Im Verhandlungsergebnis von CDU/CSU und SPD zur Bildung einer neuen Bundesregierung befindet sich eine von den Massenmedien kaum beachtete Passage zum Thema Wolf. Sie lautet wörtlich:
"Im Umgang mit dem Wolf hat die Sicherheit der Menschen oberste Priorität. Wir werden die EU-Kommission auffordern, den Schutzstatus des Wolfs abhängig von seinem Erhaltungszustand zu überprüfen, um die notwendige Bestandsreduktion herbeiführen zu können. Unabhängig davon wird der Bund mit den Ländern einen geeigneten Kriterien- und Maßnahmenkatalog zur Entnahme von Wölfen entwickeln. Dazu erarbeiten wir mit der Wissenschaft geeignete Kriterien für die letale Entnahme. Wir wollen, dass Wölfe, die Weidezäune überwunden haben oder für den Menschen gefährlich werden, entnommen werden." (Hervorhebungen CJ)
Ich möchte einmal wissen, auf welcher "wissenschftlichen" Grundlage hier eine "notwendige Bestandsreduktion" mal kurz so behauptet wird. "Letale Entnahme" meint nichts anderes als den Abschuss von Wölfen. Auch andere "Entnahmen" laufen zu 100% auf die Tötung des Wolfes hinaus. Ein wilder Wolf kann nicht im Gehege gehalten werden. Es ist schon bemerkenswert, dass dem Wolf und seiner Bejagung ein ganzer Abschnitt in einem Papier, das Basis einer 4-jährigen Bundesregierung sein soll, gewidmet wird. Und diese Basis ist wolfsfeindlich.
Zugleich werden Themen wie Qualzucht und Welpenhandel und weitere zusammen mit einem einzigen unverbindlichen Spruch abgespeist, einer Floskel, die schon in den Papieren der letzten gefühlt 20 Regierungen stand und lediglich den Status Quo erhalten soll:
"Das für Tierschutzfragen zuständige Ministerium wird bis zur Mitte der Legislaturperiode Vorschläge für konkrete Maßnahmen bis hin zu Verboten zur Verbesserung des Tierschutzes in diesen Bereichen vorlegen."
Der Kotau vor den Interessen der Agar- und Lebensmittelindustrie sowie der Jagdlobby ist tiefer nicht möglich.
Christoph Jung
Donnerstag, 8. Februar 2018
Donnerstag, 1. Februar 2018
Hunde und Qualzucht 2/2
Im ersten Teil habe ich das Thema Qualzucht behandelt und einige betroffene Hunderassen aufgezählt. Aus meinem Archiv habe ich nun einige historische Aufnahmen dieser Hunderassen zusammengestellt, die deren ursprünglichen Zustand über 100 Jahre (1857 - 1956), ohne die Qualzucht der letzten Jahrzehnte widerspiegeln.
In the fist part I discussed the problem with inherited disorders, extrem conformation issues in purebred dogs and puppy mills. Now I show some pictures of some of these breeds from my archive. They demonstrate the orginial exterior of these breeds over 100 years from 1857 - 1956, without the failed developement of the last decades.
1904 + 1940
Bobtail / Old English Sheepdog
1940
Bordeaux-Dogge / Dogue de Bordeaux
1940
Boston Terrier
1915
Bulldog
1894
Chihuahua
1894 + 1956
Chow Chow
1881 + 1894
Deutsche Dogge / Great Dane
1915, 1916, 1940
Deutscher Schäferhund / German Shepherd
1857 + 1904
Dho-Khyi / Tibetian Mastiff
1894, 1940, 1956
Französische Bulldogge / French Bulldog
1894
Japan Chin / Japanese Chin
1915, 1928, 1956
Mops / Pug
Ein Beitrag von Christoph Jung
Quellen / References over 100 years
In the fist part I discussed the problem with inherited disorders, extrem conformation issues in purebred dogs and puppy mills. Now I show some pictures of some of these breeds from my archive. They demonstrate the orginial exterior of these breeds over 100 years from 1857 - 1956, without the failed developement of the last decades.
1940
Afghanischer Windhund /Afghan Hound
Afghanischer Windhund /Afghan Hound
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| Fehringer 1940 |
1894 + 1913
Basset Hound
Basset Hound
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| Shaw 1913 |
1894 + 1933
Bernhardiner / St. Bernard
Bernhardiner / St. Bernard
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| Graf van Bylandt 1894 |
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| Gräfin vom Hagen 1933 |
1913
Hubertushund / Bloodhound
Hubertushund / Bloodhound
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| Shaw 1913 |
Bobtail / Old English Sheepdog
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| Strebel 1904 |
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| Fehringer 1940 |
Bordeaux-Dogge / Dogue de Bordeaux
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| Fehringer 1940 |
Boston Terrier
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| Fehringer 1940 |
Bulldog
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| Privatfoto 1915 |
Chihuahua
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| Graf van Bylandt 1894 |
Chow Chow
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| Graf van Bylandt 1894 |
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| Gorny 1956 |
Deutsche Dogge / Great Dane
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| Shaw 1881 |
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| Graf van Bylandt 1894 |
Deutscher Schäferhund / German Shepherd
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| Brehm 1915 |
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| Privatfoto 1916 |
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| Fehringer 1940 |
Dho-Khyi / Tibetian Mastiff
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| Richardson 1857 |
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| Strebel 1944 |
Französische Bulldogge / French Bulldog
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| Graf van Bylandt 1894 |
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| Fehringer 1940 |
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| Gorny 1956 |
Japan Chin / Japanese Chin
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| Graf van Bylandt 1894 |
1894 + 1940
Komondor
Komondor
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| Graf van Bylandt 1894 |
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| Fehringer 1940 |
Mops / Pug
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| Brehm 1915 |
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| Mops-Statue in Weißenfels von 1928 |
Quellen / References over 100 years
- H.D.Richardson, Dogs: Their origin and varieties, New York 1857
- Vero Shaw, The illustrated Book of the Dog, London 1881
- H.A. graaf van Bylandt, Les Races des Chiens, Deventer 1894
- Richard Strebel, Die Deutschen Hunde in 2 Bänden, München, 1904/5
- Vero Shaw, The Enzyclopaedia of the Kennel, London 1913
- Alfred Brehm, Brehms Tierleben Bd. 3, Leipzig 1915
- Aga Gräfin vom Hagen, Die Hunderassen, Potsdam 1933
- Otto Fehringer, Unser Hund, Berlin 1940
- Hein Gorny, Ein Hundebuch, München 1956
Samstag, 27. Januar 2018
Hunde und Qualzucht 1/2
Immer wieder werde ich gefragt, welche Hunderassen nun von Qualzucht betroffen seien. Zunächst muss definiert werden, was eigentlich unter "Qualzucht" verstanden wird. Es gibt hierzu keine offizielle oder gar gesetzliche Definition. Im deutschen Tierschutzgesetz gibt es den berühmten Paragrafen 11b, der es kurz gesagt verbietet, Tiere mit Schmerzen, Leiden oder Schäden zu züchten (Wortlaut siehe unten).
Im ersten Teil werde ich ein kleines Schlaglicht auf die Missstände werfen. Es ist wirklich nur ein zumal unvollständiges Schlaglicht mit ein paar Stichworten, ansonsten müsste man ein ganzes Buch hierzu herausbringen (letztlich noch viel mehr als mein "Schwarzbuch Hund"). Im zweiten Teil werde ich anhand historischer Fotos aus meinem Archiv zeigen, dass es zum einen anders geht, zum anderen bei den heutigen Qualzuchtmerkmalen durchweg um Verfälschungen, ja Perversionen der ursprünglichen, der originären Hunderassen handelt.
3 Kategorien der Qualzucht
Bezogen auf Hunde spreche ich von 3 Kategorien der Qualzucht:
Leider gibt es keinerlei offizielle, wirklich belastbare Statistik zu diesem Thema. Hunde züchten, produzieren, handeln darf in der EU jeder ohne jegliche behördliche Genehmigung oder Auflage (außer gewerblicher und räumlicher Art ab einer gewissen Größe). Es ist der weiße Fleck auf einer ansonsten streng regulierten Landkarte der EU-Bürokratie. Es gibt in Deutschland keine belastbaren Statistiken weder vom Staat noch von den Veterinären (deren Vertretungen ansonsten in wohlfeilen Statements auf ihre Sorge um die Hunde verweisen) noch von den Hundezuchtverbänden. Das von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Gutachten zu §11b TSchG (Qualzuchtgutachten) ist immer noch die fundierteste Quelle, stammt aber aus dem Jahr 1999 und bedarf einer aktuellen Überarbeitung und Ergänzung.
Qualzucht ist allein von Menschen gemacht!
Wenn ich immer wieder konkret Hunderassen benenne, so geschieht das nicht, um irgendeine Rasse "schlecht zu reden" - wie mir gerne unterstellt wird. Genau das Gegenteil ist der Fall! Gerade weil und wenn man Hunde und die einer speziellen Rasse liebt, muss man geradezu die Stimme für deren gesunder Zucht erheben. Wer wenn nicht wir soll das denn tun? Qualzucht ist kein Schicksal der Natur. Sie ist allein Menschen gemacht und zwar bewusst! Schweigen macht nur mitschuldig an dem unsäglichen Elend, das wir Menschen hier und heute, mitten im Herzen Europas, den Hunden antun. Es war ja mein geliebter Bulldog Willi, dessen Schicksal mich geradezu zwang, mich dem Thema Qualzucht zu widmen und meine Stimme dagegen zu erheben - gerade weil ich das Wesen und den Charakter dieser Hunde so schätze. Heute vor 10 Jahren starb er.
Nun eine (unvollständige) Liste der wichtigsten nach meiner persönlichen Auffassung von Qualzucht betroffenen Hunderassen. Dazu muss gleich gesagt werden, dass eben nicht alle Hunde der jeweiligen Rasse von einem oder allen Qualzuchtmerkmalen betroffen sind oder sein müssen:
Die Verantwortung der Welpenkäufer
Der Marktanteil der Welpen und Hunde aus industrieller Produktion und Hundehandel wächst kontinuierlich. Nach einer Statistik des britischen Kennel Clubs hat der Marktanteil der von Qualzucht gebeutelten Plattnasen in den letzten Jahren im UK massiv zugenommen. Bei den Französischen Bulldoggen sogar um das 30-fache. In Deutschland wird der Trend vermutlich ähnlich sein. Wir reden immer lauter von Tierschutz, in der Praxis werden immer mehr Welpen aus zwielichtigen Quellen gekauft. Ohne die entsprechenden Welpenkäufer gäbe es keine Qualzucht!
