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Donnerstag, 18. Juni 2009

Zur Lage der Doggen

Die Deutsche Dogge ist der Apoll unter den Hunden. Man sieht sie eher selten, doch gehört sie mit knapp 2.000 Welpen im Jahr zu den meistverkauften Hunden im VDH. Karin Burger vom Doggen-Netz kennt die Doggen seit mehr als 20 Jahren. Sie gibt uns Einblicke zur Lage der Doggen in Deutschland.

Christoph Jung: Frau Burger, Sie engagieren sich für die Deutsche Dogge, können Sie uns einen Einblick in Ihre Arbeit geben?

Karin Burger: Bundesweit gibt es - je nachdem, wo man den Seriositätsschnitt setzt - gut fünf oder sechs rassespezifische Tierschutzorgas, die sich nur und ausschließlich mit der Deutschen Dogge beschäftigen. Und alle haben sehr gut zu tun!

Das Hauptgeschäft all dieser Doggen-Schützer besteht zum größten Teil darin, den überbordenden Output der offiziellen Zucht "umzuschichten", wie ich das nenne. Das heißt: Leichtfertig, blauäugig, schlecht oder ohne entsprechende Umsicht von Züchtern verkaufte DDC- oder KyDD-Welpen im dann spätpubertären oder frühadulten Alter, wenn sie "problematisch" werden, zu übernehmen, und neue Plätze zu suchen. Auch alte, hinfällige, kranke Doggen sind beliebte Abschiebeobjekte an den Tierschutz.

Meine Kolleginnen können lange Listen mit Zwinger-Namen der Hunde vorlegen, mit denen sie tagein, tagaus beschäftigt sind. Und nur ein Bruchteil dieser Tierschutz-Doggen entstammen der sogenannten Schwarz-Zucht, also Vermehrern ohne offiziellen Zwinger, Verband etc. Lediglich eine der Kolleginnen hat ihren Aktionsschwerpunkt in Ost-Europa. Und selbst da begegnen uns Zuchthündinnen, die bei eingehender Recherche ihre zweifelhafte Karriere unter einem der beiden deutschen Doggen-Zucht-Verbände begonnen haben.

Ich persönlich habe längst meine Konsequenzen aus der desaströsen Lage der Deutschen Dogge gezogen und bin im operativen Geschäft, also im karitativen Tierschutz, nicht mehr tätig. Mein Schwerpunkt liegt jetzt auf Publikation und Beratung.

Überdies verwalte ich mein persönliches Doggen-Erbe aus der aktiven Zeit: mein Altrüde Marius, einst eine der bekanntesten Tierschutzdoggen bundesweit und in der Schweiz, sowie meine Doggenhündin Patty, die herrenlos, halb irre vor Angst und vollständig abgemagert im Wald bei Rottweil aufgegriffen wurde und sich von den dortigen Tierschützern 5 Tage lang nicht anfassen ließ. Marius ist symptomatisch für die Problematik des Doggen-Schutzes: ein riesiger Rüde, der all den Labels, mit denen diese Rasse von den Züchtern gern vermarktet wird - als da sind "Familienhund", "sanfter Riese" etc. - genau NICHT entspricht. Die besondere und nahezu symbolische Geschichte von Marius kann man auf meiner Homepage nachlesen.

In den vergangenen Jahren zunehmend waren und sind für uns alle im Doggen-Schutz Tätigen Deutsche Doggen, die extreme Verhaltensprobleme zeigen, die sich nicht immer auf defizitäre Sozialisierung oder sogenannte Haltungs- und Erziehungsfehler der Besitzer zurückführen lassen. Aber wen sollte das wundern bei einer Zucht, die sich ausschließlich auf Schönheit konzentriert und sich nur am Phänotyp austobt. Die vor einigen Jahren eingeführten sogenannten Wesenstests haben da nur Alibifunktion.
Doggen-Sonntagsbilder, wie sie der durchschnittliche VHD-Doggen-Züchter liebt: proppere Exemplare vor attraktiver Kulisse. Karin Burger mit ihren Doggen "Marius" und "Patty".


Christoph Jung: Wie beurteilen Sie die Situation in der Doggen-Zucht?

