Donnerstag, 29. Dezember 2016

In Memoriam Hellmuth Wachtel

Das Ende des Jahres 2016 möchte ich zum Anlass nehmen, nun endlich Dipl.Ing. Dr. Hellmuth Wachtel zu würdigen, der uns bereits Ende 2015 verlassen hat. Mit Hellmuth Wachtel geht einer der letzten Vertreter der klassischen Kynologen des 20. Jahrhunderts. Hellmuth Wachtel war nicht nur ein großer Kynologe, er war zudem eine unbestechliche Stimme für das Wohl und die Gesundheit des Hundes in unserer Gesellschaft.
Dr. Hellmuth Wachtel (1925 -2015)
Zusammen mit Prof.Dr. Wilhelm Wegner (Kleine Kynologie, Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes/Qualzuchtgutachten) legte er bereits Mitte der 1990er Jahre in seinem Buch "Hundezucht 2000" die Grundlage für eine fundierte Kritik an den Missständen der Rassehundezucht und zeigte heute noch aktuelle Eckpunkte für eine Wende auf. Er entwickelte das Konzept des Biohundes. In Büchern, unzähligen Artikeln, mit Engagement in Fachforen im Internet, Vorträgen und geduldig erläuternden Emails, z.B. mit dem Autor dieses Nachrufs, setzte er sich für das Wohl des Hundes und die Zukunft der Partnerschaft Mensch-Hund ein – in damals schon betagtem Alter.

Hellmuth Wachtel zeichnete aus, dass er niemals polemisch oder gar abwertend und beleidigend mit anderen Meinungen, Kritiken oder sogar Stimmen, die ihn unter der Gürtellinie anzugreifen suchten, umging. Er blieb immer honorig, sachlich, inhaltlich souverain. Ihm ging es eben um die Sache: Das Wohl der Hunde. Über mein eigenes Engagement in derselben Sache kam ich vor etwa 10 Jahren persönlich in Kontakt mit diesem großen Freund des Hundes. Auch wir hatten nicht immer eine Meinung. So schrieb Wachtel in seiner Rezension zu einem meiner Bücher: "Obwohl ich ein paar Details etwas anders sehe..." So war es vice versa. Auch ich konnte ihn kritisieren, ohne dass er dies persönlich nahm. Ganz im Gegenteil, entwickelte sich so immer wieder ein sehr fruchtbarer Dialog, eine wertvolle Bereicherung des Blickfeldes, die ich heute sehr vermisse. Obwohl schon hochbetagt, konnte sich schon einmal locker an einem Sonntag bis spät im den Abend hinein ein reger Austausch von Emails entwickeln - in der Sache durchaus widersprüchlich und hartnäckig Argumente austauschend, in der Methode aber sachlich, kameradschaftlich, ja freundschaftlich und immer wertschätzend.
Hellmuth Wachtel mit Amigo
Dann kam recht plötzlich seine letzte Email: "...es freut mich sehr, dass sie weiter im Interesse einer besseren Hundezucht arbeiten! Ich muss mich nun leider schon mit Altersproblemen abfinden und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg!" Ich ahnte es. Leider habe ich von seinem Tod dann erst spät erfahren.

Wir vermissen den großen Hundefreund und Kynologen Dr. Hellmuth Wachtel.

Christoph Jung

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Praxis der hundegestützten Therapie - Grundlagen und Anwendung

Hunde haben eine positive Wirkung auf die Psyche des Menschen. Das ist inzwischen wissenschaftlich belegt.  In "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" haben wir die Geheimnisse der Seelenverwandtschaft Mensch-Hund beleuchtet und damit auch die elementaren Grundlagen der hundegestützten Therapie.