Bulldog, Mops & Co sind tolle Hunde
All die hier genannten Hunderassen, von dem Toy-Pudel abgesehen (der per Standard als Zwergwuchs konzipiert ist), haben ihre Daseinsberechtigung. Es ist jede für sich eine tolle Hunderasse. Der Charme eines Mopses oder eines Bulldogs, die sprichwörtliche Leistungsfähigkeit des Deutschen Schäferhundes oder des Bloodhounds, das Gemüt einer Deutschen Dogge oder eines Mastiffs - all das sind Kleinode der Hundewelt, die es unter allen Umständen zu erhalten gilt. Gerade deswegen müssen die Irrwege und Missstände in der Zucht offen benannt und angeprangert werden - um eine Chance auf den Erhalt dieser Hunderassen zu haben. Fast alle Hunderassen sind sehr alt oder haben uralte Wurzeln - kerngesunde Wurzeln. Deren heutige Qualzucht zeugt lediglich vom Wirken des modernen Menschens der Industriestaaten der letzten Jahrzehnte samt ihrer Politiker und Veterinäre.
Gesunde Zucht ist möglich!
Die benannten Rassen stellen reichlich 10% aller offiziell von der FCI anerkannten Hunderassen dar. Das ist zuviel. Jeder Qualzuchtfall ist zuviel. Das heißt jedoch positiv ausgedrückt, dass rund 80% aller Hunderassen nicht oder nur in Ausnahmefällen von Qualzucht betroffen sind. Das heißt leider noch lange nicht, dass es überall ansonsten gut aussehen würde. Doch: Bei vielen Hunderassen, namentlich den Jagdhunderassen aber nicht nur dort, sehen wir zumeist in den dem VDH angeschlossenen Vereinen Zucht-Reglements und entsprechende reale Praxis, die selbst bei kleinen zahlenmäßigen Populationen vitale, in Körper und Psyche gesunde, langlebige Rassehunde hervorbringen. Gesunde Zucht von Rassehunden ist möglich und die vorherrschende Realität aber leider nur unterhalb des VDHs und einiger anderer Vereine**.
Denn wie oben schon angeführt: Diese seriöse Zucht deckt einen Marktanteil von nicht einmal 30% ab, bei ständig sinkendem Marktanteil. Die Hundehalter kaufen immer öfter den industriell produzierten und EU-weit vermarkteten Billig-Welpen vom Sofa aus per Maus-Click im Web mit Lieferung nach Wunschtermin. Das ist die traurige Realität unter deutschen "Hundefreunden".
Ein Beitrag von Christoph Jung
* * Ich höre jetzt schon gleich die oft keifenden Kommentare von wegen Zucht im VDH. Nach meiner Kenntnis gibt es keinen Dachverband in Deutschland, der real strengere Zuchtreglements hat als der VDH. Klar, den Dachverband VDH schert es oft nicht, wenn Mitgliedsvereine gegen diese massiv verstoßen, siehe Dobermann. Doch ist es (leider) ebenso Realität, dass sich fast alle (aber nicht alle) seriösen Zuchtvereine unterhalb des Dachs des VDHs befinden. Gerne nehme ich Hinweise entgegen, die auf positive Alternativen verweisen. Hinter dem Schimpfen auf den VDH verbirgt sich oft nur eine umso schlechtere Zuchtpraxis. Allerdings kenne ich ebenso Beispiele von Züchter und Zuchtvereinen, die ob Misständen im VDH außerhalb dessen eine bessere Praxis zeigen. Es ist auch klar, dass der VDH in Deutschland seit Jahrzehnten hauptverantwortlich ist für das Ausstellungswesen, das wiederum ein Katalysator für die unter Kategorie 1 genannten Auswüchse ist.
Dokumentiert:
Tierschutzgesetz § 11b
(1) Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten oder durch biotechnische Maßnahmen zu verändern, soweit im Falle der Züchtung züchterische Erkenntnisse oder im Falle der Veränderung Erkenntnisse, die Veränderungen durch biotechnische Maßnahmen betreffen, erwarten lassen, dass als Folge der Zucht oder Veränderung
1.
bei der Nachzucht, den biotechnisch veränderten Tieren selbst oder deren Nachkommen erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten oder
2.
bei den Nachkommen
a)
mit Leiden verbundene erblich bedingte Verhaltensstörungen auftreten,
b)
jeder artgemäße Kontakt mit Artgenossen bei ihnen selbst oder einem Artgenossen zu Schmerzen oder vermeidbaren Leiden oder Schäden führt oder
c)
die Haltung nur unter Schmerzen oder vermeidbaren Leiden möglich ist oder zu Schäden führt.
(2) Die zuständige Behörde kann das Unfruchtbarmachen von Wirbeltieren anordnen, soweit züchterische Erkenntnisse oder Erkenntnisse, die Veränderungen durch biotechnische Maßnahmen betreffen, erwarten lassen, dass deren Nachkommen Störungen oder Veränderungen im Sinne des Absatzes 1 zeigen werden.
(3) Die Absätze 1 und 2 gelten nicht für durch Züchtung oder biotechnische Maßnahmen veränderte Wirbeltiere, die für wissenschaftliche Zwecke notwendig sind.
(4) Das Bundesministerium wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates
1.
die erblich bedingten Veränderungen und Verhaltensstörungen nach Absatz 1 näher zu bestimmen,
2.
das Züchten mit Wirbeltieren bestimmter Arten, Rassen und Linien zu verbieten oder zu beschränken, wenn dieses Züchten zu Verstößen gegen Absatz 1 führen kann.
Im ersten Teil werde ich ein kleines Schlaglicht auf die Missstände werfen. Es ist wirklich nur ein zumal unvollständiges Schlaglicht mit ein paar Stichworten, ansonsten müsste man ein ganzes Buch hierzu herausbringen (letztlich noch viel mehr als mein "Schwarzbuch Hund"). Im zweiten Teil werde ich anhand historischer Fotos aus meinem Archiv zeigen, dass es zum einen anders geht, zum anderen bei den heutigen Qualzuchtmerkmalen durchweg um Verfälschungen, ja Perversionen der ursprünglichen, der originären Hunderassen handelt.
3 Kategorien der Qualzucht
Bezogen auf Hunde spreche ich von 3 Kategorien der Qualzucht:
- Hunderassen, die durch gezielte Zucht die Funktion wichtiger Körperteile zumindest teilweise verloren haben. Hierzu zählen der Verlust der Fähigkeit zum freien Atmen bei den Plattnasen, die Hinterhand beim Deutschen Schäferhund oder der extreme Fellwuchs etwa beim Komondor. Gigantismus oder Zwergenwuchs zähle ich ebenfalls hierzu.
- Hunderassen, in deren Population infolge von Versäumnissen der Zucht die genetischen Anlagen zu schwerwiegenden Erbkrankheiten stark gehäuft vorkommen oder die massiv an Lebenserwartung verloren haben. Hier sind etwa der Dobermann oder der Cavalier King Charles Spaniel zu nennen.
- Industrielle Hundeproduktion und Hundehandel. Hier wird im Massenumfang tagtäglich schweres Leiden durch die Gier des modernen Menschen erzeugt. Das betrifft in erster Linie die Zuchttiere, besonders die Hündinnen. Diese werden schlicht als Wurfmaschinen missbraucht und dann entsorgt. Dann betrifft es die Welpen, die meist zu jung, bestenfalls schlecht sozialisiert, minimal versorgt und kaum geimpft EU-weit in den Handel gebracht werden.
Leider gibt es keinerlei offizielle, wirklich belastbare Statistik zu diesem Thema. Hunde züchten, produzieren, handeln darf in der EU jeder ohne jegliche behördliche Genehmigung oder Auflage (außer gewerblicher und räumlicher Art ab einer gewissen Größe). Es ist der weiße Fleck auf einer ansonsten streng regulierten Landkarte der EU-Bürokratie. Es gibt in Deutschland keine belastbaren Statistiken weder vom Staat noch von den Veterinären (deren Vertretungen ansonsten in wohlfeilen Statements auf ihre Sorge um die Hunde verweisen) noch von den Hundezuchtverbänden. Das von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Gutachten zu §11b TSchG (Qualzuchtgutachten) ist immer noch die fundierteste Quelle, stammt aber aus dem Jahr 1999 und bedarf einer aktuellen Überarbeitung und Ergänzung.
Qualzucht ist allein von Menschen gemacht!
Wenn ich immer wieder konkret Hunderassen benenne, so geschieht das nicht, um irgendeine Rasse "schlecht zu reden" - wie mir gerne unterstellt wird. Genau das Gegenteil ist der Fall! Gerade weil und wenn man Hunde und die einer speziellen Rasse liebt, muss man geradezu die Stimme für deren gesunder Zucht erheben. Wer wenn nicht wir soll das denn tun? Qualzucht ist kein Schicksal der Natur. Sie ist allein Menschen gemacht und zwar bewusst! Schweigen macht nur mitschuldig an dem unsäglichen Elend, das wir Menschen hier und heute, mitten im Herzen Europas, den Hunden antun. Es war ja mein geliebter Bulldog Willi, dessen Schicksal mich geradezu zwang, mich dem Thema Qualzucht zu widmen und meine Stimme dagegen zu erheben - gerade weil ich das Wesen und den Charakter dieser Hunde so schätze. Heute vor 10 Jahren starb er.