Karin Burger: Desaströs, wie oben schon indiziert! Und das Desaster hat mindestens zwei Dimensionen:

Quantität: Die meisten Hundefreunde sind in der Regel bass erstaunt zu hören, dass die Deutsche Dogge auf Platz 6 der VDH-Welpenstatistik liegt. Das bedeutet: die Deutsche Dogge ist die in der Bundesrepublik unter dem Dachverband VDH am sechsthäufigsten gezüchtete Rasse mit einem jährlichen Output von rd. 1.900 Welpen (VDH-Statistik für 2007). Es werden jährlich mehr Deutsche Doggen als z. B. Rottweiler, Riesenschnauzer oder Hovawarts gezüchtet. Diese Quantität spiegelt sich aber im Alltag nicht wider, wenn jeder mal für sich überlegt, wann er wo wie oft Deutsche Doggen sieht.

Das quantitative Desaster schlägt sich auch in der oben genannten Vielzahl der Doggen-Schutz-Organisationen nieder. Meines Wissens gibt es für keine andere Hunderasse so viele spezifische Tierschutzinitiativen - ein Armutszeugnis für die Züchter einer solchen Rasse!

Qualitativ: Man hat die Deutsche Dogge inzwischen in Grund und Boden gezüchtet. Die statistische Lebenserwartung nach unserem Kenntnisstand liegt so um, eher unter fünf Lebensjahren. Wer will sich denn einen Hund anschaffen, der im Schnitt nur fünf Jahre lebt und bis zu seinem frühen Tode u. U. auch noch das eigene Vermögen vernichtet, das im Sauseschritt an Tierärzte und Kliniken umverteilt wird? Der langen Liste von rassetypischen Krankheiten wie DKM, Magendrehung, Wobbler, ED, HD, Spondylose, Allergien etc. gesellen sich in den letzten Jahren vermehrt untherapierbare Verhaltensprobleme hinzu, die in nicht wenigen Fällen mit der Euthanasie der betroffenen Hunde enden. Meine Hypothese zu diesem auch noch an einen bestimmten Farbschlag gekoppelten Phänomen: idiopathische Aggression. Die Verbände kennen das Problem seit vielen Jahren. Gemacht - oder zumindest erkennbar gemacht - wird nichts!

Zum qualitativen Defizit der Deutschen-Doggen-Zucht gehört es übrigens auch, dass es dem größeren, dem Hauptverband Deutscher-Doggen-Club (DDC) schon vor vielen Jahren gefallen hat, in einem Rundumschlag alle aktiven Doggenschützer der Bundesrepublik aus seinem Verband auszuschließen; darunter Aktive mit fast zwei Jahrzehnten Verbandszugehörigkeit. Das ist eine unmissverständliche Standortbestimmung des Verbandes! Stattdessen sogenannte "Tierschutzbeauftragte" aus den eigenen Reihen zu benennen ist Augenwischerei und ähnlich glaubwürdig wie die viel verhöhnte freiwillige Selbstkontrolle anderer Wirtschaftsbereiche.


Nicht ganz die Regel, aber auch kein völliger Ausnahmefall ist die Zuchthündin "Leva", die 2009 von den Doggen-Schützern Tierfreunde Niederbayern e. V. aufgenommen wurde.


Dieses doppelt gestrickte Defizit der Deutschen-Doggen-Zucht trifft nun auch noch auf sozial und wirtschaftlich äußerst ungünstige aktuelle Verhältnisse. Die Synergie dieses vierfachen Desasters bringt die Doggen-Schutz-Organisationen der BRD an den Rand ihrer finanziellen und infrastrukturellen Möglichkeiten:

Gesellschaft: Die Deutsche Dogge ist, anders als das züchterische Marketing dies gerne möchte, eben kein Familienhund. Wenn am Sonntagnachmittag die Durchschnittsfamilie Müller-Maier mit zwei Kindern und ihrer Deutschen Dogge im Eiscafé in der Fußgängerzone aufschlägt, ist das die schmalere Version des Auszugs aus Ägypten und durchaus geeignet, Volksaufläufe zu generieren, wenn nicht sogar der Eisdielen-Besitzer darauf hinweist, dass Hunde zwar erlaubt, von Pferden aber nicht die Rede gewesen sei (= authentischer Fall). Die Deutsche Dogge ist ein absoluter Extremhund - extrem groß, extrem schwer, mit extremen Ansprüchen. Sie ist ein Hund für Individualisten, für mit bestimmten Qualitäten ausgestattete Fans dieser Rasse. In einer überwiegend hundefeindlichen, wenn nicht gar hundehysterischen Gesellschaft in einem dicht besiedelten Land mit einer erschütternd überschaubaren Anzahl von Großgrundbesitzern ist die Deutsche Dogge ein Auslaufmodell, das dann auch nur in der einem Auslaufmodell zustehenden Quantität gezüchtet werden sollte. Würde man parallel die züchterische Qualität heben, könnte dieser Hund eines Tages einmal wieder seinem früheren megalomanischen Etikett gerecht werden: Apoll der Hunderassen!

Wirtschaft: Zeiten der Wirtschaftkrise, Zeiten mit für berufliches Fortkommen absolut notwendiger Mobilität und Flexibilität vertragen sich schlecht mit einer exotischen Hunderasse, in die man Futter und Medikamente mit der Kohlenschaufel versenken kann und die für ihr Wohlbefinden auf Struktur und Regelmäßigkeit angewiesen ist.


Christoph Jung: Was muss ein Halter bedenken, wenn er/sie eine Dogge halten will?

Karin Burger: Im oben Gesagten steckt das Wichtigste schon drin: die Deutsche Dogge ist ein Extremhund. Und sie ist kein - zumindest nicht als genetischer Automatismus - "sanfter Riese"! Gerade aufgrund von Größe und Gewicht braucht sie einfühlsame Führung und kynologische Kompetenz. Die Deutsche Dogge ist auf gar keinen Fall ein Anfängerhund. Zu bedenken sind auch die extremen Hardware-Bedingungen in der häuslichen Haltung und im Transport. Die Unterhaltskosten sind erheblich! Und das soziale Umfeld reagiert oft rassekonform: extrem! Sitzen die einen der dem Doggen-Führer entgegenkommenden Spaziergänger gleich auf den Bäumen, reagieren andere regelrecht aggressiv oder vollkommen hysterisch. Im Übrigen sind die individuellen Voraussetzungen für die Anschaffung und Haltung einer Deutschen Dogge sehr gründlich zu prüfen. Sehr oft rufen bei mir Menschen an, die sich sehr ernsthaft und seriös mit ihrem Doggen-Anschaffungswunsch auseinandersetzen. Nach meiner Beratung kommen 7 von 10 Anrufern zu der selbst getroffenen Entscheidung, dass diese Rasse doch nichts für sie sei. Und dann freue ich mich sehr: weil ich mit dieser fundierten und kritischen Beratung einen weiteren Doggen-Schutz-Fall verhindert habe!


Christoph Jung: Was würden Sie sich für unsere Doggen wünschen?

Karin Burger: Nun ja, 20 Jahre Tierschutzpraxis haben mich gelehrt, dass meine Wünsche utopisch sind. Aber um die gute Fee nicht zu frustrieren:
  • Eine jährliche Welpenproduktion, die in der Quantität dem Exotenstatus der Rasse entspricht und nur noch eine vornotierte, vorkontrollierte Käufer-Nachfrage bedient. Dazu gehören natürlich dramatische Begrenzungen der Deck- und Wurfzahlen.
  • Züchter mit umfassenden genetischen und verhaltensbiologischen Kenntnissen, die die Orientierung einer am reinen Phänotyp orientierten Zucht zugunsten von Gesundheit und Wesen aufgeben, die ihre Zuchthunde nicht in Zwingern halten und "ausrangierte" Zuchttiere nicht "abstoßen".
  • Eine radikale Sanierung der Blauzucht, aus der alle jene Linien ausgeschlossen werden, für die man nicht stichhaltig widerlegen kann, dass sie die idiopathische Aggression vererben.
  • Ein kategorisches Verbot jeder Inzucht. Im Übrigen muss die Ermittlung des Inzuchtskoeffizienten vorgeschriebener, dokumentierter und publizierter Bestandteil jeder Verpaarung sein.
  • - Eine kleinere, leichte Dogge, die eine Lebenserwartung von zehn Jahren hat, was zum Status quo schon eine Verdopplung wäre!
  • Verbände und Züchter, die mit den verschiedenen Doggen-Schutz-Organisationen kooperieren und sich deren hohe Standards in der Vermittlung aneignen. Dazu gehört selbstverständlich auch ein finanzieller Obolus der Verbände an die Doggen-Schutz-Orgas für deren exzesssive Aufwendungen zum Schutze von Verbandsdoggen.