Mit "Praxis der hundegestützten Therapie: Grundlagen und Anwendung" haben sich nun zwei ausgewiesene Fachleute aus der Praxis zu Wort gemeldet. Der Psychotherapeut und Psychologe Dr. Rainer Wohlfarth, psychologischer Leiter an der Max-Grundig-Klinik im Schwarzwald und Präsident der ESAAT (European Society for Animal Assisted Therapy), und Bettina Mutschler, Dozentin für Hundeerziehung, ergänzen sich in ihrem Buch geradezu optimal in ihrem unterschiedlichem Zugang zu diesem Thema. Dr. Wohlfarth nähert sich aus der Sicht des Psychotherapeuten eher von der "menschlichen Seite", Frau Mutschler eher "über den Akteur Hund". Beiden zusammen gelingt somit eine umfassende und fundierte Darstellung der hundegestützten Therapie in all ihren Aspekten, von der Co-Evolution Hund-Mensch, der Geschichte und Entwicklung der tiergestützten Therapie, ihren wissenschaftlichen Grundlagen über die therapeutische Arbeit bis hin zu Tierethik und der Organisation, Evaluation, den rechtlichen Grundlagen und dem Qualitätsmanagement in der Durchführung der hundegestützten Therapie.
Praxis der hundegestützten Therapie: Grundlagen und Anwendung (mensch & tier)
von Rainer Wohlfarth und Bettina Mutschler
Hundegestützte Therapie ist immer nur eine Ergänzung einer anderen, qualifizierte Therapiemethode - fundierte Ausbildung nötig

Der therapeutische Schwerpunkt wird dabei aus psychotherapeutischer Sicht beleuchtet mit Ausblick auch auf andere Therapieformen wie Ergo- oder Physiotherapie. Sehr klar und deutlich wird hergeleitet, dass die hundegestützte Therapie IMMER ein Zusatz zu den grundlegenden Therapieverfahren wie Psychotherapie, Ergo- und Physiotherapie ist und NIE ein eigenständiges Therapieverfahren. Voraussetzung ist somit ein Therapeut mit fundierter Ausbildung, der sich zusätzlich in hundegestützter Therapie weitergebildet hat. Hier liegt, wie die Autoren darlegen, bereits die Schwierigkeit, da es bisher noch keine einheitliche zertifizierte Ausbildung in hundegestützter Therapie gibt.

Der Hund als Arbeitspartner

Immer aber steht der Klient im Fokus, der Hund ist Arbeitspartner nicht Arbeitsmittel, im Buch passend als "Therapiebegleithund" benannt. Der Hund macht  aus der therapeutischen Dyade eine Triade und bringt  immer auch eigene Aspekte und seine Persönlichkeit mit ein. Hierin liegt der zusätzliche Gewinn der hundegestützten Therapie aber auch ihre Herausforderung. Hunde "ergänzen das Mängelwesen Therapeut mit ihren ganz bestimmten Qualitäten" wie ihrer non verbalen Kommunikation, ihrem Leben im Augenblick, ihrer Kooperation sowie ihrem Vertrauen und ihrer auch körperlichen Zuwendung, die so mit einem menschlichen Therapeuten absolut undenkbar, ja obsolet ist.

Hundegestützte Therapie wirkt über eine echte emotionale sichere Bindung, die Vertrauen und Entspannung fördert und Stressreaktionen senkt. Hundegestützte Therapie ist immer eine zielgerichtete und strukturierte Arbeit und hebt sich so von den Besuchen einer Hundehalterin mit ihrem Familienhund im Altenheim deutlich ab. In der hundegestützten Therapie wirkt der Hund u.a. als "Eisbrecher", Bindungsfigur, Motivator, Projektionsfläche, Förderer von Kommunikation und Selbstwert. Immer wieder thematisieren die Autoren dabei, dass sowohl der menschliche als auch der tierische Therapeut eine umfassende und spezifische Ausbildung benötigen. Dabei steht neben dem Klienten immer auch das Wohlergehendes Hundes im Fokus.

Insgesamt aus meiner Sicht das bisher beste Buch zum Thema hundegestützte Therapie mit praxisorientiertem Anspruch. Das Buch informiert umfassend über alle praxisrelevanten Aspekte der hundegestützten Therapie ohne dabei "Kochrezepte" für den Hausgebrauch zu liefern; denn hundegestützte Therapie ist eine fachbezogene Weiterbildung, die in die Hand qualifizierter Ausbildungsinstitute, die teils noch zu schaffen wären, gehört.