Nun eine (unvollständige) Liste der wichtigsten nach meiner persönlichen Auffassung von Qualzucht betroffenen Hunderassen. Dazu muss gleich gesagt werden, dass eben nicht alle Hunde der jeweiligen Rasse von einem oder allen Qualzuchtmerkmalen betroffen sind oder sein müssen:
- Afghane
extremes Haarkleid bei manchen Ausstellungslinien - Basset Hound
in vielen Show-Linien zu lockere Haut, Probleme an Augen, Ohren, zu kurze Beine u.a.m. - Berner Sennenhund
zahlreiche Erbkrankheiten, sehr geringe Lebenserwartung - Bloodhound
oft zu lockere Haut, sehr geringe Lebenserwartung - Bobtail
bei Show-Linien teils extremes Haarkleid, das u.a. den Hund massiv beim Sehen behindern kann - Bordeaux-Dogge
extrem geringe Lebenserwartung - Boston Terrier
Plattnase*, weitgehender Verlust natürlicher Fortpflanzungsfähigkeit - Bulldog (englische Bulldogge)
Plattnase*, extreme Falten besonders am Kopf, zu schweres Gebäude, weitgehender Verlust natürlicher Fortpflanzungsfähigkeit, Immunsystem, extrem geringe Lebenserwartung - Chavalier King Charles Spaniel
mehrere schwere Erbkrankheiten sind in der Population weit verbreitet - Chihuahua (Toy)
Zwergwuchs, Schädeldeformationen, Glubschaugen - Chinese Crested
Felllosigkeit und damit verbundene Gendefekte (ähnlich bei den anderen Nackthunderassen) - Chow-Chow
in manchen Show-Linien zu üppiges Fell mit starker Faltenbildung - Deutsche Dogge
teils Gigantismus und etliche Erbkrankheiten auch verbunden mit bestimmten Fellfarben - Deutscher Schäferhund
u.a. Deformierung der Hinterhand und des Rückens besonders bei den Show-Linien - Dho Khyi
Gigantismus und Erbkrankheiten in Teilen der Zucht - Dobermann
Verseuchung der Population mit der erblichen Herzkrankheit DCM - Französische Bulldogge (Bully)
extreme Plattnase*, Schädeldeformation, Rückgratdeformationen in weiten Teilen der Zucht, Immunsystem - Japan Chin
extreme Plattnase* und Schädeldeformation - Komondor
extremes Haarkleid - Lundehund
Lundehundsyndrom in weiten Teilen der Population - Mastiff
Gigantismus in Teilen der Zucht - Mastino Napoletano
teils Gigantismus, extreme Hautpartien, Augen - Mops
extreme Plattnase*, Schädeldeformation, Glubschaugen in weiten Teilen der Zucht - Pekinese
extreme Plattnase* - Puli
extremes Haarkleid, Kopfbehaarung soll sogar laut Standard die "Augen abschirmen" - Rhodesian Ridgeback
der Ridge auf dem Rücken ist Ausdruck der Anlage zu einer Nervenkrankheit, Umgang mit den eigentlich gesunden Welpen ohne Ridge - Shar-Pei
teils extreme Faltenbildung besonders am Kopf, Immunsystem - Tibet Terrier
verschiedene Erbkrankheiten in Teilen der Population - Toy-Pudel
von Standard geforderter Zwergwuchs - Yorkshire Terrier (Toy)
Zwergwuchs - Zwergspitz, Pomeranian (Toy)
Zwergwuchs
(* siehe Brachycephales Syndrom)
Die Verantwortung der Welpenkäufer
Der Marktanteil der Welpen und Hunde aus industrieller Produktion und Hundehandel wächst kontinuierlich. Nach einer Statistik des britischen Kennel Clubs hat der Marktanteil der von Qualzucht gebeutelten Plattnasen in den letzten Jahren im UK massiv zugenommen. Bei den Französischen Bulldoggen sogar um das 30-fache. In Deutschland wird der Trend vermutlich ähnlich sein. Wir reden immer lauter von Tierschutz, in der Praxis werden immer mehr Welpen aus zwielichtigen Quellen gekauft. Ohne die entsprechenden Welpenkäufer gäbe es keine Qualzucht!
Bulldog, Mops & Co sind tolle Hunde
All die hier genannten Hunderassen, von dem Toy-Pudel abgesehen (der per Standard als Zwergwuchs konzipiert ist), haben ihre Daseinsberechtigung. Es ist jede für sich eine tolle Hunderasse. Der Charme eines Mopses oder eines Bulldogs, die sprichwörtliche Leistungsfähigkeit des Deutschen Schäferhundes oder des Bloodhounds, das Gemüt einer Deutschen Dogge oder eines Mastiffs - all das sind Kleinode der Hundewelt, die es unter allen Umständen zu erhalten gilt. Gerade deswegen müssen die Irrwege und Missstände in der Zucht offen benannt und angeprangert werden - um eine Chance auf den Erhalt dieser Hunderassen zu haben. Fast alle Hunderassen sind sehr alt oder haben uralte Wurzeln - kerngesunde Wurzeln. Deren heutige Qualzucht zeugt lediglich vom Wirken des modernen Menschens der Industriestaaten der letzten Jahrzehnte samt ihrer Politiker und Veterinäre.
Gesunde Zucht ist möglich!
Die benannten Rassen stellen reichlich 10% aller offiziell von der FCI anerkannten Hunderassen dar. Das ist zuviel. Jeder Qualzuchtfall ist zuviel. Das heißt jedoch positiv ausgedrückt, dass rund 80% aller Hunderassen nicht oder nur in Ausnahmefällen von Qualzucht betroffen sind. Das heißt leider noch lange nicht, dass es überall ansonsten gut aussehen würde. Doch: Bei vielen Hunderassen, namentlich den Jagdhunderassen aber nicht nur dort, sehen wir zumeist in den dem VDH angeschlossenen Vereinen Zucht-Reglements und entsprechende reale Praxis, die selbst bei kleinen zahlenmäßigen Populationen vitale, in Körper und Psyche gesunde, langlebige Rassehunde hervorbringen. Gesunde Zucht von Rassehunden ist möglich und die vorherrschende Realität aber leider nur unterhalb des VDHs und einiger anderer Vereine**.
Denn wie oben schon angeführt: Diese seriöse Zucht deckt einen Marktanteil von nicht einmal 30% ab, bei ständig sinkendem Marktanteil. Die Hundehalter kaufen immer öfter den industriell produzierten und EU-weit vermarkteten Billig-Welpen vom Sofa aus per Maus-Click im Web mit Lieferung nach Wunschtermin. Das ist die traurige Realität unter deutschen "Hundefreunden".
Ein Beitrag von Christoph Jung
* * Ich höre jetzt schon gleich die oft keifenden Kommentare von wegen Zucht im VDH. Nach meiner Kenntnis gibt es keinen Dachverband in Deutschland, der real strengere Zuchtreglements hat als der VDH. Klar, den Dachverband VDH schert es oft nicht, wenn Mitgliedsvereine gegen diese massiv verstoßen, siehe Dobermann. Doch ist es (leider) ebenso Realität, dass sich fast alle (aber nicht alle) seriösen Zuchtvereine unterhalb des Dachs des VDHs befinden. Gerne nehme ich Hinweise entgegen, die auf positive Alternativen verweisen. Hinter dem Schimpfen auf den VDH verbirgt sich oft nur eine umso schlechtere Zuchtpraxis. Allerdings kenne ich ebenso Beispiele von Züchter und Zuchtvereinen, die ob Misständen im VDH außerhalb dessen eine bessere Praxis zeigen. Es ist auch klar, dass der VDH in Deutschland seit Jahrzehnten hauptverantwortlich ist für das Ausstellungswesen, das wiederum ein Katalysator für die unter Kategorie 1 genannten Auswüchse ist.
Dokumentiert:
Tierschutzgesetz § 11b
(1) Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten oder durch biotechnische Maßnahmen zu verändern, soweit im Falle der Züchtung züchterische Erkenntnisse oder im Falle der Veränderung Erkenntnisse, die Veränderungen durch biotechnische Maßnahmen betreffen, erwarten lassen, dass als Folge der Zucht oder Veränderung
1.
bei der Nachzucht, den biotechnisch veränderten Tieren selbst oder deren Nachkommen erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten oder
2.
bei den Nachkommen
a)
mit Leiden verbundene erblich bedingte Verhaltensstörungen auftreten,
b)
jeder artgemäße Kontakt mit Artgenossen bei ihnen selbst oder einem Artgenossen zu Schmerzen oder vermeidbaren Leiden oder Schäden führt oder
c)
die Haltung nur unter Schmerzen oder vermeidbaren Leiden möglich ist oder zu Schäden führt.
(2) Die zuständige Behörde kann das Unfruchtbarmachen von Wirbeltieren anordnen, soweit züchterische Erkenntnisse oder Erkenntnisse, die Veränderungen durch biotechnische Maßnahmen betreffen, erwarten lassen, dass deren Nachkommen Störungen oder Veränderungen im Sinne des Absatzes 1 zeigen werden.
(3) Die Absätze 1 und 2 gelten nicht für durch Züchtung oder biotechnische Maßnahmen veränderte Wirbeltiere, die für wissenschaftliche Zwecke notwendig sind.
(4) Das Bundesministerium wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates
1.
die erblich bedingten Veränderungen und Verhaltensstörungen nach Absatz 1 näher zu bestimmen,
2.
das Züchten mit Wirbeltieren bestimmter Arten, Rassen und Linien zu verbieten oder zu beschränken, wenn dieses Züchten zu Verstößen gegen Absatz 1 führen kann.
Freitag, 1. Dezember 2017
10 Jahre Petwatch
Vor 10 Jahren, im November 2007 ging der Petwatch-Blog erstmals online. Seither erschienen hier knapp 300 Artikel überwiegend zum Verhältnis von Mensch und Hund. Petwatch ging 2007 aus den Erfahrungen hervor, die ich - gezwungenermaßen - mit dem englischen Bulldog machen musste. Weitere 10 Jahre zuvor, 1997, hatte ich www.Bulldogge.de online gestellt. Sie war damals die vielleicht erste deutschsprachige Hundewebsite überhaupt. Als ich Mitte der 1990er Jahre meinen Willi bekam, ahnte ich nicht im Geringsten, in welches Wespennest ich stechen sollte.
Traum und Alptraum
Willi erfüllte meinen seit frühester Jugend gehegten Traum eines "eigenen" Bulldogs. Mit einem Boxer aufgewachsen, hatte ich als Kleinkind Bulldogs kennengelernt. Seither war ich in das derbe wie charmante Wesen dieser charaktervollen Vierbeiner verliebt.
Angesichts der ständigen Wehwehchen meines geliebten Willis, sagte ich mir zunächst, "da hast du Pech gehabt." Je mehr ich aber andere Bulldogs kennenlernen sollte, desto gesünder wurde Willi - aber leider nur relativ. Willi als Freund war ein Traum, das ständige Bangen um seine Gesundheit ein Alptraum. Mir schwante langsam, welches Elend und welche Niedertracht sich in der Bulldogzucht-Szene auftun sollten. Mit der Zeit erkannte ich, dass es bei einigen weiteren Hunderassen und besonders im riesigen Bereich des Hundehandels und seiner industriellen Hundeproduktion keineswegs besser aussah. Dazu konnte und wollte ich nicht schweigen. So entstanden zum Beispiel das Schwarzbuch Hund, der Dortmunder Appell für eine Wende in der Hundezucht und dieser Petwatch-Blog.
Eine Wende gibt es nicht
Eine Wende in der Hundezucht mit Blick auf die Abschaffung von Qualzucht und vollen Tierheimen wurde bisher nicht erreicht. Rein ökonomisch gibt es auch kein Interesse an einer solchen Wende. Alle wirtschaftlichen Akteure im 5-Milliarden-Hundemarkt verdienen unter den heutigen Verhältnissen besser als sie es nach einer grundlegenden Reform im Interesse des Wohls und der Gesundheit der Hunde (oder Katzen, Meerschweinchen, Hamster) würden. Besonders die überaus mächtige Agrar- und Nahrungsmittellobby hat keinerlei Interesse an der Etablierung wirksamer Tierschutzgesetze. Die meisten Hersteller von Hundefutter, die uns in Hochglanz vormachen wollen, alles für das Wohl unserer Lieblinge zu tun, sind real Teil dieser tierfeindlichen Agrar- und Nahrungsmittellobby.
