonn zu studieren, der diesen Wissenschaftszweig in Deutschland aufgebaut hat. Zusammen mit Daniela Pörtl konnten wir dann unsere Vorstellungen höherentwickeln und haben 2012 unser Modell von der "Aktiven sozialen Domestikation des Hundes" veröffentlicht.

Es gibt zwei gegensätzliche Ansichten vom Hund. Coppinger und die Vertreter der Aasfresserhypothese sehen sein natürliches Wesen als Schmarotzer im menschlichen Umfeld vergleichbar mit Ratten und Stadttauben (Coppinger 2016, S.224). Wir sehen Hunde als echte (Arbeits-)Partner und Freunde, die zudem einen maßgeblichen, aktiven Anteil an unserer Evolution hatten. Dazu haben wir an die Ideen von Michael Derr (2012) und besonders Wolfgang Schleidt und Mike Shelter (1998, 2003, 2018 - siehe Links unten) angeknüpft.
Wir haben einige Punkte neu in die Forschung zur Entstehung des Hundes eingeführt wie:
  • Die Bedeutung der psychischen und neurobiologischen Mechanismen
  • Die zentrale Rolle des zusammen Arbeitens von Mensch und Hund
  • Die Einführung der Epigenetik 
  • Die strenge multi-disziplinäre Herangehensweise

Minnie und Prof. Dr. Marc Bekoff (Credit Tom Gordon)
(Bekoff) Ihr vertretet einen breiten multidisziplinären Ansatz.

(Jung) Ein solch komplexes Wesen wie den Hund kann man nicht mit Blackbox-Versuchen im Labor oder DNA-Analysen verstehen. Wir brauchen beides, aber noch viel mehr. Zu allererst müssen wir die Evolution und Gesellschaftsstrukturen des Menschen verstehen. Das einmalige Phänomen des Hundes ist, dass er sich aktiv in unsere Sozialität eingebunden hat.

(Pörtl) In den letzten 150 Jahren wechselte der Hund von der Arbeit in der Produktion zu der für unser psychisches Wohlbefinden. Durch die einzigartigen psychischen Ähnlichkeiten, können wir positive gesundheitliche Effekte durch die Mensch-Hund-Beziehung feststellen. Neueste Forschungsergebnisse sehen in einem Absinken des Cortisol-Spiegels und Anwachsen bei Serotonin und Oxytocin den Grund für diesen Effekt. Aber die interspezifische soziale Bindung zwischen Menschen und Hunden begann bereits in der Altsteinzeit. Um die Domestikation des Hundes als einen aktiven sozialen Prozess zu verstehen, müssen wir uns mit dem sehr ähnlichen sozialen Verhalten von Wölfen und Menschen und der zugrunde liegenden Neurobiologie beschäftigen. Es ist ein komplexes Geflecht. Daher brauchen wir den interdisziplinären Ansatz.

Das s.g. Domestikations-Syndrom bei Hunden und anderen Säugetieren zeichnet sich durch reduzierte Angst und eine Art Hypersozialität gegenüber Menschen aus. Wir sehen ein Herunterregeln der Stressachsenaktivität sowie eine gestärkte Aktivität der cross-regulierten Serotonin und Oxytocin Beruhigungssysteme sowie eine verstärkte Hemmung im Frontalhirn im Hintergrund. Wir haben also mit neurobiologischen Strukturen zu tun; die wiederum werden durch genetische, epigenetische, Umwelt- und soziale Faktoren geformt. Diese Mechanismen haben genauso bereits bei den Wölfen und Menschen in der Altsteinzeit gewirkt. Wenn wir dann noch wissen wie unsere Ahnen damals gelebt haben, wie die Umweltbedingungen waren, können wir so ein stückweit in diese Zeit hineinschauen.

(Bekoff) Welche neuen interdisziplinären Erkenntnisse sind wichtig, die Domestikation des Hundes als einen aktiven sozialen Prozess von beiden Seiten zu verstehen?

(Pörtl) Stress zeigt sich als wichtiger Faktor, der das Verhalten und die Hirnfunktionen stark beeinflusst. Ein reduziertes chronisches Stressniveau stärkt unsere Hirnfunktionen und das soziale wie kognitive Lernen. Über Hormonfunktionen erhöht das letztlich unsere Fähigkeit zu Empathie und prosozialem Verhalten. Hunde gähnen, wenn ihre Menschen gähnen und das korreliert sogar damit, wie eng die soziale Bindung untereinander ist. Das gilt auch für die Spiegelneuronen. So konnten die Wölfe der Altsteinzeit mit den Jägern und Sammlern gleiche neuronale Abbildungen entwickeln. Neueste fMRI-Studien bestätigen dieses Bild. Menschliche Mütter zeigen ähnliche Aktivitäten im Gehirn wenn sie ihr eigenes Baby sehen wie ihren eigenen Hund. Ähnliches sehen wir bei Hunden, die ihren Besitzer riechen. Diese ganzen Veränderungen müssen schließlich in den Genen abgebildet werden. Hier geht es nicht um einzelne Gene. Es zeigt sich, dass wir es mit einem polymorphen Geschehen zu tun haben, das möglicherweise schon in der Neuralleiste angelegt ist.

(Bekoff) Was sind die neun Annahmen der Dump / Scavenging-Hypothese und warum werden die Prämissen der Scavenging-Modelle nicht durch die Forschung unterstützt?