Ein Beitrag von Daniela Pörtl, Ärztin

Leiterin einer Psychiatrischen Institutsambulanz
Autorin (zusammen mit Christoph Jung) von "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" im Schattauer-Verlag, Stuttgart erschienen.

Freitag, 2. Dezember 2016

Mensch, Hund!

3Sat sendet am Donnerstag, 8.12.16 um 20.15 Uhr die Dokumentation: "Mensch, Hund! Der Rasse-Wahn und seine Folgen". Im Film von Klaus Kastenholz werden Missstände in der Hundezucht angeprangert und nach Auswegen geschaut. Es ist eine Wiederholung von 3Sat von September 2013, aber - leider - immer noch aktuell. Danach kommt Scobel, wo das Thema Schönheit ganz allgemein weiter vertieft wird.

Wer das Thema Mensch-Hund weiter vertiefen will, dem seien bei dieser Gelegenheit folgende Optionen empfohlen:
  • DOCnDOG - Die Akademie für Hundefreunde
Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund
Von Streicheln, Stress und Oxytocin

Hier geht es darum, wie aus der Beziehung zwischen Mensch und Wolf überhaupt der Hund entstehen konnte und worauf diese einmalige Verbindung zweier Spezies gründet und funktioniert.

Am 5. April 2017, 19 Uhr in Rödinghausen (Nähe Bielefeld)
  • 3. Rostocker Vierbeiner Symposium
Wissenschaft trifft Hund
Der Wolf. Der Hund. Der Mensch.

Mit Vorträgen von Elli Radinger, Christoph Jung, Daniela Pörtl

Am 17. Juni 2017, 9 -17 Uhr in der Universität Rostock
  • Dokumentarfilm „Freund oder Feind“ über die Ambivalenz der Mensch-Hund-Beziehung
Der Film von Ruth Stolzewski kommt in diesen Tagen in den Handel. Hier bei amazon.de


Bereits 2009 erschienen aber  - leider - immer noch aktuell:
https://www.amazon.de/Schwarzbuch-Hund-Menschen-bester-Freund/dp/3837030636/ref=asap_bc?ie=UTF8

Und die Hintergründe dieser besonderen Beziehung wissenschaftlich beleuchtet in: 

Sonntag, 13. November 2016

Hund, Barf und Getreide, neue Erkenntnisse der Forschung

Ist Getreide schädlich für unsere Hunde? An dieser Frage scheiden sich nicht selten die Geister der Hundefreunde. Seit einigen Jahren geht die Behauptung durch die Szene, Getreide sei als Nahrung ungeeignet, ja gefährlich für Hunde. Viele Futtermittelhersteller werben seither offensiv mit dem Label, ihr Produkt sei frei von Getreide, als Merkmal guter Qualität. Die meisten BARF- und Rohfutter-Anbieter halten per se schon einmal nichts von Getreide und befeuern diesen Trend.

Dabei wird gerne auf den Wolf verwiesen. Der Wolf sei ein Fleischfresser und der Hund stamme schließlich von diesem ab. Deshalb sei es die natürliche Ernährung des Hundes, wenn diese möglichst weitgehend der Ernährung des Wolfs entspricht. Extremform dieser Auffassung ist die in letzter Zeit in Mode gekommene Prey-Methode, die ganze Tiere, etwa Kaninchen oder Hühner oder große Stücke anderer Tiere, als Futter für den Hund propagiert.
(Foto: Christoph Jung)
Evolution der Ernährung vom Wolf zum Hund

Allerdings sind auch das nur grobe Annäherungen an die Ernährung des Wolfes. Wölfe sind kollektive Hetzjäger, deren Hauptbeute in unseren Breiten aus Rehen besteht, jedenfalls größerem Wild. Zudem sind Wölfe recht flexibel, sie nehmen gelegentlich auch pflanzliche Kost oder Fische. Auf den Kanada vorgelagerten Pazifik-Inseln gibt es eine Wolfspopulation, die sich praktisch ausschließlich von Fischen und Krebsen ernährt. Wilde Wölfe haben zudem einen ganz anderen Nahrungsbedarf als Hunde. Sie sind Hetzjäger, die große Entfernungen zurücklegen und im Ernstfall an ihre körperlichen Leistungsgrenzen gehen müssen, um eine Jagd erfolgreich zu beenden. Dann hauen sie sich den Magen voll mit riesigen Mengen Fleisch, um dann wieder tagelang fasten zu können. Unsere Hunde leben da ein wenig anders - und das seit vielen tausenden von Jahren. Hunde sind nicht als Wölfe, auch nicht als zahme Wölfe zu verstehen. Ich will an dieser Stelle anlässlich aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse nur auf eine Frage eingehen:

Zählt Getreide zur natürlichen Ernährung des Hundes?