Das Interesse der Wirtschaft an der Masse Hund
Jeder Hund ist ein Verbraucher. Höhere Standards verkleinern nur den Markt und damit die Profite von Industrie und Handel und auch die Umsätze der Veterinäre. Zudem werden höhere Tierschutzstandards mit Blick auf die industrielle Massentierhaltung abgelehnt. Die Wirtschaft hat ein Interesse an möglichst vielen Hunden ob sie nun aus einer Tötungsstation in Spanien, von der Straße in Rumänien, einer Plattenbaubude in Halle-Neustadt oder industriellen Produktionsstätte in Ungarn stammen. Nachvollziehbare, kontrollierte Zucht, höhere Zuchtstandards erhöhen nur die Preise, lassen die Tierheime leer werden und die Welpenverkäufe sinken. Körperlich und mental gesunde Hunde brauchen nur selten den Tierarzt, brauchen keinen Hundepsychologen und auch nicht das besonders teure Hightech-Diät-Futter.
Wir Hundeverbraucher tragen Verantwortung
Es wäre aber allzu bequem, die ganze Verantwortung auf die Lobbys in Berlin und Brüssel abzuschieben. Wir Hundeverbraucher tragen entscheidend mit Verantwortung. Gäbe es keinen Markt für "billige", sofort lieferbare Rasse- und Mischlingshunde, so könnten die industriellen Hundeproduzenten und deren Händler keine Geschäfte machen. Gäbe es keinen Markt für die bekanntermaßen übertypisierten, krankgezüchteten Möpse, Bullys oder Bulldogs, auf deren Qualzuchtprobleme überall im Web unübersehbar hingewiesen wird - so gäbe es auch dieses Elend nicht. Dabei liegt das Elend nicht nur bei den gekauften Hunden, die etwa zeitlebens an Atemnot oder Hautirritationen leiden.
Das Elend der Zuchthündinnen
Das Elend liegt zuerst bei den Hündinnen in der Produktion in ehemaligen Schweinemastanlagen oder bei Hinterhof-/Plattenbau-Hobby"züchtern". Diese werden in ihrem erbärmlichen Leben in dunklen Verschlägen im wahrsten Sinne des Wortes ausgebeutet und wenn nicht mehr produktionstauglich mit 6 Jahren mit einem Knüppel erschlagen oder - wenn sie noch "Glück" haben - von einem Tier"arzt" euthanasiert. Das ist in der EU legal und Alltagspraxis, auch in Deutschland. Doch erst mit unserem Geld werden die tierquälerischen Realitäten ermöglicht! Sich hier naiv stellen, man wisse nichts von Qualzucht, Papiere brauche man eh nicht oder "ein Mops muss halt röcheln", zählt nicht. Die Hinweise auf Qualzucht, Hundehandel und das damit verbundene Elend für die Hunde sind nicht zu übersehen! Trotzdem erleben gerade die Plattnasen seit Jahren einen Boom.
Industrielle Hundeproduktion boomt
In der Produktion von Hunden hat sich real nichts zum Positiven verändert. Im Gegenteil hat sich der Druck und der Marktanteil der industriellen Hundeanbieter immer weiter erhöht. Deren Markt boomt dank uns Tier- und Hundefreunden. Und die Deutschen dünken sich ja gerne als die Obertierschützer der Welt. Die Geiz-ist-geil Hundekäufer, die sich ihren Welpen gerne am Laptop auf dem Sofa von zuhause aus bestellen, werden immer mehr. Das ergab eine aktuelle Studie aus Dänemark. Man will sich nicht mehr die Mühe machen, ein paar hundert Kilometer zu verschiedenen Züchtern zu fahren und sich vor Ort kundig zu machen. Und man will erst recht nicht Monate auf seinen Welpen warten müssen. Sofort und billig ist das Motto. Der Anteil der aus VDH-Zucht stammenden Hunde ist inzwischen unter 30% gesunken. Wir wissen, dass sich die angeblich einzig kontrollierte Zucht unter dem Dach des VDHs zuweilen kaum von jener in irgendwelchen Billigproduktionen unterscheidet. Ja sogar skandalöse Verhältnisse wie beim Dobermann werden zumindest toleriert.
Meiner Einschätzung nach kann man aber die meisten Zuchtvereine unter dem Dach des VDHs als seriös bezeichnen, die nach den Regeln der Kunst der Hundezucht arbeiten. Bei vielen Hunderassen, namentlich bei Jagdhunden, aber nicht nur dort, gibt es von Grundsatz her nichts auszusetzen. Hier werden in jeder Hinsicht gesunde Hunde gezüchtet. Hier wird eine gute züchterische Arbeit geleistet! In der Zucht außerhalb des VDHs gibt es ebenfalls vereinzelt Züchter und Zuchtvereine, die eine gute Arbeit leisten. Im Großen und Ganzen aber ist die Zucht außerhalb des VDHs unter Tierschutzaspekten abzulehnen, der Hundehandel allemal. Viele der Hundezuchtverbände neben dem VDH kann man als bequeme Dienstleistungsunternehmen für Hundeproduzenten kennzeichnen, deren Aufgabe es lediglich ist, Papiere, Stammbäume und Championate bereitzustellen, also letztlich dem Welpenkäufer ein solides Produkt vorzugaukeln.
Zucht ohne Regeln
Mehrfach machte ich aus erster Hand Erfahrung mit Versuchen, in einem Zuchtverein höhere Zuchtstandards zu etablieren. Das schlug immer fehl, schlicht da sich die meisten Züchterinnen und Züchter kurzerhand verabschiedeten und Vereinen anschlossen, die keine so strenge Zuchtordnung hatten. Hinzu kommt, dass die Käuferschaft in der Regel höhere Zuchtstandards nicht honoriert. Da ist auch die Macht des VDHs am Ende. Würde er die exakte Umsetzung seines eigenen Regelwerkes durchsetzen, so würden sich bei den Problemrassen massenhaft Züchter verabschieden. Den Rest übernimmt die EU-weite Massenproduktion ohne mit der Wimper zu zucken. In der EU ist die Größe eines Apfels exakt reguliert, die Krümmung einer Gurke genormt, nur ganz bestimmte Sorten an Tomaten zugelassen. Der Handelsweg muss penibel dokumentiert sein, wenn die Kartoffel schließlich beim Discounter im Regal liegt. Alles voll mit Zulassungen, Normen, Vorschriften, Dokumentationen, Kontrollen. Die Hunde- und Heimtierzucht ist ein weißer Fleck auf der ansonsten dicht beschriebenen Regularienkarte Brüssels. Es gibt ein paar Vorschriften zu Rahmenbedingungen (Transport, Zwingergrößen) ansonsten jedoch keinerlei Regelwerk weder zu Zucht noch zum EU-weiten Hundehandel. In der EU fehlen jegliche gesetzliche Rahmenbedingungen unmittelbar für die Hundezucht (wie auch für andere Heimtiere). Es gibt keinerlei Zulassungsbedingungen, Kontrollen, Mindeststandards für die Zucht. Züchten darf jede und jeder. Dasselbe gilt für das Betreiben eines Zuchtverbandes, das Ausgeben von "Papieren" oder Championaten. Das deutsche Tierschutzgesetz zeigt sich seit bald 20 Jahren als annähernd wirkungslos. Dass das kein Zufall ist, sehen wir an der oben beschriebenen Interessenlage.
Gesetzliche Rahmenbedingungen für das Wohl der Hunde
Gesetzliche Rahmenbedingungen sind der einzig realistische Weg, Qualzucht nachhaltig zu unterbinden, das Elend in den Produktionsstätten zu beenden, nebenbei die Tierheime zu entlasten und eine Wende im Interesse des Wohls und der Gesundheit unseres besten Freundes durchzusetzen. Leider kenne ich keine Partei, die ernsthaft bemüht wäre, einen solchen Weg voranzutreiben. Die etablierten Parteien sind zu eng mit den mächtigen Lobbys verflochten. Sie reden lediglich von Tierschutz. Wir Hundefreunde müssen Druck machen! Doch leider gibt es im Bewusstsein der Hundeverbraucher noch keine Wende.
Was wurde überhaupt erreicht?
Aber es gibt Änderungen. Wenn wir vor gut 10 Jahren die Beschreibung einer Hunderasse gelesen haben, so waren das durchweg schönfärberische Darstellungen in Hochglanzprospekten. Da wurde ein Border Collie genauso als Familienhund empfohlen wie der Kaukasische Owtscharka. Auf Versäumnisse in der Zucht hinzuweisen, wurde mit Schlechtmachen einer Rasse gleichgesetzt und war in fast allen Medien tabu. Die Verlage wollten keine Bücher oder Artikel mit kritischen Texten. Nun zeigen sich zarte aber hoffnungsvolle Ansätze. In verschiedenen Magazinen schreibe ich regelmäßig Artikel über Hunde und Hunderassen. Heute zeigen sich einige Verlage aktiv daran interessiert, dass ich auf eventuelle wesens- oder gesundheitliche Probleme hinweise. Bei den meist unflätigen "Kritiken", die dann wie gewohnt immer wieder kommen, stellen sich die Verlage klar hinter mich. Meine Verlage sagen, dass die Leserinnen und Leser heute ehrliche Beschreibungen haben wollen. Nicht viel aber immerhin. Vielleicht entwickelt sich aus diesen zarten Ansätzen ein Umschwung im Bewusstsein der Hundekäufer?
Der beste Freund des Menschen
In den letzten Jahren habe ich mich wieder meinem eigentlichen Schwerpunkt beim Thema Hund zugewendet. Wie ist der Hund entstanden? Was hat Mensch und Wolf zusammenfinden lassen? Was ist das Geheimnis dieser besonderen, einmaligen Beziehung zweier Spezies? Diese spannenden Fragen bewegen mich schon seit meiner Jugend. In der Ärztin Daniela Pörtl habe ich 2012 eine ideale Partnerin zur weiteren Erforschung dieser Fragen gefunden. Gemeinsam haben wir das Modell der "Aktiven sozialen Domestikation des Hundes" entwickelt und seit 2013 auf zahlreichen internationalen Kongressen vorstellen können. "Peer-reviewed" Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Journals kamen hinzu wie eine ausführliche Darstellung im Schattauer-Verlag (Tierisch beste Freunde; Literaturliste siehe unten). Mit Petwatch will ich verstärkt über die großen Gemeinsamkeiten von Mensch und Hund und deren gemeinsame Geschichte aufklären. Das seit dem ersten Erscheinen von Petwatch geltende Motto "Für die Partnerschaft Mensch Hund" ist die Triebkraft. Ich bin der Überzeugung, dass die Menschheit dem Bündnis mit dem Wolf resp. Hund entscheidende Impulse für die eigene Evolution zu verdanken hat. Dazu stelle ich wichtige neue Erkenntnisse der Wissenschaft vor, diskutiere diese - und, da wo es mir angebracht erscheint, auch durchaus kritisch.
Ich meine, wir haben dem Hund Vieles zu verdanken. Er schenkt uns noch heute viel Lebensfreude, Tag für Tag. Ein Leben ohne Hund ist möglich aber sinnlos - frei nach Loriot. Aber WIR müssen etwas für diese Freundschaft tun. WIR haben hier die volle Verantwortung. Dieser werden wir heute nicht wirklich gerecht.