(Jung) Jeder einzelne unserer 9 Punkte baut auf robuste Belege aus vielen Disziplinen, die in unserem Artikel genau aufgeführt sind. Sie zeigen, dass die Annahmen der Scavenging-Modelle nicht durch Forschungsergebnisse unterstützt werden. Hier unsere 9 Argumente in aller Kürze:

1. Der Zeithorizont in dem die Domestikation des Hundes begann
Die Aasfresser-Hypothese verortet die Entstehung des Hundes auf vor 8.000 Jahren (Coppinger, 2016, Page 220), als die Epoche der Agrarwirtschaft begonnen hatte und mit ihr die ersten Müllkippen mit Nahrung entstanden. Es gibt genug Belege, dass Hunde sehr viel älter sind, 25.000 bis 40.000 Jahre. Zumindest sind sich Archäologen, Paläontologen und die anderen Wissenschaftsdisziplinen einig, dass der erste gesichert Hund mindestens 15.000 Jahre alt ist. Dazu muss man bedenken, dass eine Fossilie, die eindeutig als Hund identifizierbar ist, nur das späte bereits im Knochenbau dokumentiere Ergebnis der Domestikation ist, lange nicht deren Beginn. Allein diese Altersbestimmung macht Coppingers Modell unhaltbar.

2. Die Menschen der Altsteinzeit produzierten keine Müllhalden aus Nahrung
Sie nutzen alles von ihrer Beute für Nahrung, als Kleidung, als Werkzeuge, Baumaterial und Brennstoff. Es war noch keine Wegwerfgesellschaft. Wenn einmal Nahrungsreste zuviel waren, wurden diesen bestimmt nicht in der Nähe des Lagers deponiert, gerade um eben keine Beutegreifer anzulocken. Altsteinzeitliche Müllhalden aus Nahrung nahe der Camps sind schlicht ein Märchen.

3. Und selbst wenn
es solche Müllhalden gegeben hätte, so wäre es nie genug gewesen, die Gründungspopulation einer neuen Art zu ernähren. Die altsteinzeitlichen Clans bestanden aus 20 bis 50 Individuen. Die Bevölkerungsdichte in der Eiszeit war extrem niedrig. Allein dieser Fakt macht die fundamentale Annahme, dass die Natur des Wolfs durch "Gruppenjagd auf Huftiere" und dagegen die des Hundes als "Fresser menschlichen Mülls" zu charakterisieren sei (Marshall-Pescini et al., 2015, S.83) unhaltbar.

4. Anpassung an stärkehaltige Nahrung kam viel später als von der Scavenging-Theorie gefordert
Die Scavenging-Theorie legt zugrunde, dass die Hunde auf den Müllhalden entstanden seien, die nach dem Übergang zur Agrarwirtschaft entstanden (Coppinger, 2016, S. 43). Tatsache ist, dass Hunde sehr viel später, ganz unterschiedlich und bis heute teils immer noch nicht an stärkehaltige Nahrung angepasst sind. Nordische Hunderassen sind bis heute kaum an stärkehaltige Nahrung angepasst, sogar weniger als manche Wölfe.

5. Warum Wölfe und nicht Füchse
Die Aasfresser-Vertreter argumentieren, dass der Wolf die vorgeschichtlichen Müllkippen am Rande der Siedlungen besetzt hätte und sich dort durch Mutation und Selektion selbst domestiziert habe. Wenn das so funktioniert hätte, warum aber nicht auch bei Fuchs, Hyäne, Bär, Dachs oder Schakal? Bär und Fuchs lieben es noch heute, in Mülltonnen und auf Müllkippen nach Fressbarem zu suchen. Füchse lassen sich sehr gut zähmen wie im sibirischen Farm-Fox-Experiment bewiesen. Füchse sind im Gegensatz zum Wolf keine potenzielle Gefahr für Menschen im Lager, besonders Kinder. Der Wolf war ein gefährlicher Wettbewerber, der Fuchs nicht. Doch weder Fuchs noch Bär wurden je domestiziert - zu keiner Zeit in keiner Kultur. Auch hierfür bleiben uns die Vertreter des Aasfresser Modells eine Erklärung schuldig.

6. Belege für prähistorische Arbeitshunde
Auf gut 9.000 Jahre wird das Alter der Hunde geschätzt, die auf Zhokhov Island im Norden Sibiriens zusammen mit den Resten eines Schlittens gefunden wurden. Sie konnten klar in zwei Rassen eingeteilt werden: 7 als Schlittenhunde wie der heutige Husky und 2 als Helfer für die Bärenjagd wie heutige Grönlandhunde. Es gibt etliche weitere Belege für so etwas wie Hunderassen, die tausende Jahre alt sind: Jagd-, Schlitten-, Kriegs-, Hüte-, Wachhunde. Solche Hunde wachsen nicht auf Müllkippen. Der Verweis der Aasfresser-Vertreter darauf, dass heute weltweit die Mehrheit der Hunde als Streuner lebt, tut nichts zur Sache. Die Mehrheit der Menschen lebt heute auch in MegaCities und ernährt sich aus industrieller Massentierhaltung. Gleiches gilt für das Argument, Hunderassen seien eine Erfindung der Neuzeit, weil es vorher noch keine Rassestandards und keine Pedigrees gab. Mal abgesehen davon, dass speziell die Jagdhunde des Hochadels schon seit Jahrhunderten nach solchen Vorgaben gezüchtet werden, müsste man so auch argumentieren, dass verschiedene Kohl- oder Getreidesorten erst entstanden seien, nachdem die EU ihre Normen hierfür festgelegt hatte.