Hierzu will ich auf zwei ganz aktuelle, wissenschaftliche Untersuchungen verweisen. Beide Untersuchungen befassen sich mit Alpha-Amylase 2B. Das ist ein Enzym, das bei Mensch wie Hund die Verarbeitung von Stärke (Polysaccharide), etwa aus Getreide, zu Zucker und damit die Aufnahme als Nahrung ermöglicht. AMY2B bezeichnet das Gen, das dieses Enzym kodiert. So kann man anhand der Genausstattung, die man heute viel genauer als noch vor wenigen Jahren lesen kann, auf die Fähigkeit schließen, Stärke in der Nahrung zu nutzen. Bereits 2014 war in einer Untersuchung nachgewiesen worden, dass auch beim Hund die Anzahl der AMY2B-Kopien im Genom mit der Fähigkeit zusammenhängt, das Enzym Amylase zu produzieren (1).
Stand von Mars (hier Royal Canin) auf einer Ausstellung des VDH
(Foto: Christoph Jung)
Im Gegensatz zum Wolf: Hunde können Stärke aus Getreide verarbeiten.

Im Juli 2016 veröffentlichte ein Team aus Mikrobiologen und Biochemikern der Universitäten Uppsala (Schweden) und Sydney (Australien) eine weitere Untersuchung zum Thema. Sie untersuchten das Blut von 221 Hunden, darunter 95, die ursprüngliche Hunde repräsentieren (u.a. 25 australische Dingos), sowie 126 Rassehunde. Zusätzlich wurden die Blutwerte der 171 Hunde (darunter 19 Grönlandhunde) genommen, die bereits in der oben angeführten Studie von 2014 untersucht worden waren. Insgesamt lagen also die Daten von 392 Hunden vor. Die Anzahl der AMY2B-Kopien im Genom der Hunde schwankte zwischen 11 und 3. Die regionale Verteilung der Häufigkeit entspricht den Wissenschaftlern zufolge exakt den historischen Schwerpunkten der Herausbildung des Getreideanbaus in der Geschichte der Menschheit. So wundert es nicht, dass die Hunde aus arktischen wie die australischen Gebieten die geringsten Amylase-Fähigkeiten zeigten, im Gegensatz zur breiten Mehrheit der Hunde, die mit 11 AMY2B-Genabschnitten ausgestattet sind. Allerdings ist selbst die relativ schwache Fähigkeit der arktischen Hunde immer noch besser ausgebildet als die der Wölfe. Die Forscher fassen zusammen: "Wir zeigen, dass das Verteilungsmuster geographisch mit der Ausbreitung der prähistorischen Landwirtschaft korreliert und kommen zu der Schlussfolgerung, dass die Ernährungsumstellung nicht mit der ursprünglichen Domestikation, sondern mit der anschließenden Herausbildung und Verbreitung der Landwirtschaft in den meisten, aber nicht allen Regionen der Welt zusammenhängt." (2)

Gemeinsame Evolution: Mit dem Ackerbau kam die Fähigkeit, Stärke als Nahrung zu nutzen.