Christoph Jung: Frau Burger, vielen Dank für diese tiefgreifenden wie bewegenden Informationen.

Links:
  • " Kritische Infos zur Haltung der Deutschen Dogge auf www.doggennetz.de, dort in der Rubrik "Dogge praktisch"
  • " Zu Qualität und Quantität der Deutschen-Dogge-Zucht siehe diverse Artikel auf www.doggennetz.de, dort in der Rubrik "aktuell & kritisch"
Im karitativen Doggen-Schutz und mithin vermittelnd tätige Doggen-Schutz-Organisationen:

Dienstag, 27. Juni 2017

Herzkrankheit DCM bei der Deutschen Dogge - alles ok oder?

Stellungnahme zur Auswertung des DDC 1888 e.V. zur Häufigkeit der erblichen Herzkrankheit DCM bei der Deutschen Dogge von Ruth Stolzewski, BSc Umweltplanung, Doggen vom Irschener Winkel, Juni 2017

Vom 01.01.2014 bis 31.12.2016 fand im Deutschen Doggen Club 1888 e.V. eine Datensammlung von Herzultraschallbefunden in Zusammenarbeit mit dem Collegium Cardiologicum (CC) statt. Diese Daten wurden in der Vereinszeitschrift "unsere Deutsche Dogge" (uDD) und auf der Homepage des Vereins www.doggen.de im April 2017 ausgewertet und veröffentlicht. Da die Daten nicht aussagekräftig sind, da vor allem junge Hunde vor dem ersten Zuchteinsatz untersucht wurden, und weil die Auswertung vom DDC irreführend ist und aus ihr die falschen Schlussfolgerungen gezogen werden soll an dieser Stelle ein zweiter, gründlicher Blick auf die Datensammlung geworfen werden.
1. Datenmaterial

Die Daten wurden vom 01.01.2014 bis 31.12.2016 erhoben mithilfe von standardisierten Herzultraschallbefunden (HUS) des Collegium Cardiologicum, der Vereinigung von Tierkardiologen. In diesem Zeitraum bestand eine Untersuchungspflicht für Doggen im DDC vor dem Zuchteinsatz, die alle zwei Jahre wiederholt werden musste, wenn ein weiterer Zuchteinsatz erfolgen sollte. Manche Hunde wurden also zwei oder sogar drei Mal geschallt. Leider geht aus der Auswertung des DDC nicht hervor, ob jeweils nur der aktuellste HUS pro Hund berücksichtigt wurde oder jeder eingereichte HUS-Befund. Es wird lediglich von "637 Hunden" gesprochen. Auf der Homepage des DDC ist eine Liste der Doggen zu finden, die an der Studie teilgenommen haben. Dort sind 642 Eintragungen zu finden, wobei zahlreiche Hunde mehrmals auftauchen. Wenn jede geschallte Dogge nur einmal gerechnet wird verbleiben 565 Hunde. Wenn ein Hund mit 2 Jahren als gesund eingestuft wurde und mit 4 Jahren als DCM krank, dann ergibt sich ein verfälschtes Ergebnis, wenn beide Befunde in die Auswertung mit einfließen. Es sollte jeweils nur der aktuellste Befund berücksichtigt werden. Hier liegt ein schwerer methodischer Fehler in der Auswertung vor. Eine weitere Verzerrung der Datenlage ergibt sich daraus, dass an DCM verstorbene und vorher ohne Befund geschallte Hunde nicht berücksichtigt werden. Außerdem bestand die Möglichkeit, dass Hunde, die Symptome zeigten oder bei einem Kardiologen außerhalb des CC mit Befund vorgeschallt wurden nicht mehr erneut für die Studie untersucht wurden. Da das originale Datenmaterial nicht vor liegt muss im Folgenden aber mit dem fehlerhaften Material, das vom DDC veröffentlicht wurde, weiter gearbeitet werden.