Das wissenschaftliche Interesse am Hund
Dabei viel mir schon vor Jahren auf, dass sich seit etwa 2000 das wissenschaftliche Interesse am Hund schlagartig intensiviert hat. Auf der Canine Science Conference in Phoenix/Arizona, an der ich als Redner teilnehmen konnte, wurde es im Oktober 2017 ganz offen kommuniziert. Weite Teile der Forschung am Hund gelten nicht wirklich dem Hund. Sie gelten der Pharmaindustrie, die sich riesige Profite über die Entwicklung neuartiger Psychopharmaka ausrechnet. Sehr viel Geld wird in die Forschung am, mit, aber nicht für den Hund investiert. Die neue Generation von Medikamenten soll direkt an den Genabschnitten ansetzen, die als Verursacher von Schizophrenie, Depressionen und andere psychische Leiden ausgemacht werden. Das gilt für Wachmacher und andere leistungssteigernde Mittel ebenso. Die Pharmaforschung bestätigt: Mensch und Hund sind in ihrem Wesen und in ihrer Psyche so ähnlich aufgebaut wie keine zwei anderen Spezies. Das macht sich die Forschung zu Nutzen. Darauf werde ich hier auf Petwatch in Zukunft genauer eingehen. Man muss wachsam sein und verhindern, dass Hunde nicht nur zur Erkundung der Zusammenhänge dienen, vielmehr auch als Versuchsobjekte missbraucht werden könnten, etwa indem bei ihnen künstlich Erkrankungen wie Schizophrenie ausgelöst werden.
Es bleibt spannend! Ich bleibe am Ball.
Christoph Jung
Ein paar wissenschaftliche Veröffentlichungen:
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| Christoph Jung mit Bulldog Willi |
Willi erfüllte meinen seit frühester Jugend gehegten Traum eines "eigenen" Bulldogs. Mit einem Boxer aufgewachsen, hatte ich als Kleinkind Bulldogs kennengelernt. Seither war ich in das derbe wie charmante Wesen dieser charaktervollen Vierbeiner verliebt.
Angesichts der ständigen Wehwehchen meines geliebten Willis, sagte ich mir zunächst, "da hast du Pech gehabt." Je mehr ich aber andere Bulldogs kennenlernen sollte, desto gesünder wurde Willi - aber leider nur relativ. Willi als Freund war ein Traum, das ständige Bangen um seine Gesundheit ein Alptraum. Mir schwante langsam, welches Elend und welche Niedertracht sich in der Bulldogzucht-Szene auftun sollten. Mit der Zeit erkannte ich, dass es bei einigen weiteren Hunderassen und besonders im riesigen Bereich des Hundehandels und seiner industriellen Hundeproduktion keineswegs besser aussah. Dazu konnte und wollte ich nicht schweigen. So entstanden zum Beispiel das Schwarzbuch Hund, der Dortmunder Appell für eine Wende in der Hundezucht und dieser Petwatch-Blog.
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| Christoph Jung mit Boxer Asso |
Eine Wende in der Hundezucht mit Blick auf die Abschaffung von Qualzucht und vollen Tierheimen wurde bisher nicht erreicht. Rein ökonomisch gibt es auch kein Interesse an einer solchen Wende. Alle wirtschaftlichen Akteure im 5-Milliarden-Hundemarkt verdienen unter den heutigen Verhältnissen besser als sie es nach einer grundlegenden Reform im Interesse des Wohls und der Gesundheit der Hunde (oder Katzen, Meerschweinchen, Hamster) würden. Besonders die überaus mächtige Agrar- und Nahrungsmittellobby hat keinerlei Interesse an der Etablierung wirksamer Tierschutzgesetze. Die meisten Hersteller von Hundefutter, die uns in Hochglanz vormachen wollen, alles für das Wohl unserer Lieblinge zu tun, sind real Teil dieser tierfeindlichen Agrar- und Nahrungsmittellobby.
Das Interesse der Wirtschaft an der Masse Hund
Jeder Hund ist ein Verbraucher. Höhere Standards verkleinern nur den Markt und damit die Profite von Industrie und Handel und auch die Umsätze der Veterinäre. Zudem werden höhere Tierschutzstandards mit Blick auf die industrielle Massentierhaltung abgelehnt. Die Wirtschaft hat ein Interesse an möglichst vielen Hunden ob sie nun aus einer Tötungsstation in Spanien, von der Straße in Rumänien, einer Plattenbaubude in Halle-Neustadt oder industriellen Produktionsstätte in Ungarn stammen. Nachvollziehbare, kontrollierte Zucht, höhere Zuchtstandards erhöhen nur die Preise, lassen die Tierheime leer werden und die Welpenverkäufe sinken. Körperlich und mental gesunde Hunde brauchen nur selten den Tierarzt, brauchen keinen Hundepsychologen und auch nicht das besonders teure Hightech-Diät-Futter.
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| Mops Gruppe 1915 (aus Brehms Tierleben) |
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| Chow-Chow 1915 (aus Brehms Tierleben) |
Es wäre aber allzu bequem, die ganze Verantwortung auf die Lobbys in Berlin und Brüssel abzuschieben. Wir Hundeverbraucher tragen entscheidend mit Verantwortung. Gäbe es keinen Markt für "billige", sofort lieferbare Rasse- und Mischlingshunde, so könnten die industriellen Hundeproduzenten und deren Händler keine Geschäfte machen. Gäbe es keinen Markt für die bekanntermaßen übertypisierten, krankgezüchteten Möpse, Bullys oder Bulldogs, auf deren Qualzuchtprobleme überall im Web unübersehbar hingewiesen wird - so gäbe es auch dieses Elend nicht. Dabei liegt das Elend nicht nur bei den gekauften Hunden, die etwa zeitlebens an Atemnot oder Hautirritationen leiden.
Das Elend der Zuchthündinnen
Das Elend liegt zuerst bei den Hündinnen in der Produktion in ehemaligen Schweinemastanlagen oder bei Hinterhof-/Plattenbau-Hobby"züchtern". Diese werden in ihrem erbärmlichen Leben in dunklen Verschlägen im wahrsten Sinne des Wortes ausgebeutet und wenn nicht mehr produktionstauglich mit 6 Jahren mit einem Knüppel erschlagen oder - wenn sie noch "Glück" haben - von einem Tier"arzt" euthanasiert. Das ist in der EU legal und Alltagspraxis, auch in Deutschland. Doch erst mit unserem Geld werden die tierquälerischen Realitäten ermöglicht! Sich hier naiv stellen, man wisse nichts von Qualzucht, Papiere brauche man eh nicht oder "ein Mops muss halt röcheln", zählt nicht. Die Hinweise auf Qualzucht, Hundehandel und das damit verbundene Elend für die Hunde sind nicht zu übersehen! Trotzdem erleben gerade die Plattnasen seit Jahren einen Boom.
Industrielle Hundeproduktion boomt
In der Produktion von Hunden hat sich real nichts zum Positiven verändert. Im Gegenteil hat sich der Druck und der Marktanteil der industriellen Hundeanbieter immer weiter erhöht. Deren Markt boomt dank uns Tier- und Hundefreunden. Und die Deutschen dünken sich ja gerne als die Obertierschützer der Welt. Die Geiz-ist-geil Hundekäufer, die sich ihren Welpen gerne am Laptop auf dem Sofa von zuhause aus bestellen, werden immer mehr. Das ergab eine aktuelle Studie aus Dänemark. Man will sich nicht mehr die Mühe machen, ein paar hundert Kilometer zu verschiedenen Züchtern zu fahren und sich vor Ort kundig zu machen. Und man will erst recht nicht Monate auf seinen Welpen warten müssen. Sofort und billig ist das Motto. Der Anteil der aus VDH-Zucht stammenden Hunde ist inzwischen unter 30% gesunken. Wir wissen, dass sich die angeblich einzig kontrollierte Zucht unter dem Dach des VDHs zuweilen kaum von jener in irgendwelchen Billigproduktionen unterscheidet. Ja sogar skandalöse Verhältnisse wie beim Dobermann werden zumindest toleriert.
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| Deutscher Boxer 1915 (aus Brehms Tierleben) |
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| Deutscher Schäferhund wie ihn Rassegründer Rittmeister von Stephanitz wollte (1915 aus Brems Tierleben) |
Meiner Einschätzung nach kann man aber die meisten Zuchtvereine unter dem Dach des VDHs als seriös bezeichnen, die nach den Regeln der Kunst der Hundezucht arbeiten. Bei vielen Hunderassen, namentlich bei Jagdhunden, aber nicht nur dort, gibt es von Grundsatz her nichts auszusetzen. Hier werden in jeder Hinsicht gesunde Hunde gezüchtet. Hier wird eine gute züchterische Arbeit geleistet! In der Zucht außerhalb des VDHs gibt es ebenfalls vereinzelt Züchter und Zuchtvereine, die eine gute Arbeit leisten. Im Großen und Ganzen aber ist die Zucht außerhalb des VDHs unter Tierschutzaspekten abzulehnen, der Hundehandel allemal. Viele der Hundezuchtverbände neben dem VDH kann man als bequeme Dienstleistungsunternehmen für Hundeproduzenten kennzeichnen, deren Aufgabe es lediglich ist, Papiere, Stammbäume und Championate bereitzustellen, also letztlich dem Welpenkäufer ein solides Produkt vorzugaukeln.
Zucht ohne Regeln
Mehrfach machte ich aus erster Hand Erfahrung mit Versuchen, in einem Zuchtverein höhere Zuchtstandards zu etablieren. Das schlug immer fehl, schlicht da sich die meisten Züchterinnen und Züchter kurzerhand verabschiedeten und Vereinen anschlossen, die keine so strenge Zuchtordnung hatten. Hinzu kommt, dass die Käuferschaft in der Regel höhere Zuchtstandards nicht honoriert. Da ist auch die Macht des VDHs am Ende. Würde er die exakte Umsetzung seines eigenen Regelwerkes durchsetzen, so würden sich bei den Problemrassen massenhaft Züchter verabschieden. Den Rest übernimmt die EU-weite Massenproduktion ohne mit der Wimper zu zucken. In der EU ist die Größe eines Apfels exakt reguliert, die Krümmung einer Gurke genormt, nur ganz bestimmte Sorten an Tomaten zugelassen. Der Handelsweg muss penibel dokumentiert sein, wenn die Kartoffel schließlich beim Discounter im Regal liegt. Alles voll mit Zulassungen, Normen, Vorschriften, Dokumentationen, Kontrollen. Die Hunde- und Heimtierzucht ist ein weißer Fleck auf der ansonsten dicht beschriebenen Regularienkarte Brüssels. Es gibt ein paar Vorschriften zu Rahmenbedingungen (Transport, Zwingergrößen) ansonsten jedoch keinerlei Regelwerk weder zu Zucht noch zum EU-weiten Hundehandel. In der EU fehlen jegliche gesetzliche Rahmenbedingungen unmittelbar für die Hundezucht (wie auch für andere Heimtiere). Es gibt keinerlei Zulassungsbedingungen, Kontrollen, Mindeststandards für die Zucht. Züchten darf jede und jeder. Dasselbe gilt für das Betreiben eines Zuchtverbandes, das Ausgeben von "Papieren" oder Championaten. Das deutsche Tierschutzgesetz zeigt sich seit bald 20 Jahren als annähernd wirkungslos. Dass das kein Zufall ist, sehen wir an der oben beschriebenen Interessenlage.