7. Ehre für einen Aasfresser?
Aus allen Kulturen und zu allen Zeiten sind ehrenvolle Gräber für Hunde und teils gemeinsame mit ihren Menschen belegt. Das älteste ist 14.200 Jahre alt, Doppelgrab Bonn-Oberkassel. Es macht viel Arbeit, mit Steinwerkzeugen ein Grab auszuheben. Würde man einem schmarotzierenden Aasfresser, der am Rande der Lager herumlungert, soviel Ehre erweisen?

8. Kooperation oder Konkurrenz
Unser heutiges Bild vom "bösen" Wolf ist geprägt von einer Darstellung als Bedrohung. Der Wolf wurde in fast ganz Europa ausgerottet. Um zu überleben, musste er sehr scheu werden, den Menschen meiden. Das ist das heutige Bild. Im hohen Norden Kanadas sehen wir andere Wölfe. Die Arktischen Wölfe auf Ellesmere oder Baffin Islands haben keine Angst vor Menschen, sind neugierig und am Kontakt zu Menschen interessiert, akzeptieren sogar einzelne Menschen als Rudelmitglieder.

9. Der Wolf als Freund bei Naturvölkern
Diese Beobachtung passt zu den Berichten heutiger Naturvölker wie in Sibirien oder Nord-Amerika. Diese sprechen mit Respekt vom Wolf als Bruder, Begleiter, Lehrmeister. Wölfe werden als Heilige oder Begleiter von Heiligen geehrt. Dasselbe gilt für deren Erzählungen und Sagen. Es gibt keine Berichte von Wölfen oder Hunden als Aasfresser oder Streuner am Lager.

(Bekoff) Welche Hypothese unterstützt ihr?

(Pörtl) Wir denken, dass das kooperative und hoch soziale Verhalten früherer Wölfe und Menschen einer der Hauptgründe für die Entstehung des Hundes ist. Wilde Wölfe lebten im Wettbewerb mit Menschen und genau das ist der Grund warum sie sich immer wieder bei der Jagd oder am Riss trafen. Dabei war es ihnen aufgrund ihrer ähnlichen sozialen Struktur möglich, zwischenartliche Kommunikation aufzubauen, wohl anfangs, um das Risiko für Verletzungen zu mindern. Mit der Zeit erlaubte dies den Aufbau einer mutualistischen Kooperation bei der Jagd oder der Aufzucht der Jungen. So wurde für beide ein evolutionärer Vorteil geschaffen. Wir schlagen daher die Hypothese von der "Aktiven sozialen Domestikation des Hundes" (ASD). Wir vermuten zudem, dass ASD ein epigenetischer Effekt ist, der die Wechselwirkungen der HPA-Stressachse und Beruhigungssysteme im Gehirn verändert.

Domestikation beschreibt ein Verhältnis zwischen Menschen und Tieren, das zu Veränderungen im Aussehen und Verhalten führt. Das Domestikationssyndrom entwickelt sich sehr schnell und vielfältig und kann nicht allein durch Selektion und Mutation erklärt werden. Daher sehen wir eine epigenetische Runterregulation der Stressachse als Schlüsselelement zur Regulierung der Serotonin-, Oxytocin-Systeme und der zentralen Hemmung im Gehirn. Diese epigenetischen Veränderungen werden bereits in der Kindheit programmiert. Auf diese Art konnten die Individuen der Wolf-Mensch-Clans weniger aggressiv und weniger scheu untereinander werden und ein freundschaftliches interspezifisches Verhalten innerhalb der Gruppe entwickeln. Dabei bleib die defensive Aggression gegen die Out-Group erhalten. Die soziale Kompetenz wurde gehoben, die Lernfähigkeit ebenso. So entstanden Wille und Fähigkeit, zusammen zu arbeiten als eine Form der aktiven Partnerschaft von Mensch und Hund. So half der Hund dem Mensch in allen Berufen. Das verbindet. Auch heute noch wirken diese Mechanismen und produzieren die positive Wirkung des Hundes auf unsere Psyche und Gesundheit.

(Bekoff) Welche zukünftige Forschung ist nötig, um mehr Licht auf die Domestikation des Hundes zu werfen?

(Jung) Wir brauchen mehr Forschung zur gemeinsamen Evolution und Geschichte in der Steinzeit, Antike und auch heute. So wird oft unterstellt, Hunderassen seien ein Phänomen des Victorianischen Zeitalters. Aber das ist keineswegs so. Es gibt klare Beweise für eine sehr viel ältere Hundezucht. So hatte der Hochadel große Zuchtstätten, um die besten Hunde für die verschiedenen Jagdmethoden zu züchten. Ein sehr gezieltes Züchten mit Standard und Zuchtbüchern über Jahrhunderte hinweg. Selbst das 2.400 Jahre alte Buch "Kynegetikos" des Griechen Xenophon kann man als Liste von Rassestandards und Zuchtanweisungen verstehen. Ferner würde ich es mir wünschen, wenn das Fach "Kynologie" wieder als eigenständige Disziplin an den Universitäten eingeführt würde.

(Pörtl) Aus meiner Sicht ist es notwendig, die neurobiologische Forschung zu intensivieren, besonders fMRI-Studien und die Erforschung von epigenetischen Methylierungsmustern im Gehirn. Wir wissen heute, dass sogar einzelner akuter Stress wie auch chronischer Stress die Genfunktionen verändern kann und die Retrotransponder im Gehirn reguliert. Das kann auch zu strukturellen genetischen Veränderungen im Sinne von Evolution und Anpassung des individuellen Organismus führen.

(Bekoff) Gibt es noch etwas, was ihr dem Leser sagen wollt?