2. Die Altersstruktur

"Der Auswertung lagen nur Befunde von Hunden zugrunde, für die eine Zuchtuntersuchung gemacht wurde". Im DDC dürfen Hunde ab dem 18. Lebensmonat in der Zucht eingesetzt werden, und so ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Hunde, die Herz geschallt wurden, sehr jung sind. Die Altersstruktur zeigt folgende Verteilung: 22,61% der Hunde waren bei der Untersuchung unter 2 Jahre alt, 44,43% unter 3 Jahre, 61,86% unter 4 Jahre, 77,72% unter 5 Jahre, 89,65% unter 6 Jahre, 95,3% unter 7 Jahre und 98,44% der Hunde unter 8 Jahre. Nur 1,56% der untersuchten Hunde waren über 8 Jahre alt.
Bitte anklicken, um die Tabelle besser lesen zu können.
Die DCM (Dilatative Kardiomyopathie) ist eine Herzkrankheit, die meist erst zwischen dem 4. bis 6. Lebensjahr auftritt. Sie ist genetisch bedingt, entwickelt sich aber erst im Laufe des Lebens. Darum gibt die Prävalenz - also die Befallsrate - bei einem niedrigen Durchschnitts- alter der untersuchten Hunde nicht die tatsächliche Befallsrate der Population wieder. Ein Hund kann erst als mit großer Sicherheit gesund eingestuft werden, wenn er mit über 6 Jahren ohne Befund Herz geschallt wurde. D.h. lediglich bei 10,35% der im DDC untersuchten Hunde kann überhaupt mit Sicherheit gesagt werden, ob sie gesund oder krank sind. Alle Hunde die unter 6 Jahren geschallt wurden können noch an DCM erkranken! Diese Tatsache wird bei der Auswertung durch den DDC verschwiegen, stattdessen wird behauptet: "Wir denken, dass die Zahlen aussagekräftig sind, um die aktuelle Situation rund um die DCM-Erkrankung bei DDC-Hunden darzustellen."

Es wird wohlweislich auch nicht das Durchschnittsalter der untersuchten Hunde erwähnt. Dieses liegt bei etwa 3,6 Jahren. Trotz dieses niedrigen Durchschnittsalters der 637 untersuchten Doggen liegt bereits eine Prävalenz von 4,39% an DCM-kranken Hunde (DCM 2 und 3) und 8,79% an Hunden in einer Übergangsphase, die als DCM 1 bezeichnet wird, vor. D.h. insgesamt haben 13,18% der untersuchten Doggen einen auffälligen Herzbefund!

3. Befallsrate/Prävalenz nach Alter

Wie bereits erwähnt wurde ist die DCM eine Krankheit, die sich im Laufe des Lebens entwickelt. Somit steigt die Prävalenz mit zunehmendem Alter an. Genau dies zeigt sich auch in der Datensammlung des DDC. Leider wurde in der vom DDC veröffentlichten Auswertung die Befallsrate nach Alter fälschlicherweise nicht mit der Anzahl der Hunde der jeweiligen Altersklasse in Relation gesetzt sondern mit der Gesamtzahl der insgesamt untersuchten Hunde. So ergibt sich ein falsches und irreführendes Bild. Um die Prävalenz nach Altersklasse zu berechnen müssen die erkrankten Hunde mit der Gesamtzahl der Hunde der jeweiligen Altersklasse verglichen werden!!!