Gesetzliche Rahmenbedingungen für das Wohl der Hunde
Gesetzliche Rahmenbedingungen sind der einzig realistische Weg, Qualzucht nachhaltig zu unterbinden, das Elend in den Produktionsstätten zu beenden, nebenbei die Tierheime zu entlasten und eine Wende im Interesse des Wohls und der Gesundheit unseres besten Freundes durchzusetzen. Leider kenne ich keine Partei, die ernsthaft bemüht wäre, einen solchen Weg voranzutreiben. Die etablierten Parteien sind zu eng mit den mächtigen Lobbys verflochten. Sie reden lediglich von Tierschutz. Wir Hundefreunde müssen Druck machen! Doch leider gibt es im Bewusstsein der Hundeverbraucher noch keine Wende.
Was wurde überhaupt erreicht?
Aber es gibt Änderungen. Wenn wir vor gut 10 Jahren die Beschreibung einer Hunderasse gelesen haben, so waren das durchweg schönfärberische Darstellungen in Hochglanzprospekten. Da wurde ein Border Collie genauso als Familienhund empfohlen wie der Kaukasische Owtscharka. Auf Versäumnisse in der Zucht hinzuweisen, wurde mit Schlechtmachen einer Rasse gleichgesetzt und war in fast allen Medien tabu. Die Verlage wollten keine Bücher oder Artikel mit kritischen Texten. Nun zeigen sich zarte aber hoffnungsvolle Ansätze. In verschiedenen Magazinen schreibe ich regelmäßig Artikel über Hunde und Hunderassen. Heute zeigen sich einige Verlage aktiv daran interessiert, dass ich auf eventuelle wesens- oder gesundheitliche Probleme hinweise. Bei den meist unflätigen "Kritiken", die dann wie gewohnt immer wieder kommen, stellen sich die Verlage klar hinter mich. Meine Verlage sagen, dass die Leserinnen und Leser heute ehrliche Beschreibungen haben wollen. Nicht viel aber immerhin. Vielleicht entwickelt sich aus diesen zarten Ansätzen ein Umschwung im Bewusstsein der Hundekäufer?
| Daniela Pörtl als Musher mit Marry und Zander |
In den letzten Jahren habe ich mich wieder meinem eigentlichen Schwerpunkt beim Thema Hund zugewendet. Wie ist der Hund entstanden? Was hat Mensch und Wolf zusammenfinden lassen? Was ist das Geheimnis dieser besonderen, einmaligen Beziehung zweier Spezies? Diese spannenden Fragen bewegen mich schon seit meiner Jugend. In der Ärztin Daniela Pörtl habe ich 2012 eine ideale Partnerin zur weiteren Erforschung dieser Fragen gefunden. Gemeinsam haben wir das Modell der "Aktiven sozialen Domestikation des Hundes" entwickelt und seit 2013 auf zahlreichen internationalen Kongressen vorstellen können. "Peer-reviewed" Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Journals kamen hinzu wie eine ausführliche Darstellung im Schattauer-Verlag (Tierisch beste Freunde; Literaturliste siehe unten). Mit Petwatch will ich verstärkt über die großen Gemeinsamkeiten von Mensch und Hund und deren gemeinsame Geschichte aufklären. Das seit dem ersten Erscheinen von Petwatch geltende Motto "Für die Partnerschaft Mensch Hund" ist die Triebkraft. Ich bin der Überzeugung, dass die Menschheit dem Bündnis mit dem Wolf resp. Hund entscheidende Impulse für die eigene Evolution zu verdanken hat. Dazu stelle ich wichtige neue Erkenntnisse der Wissenschaft vor, diskutiere diese - und, da wo es mir angebracht erscheint, auch durchaus kritisch.
Ich meine, wir haben dem Hund Vieles zu verdanken. Er schenkt uns noch heute viel Lebensfreude, Tag für Tag. Ein Leben ohne Hund ist möglich aber sinnlos - frei nach Loriot. Aber WIR müssen etwas für diese Freundschaft tun. WIR haben hier die volle Verantwortung. Dieser werden wir heute nicht wirklich gerecht.
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| Vor der Konferenz konnte ich am Rande von Phoenix (AZ) beim Sonnenaufgang regelmäßig Kojoten beobachten. |
Dabei viel mir schon vor Jahren auf, dass sich seit etwa 2000 das wissenschaftliche Interesse am Hund schlagartig intensiviert hat. Auf der Canine Science Conference in Phoenix/Arizona, an der ich als Redner teilnehmen konnte, wurde es im Oktober 2017 ganz offen kommuniziert. Weite Teile der Forschung am Hund gelten nicht wirklich dem Hund. Sie gelten der Pharmaindustrie, die sich riesige Profite über die Entwicklung neuartiger Psychopharmaka ausrechnet. Sehr viel Geld wird in die Forschung am, mit, aber nicht für den Hund investiert. Die neue Generation von Medikamenten soll direkt an den Genabschnitten ansetzen, die als Verursacher von Schizophrenie, Depressionen und andere psychische Leiden ausgemacht werden. Das gilt für Wachmacher und andere leistungssteigernde Mittel ebenso. Die Pharmaforschung bestätigt: Mensch und Hund sind in ihrem Wesen und in ihrer Psyche so ähnlich aufgebaut wie keine zwei anderen Spezies. Das macht sich die Forschung zu Nutzen. Darauf werde ich hier auf Petwatch in Zukunft genauer eingehen. Man muss wachsam sein und verhindern, dass Hunde nicht nur zur Erkundung der Zusammenhänge dienen, vielmehr auch als Versuchsobjekte missbraucht werden könnten, etwa indem bei ihnen künstlich Erkrankungen wie Schizophrenie ausgelöst werden.
Es bleibt spannend! Ich bleibe am Ball.
Last but not least:
Vielen herzlichen Dank an die vielen Bloggerinnen und Blogger, die hier als Gast Artikel beitrugen!
Vielen herzlichen Dank an die vielen Bloggerinnen und Blogger, die hier als Gast Artikel beitrugen!
Christoph Jung
Ein paar wissenschaftliche Veröffentlichungen:
- "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" eine umfassende Beschreibung der Grundlagen der Mensch-Hund-Beziehung und deren Wechselwirkungen. Das Modell der Aktiven sozialen Domestikation des Hundes. (Im Schattauer-Verlag, heute Thieme, erschienen).
- Pörtl D, Jung C. Is dog domestication due to epigenetic modulation in brain? Dog behavior Vol 3, No 2, 2017 https://doi.org/10.4454/db.v2i3
- Pörtl D, Jung C. The domestication from the wolf to the dog is based on coevolution. Dog Behavior Vol 2, No 3, 2016 DOI: http://dx.doi.org/10.4454/db.v2i3.44
- Poertl D, Epigenetic regulation of the hypothalamic-pituitary-adrenal stress axis and its effects on social behaviour Exp Clin Endocrinol Diabetes 2013; 121 - OP5_29 DOI: 10.1055/s-0033-1336637
- 2012 haben wir unser Modell der "Aktiven sozialen Domestikation" in einem Papier vorgestellt und 2014 auch in einem kleinen Büchlein veröffentlicht: "Die aktive soziale Domestikation des Hundes: Ein neurobiologisch begründetes Modell zur Mensch-Hund-Beziehung".
- mehr auf meiner Website: www.christoph-jung.com
Freitag, 27. Oktober 2017
Sind Wölfe wirklich die besseren Teamplayer?
Wolf und Mensch verbinden sehr viele Eigenschaften. Eine davon ist ihr hochsoziales Leben. Der einzelne Wolf wie der einzelne Mensch definieren sich über ihre Rolle und Stellung in der sozialen Gruppe. Sie sind, ob nun bewusst gewollt oder nicht, Teamplayer. Ohne soziale Einbindung gehen sie ein, psychisch aber auch körperlich. Als Team sind sie dagegen höchst leistungsfähig.
Wolf, Hund und Mensch sind vom Wesen her Teamplayer - oder doch nicht?
Eine Studie aus Wien kommt zu dem Schluss, dass der Wolf der bessere Teamplayer gegenüber dem vom ihm abstammenden Hund sei. Der Hund habe durch seine Verbindung mit dem Menschen, durch den Domestikationsprozess, an Teamfähigkeit verloren. Die Mitte Oktober vorab veröffentlichte Studie der Vetmeduni Wien titelt mit
"Domestikation macht Hunde nicht zu besseren Teamplayern"
(Presseinfo der Uni Wien vom 16.10.2017). Die Verhaltensforscherinnen vom Wolf Science Center (WSC) der Vetmeduni Wien untersuchten Wölfe und Hunde, die in den Gehegen des WSC in Rudeln nach gleichen Regeln gehalten werden. Es wurde der "loose-string" Versuchsaufbau verwendet (siehe Foto). Dabei müssen jeweils 2 Hunde oder 2 Wölfe gemeinsam an je einem Strick ziehen, um an eine Futterbelohnung zu kommen. Nur wenn sie hier als Team agieren, sind sie erfolgreich. Insgesamt konnten die Wolfspärchen in 100 von 416 Versuchen gemeinsam Futter angeln, während das lediglich 2 Hundepaaren gelang - so die Informationen aus der bisher nur im Abstract veröffentlichten Studie. Hierauf bauen die Forscherinnen ihre weitreichenden Schlussfolgerungen von der angeblich schlechteren Teamfähigkeit der Hunde. "Wölfe stechen Hunde in Sachen Teamwork aus" lautet eine Überschrift der Presseinfo der Uni, die nun breit in den Medien verbreitet wird.
Ich habe da meine Bedenken...
...und zwar an gleich mehreren grundsätzlichen Punkten. Zunächst einmal steht die Frage, was denn mit Team und Teamwork gemeint ist? Es ist nun einmal ein elementares Merkmal des Hundes, dass er sich auf den Menschen bezieht. Das Team des Hundes ist der Mensch. Es gibt keine wilden Hunde (höchstens teilweise verwilderte). Der Hund kann nicht ohne den Menschen definiert und verstanden werden. Dann wäre er Wolf geblieben. Es zählt gerade zu den hervorstechensten Qualitäten des Hundes, dass er mit dem Menschen arbeitet, dass er fest eingebunden in der Gesellschaft des Menschen lebt und dies bereits seit mehr als 15.000, wahrscheinlich sogar 40.000 Jahren. Von seinen Menschen gestreichelt zu werden, ist ihm sogar wichtiger als eine Futterbelohnung. Dazu werden wir am Schluss noch einmal kommen.