Im November 2016 wurde wieder eine Studie zu diesem Thema veröffentlicht. Diesmal schaute man direkt in die Vergangenheit. Man untersuchte die DNA aus fossilen Zähnen von 13 früh- und vorgeschichtlichen Hunden, zwischen 4.000 und 15.000 Jahren alt, hinsichtlich der enthaltenen AMY2B-Kopien. Es zeigte sich, dass Hunde die Fähigkeit, Stärke zu verdauen, zur gleichen Zeit wie die Menschen entwickelten. Vor 7.000 Jahren erhöhte sich die Zahl der Kopien des Amy2B-Gens sprunghaft. Der Zeithorizont der genetischen Veränderungen stimmt mit dem Zeitfenster der Einführung der Landwirtschaft in Europa genau überein. Das Forscher-Team aus Frankreich, Schweden, Russland und Rumänien fast zusammen: "In dieser Studie haben wir Beweise für eine Erhöhung der Amylase-Gen-Kopienzahl in alten Hunde-Genomen gefunden, die ein festes ante quem während des 7. Jahrtausends cal BP in Südosteuropa vorweisen. Wir haben gezeigt, dass sich die heutige Fähigkeit der meisten Hunde, Stärke zu verdauen, nicht aus Selektion der Abstammungslinien während der klassischen Antike oder aus der Zucht der modernen Rassen des 19. Jahrhunderts ergibt, vielmehr spätestens im Neolithikum zwischen dem 10. und 7.-5. Jahrtausend cal BP, zumindest in verschiedenen Regionen West- und Osteuropas und Südwestasiens begann." Die Wissenschaftler fahren fort: "Die Geschichte der Amy2B-Erweiterung bei Hunden legt nahe, dass die für die Verdauung von Stärke verantwortlichen Gene bei Mensch wie Hund möglicherweise ähnliche Veränderungen durchaufen haben." (3)*
Wenn`s um die Wurst geht... (Foto: Christoph Jung)
Co-Evolution von Mensch und Hund

Mit seiner bereits vor mehr als 30.000 Jahren beginnenden Domestikation wurde der Mensch mit seinen Lebens- und Ernährungsgewohnheiten für den Hund zu dessen sozialem Zentrum. Der Hund wurde zum Lebens- und Arbeitspartner des Menschen, durchschritt mit ihm sämtliche evolutionären Sprünge seit der Altsteinzeit. Vielleicht ermöglichte erst die Zusammenarbeit mit dem Hund epochale Sprünge wie etwa die Gewinnung der Kontrolle über wilde Ziegen und Schafe, die den Beginn der "Vieh"-Haltung markieren. Der Hund war dabei, als die Menschen nach und nach zum Ackerbau übergingen. Und, wie die angeführten Untersuchungen untermauern, der Hund veränderte auch seine Ernährungsgewohnheiten zusammen mit dem Mensch. Die Menschen mussten sich auf neue Nahrung einstellen. So entwickelten die Menschen Europas im Zuge der Milchwirtschaft die Fähigkeit, Laktose zu verarbeiten. So entwickelten sie immer intensiver die Fähigkeit, die im Getreide enthaltene Stärke als Nahrung zu nutzen.

Begleiter des Menschen auch bei der Nahrung

Die Ernährung des Hundes war seit tausenden von Jahren der des Menschen angepasst. Wahrscheinlich bestand sie - neben Mäusen und Ratten, die der Hund im Sinne der Menschen kurz hielt und beispielsweise gelegentlich im eigenen Interesse erjagten Kaninchen - in Wesentlichen aus Abfällen und Resten der menschlichen Nahrung, die sich ständig veränderte. Die quasi natürliche Ernährung des Hundes hat diese Entwicklung unmittelbar mitgemacht. In diesem Umfeld bildete der Hund sogar die Fähigkeit heraus, Getreide als Nahrung zu erschließen; eine Nahrungsquelle, die dem Wolf weitestgehend fremd war und ist (bestenfalls als Mageninhalt von im Ganzen verspeisten Kleinsäugern oder Vögeln). Entsprechend kennen wir aus der Antike zahlreiche Belege für die Ernährung von Hunden mit Getreideprodukten oder auch Milch. Der römische Agrarwissenschaftler Columella, der um das Jahr 50 ein zwölfbändiges Standardwerk über die Landwirtschaft "De re rustica" verfasste, empfahl "Gerstenmehl und Molke" als besonders hochwertige Hundenahrung, etwa für einen kranken Hund oder eine säugende Hündin. Aber auch noch viel ältere Zeugnisse der Menschheit weisen auf diesen Bestandteil der Hundenahrung hin.