Daraus ergibt sich folgende Verteilung:
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Während die Prävalenz der DCM-kranken Hunde bei unter 2 Jahren noch bei 0,7 % liegt steigt sie bis zum Alter von 7 bis 8 Jahren auf 20% an. Berücksichtigt man alle Doggen mit Herzbefund steigt die Prävalenz sogar auf 30% im Alter von 7 bis 8 Jahren an. Danach sinkt sie wieder, was aber auf die viel zu geringe Datenzahl zurückzuführen ist. Wir erinnern uns: Nur 10 von 637 Doggen, also 1,56% der untersuchten Hunde waren über 8 Jahre alt.
Bitte anklicken, um die Tabelle besser lesen zu können.
4. Vergleich mit anderen Studien und Datensammlungen

Trotz der verzerrten Datenlage ergibt sich aber ein Bild, das sich mit anderen Studien zur DCM bei der Dogge - aber auch beim Dobermann - deckt. So hat Dr. Kresken (Vorsitzender des CC) in Zusammenarbeit mit seiner Kollegin Dr. Roggon insgesamt 397 Doggen über einen Zeitraum von mehreren Jahren untersucht, wovon 31% einen Herzbefund hatten. Die Ergebnisse seiner Datensammlung stellte er auf dem Kongress "Experten Erklären" in Düsseldorf im Jahr 2012 vor.

Im selben Jahr wurde in England im Journal for Vet.Intern.Med eine Studie veröffentlicht von Stephenson et al. (2012). Für diese Studie wurden 103 Doggen von 2008-2011 ab 4 Jahren untersucht, die von ihren Besitzern als augenscheinlich gesund eingestuft wurden. Nur 27% der untersuchten Hunde waren jünger als 6 Jahre und die Prävalenz der DCM lag bei 35,9%!
Beim Dobermann wurde nach Phase I des VDH-Untersuchungs- programms eine Befallsrate von nur 6 Prozent festgestellt. "Es wurden 315 Hunde zwischen 2,5 und 5 Jahren untersucht. Lediglich 6% der untersuchten Hunde wurden nicht zur Zucht zugelassen (Hatten also DCM 2 und 3, Anm.d.Verf.). Daraufhin wurde der Antrag zur Fortführung der Herzuntersuchungen abgelehnt" (Auszug aus der HV des Dobermann-Vereins am 21.05.2009). Laut Dr.Wess, dem Leiter der Tierkardiologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und Mitglied des CC, der in den letzten 10 Jahren über 2800 Untersuchungen an Dobermännern durchgeführt hat, liegt die tatsächliche Prävalenz weit höher: "Wenn man unsere Ergebnisse auf das komplette Dobermannleben umrechnet kamen wir darauf, dass die Prävalenz beim Dobermann bei 58 Prozent liegt. D.h. jeder 2. Dobermann wird im Laufe seines Lebens diese Krankheit entwickeln. Und diese Zahlen sind identisch mit denen in den USA oder in Kanada." Dabei liegt die Befallsrate bei den 2-4 Jahre alten Dobermännern "nur" bei 9,9%, bei den 6-8 Jahre alten schon bei 43,6%, (Studie aus dem Jahr 2010, die im Journal for Veterinary Medicine veröffentlicht wurde).

Wir erinnern uns: bei den Doggen liegt die Befallsrate von DCM 1,2 und 3 zwischen 2 und 4 Jahren bei 10,4% und zwischen 6 und 8 Jahren bei 21,4%. Lägen mehr Befunde von Doggen über 6 Jahre vor und wäre von jedem Hund nur der aktuellste Befunde berücksichtigt  ist also mit einer weit höheren tatsächlichen Prävalenz in der Gesamtpopulation zu rechnen.
Zum Abbruch der HUS-Pflicht beim Dobermann äußerte sich auch Dr. Kresken, Leiter des Collegium Cardiologicum und Leiter der damaligen Dobermann-Studie in der VDH-Zeitschrift "Der Rassehund" kritisch: "In Deutschland wurde von 2006-2008 die Dobermänner untersucht, die neu zur Zucht zugelassen werden sollten. Die untersuchten Hunde waren zwar noch relativ jung, aber trotzdem konnten schon Hunde mit subklinischer und einige mit klinischer DKM erfasst werden. Da das Durchschnittsalter dieser deutschen Population bei unter zwei Jahren lag sind die Werte der Prävalenz der DKM in der gesamten Dobermannpopulation nicht repräsentativ und wirken geschönt". Mittlerweile sind so viele Dobermänner von der DCM betroffen, dass viele Halter und Züchter sich von der Rasse abwenden und sich die Welpeneintragungszahlen in den letzten 5 Jahren fast halbiert haben. Auch die Welpenzahlen der Deutschen Dogge im VDH sind in den letzten 10 Jahren um gut ein Drittel zurückgegangen!