(Jung und Pörtl) Georges de Cuvier, Begründer der modernen Zoologie, beschreibt es so:

Der Hund ist die merkwürdigste, vollendetste und nützlichste Eroberung, welche der Mensch jemals gemacht hat. ... Vielleicht ist er sogar notwendig zum Bestand der menschlichen Gesellschaft.“ (Animal Kingdom, 1817 S.90) 

Diese vor 200 Jahren aufgeschriebenen Worte sind weise und wirklich wahr. Die Freundschaft von Mensch und Hund ist ein großes Geschenk. Wir haben die Chance unser eigenen Wohlbefinden zu verbessern. Aber wir müssen Fürsorge für die Hunde tragen und sie mit Respekt als unsere Partner und Freunde verstehen, nicht als so genannte Aasfresser, um den menschlichen Müll herumlungernd als deren angeblich natürlicher ökologischer Nische.
*****

Mit freundlicher Genehmigung von Marc Bekoff / Psychology Today. Hier der Link zum Original Interview:
https://www.psychologytoday.com/us/blog/animal-emotions/201811/dumping-the-dog-domestication-dump-theory-once-and-all

zur Vertiefung:


Sonntag, 14. Oktober 2018

Schwarzbuch Hund: Qualzucht, Hundehandel, Futterschwindel

Ende 2008 erschien die erste Ausgabe von Schwarzbuch Hund. Damals mit dem Zusatz: Die Menschen und ihr bester Freund. Seither wurde ich etliche Male im TV, Radio und für Zeitungen interviewt. Das Thema Qualzucht, die Missstände in Zucht und Hundehandel sind inzwischen zu einem Standardthema der Medien geworden. In letzter Zeit wurde ich immer wieder gefragt, was sich seither getan habe. Es kam die Bitte, dass ich das Schwarzbuch auf aktuellen Stand bringen solle. Das habe ich nun getan.
Christoph Jung - Schwarzbuch Hund: Qualzucht, Hundehandel, Futterschwindel
Nun ist die 4.Auflage von Schwarzbuch Hund erschienen, heute mit dem Zusatz:  Qualzucht, Hundehandel, Futterschwindel. Es ist im Grunde ein neues Buch geworden. Nicht, dass ich irgendeine Aussage von damals zurücknehmen müsste. Ganz im Gegenteil. Die Aussagen bestanden jeden juristischen Test. Ob Züchter oder ganze Zuchtvereine (darunter auch ein großer im VDH), sie drohten mit Rechtsanwälten und Abmahnungen in gleich mehreren Dutzend. Nicht ein einziges Mal musste ich etwas auch nur korrigieren. Die zahlreichen Rechtsstreite, die mir aufgezwungen wurden, habe ich sämtlich zu 100% gewonnen. Es war aber zermürbend. Noch zermürbender waren die Beleidigungen, Verleumdungen und Bedrohungen, die ich ertragen musste und bis heute immer wieder ertragen muss - phasenweise täglich. Doch es gibt für mich keine Alternative. Ich muss nur meinen Hunden in ihre schönen, treuen Augen blicken, an deren Wohl und unsere Verantwortung hierfür denken. Ich kann und will nicht schweigen zu dem Elend, das wir ihnen antun.

Im neuen Schwarzbuch habe ich die ganzen Erfahrungen der letzten Jahre berücksichtigt. Ich behandele nur die Punkte, auf die es meiner Meinung nach ankommt. Ich nehme uns Hundehalter viel mehr in die Pflicht. Das gilt auch für die Futtermittelindustrie, besonders die großen Marken der Konzerne, die angeblich das Wohl der Hunde im Auge haben. Ich verarbeite meine Erfahrungen aus der Wissenschaftsszene rund um den Hund. Auch hier geht es nicht selten nur um das Geschäft mit und besonders auf Kosten des Hundes. Ich habe das Themenfeld erweitert, aber mich trotzdem kürzer gehalten. Denke, es ist sehr spannend - und vor allem, es lohnt sich zu lesen. Hunde haben uns als Freunde verdient. Ich denke, wir könnten und sollten bessere Freunde werden. Das ist mein Anliegen.

Ich habe das neue Schwarzbuch wieder bei BoD veröffentlicht, da ich keine Lust auf Zensur habe. Ich weiß wovon ich spreche. Ich hoffe, die neue Auflage ist bald erhältlich und wird auch korrekt ausgewiesen. Bisher ist es bei Amazon.de zum Beispiel noch ein Mischmasch aus der alten und neuen Auflage. Darauf habe ich leider keinen Einfluss.

Euer
Christoph Jung

Montag, 1. Oktober 2018

"Die Weisheit alter Hunde"