Es soll hier allerdings keineswegs dafür gesprochen werden, dass Hunde kein rohes Fleisch oder andere tierische Nahrung erhalten oder überwiegend mit Getreide ernährt werden sollten. Es ist auch nichts gegen eine ideologiefreie, gemäßigte Rohfütterung einzuwenden. Für Hunde zählt es zu den höchsten Genüssen, ungestört an einem fleischigen Rinderknochen zu nagen und das tut ihnen sicher nicht nur ernährungstechnisch vielmehr auch psychisch gut. Eine pauschale Ablehnung von Getreide als Teil der Ernährung des Hundes hat jedoch keine Grundlage aus dem wissenschaftlichen Verständnis des Hundes - weder evolutionär noch physiologisch betrachtet. Die zuweilen geschürte Angstmacherei vor Getreide in Hundenahrung hält einer genaueren Betrachtung nicht stand und scheint wohl eher einem wirtschaftlichen Konzept denn dem Wohl der Hunde und ihrer Menschen geschuldet. Dieser Schluss ergibt sich alleine schon aus einem tieferen Verständnis der gemeinsamen Geschichte von Mensch und Hund. Die aktuellen Studien* stützen eine solche Sicht lediglich. Zudem muss darauf hingewiesen werden, dass der Hund bei aller Co-Evolution mit dem Menschen immer noch über ein anders konzipiertes Verdauungssystem als der Mensch verfügt, ein Verdauungssystem, dass eben weit mehr dem des Wolfes als dem eines Menschen gleicht.

Quellen
  • (1) Arendt M, Fall T, Lindblad-Toh K, Axelsson E (2014), Amylase activity is associated with AMY2B copy numbers in dog: implications for dog domestication, diet and diabetes. Anim Genet, 45: 716–722. doi:10.1111/age.12179
  • (2) Arendt M, Cairns KM, Ballard JWO, Savolainen P, Axelsson E. (2016), Diet adaptation in dog reflects spread of prehistoric agriculture. Heredity 117, 301–306. doi:10.1038/hdy.2016.48
  • (3)* Morgane Ollivier, Anne Tresset, Fabiola Bastian, Laetitia Lagoutte, Erik Axelsson, Maja-Louise Arendt, Adrian Balasescu, Marjan Marshour, Mikhail V. Sablin, Laure Salanova, Jean-Denis Vigne, Christophe Hitte, Catherine Hänni (2016) Amy2B copy number variation reveals starch diet adaptations in ancient European dogs. R. Soc. open sci. 2016 3 160449; Published 9 November 2016. doi:10.1098/rsos.160449 
(Die Zitate sind eigene Übersetzungen)

Ein Artikel von Christoph Jung

* Anmerkung zum Thema "unabhängige Forschung":
folgt, Stichwort "Funding durch Nestlé Purina"

Montag, 10. Oktober 2016

Tod und Trauerbewältigung beim Tod des Hundes

Mit dem Hundemagazin HundeWelt führte Christoph Jung, Diplom-Psychologe und Hundefreund, nachfolgendes Interview zu einem Thema, das alle Hundefreunde irgendwann ganz persönlich betrifft, wovor Viele Angst haben, ein schmerzvolles Thema: Wenn unsere lieben Hunde gehen müssen...

HundeWelt: Was ist eigentlich unter Trauer zu verstehen?

Christoph Jung: Trauer ist eine unserer elementaren Gefühlslagen. Trauer wird in der Regel durch den Verlust eines wichtigen Mitglieds des sozialen Umfelds ausgelöst. Wir sind hochsoziale Lebewesen. Bricht hier etwas weg, so geht ein Teil von uns selbst, ein Teil unserer Identität verloren. Trauer ist ein Prozess unserer Psyche, den wir ernst nehmen und zulassen müssen. Nur so kann der Verlust verarbeitet werden.

HundeWelt: Darf man um seinen Hund trauern?