Gehegewölfe sind nicht wilde Wölfe
Die Wiener Verhaltensforscherinnen verweisen darauf, dass weltweit im Grunde nur sie in der Lage sind, Wölfe und Hunde zu vergleichen, da sie im WSC die einzigen seien, die Hunde und Wölfe in exakt derselben Art aufziehen und halten. Doch alleine diese Auffassung verkennt bereits grundsätzlich das Wesen dieser beiden Subspezies. Gleich aufziehen heißt nicht artgerecht. Wenn ich einen Frosch zusammen mit einer Eidechse in einem heißen Trockengebiet aufziehe, so ist das ebenso gleich - mit aber höchst unterschiedlichen Folgen. Von ihrem Wesen brauchen Wolf wie Hund nicht gleiche, vielmehr artgerechte, das heißt unterschiedliche Biotope oder ökologische Nischen. Der Wolf braucht die Freiheit in einer passenden, weiten Natur, wo er im Rudel beispielsweise Rehe jagen kann.
Gehege ist nicht artgerecht
Der heutige europäische Wolf meidet die Nähe des Menschen wo er nur kann. Der Hund (Canis lupus familiaris) ist dagegen, wie sein wissenschaftlicher Name bereits andeutet, auf den Menschen bezogen. Sein Biotop ist der Mensch, dessen Leben, dessen soziale Strukturen und bis noch vor gut 100 Jahren durchgängig, die gemeinsame Arbeit mit dem Mensch. Wölfe, die von menschlicher Hand aufgezogen wurden und ihr ganzes Leben von Menschen gefüttert und gepampert im Gehege gelebt haben, sind keine Wildtiere mehr. Zumal die Gehegewölfe - nicht nur in Wien - in aller Regel bereits seit sehr vielen Generationen ausschließlich im Gehege leben. Hier ist sogar davon auszugehen, dass bereits psychische und epigenetische Anpassungen erfolgt sind wie es bei Labortieren, etwa Ratten, schon dokumentiert wurde. Es ist zudem seit langem bekannt, dass sich Gehegewölfe in ihrem Sozialverhalten tiefgreifend ändern und eine andere soziale Struktur aufbauen als frei lebende Artgenossen, wie es u.a. Dave Mech überzeugend beschrieb. Will man das natürliche Verhalten von Wölfen studieren, muss man Freilandstudien betreiben. Zudem sind die Wölfe des WSC vom Welpen an darauf trainiert, Versuchsaufgaben in Gegenwart von Menschen zu lösen und hierfür mit Futter belohnt zu werden. Sie repräsentieren also keineswegs den wilden Vorfahren unserer Hunde, zumal dieser nicht von den heute lebenden Formen des Wolfs abstammt (siehe unten).
Gehegehunde sind deprivierte Hunde
Die Hunde des WSC, die in den Studien der Wiener Verhaltensforscherinnen den Canis lupus familiaris repräsentieren sollen, sind - streng genommen - keine richtigen Hunde. Es handelt sich um psychisch deprivierte Hunde. Sie werden eben NICHT artgerecht gehalten. Denn zum Hund gehört wesentlich die Einbindung in die menschliche Sozialität. Sie ist für sein artgerechtes Leben notwendig. Genau diese wird ihnen bewusst genommen. Die Forscherinnen erklären: "Deswegen war es uns wichtig, bei diesen Tests nicht mit Haustieren zu arbeiten und so die menschliche Komponente auszuschließen“ (Presseinfo vom 16.10.2017).
"die menschliche Komponente ausschließen"
Der Wolf ist aber exakt und nur über diese "menschliche Komponente" zum Hund geworden. Ohne diese gäbe es keine Hunde und auch nicht die vielen Fähigkeiten und Wesensmerkmale, die den Hund gegenüber dem Wolf auszeichnen und seine einzigartige Stellung in Bezug auf uns Menschen ausmachen.
Kaspar-Hauser-Versuche
In der Antike bis ins ausgehenden Mittelalter gab es immer wieder Versuche, Kinder ohne unmittelbaren Kontakt zu anderen Menschen aufzuziehen. In diesen so genannten Kaspar-Hauser-Versuchen wurden diese armen Schicksale ansonsten bestens versorgt. Doch sie starben - ohne Ausnahme. Das Fehlen der sozialen und emotionalen Bindung machte sie lebensunfähig. Der Hund will und braucht die menschliche Bindung, um sich wohlzufühlen, sein Leben und seine Fähigkeiten artgerecht zu entfalten. So zeigt er sich als hervorragender Teamplayer und ist zu hochkomplexer Teamwork in der Lage - mit Menschen. Es ist ein beeindruckendes Erlebnis, einem Schäfer im Border County an der Grenze England/Schottland zuzuschauen, wie dieser mit seinen Border Collies die Herde höchst präzise und schnell manövriert. Und das sogar selbständig, ohne Sichtkontakt, oft nur auf Pfiffe oder auch nur auf eine vorher gegebene Anweisung hin.
Hüten, Schlitten ziehen, Assistieren = Teamwork auf höchstem Niveau
Man sollte einmal Wölfe vor einen Schlitten spannen. Das tun Menschen mit ihren Hunden am Polarkreis seit 8.000 Jahren. Die Schlittenhunden arbeiten hier im Dutzend oder gar in einer noch größeren Gruppe zusammen. Jeder Musher hat seinen Lead, seinen vertrauten Leithund, der von allen anderen Hunden in seiner Führungsrolle anerkannt ist. Diese Hunde sind nicht nur eine als Team arbeitende Zugmaschine, sie machen auch ein gutes Navigationssystem und führen die Menschen sicher zur Jagd oder nach Hause. Auch bei der Jagd in unseren Breiten bilden Mensch und Hund, wie auch Hunde untereinander ein komplex arbeitendes Team. Hunde kann man sogar zu Assistenzhunden ausbilden und zu vielen weitere Aufgaben ebenso. Immer ist Teamfähigkeit eine hervorstechende Eigenschaft des Hundes - selbst wenn diese von uns Menschen zuweilen schlicht ausgenutzt wird.
Hunde und Menschen, seit tausenden von Jahren ein Team
Es ist heute Stand der Wissenschaft, dass der Hund vor mehr als 15.000, wahrscheinlich sogar vor 40.000 Jahren domestiziert wurde. Stammvater und -mutter war eine Unterart des Wolfes, die heute ausgestorben ist. Früher lebte der Wolf auf der ganzen nördlichen Hemisphäre und war sehr viel reicher an Varianten. Alle waren Subspezies des Canis lupis, wie es Prof. Robert Wayne anhand umfangreicher Genanalysen herausgefunden hat. Wir wissen auch recht sicher, dass der Hund in Nord/Mitteleuropa domestiziert wurde. Wir wissen nicht wirklich, wie und warum dies geschah. Wir kennen aber einige Faktoren, die diese einmalige Qualität der Verbindung zweier Spezies ermöglicht hat. Denn (Steinzeit-) Menschen und Wölfe verbinden sehr ähnliche Eigenschaften:
Dass dies keine Spekulationen sind, zeigen aktuelle Forschungsergebnisse aus verschiedenen Disziplinen, so:
Weder der Hund noch der Wolf ist der bessere Teamplayer. Sie sind schlicht anders.
Last but not least hätten sich unsere Vorfahren mit ihren Steinwerkzeugen kaum die Mühe gemacht, für einen Müllverwerter ein Grab auszuheben und diesen sorgfältig zu bestatten. Das taten sie für Hunde aber bereits seit 13.000 Jahren. Und vieles spricht dafür, dass es ein Akt der Anerkennung für einen verdienten, vierbeinigen Teamplayer war. Greg Berns zeigte vor kurzem mit seinen fMRT Aufnahmen vom arbeitenden Hundegehirn, das bei Hunden das Belohnungszentrum angesprochen wird, wenn sie ihr vertrautes Herrchen oder Frauchen nur riechen. Der Hund freut sich über uns als Mensch, als Partner - Punkt. Diese Zusammenhänge haben Daniela Pörtl und ich mit dem Modell der "Aktiven Sozialen Domestikation des Hundes" detailliert ausgeführt. Wollte man die Teamfähigkeit vergleichen, so müsste man einen Hund mit seinem Herrchen oder Frauchen und zwei miteinander vertraute Wölfe gegeneinander antreten lassen.
Ein kritischer Kommentar von Christoph Jung
Wolf, Hund und Mensch sind vom Wesen her Teamplayer - oder doch nicht?
Eine Studie aus Wien kommt zu dem Schluss, dass der Wolf der bessere Teamplayer gegenüber dem vom ihm abstammenden Hund sei. Der Hund habe durch seine Verbindung mit dem Menschen, durch den Domestikationsprozess, an Teamfähigkeit verloren. Die Mitte Oktober vorab veröffentlichte Studie der Vetmeduni Wien titelt mit
"Domestikation macht Hunde nicht zu besseren Teamplayern"
(Presseinfo der Uni Wien vom 16.10.2017). Die Verhaltensforscherinnen vom Wolf Science Center (WSC) der Vetmeduni Wien untersuchten Wölfe und Hunde, die in den Gehegen des WSC in Rudeln nach gleichen Regeln gehalten werden. Es wurde der "loose-string" Versuchsaufbau verwendet (siehe Foto). Dabei müssen jeweils 2 Hunde oder 2 Wölfe gemeinsam an je einem Strick ziehen, um an eine Futterbelohnung zu kommen. Nur wenn sie hier als Team agieren, sind sie erfolgreich. Insgesamt konnten die Wolfspärchen in 100 von 416 Versuchen gemeinsam Futter angeln, während das lediglich 2 Hundepaaren gelang - so die Informationen aus der bisher nur im Abstract veröffentlichten Studie. Hierauf bauen die Forscherinnen ihre weitreichenden Schlussfolgerungen von der angeblich schlechteren Teamfähigkeit der Hunde. "Wölfe stechen Hunde in Sachen Teamwork aus" lautet eine Überschrift der Presseinfo der Uni, die nun breit in den Medien verbreitet wird.
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| "In Sachen Teamwork sind Wölfe ihren domestizierten Nachfahren überlegen." (Foto: Wolf Science Center/Vetmeduni Vienna) |
...und zwar an gleich mehreren grundsätzlichen Punkten. Zunächst einmal steht die Frage, was denn mit Team und Teamwork gemeint ist? Es ist nun einmal ein elementares Merkmal des Hundes, dass er sich auf den Menschen bezieht. Das Team des Hundes ist der Mensch. Es gibt keine wilden Hunde (höchstens teilweise verwilderte). Der Hund kann nicht ohne den Menschen definiert und verstanden werden. Dann wäre er Wolf geblieben. Es zählt gerade zu den hervorstechensten Qualitäten des Hundes, dass er mit dem Menschen arbeitet, dass er fest eingebunden in der Gesellschaft des Menschen lebt und dies bereits seit mehr als 15.000, wahrscheinlich sogar 40.000 Jahren. Von seinen Menschen gestreichelt zu werden, ist ihm sogar wichtiger als eine Futterbelohnung. Dazu werden wir am Schluss noch einmal kommen.