Im April fragte mich Frau Braken-Gülke vom Ludwig Verlag, ob ich Interesse hätte, eine Rezension zum neuen Buch von Elli H. Radinger "Die Weisheit alter Hunde: Gelassen sein, erkennen, was wirklich zählt – Was wir von grauen Schnauzen über das Leben lernen können" zu schreiben. Das mache ich gerne. Leider kam das Buch dann vorab als PDF. Ich lese nicht gerne längere Texte am Bildschirm. Da habe ich lieber ein gut aufgemachtes, gedrucktes Buch in der Hand. Und trotzdem hat das Lesen von Ellis neuem Buch viel Freude bereitet. Ich konnte es kaum mehr weglegen. Es ist kurzweilig, spannend, für mich sehr berührend, ...und quasi nebenbei ist es noch sehr lehrreich. Ich bin ein langsamer Leser; bei Ellis neuem Buch hatte ich die 325 Seiten aber im Nuh durch. Doch der Reihe nach.
Nach ihrem Bestseller "Die Weisheit der Wölfe" hat sich Elli Radinger die Weisheit alter Hunde vorgeknöpft. Wie bei den Wölfen, die sie lange Jahre in ihrer natürlichen Umgebung, das heißt Freiheit, hier in der Wildnis von Yellowstone, mit scharfem Blick und viel Intuition beobachtet hat, so auch die Hunde. Die werden ebenso in ihrer natürlichen Umgebung beobachtet, meint in der Familie als innige Begleiter und engste Freunde des Menschen. Es ist tatsächlich ein Buch über die Weisheit alter Hunde. Aber es ist besonders eines über die Weisheit von Elli selbst. Mich persönlich berührt es sehr. Wahrscheinlich geht es vielen ebenso, die schon ein- oder mehrmals einen alten Hund hatten, der in Gedanken gerade eben noch der tollpatschige Welpe von „gestern“ war. Es ist der einzige Wehrmutstropfen der Freundschaft zum Hund. Er verlässt uns nach 10 oder 15 Jahren. So will es die Natur. Durch die menschengemachten Missstände in der Zucht, im Hundehandel oder der Fastfood-Ernährung, erleben viel zu viele unserer Schützlinge nicht einmal diese Natur gegebene Spanne.
Mein Podenco-Mix Zander, 14 Jahre, verfressen wie immer, schläft nur mehr
 "Die Weisheit alter Hunde" ist ein sehr emotionales, fühlendes Buch. Ein Herzbuch wie mir Elli schrieb. Es berührt. Trotzdem ist es keineswegs oberflächlich. Es enthält tatsächlich im besten Sinne viele Weisheiten, die uns Menschen, unseren Hunden und am besten beiden zusammen das Leben lebenswerter, lohnender machen. Elli verkauft keine Platitüden. Ihre Beobachtungen, ihr emphatisches Erleben mit Hund kann heute immer dichtmaschiger von nüchterner Wissenschaft untermauert werden. Elli schafft es, diese echten Weisheiten aus dem Leben und für das Leben mit Hund verständlich und praktisch anwendbar aufzubereiten. Der Inhalt ist gewichtig, zu lesen ist es ist leicht. Elli gelingt auch, was der Hundeszene so schmerzlich fehlt. Ihre Standpunkte enthalten nie etwas Abwertendes gegenüber Andersdenkenden, selbst dann nicht, wenn sie ausdrücklich Kritik übt. Elli ist nicht belehrend oder gar moralisierend.

 "Die Weisheit alter Hunde" ist ein wunderschönes Dokument der innigen Bindung von Mensch und Hund. 

Für meinen Geschmack werden die alten Hunde einen Tick zu sehr idealisiert. Hunde können - sehr ähnlich Menschen - im Alter ihre Persönlichkeit ändern. Manche werden dement, unpässlich, ja sogar bissig. Glücklicherweise ist es eher selten. Das ändert aber nichts am Gehalt des Buches. Ich kann es nur wärmstens empfehlen.
Mary und Bruno, beide 11 Jahre, ein Herz und eine Seele
 Vor 11 Jahren schrieb ich hier auf Petwatch eine Rezension zu Ellis kleinem Bändchen "Der Verlust eines Hundes - und wie wir ihn überwinden". Zu jener Zeit musste ich mich auf den Abschied von meinem geliebten Bulldog Willi einstellen, damals knapp 11 Jahre alt. Mit Schrecken realisiere ich, dass mein kleiner Bruno, der Nachfolger von Willi, nun auch schon 11 Jahre ist. Ein schon alter Hund wie meine beiden anderen Hunde auch. Working Siberian Husky Mary (auch 11) und Podenco-Mix Zander hat jetzt 14 Jahre auf der Uhr. Alle sind - toitoitoi - noch voll fit und freuen sich jeden Tag auf die Gassi-Runde(n). Ich weiß dieses Glück zu schätzen. Ich genieße es Tag auf Tag, Minute für Minute - ganz bewusst und mit Freude. So wie es Elli in ihrem Buch so wunderschön empfiehlt.

Eine Rezension von Christoph Jung



Montag, 10. September 2018

Den Bulldog retten?!

Man mag ihn oder man hasst ihn. Beim englischen Bulldog scheiden sich die Geister. Ob man ihn nun mag oder nicht, er ist die erste und älteste Hunderasse der modernen Rassehundezucht. Der Bulldog zählt ebenso zu den ältesten Hunderassen der Welt überhaupt und lässt sich bis zu den Römern und Kelten nachverfolgen. Dort dienten Bulldogs bis ins britische Empire hinein als Kampfhunde in den Arenen des Tierkampfes. Durch seine Kampfkraft, seinen Mut, seine Entschlossenheit und sein Durchhaltevermögen wurde der Bulldog legendär.
Der Bulldog ist weltweit der am meisten als Symbol oder Maskottchen verwendete Hund. Ob Autos, Traktoren, Flugzeuge, Schiffe, Baseball- oder Footballmannschaften, Universitäten, Herrenparfum, Bier - es gibt kaum ein Thema, das nicht mit dem Bulldog wirbt. Selbst Schlankheitsmittel wie Alamsed werben in teuren Kampagnen mit Bulldog. Das ist kein Zufall. Der Bulldog hat einen einzigartigen Charakter. Er hat Charme, Coolness, Contenance bis hin zum scheinbaren Phlegma und zugleich einen unbändigen, ungestümen Willen mit - wenn er will - enormer Durchschlagskraft. Nicht umsonst ist er britischer Nationalhund und Churchill rief im Zweiten Weltkrieg seine Truppen auf, sie sollten "kämpfen wie ein Bulldog" - in England damals wie heute eine verbreitete Losung.
The Perfect Bulldog von 1900 - auch exakt der perfekte Bulldog entsprechend heute geltendem FCI-Standard - ohne Qualzuchtmerkmale.
Heutiger Bulldog auf der World Dog Show 2017 des VDH in Leipzig. Solche Hunde widersprechen eklatant dem Standard und müssten disqualifiziert werden (Nasenfalte, Rute, Gewicht, Körperbau etc). In der Realität erhalten solche und noch wesentlich schlimmer missgebildete Exemplare auf den VDH-Shows höchste Bewertungen und Championate.