Christoph Jung: Hunde zählen zu unserem engsten sozialen Umfeld. Nicht wenigen Menschen steht ihr Hund sogar näher als manche Mitglieder ihres menschlichen Umfelds. In der Regel haben wir eine intensive emotionale Bindung mit unserem Hund. Sein Verlust, sei es durch Tod, Scheidung oder andere Umstände erzeugt in uns das Gefühl der Trauer. Wie stark das Gefühl ist, hängt von vielen Faktoren ab. Der Hund ist jedenfalls auch objektiv ein wichtiger Sozialpartner des Menschen. Unsere Evolution ist seit mehr als 30.000 Jahren aufs Engste verzahnt. Das spiegelt sich unbewusst in unseren Gefühlen wieder.
HundeWelt:  Wann ist der richtige Zeitpunkt, Abschied zu nehmen?

Christoph Jung: Mehr als 80% aller Hunde werden vom Tierarzt über die Regenbogenbrücke geschickt. Das heißt, es ist eine bewusste Entscheidung. Wir müssen uns damit abfinden, wenn die Zeit gekommen ist. Wir sollten diese Herausforderung positiv annehmen und die letzten gemeinsamen Tage innig und bewusst erleben. Dies anzuerkennen ist zugleich die erste Phase der Trauerarbeit. Es ist oft schwer, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Spätestens wenn unser Hund keine Lebensfreude mehr zeigt, ist es soweit. Da darf man nicht egoistisch sein. Ich selbst habe, wenn das Ende absehbar war, mit meinem langjährigen Tierarzt die Verabredung getroffen, dass er dann zu uns nach Hause kommt.

HundeWelt:  Viele Menschen halten das Trauern um einen Hund für übertrieben Sie sagen, es sei schließlich nur ein Tier. Was denken Sie darüber?

Christoph Jung: Im Christentum wie im Islam ist einzig der Mensch das von Gott auserwählte Geschöpf. Heute noch vertreten Geistliche, dass Trauergefühle für ein Tier unangemessen seien, dass dies ein Privileg des Menschen für Menschen sei. Diese Einstellung spiegelt sich in der landläufigen Meinung wieder, es sei schließlich nur ein Tier. Trauer um einen Hund findet in unserer heutigen Gesellschaft nur verhalten Akzeptanz. Die Trauerkultur ist hier verloren gegangen. Das war früher anders. Das zuweilen schlechte Ansehen des Hundes in den vergangenen Jahrhunderten ist ein Sonderfall der Geschichte der Menschheit. In den vielen tausend Jahren davor hatte der Hund ein hohes Ansehen.

HundeWelt:  Wie denken Sie darüber, Hunde in Gräbern zu bestatten?

Christoph Jung: Ein Grab ist eine Gedenkstätte für die Überlebenden, ein Platz zum Trauern, eine Ehrerbietung für den Verstorbenen. Es ist nun einmal Realität, dass wir eine sehr enge Bindung zum Hund aufbauen können. Man hat viele schöne gemeinsame Stunden verbracht. Man hat schwere Zeiten gemeistert. Viele Hunde leisteten wundervolle Arbeit als Assistenzhunde, beim Hüten, bei der Jagd, die Kinder sind mit ihm aufgewachsen. Was spricht dagegen, einem vertrauten, vielleicht sogar geliebten Begleiter ein Denkmal zu setzen, ihm seine letzte Ehre zu erweisen? In Oberkassel bei Bonn finden wir den ältesten Beweis aus der Steinzeit. In dem 14.000 Jahre alten Doppelgrab wurden ein Mann, eine Frau und zwischen ihnen ein Hund begraben. Wir finden gemeinsame Gräber von Menschen und Hunden aus allen Epochen der Geschichte und Vorgeschichte. Die Zeitschrift National Geografic berichtet aus Südamerika: „Wie heutige Hundeliebhaber ihre Haustiere mit Häppchen vom Tisch verwöhnen und Hunde einen Platz auf dem Bett haben, so behandelten die alten Peruaner ihre Hunde als Familienangehörige. Sie erhielten ihr eigenes Grab, und in einigen Fällen sind sie mit Decken und Lebensmitteln begraben.“ Reichskanzler Otto von Bismarck ließ seine Doggen auf dem Schloss beerdigen wie der Große Fritz seine italienischen Windspiele. Bereits 1899 wurde in Paris der erste neuzeitliche Hundefriedhof eröffnet. Man muss eigentlich umgekehrt die Frage stellen: warum haben es die Menschen der Neuzeit verlernt, ihre Tiere respektvoll zu behandeln?
HundeWelt:  Wie soll man mit dem Tod eines treuen Begleiter umgehen?