Gehegewölfe sind nicht wilde Wölfe
Die Wiener Verhaltensforscherinnen verweisen darauf, dass weltweit im Grunde nur sie in der Lage sind, Wölfe und Hunde zu vergleichen, da sie im WSC die einzigen seien, die Hunde und Wölfe in exakt derselben Art aufziehen und halten. Doch alleine diese Auffassung verkennt bereits grundsätzlich das Wesen dieser beiden Subspezies. Gleich aufziehen heißt nicht artgerecht. Wenn ich einen Frosch zusammen mit einer Eidechse in einem heißen Trockengebiet aufziehe, so ist das ebenso gleich - mit aber höchst unterschiedlichen Folgen. Von ihrem Wesen brauchen Wolf wie Hund nicht gleiche, vielmehr artgerechte, das heißt unterschiedliche Biotope oder ökologische Nischen. Der Wolf braucht die Freiheit in einer passenden, weiten Natur, wo er im Rudel beispielsweise Rehe jagen kann.
Gehege ist nicht artgerecht
Der heutige europäische Wolf meidet die Nähe des Menschen wo er nur kann. Der Hund (Canis lupus familiaris) ist dagegen, wie sein wissenschaftlicher Name bereits andeutet, auf den Menschen bezogen. Sein Biotop ist der Mensch, dessen Leben, dessen soziale Strukturen und bis noch vor gut 100 Jahren durchgängig, die gemeinsame Arbeit mit dem Mensch. Wölfe, die von menschlicher Hand aufgezogen wurden und ihr ganzes Leben von Menschen gefüttert und gepampert im Gehege gelebt haben, sind keine Wildtiere mehr. Zumal die Gehegewölfe - nicht nur in Wien - in aller Regel bereits seit sehr vielen Generationen ausschließlich im Gehege leben. Hier ist sogar davon auszugehen, dass bereits psychische und epigenetische Anpassungen erfolgt sind wie es bei Labortieren, etwa Ratten, schon dokumentiert wurde. Es ist zudem seit langem bekannt, dass sich Gehegewölfe in ihrem Sozialverhalten tiefgreifend ändern und eine andere soziale Struktur aufbauen als frei lebende Artgenossen, wie es u.a. Dave Mech überzeugend beschrieb. Will man das natürliche Verhalten von Wölfen studieren, muss man Freilandstudien betreiben. Zudem sind die Wölfe des WSC vom Welpen an darauf trainiert, Versuchsaufgaben in Gegenwart von Menschen zu lösen und hierfür mit Futter belohnt zu werden. Sie repräsentieren also keineswegs den wilden Vorfahren unserer Hunde, zumal dieser nicht von den heute lebenden Formen des Wolfs abstammt (siehe unten).
| Hunde im WSC - "menschliche Komponente ausschließen" (Foto: Christoph Jung) |
Die Hunde des WSC, die in den Studien der Wiener Verhaltensforscherinnen den Canis lupus familiaris repräsentieren sollen, sind - streng genommen - keine richtigen Hunde. Es handelt sich um psychisch deprivierte Hunde. Sie werden eben NICHT artgerecht gehalten. Denn zum Hund gehört wesentlich die Einbindung in die menschliche Sozialität. Sie ist für sein artgerechtes Leben notwendig. Genau diese wird ihnen bewusst genommen. Die Forscherinnen erklären: "Deswegen war es uns wichtig, bei diesen Tests nicht mit Haustieren zu arbeiten und so die menschliche Komponente auszuschließen“ (Presseinfo vom 16.10.2017).
"die menschliche Komponente ausschließen"
Der Wolf ist aber exakt und nur über diese "menschliche Komponente" zum Hund geworden. Ohne diese gäbe es keine Hunde und auch nicht die vielen Fähigkeiten und Wesensmerkmale, die den Hund gegenüber dem Wolf auszeichnen und seine einzigartige Stellung in Bezug auf uns Menschen ausmachen.
Kaspar-Hauser-Versuche
In der Antike bis ins ausgehenden Mittelalter gab es immer wieder Versuche, Kinder ohne unmittelbaren Kontakt zu anderen Menschen aufzuziehen. In diesen so genannten Kaspar-Hauser-Versuchen wurden diese armen Schicksale ansonsten bestens versorgt. Doch sie starben - ohne Ausnahme. Das Fehlen der sozialen und emotionalen Bindung machte sie lebensunfähig. Der Hund will und braucht die menschliche Bindung, um sich wohlzufühlen, sein Leben und seine Fähigkeiten artgerecht zu entfalten. So zeigt er sich als hervorragender Teamplayer und ist zu hochkomplexer Teamwork in der Lage - mit Menschen. Es ist ein beeindruckendes Erlebnis, einem Schäfer im Border County an der Grenze England/Schottland zuzuschauen, wie dieser mit seinen Border Collies die Herde höchst präzise und schnell manövriert. Und das sogar selbständig, ohne Sichtkontakt, oft nur auf Pfiffe oder auch nur auf eine vorher gegebene Anweisung hin.
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| Schäfer an der Elster bei Leipzig (Foto: Christoph Jung) |
Man sollte einmal Wölfe vor einen Schlitten spannen. Das tun Menschen mit ihren Hunden am Polarkreis seit 8.000 Jahren. Die Schlittenhunden arbeiten hier im Dutzend oder gar in einer noch größeren Gruppe zusammen. Jeder Musher hat seinen Lead, seinen vertrauten Leithund, der von allen anderen Hunden in seiner Führungsrolle anerkannt ist. Diese Hunde sind nicht nur eine als Team arbeitende Zugmaschine, sie machen auch ein gutes Navigationssystem und führen die Menschen sicher zur Jagd oder nach Hause. Auch bei der Jagd in unseren Breiten bilden Mensch und Hund, wie auch Hunde untereinander ein komplex arbeitendes Team. Hunde kann man sogar zu Assistenzhunden ausbilden und zu vielen weitere Aufgaben ebenso. Immer ist Teamfähigkeit eine hervorstechende Eigenschaft des Hundes - selbst wenn diese von uns Menschen zuweilen schlicht ausgenutzt wird.
Hunde und Menschen, seit tausenden von Jahren ein Team
Es ist heute Stand der Wissenschaft, dass der Hund vor mehr als 15.000, wahrscheinlich sogar vor 40.000 Jahren domestiziert wurde. Stammvater und -mutter war eine Unterart des Wolfes, die heute ausgestorben ist. Früher lebte der Wolf auf der ganzen nördlichen Hemisphäre und war sehr viel reicher an Varianten. Alle waren Subspezies des Canis lupis, wie es Prof. Robert Wayne anhand umfangreicher Genanalysen herausgefunden hat. Wir wissen auch recht sicher, dass der Hund in Nord/Mitteleuropa domestiziert wurde. Wir wissen nicht wirklich, wie und warum dies geschah. Wir kennen aber einige Faktoren, die diese einmalige Qualität der Verbindung zweier Spezies ermöglicht hat. Denn (Steinzeit-) Menschen und Wölfe verbinden sehr ähnliche Eigenschaften:
- Beide leb(t)en in ähnlich strukturieren Familiengruppen.
- Die Gruppe zieht den Nachwuchs gemeinsam auf.
- Beide jagten dasselbe Wild (z.B. Mammut, Bison) in derselben ökologischen Nische
- mit denselben kollektiven Methoden als Hetzjäger.
- Als kollektiver Großwildjäger mussten sich beide in das Wild ein stückweit hineindenken können.
- Bei den Jagden lernte man sich immer wieder kennen. Es entwickelte sich ein ähnlicher Erfahrungshorizont.
- So kann/muss sich ein zwischenartlicher Resonanzraum entwickelt haben, der z.B. Empathie beeinhaltet.
- Beide Arten entwickeln Kulturen und sogar zwischenartliche.
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| Kollektive Jagd auf Großwild - ein Wesensmerkmal der Canis lupus (Foto: Yellowstone Nationalpark) |
- Der Nachweis der Funktion von Spiegelneuronen und Joint Attention zwischen Hunden und Menschen.
- Der Nachweis sehr ähnlicher Funktionsgrundlagen der Psyche (etwa fMRT G.Berns).
- Die sehr ähnliche Wirkungsweise der Hormone und Neurotransmitter.
- Der Nachweis von Empathie zwischen Mensch und Hund.
- Oder erste Belege für Perspektivenübernahme vom Menschen durch den Hund (ToM).
- Der Nachweis der zentralen Rolle der Stressachse im Domestikationsprozess (etwa Farm-Fox-Experiment).
- Mensch und Wolf lernten sich bei der Jagd kennen und nutzten den jeweils anderen bis sich nach und nach eine Kooperation entwickelte, deren Auswirkungen bereits in 10.000 Jahre alten Höhlenmalereien dokumentiert ist.
- Man bewachte und beschützte sich gegenseitig. Der Mensch hatte das Feuer und Waffen, der Wolf die schärferen Sinne und größer Kraft. Gemeinsam war man unbesiegbar.
- Man wärmte sich gegenseitig. In der Eiszeit nicht zu unterschätzen und bei den Polarvölkern noch heute üblich.
- Menschen interessieren sich über alle naturnahen Kulturen hinweg für die Haltung von Tieren. Von Menschen nicht verfolgte Wölfe, wie die Polarwölfe auf Ellesmere Island im hohen Norden Kanadas, sind ebenfalls interessiert, uns Menschen kennenzulernen. Es gibt ein Bedürfnis nach sozialer Beziehung offenbar auch interspezifisch.
- Vielleicht teilte man die Beute, wenn reichlich vorhanden war. Gemeinsam konnte man sie gegenüber Dritten besser verteidigen.
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| Die soziale Bindung zwischen Mensch und Hund können Neurowissenschaftler heute nachweisen. (Foto: Christoph Jung) |
Last but not least hätten sich unsere Vorfahren mit ihren Steinwerkzeugen kaum die Mühe gemacht, für einen Müllverwerter ein Grab auszuheben und diesen sorgfältig zu bestatten. Das taten sie für Hunde aber bereits seit 13.000 Jahren. Und vieles spricht dafür, dass es ein Akt der Anerkennung für einen verdienten, vierbeinigen Teamplayer war. Greg Berns zeigte vor kurzem mit seinen fMRT Aufnahmen vom arbeitenden Hundegehirn, das bei Hunden das Belohnungszentrum angesprochen wird, wenn sie ihr vertrautes Herrchen oder Frauchen nur riechen. Der Hund freut sich über uns als Mensch, als Partner - Punkt. Diese Zusammenhänge haben Daniela Pörtl und ich mit dem Modell der "Aktiven Sozialen Domestikation des Hundes" detailliert ausgeführt. Wollte man die Teamfähigkeit vergleichen, so müsste man einen Hund mit seinem Herrchen oder Frauchen und zwei miteinander vertraute Wölfe gegeneinander antreten lassen.
Ein kritischer Kommentar von Christoph Jung
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