Die erste und älteste moderne Hunderasse

Freilich war dies ein anderer Bulldog als der, den wir heute in den Ringen der Ausstellungen ansehen müssen. Der Bulldog ist nicht nur die erste, vielmehr auch der am meisten von ihr gebeutelte und geschundene Hund der modernen Rassezucht. Weite Teile muss man heute als Qualzucht bezeichnen, Hunde, denen die Show-Zucht einen Körper verpasst, der ihnen die Teilnahme am normalen Leben ihrer so geliebten Menschen zur Qual werden lässt. Es ist ein Skandal, dass unser Staat und wir alle so etwas mitten in Europa geschehen lassen. Jeder Tier- und besonders jeder Hundefreund müsste aufstehen und ein "Stopp!" dieser systematischen Tierquälerei einfordern. Die, die sich dann zuweilen melden, machen es sich leider oft zu einfach, wenn gleich ein Zuchtverbot gefordert wird. Damit ist nichts gewonnen. So macht man es sich zu einfach. Nicht die Hunderasse, das Opfer, gehört verboten, vielmehr die Qualzucht und die ganz allgemein. Den Tätern sollte das Handwerk gelegt werden! Das gilt leider auch für viele weitere Hunderassen, denken wir an Dobermann, Lundehund, Bully oder Mops - um nur einige zu nennen.
Bereits 1846 wurde der Bulldog als Begleiter britischer Gentlemen kommerziell gezüchtet.
Mein Traumhund...

Der Bulldog ist ob seines charismatischen, uns Menschen überaus herzlich zugewandten und trotzdem eigenwilligen, derben Charakters mein Traumhund. Schon in meiner frühesten Kindheit zog er mich in den Bann. Als ich in den 1990er Jahren endlich den ersten "eigenen" Bulldog zu mir holen konnte, war ich noch vollkommen naiv hinsichtlich der Abgründe der Hundezucht. So begann ich, so musste ich beginnen, mich für meinen besten Freund zu engagieren, für sein Wohl und seine Gesundheit. Ein ganze Menge Dinge wurden seither bewegt. U.a. entstand so das "Schwarzbuch Hund - Die Menschen und ihr bester Freund", dessen umfassend überarbeitete und aktualisierte Neuauflage für Oktober geplant ist.

...von VDH und Tierschutz verraten

2010 interessierte sich sogar die VDH-Spitze für das Wohl des Bulldogs und holte mich ins Boot für eine Wende in der Zucht des Bulldogs. Anfang 2012 musste man feststellen, dass diese gescheitert war - zumindest vorerst. Die breite Masse der Züchter hatte - von Mallorca aus gesteuert - einen Weg gefunden, sich dieser Wende zu entziehen und trotzdem im Geschäft zu bleiben. Sie meldeten ihren Zwinger bei einem FCI-Verband in Griechenland, der Ukraine, Slowakei, Ungarn, Aserbaidschan oder anderen Ländern an und konnten so weiter auf den Shows des VDH ihre V1-Bewertungen und Championate holen. Ein laut FCI-Statuten zwar illegaler aber mit etwas Bakschisch locker machbarer Weg. Den Welpenkäufern in Deutschland werden dann irgendwelche Märchen erzählt, wenn es denen überhaupt auffällt. Diese "Züchter" können für viel Geld die Nachkommen eines VDH-Champions vermarkten und sich mit den VDH-Bewertungen den Anschein einer seriösen Zucht geben. Die "Züchter" haben den weiteren monetären Vorteil, dass rein gar keine Kontrolle ihrer Zucht mehr stattfindet und sie offizielle FCI-Papiere auf Zuruf  bekommen. So können dann auch noch Kuckuckswelpen problemlos vermarktet werden. Der VDH profitiert daran ebenso, denn er verdient eh mehr als die Hälfte seiner Einnahmen mit den Ausstellungen. Zugleich hat er sich faktisch der züchterischen Verantwortung für diese in der öffentlichen Kritik stehende Hunderasse entledigt. Auf der Strecke bleibt das Wohl des Hundes.
Beim Jubiläum des Österreichischen Bulldog-Klubs durfte ich die Rede halten. Ich habe meine Kritik an den Missständen der Rassehundezucht deutlich genannt. Trotzdem oder gerade deswegen gab es sehr viel Zustimmung.

Österreich: Es geht auch anders!