Christoph Jung: Zunächst ist dies eine sehr persönliche Frage, die individuell beantwortet werden muss. Als erstes sollte man seine Trauer zulassen und ausleben. Unser liebes Hundchen hat Tränen verdient. Wir brauchen uns derer nicht zu schämen. Meist tut es gut, mit Hundefreunden ein stückweit gemeinsam Trauerarbeit zu leisten. Es gilt dabei mehrere Phasen zu durchleben: zunächst die Abwehr, das nicht Wahrhabenwollen, das Hadern mit dem Schicksal, dann die Wut, schließlich das Realisieren des Verlustes, das Sichabfinden. Nun beginnt man mit der Reorganisation des eigenen Lebens. So wird der Boden bereitet für neue Freude, die ebenso zugelassen werden sollte. Wir brauchen diese Phasen des Trauerns. Unser verstorbener Hundefreund wird immer einen Platz in unserem Herzen haben. Es ist erfreulich, dass wir inzwischen professionelle Helfer, etwa Tierfriedhöfe oder Krematorien, haben, die es selbst in der Großstadt ermöglichen, einen würdevollen Rahmen für den Abschied zu schaffen.

HundeWelt:  Manche Hundehalter wollen sich keinen Hund mehr anschaffen aus Angst vor dem unvermeidbaren Abschiedsschmerz. Eine richtige Entscheidung?

Christoph Jung: Es ist der einzige Wermutstropfen der Partnerschaft Mensch - Hund: der Hund hat eine viel kürzere Lebenserwartung. Er hat nur etwa fünfzehn Jahre, heute durch die Versäumnisse der Zucht nur zehn. Da ist absehbar wie aus dem eben noch tollpatschigen Welpen, der unser Gesicht vor Freude strahlen lässt, ein ruhiger, treuer Hundegreis wird. Die Bilder vergehen wie im Flug. Es heißt immer, der Hund sei unser Begleiter. Tatsächlich ist es andersherum. Wir begleiten den Hund durch sein ganzes Leben. Dabei hat jede Phase ihre schönen Seiten. Auch der alte Hund hat etwas Wunderschönes in seiner tiefen Vertrautheit. Der Hund hat sein Leben erfüllt. Wegen des Abschiedsschmerzes auf die Freude dieser Partnerschaft zu verzichten, halte ich mit Konrad Lorenz für kleingeistig.

HundeWelt:  Sie halten schon lange Hunde, wie haben Sie selbst den Abschied von Ihren Lieblingen erlebt?

Christoph Jung: Als jemand der sein ganzes Leben mit Katzen und Hunden verbracht hat, gab es naturgemäß schon einige Abschiede. Es gab meist friedliche und vereinzelte, von mir als grausam empfundene Abschiede. Ich habe immer sehr gelitten, wenn eine dieser Persönlichkeiten gegangen ist. Auch heute noch kommt mir zuweilen eine Träne. Aber es überwiegen bei weitem Freude und Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit. So kommt mir immer wieder ein Lächeln, wenn ich an diese oder jene Situation denke, wenn die alten Feunde in meinem Herzen kurzzeitig lebendig werden.

HundeWelt:  Der alte ist gegangen. Soll ein neuer Hund kommen?

Christoph Jung: Ja, ein neuer Hund bringt wieder Freude ins Haus. Es ist kein Verrat am alten Hund. Gerade wenn wir eine innige Verbindung zu unserem alten, geliebten Freund hatten, wissen wir, dass er sein Frauchen oder Herrchen immer glücklich sehen will.


Das Interview und mehr gibt es in der HundeWelt 11/2016:
Zu den Hintergründen dieser einmaligen Seelenverwandtschaft:
"Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" (Schattauer-Verlag, Reihe Wissen & Leben) von Christoph Jung und Daniela Pörtl - mit einem Geleitwort von Andreas Kieling.

(Fotos: Christoph Jung)

 
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