Am 8. September 2018 feierte der Österreichische Bulldog-Klub (ÖBUK) sein 120-jähriges Jubiläum im Gebäude des Österreichischen Kynologenverbands (ÖKV). Der Klub ist der älteste Hundeverein Österreichs. Präsident Günther Stadler hatte mich eingeladen. Ich konnte mir ein Bild machen und mit vielen Verantwortlichen wie Welpenkäufern sprechen und natürlich die Bulldogs anschauen. Es macht viel Hoffnung, was da unter Leitung von Präsident Stadler, seiner Vorgängerin Sabina Raser und der Zuchtverantwortlichen, Tierärztin Dr. Eva Müller, auf den Weg gebracht wird. Der Klub engagiert sich für einen gesunden Bulldog und das nicht nur in Worten. Wir sehen Bulldogs, die problemlos am Leben ihrer Familie teilnehmen können, fit und munter mit einer normalen Lebenserwartung. Der offizielle FCI-Standard wurde 2009 extra in diese Richtung geändert, eine Richtung, die der ÖBUK konsequent geht. Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein. Doch wird selbst der geltende Standard ignoriert wenn es um die extremsten Bulldogs mit riesigen Nasenfalten und plumpem Körperbau geht. Die Österreicher sind hier die positive Ausnahme. Nur wenige Züchter wie die verbliebenen drei im VDH, vorne dran Bettina Selle-Treiber (Smooth Power Pack) und vielleicht eine Handvoll weiterer Züchterinnen gehen ebenso diesen Weg. Doch es ist der einzige Weg mit einer Zukunft für den Bulldog.
ÖKV Zuchtrichterin Gabriela Höllbacher und die Clubsieger. Hier liegen Welten zwischen den kranken Hunden auf den VDH-Shows und den vitalen beim ÖKV.

Es geht um mehr als "nur" den Bulldog

Der Welpenmarkt des Bulldogs wird immer mehr von der mafiös organiserten Szene des Welpenhandels und der unseriösen "Züchter" nach oben beschriebenem Muster beherrscht. Nach meiner Schätzung kommen weit mehr als 90% aller Welpen aus solchen Quellen, die einzig ein hochprofitables Geschäft zulasten der Hunde, der Welpen und besonders der Mutterhündinnen darstellen. Der Bulldog ist jedoch nur ein Kristallisationspunkt der ganzen Missstände in weiten Teilen der Hundezucht mit Stichworten wie "Qualzucht" und "Hundehandel". Leider ist Hundehandel in der EU legal. Es gibt zwar auch den illegalen Hundehandel, etwa wenn Welpen zu jung in Europa vermarktet werden, aber das ist nur ein kleiner Teil. Die breite Masse der Puppy Mills mit der nötigen europaweiten Vermarktung ist in der EU legal. Deshalb greift auch die Forderung nach einem Stopp des illegalen Hundehandels viel zu kurz. Hundehandel als solches gehört EU-weit verboten. Nur seriöse Züchter selbst sollten ihre selbst gezüchteten Hunde gegen Entgelt direkt an die Hundehalter veräußern dürfen.

Es gibt keine Lobby für eine gesunde, artgerechte Hundezucht. Im Gegenteil, holen sich die Welpenkäufer immer öfter ihren Hund aus dieser Szene und befeuern damit diese systematische Tierquälerei. Das ist die Realität des Tierschutzes. Deshalb ist das Engagement des ÖKUB für eine Wende in der Zucht des Bulldogs nicht hoch genug zu bewerten. Es ist der einzig richtige Weg, diese tollen Hunde, dieses Kulturgut der Menschheit zu retten und für die kommenden Generationen zu erhalten.
Edna (Züchterin und Besitzerin Dr. Eva Müller) gewann den Veteranen-Titel. Ein munteres Bulldog-Mädchen, dem man ihre 12 Jahre nicht anmerkt - toll!
Es ist unsere Verantwortung, unser Teil echter Freundschaft zu unserem besten Freund, genau hierfür Sorge zu tragen. Und das betrifft alle Hunde. Sie brauchen unsere Fürsorge und sie haben diese allemal verdient.

Wir haben Verantwortung, nicht nur für den eigenen Hund.


Bulldogs in Geschichte und Gegenwart

Ein Beitrag von Christoph Jung



Sonntag, 20. Mai 2018

14.000 Jahre emotionale Bindung zwischen Mensch und Hund

Es gibt nicht wenige Wissenschaftler, die ein besonderes emotionales Band zwischen Mensch und Hund in Frage stellen. Positive Effekte auf die Psyche des Menschen seien nicht wirklich nachweisbar, so vertritt es John Bradshaw, Anthrozoologe aus Bristol. Der durch seine Bücher auch in Deutschland bekannte und von Medien und Hundefachleuten oft zitierte, kürzlich verstorbene Biologie-Professor Ray Coppinger sieht im Hund lediglich einen Schmarotzer, dessen Natur es sei, menschlichen Müll zu verwerten. Ähnlich sehen es die Wiener Verhaltensbiologinnen Friederike Range  und Zsófia Virányi, die ein Dasein als Aasfresser für Hunde und das eines kollektiven Jägers von Huftieren für Wölfe als deren jeweils charakteristische Natur  beschreiben. Coppinger kanzelt eine Charakterisierung des Hundes als "besten Freund des Menschen" mit so wörtlich "hohles Statement" ab.

Manche Wissenschaftler bezweifeln die besondere Rolle des Hundes

Die Natur des Hundes als Vertilger von Aas und menschlichen Fäkalien zu beschreiben, meint kein hohes Ansehen für unseren treuen Begleiter seit wohl 35.000 Jahren. Für viele Menschen unseres Kulturraumes ist die Vorstellung eines Tieres als Partner oder Freund des Menschen auf Augenhöhe  im Wortsinne Gotteslästerung. Die Ideologie von der Sonderstellung des Menschen als Ebenbild eines Gottes, dem alle anderen Kreaturen der Welt zu dienen hätten, erscheint mir immer noch lebendig, wenn auch kaum in einer solch platten Form.

Es gibt immer mehr wissenschaftlich handfest begründete Hinweise, das speziell Hunde und Menschen psychisch sehr ähnlich ticken, sozial wie emotional eng verbunden sind. Kaum möglich scheint jedoch eine belegbare Antwort auf die Frage, ob schon Steinzeitmenschen ein emotionales Band zu ihren Hunden entwickelt hatten. Schließlich versteinern Gefühle nicht. Doch selbst Gefühle hinterlassen Spuren.
Pütz Martin, Jürgen Vogel, Ralf Schmitz (LVR-LandesMuseum Bonn)
Archäologische Spuren der Gefühle

Wir haben sogar die Spur von Gefühlen zwischen Mensch und Hund, die 14.200 Jahre alt ist. Sie führt uns nach Deutschland, genauer Oberkassel bei Bonn. Das berühmte Doppelgrab wurde in den letzten Jahren von verschiedenen internationalen Wissenschaftlergruppen noch einmal gründlich untersucht. Zunächst einmal überrascht, dass es sich um die Überreste von zwei Hunden handelt, einen älteren und einen Welpen. Dabei wurde bestätigt, dass es sich um voll domestizierte Hunde und nicht etwa um Wölfe handelt. Eine Arbeitsgruppe um Luc Janssens von der Universität Leiden untersuchte die Reste dieser Hunde, die zwischen einer etwa 20 jährigen Frau und einem mittelalten Mann begraben worden waren, noch genauer. Anfang des Jahres wurden die Ergebnisse in dem Fachmagazin "Journal of Archaeological Science" veröffentlicht.

Ein 14.000 Jahre alter Welpe mit Staupe 

Die Überreste des Welpen verrieten dabei Erstaunliches. Anhand von Spuren in den Zähnen konnte nachgewiesen werden, dass der Welpe schwer an Staupe (Morbillivirus) erkrankt war. Die Wissenschaftler schätzen, dass der Welpe binnen drei Wochen an seiner Erkrankung hätte sterben müssen. Doch er überlebte drei bis vier Monate und währenddessen nicht weniger als drei Schübe dieser auch heute noch unheilbaren Viruserkrankung. Dies sei nur durch intensive Pflege durch seine Menschen erklärbar. Sie müssen den Welpen gewärmt, ihn mit Wasser und Futter versorgt haben. Da der Welpe keinen Nutzen als Arbeitstier gehabt habe, könne man von einer einzigartigen Beziehung der Pflege zwischen Menschen und Hunden vor 14.000 Jahren ausgehen, so Luc Janssens*.

Gemeinsam leben, arbeiten, fühlen

Die Befunde der Arbeitsgruppe um Luc Janssens kann man als Beleg werten, dass das tiefe emotionale Band zwischen Mensch und Hund keine neumodische Sentimentalität, vielmehr ein uralter Teil unseres Kultur- und Gefühlslebens ist. Das verwundert nicht, sieht man den Hund nicht abschätzig als Müllverwerter vielmehr als Partner bei der Arbeit und im Überlebenskampf der Eiszeit, sieht man den Hund als Teil unserer Sozialität. Genau das schlagen Daniela Pörtl und der Autor dieses Artikels mit dem Modell der "Aktiven sozialen Domestikation des Hundes" vor. Auf Grundlage dieser Zusammenarbeit beim Jagen, Wachen, Verteidigen, Transportieren, Hüten von Schafen, beim gemeinsamen Schlafen in den Zelten, beim gemeinsamen Spiel als Kinder entwickelten sich tiefes gegenseitiges Verständnis und emotionale Bindung. Das lässt sich mittlerweile sogar am Computer live nachvollziehen, wenn Professor Gregory Berns seine Hunde in den Computertomografen legt und beim fMRT zuschaut, wie bei Hund und Mensch die gleichen Hirnregionen aktiv werden.

Ein Beitrag von Christoph Jung

*(Luc Janssens in der Presseerklärung der Uni Leiden: "That would mean keeping it warm and clean and giving it food and water, even though, while it was sick, the dog would not have been of any practical use as a working animal. This, together with the fact that the dogs were buried with people who we may assume were their owners, suggests that there was a unique relationship of care between humans and dogs as long as 14,000 years ago.")
https://www.universiteitleiden.nl/en/news/2018/02/emotional-bond-between-humans-and-dogs-goes-back-14000-years

Luc Janssens, Liane Giemsch, Ralf Schmitz, Martin Street, Stefan Van Dongen and Philippe Crombé  (2018). A new look at an old dog: Bonn-Oberkassel reconsidered, Journal of Archaeological Science, https://doi.org/10.1016/j.jas.2018.01.004

Mehr zu diesem Thema und den genetischen, epigenetischen und neurobiologischen Hintergründen der Mensch - Hund Beziehung könnt ihr erfahren auf dem 

4. Rostocker Vierbeinerforum


Es referieren:
  • Irene Sommerfeld-Stur, Genetikerin
    Wie wird der Hund zum Hund - Grundlagen der Genetik und Epigenetik
  • Daniela Pörtl, Ärztin mit Schwerpunkt Neurologie und Psychiatrie
    Die Mensch-Hund Beziehung im Spannungsfeld von Umwelt, Epigenetik und Genetik
  • Christoph Jung, Diplom-Psychologe und Publizist
    Vom Allrounder zum Spezi - Hund extrem: Ästhetik und Leistung vs. Ethik 
Samstag, 16. Juni 2018 
von
08:30 Uhr bis 17:30 Uhr
Hörsaal der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock
Justus-von-Liebig-Weg 8
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