Auch sämtliche Studien und Datensammlungen weltweit zu den häufigsten Todesursachen der Deutschen Dogge zeigen ganz klar, dass Herzerkrankungen zusammen mit Krebs und Magendrehung an oberster Stelle liegen. Dazu habe ich im Januar 2016 einen ausführlichen Artikel veröffentlicht:
Lebenserwartung-und-häufige-Todesursachen-der-Deutschen-Dogge.pdf

Selbst das Gesundheitsmonitoring des DDC aus dem Jahr 2008 ergab folgendes Bild: "Bei den Krankheiten fällt auf, dass sehr häufig Gelenkkrankheiten und Augenprobleme genannt werden. Aber das Hauptproblem dürfte bei den Krebserkrankungen, der Magen- drehung und den Herzerkrankungen liegen." (Zuchtleiter des DDC Herr Fischbach im Almanach 2004-2008) Aus einer Grafik aus dem Almanach geht hervor, dass die häufigsten bekannten Todesursachen (also ohne "unbekannt" und "Altersschwäche") Krebs (80 Fälle - 28,4%), Magendrehung (63 Fälle - 22,3%) und Herzerkrankungen (57 Fälle - 20,2%) sind.

5. Zusammenfassung

13,18% der untersuchten Doggen mit einem Durchschnitts- alter von nur 3,6 Jahren haben also einen auffälligen Herzbefund, davon sind 4,39% an okkulter und klinischer DCM erkrankt. Nur 10,35% der im DDC untersuchten Hunde sind über dem aussagekräftigen Alter von 6 Jahren, in dem sie erst mit Sicherheit als krank oder gesund eingestuft werden können. Die Auswertung des DDC weist aufgrund der Berücksichtigung mehrerer Befunde pro Hund außerdem methodische Fehler auf!

Trotz dieser Zahlen und der Erkenntnisse aus anderen Datensamm- lungen und Studien wird die Problematik der Herzerkrankungen bei der Dogge von Teilen des DDC-Vorstandes und einiger Mitglieder verharmlost und eine verpflichtende Herzuntersuchung nicht für notwendig erachtet. Diese Einschätzung ist völlig unverständlich, vor allem angesichts der Tatsache, dass am HD-Röntgen weiterhin festgehalten wird, obwohl seit Jahrzehnten weniger als 5% der Doggen HD-D oder E aufweisen. Auch am Zuchtausschluss von Hunden mit fehlenden P1 im Oberkiefer wird weiterhin festgehalten, obwohl sogar die FCI das Fehlen dieser Zähne folgendermaßen einschätzt: "Wissenschaftlich ist bewiesen, dass es sich bei fehlenden PM1 und PM3 um Variabilitäten und nicht um vererbbare Merkmale handelt. Sie sollten deshalb nicht als disqualifizierende Fehler betrachtet werden." (siehe FCI Modellstandard http://fci.be/medias/FCI-REG-RGT-MOD-ANN-002-de-1722.doc)

Wieso wird auf verpflichtende Untersuchungen für seltene, durchselektierte Krankheiten wie die HD weiterhin bestanden und auf den Zuchtausschluss von gesunden Hunden mit fehlenden Reliktzähnen, während auf eine bei der Dogge häufige, tödliche und erblich bedingte Krankheit wie die DCM nicht untersucht werden muss? Wo ist da die Logik?

Stattdessen wird lediglich eine freiwillige Untersuchung empfohlen und auf den guten Willen und die Ehrlichkeit der Züchter gesetzt. Angesichts der Tatsache, dass eben erst eine Hündin in der Zucht eingesetzt wurde (Daphne von den Borkener Türmen), von der nachweislich 4 Vollgeschwister und 2 Halbgeschwister herzkrank sind (davon bereits drei unter 3 Jahren verstorben) und eine Hündin belegt wurde mit DCM-Befund 1 (Quinta vom Solling im Zwinger vom Hospodar) ist es verheerend, nur auf die Einsicht der Züchter zu setzen und darauf zu hoffen, dass sich das Problem von selbst löst, wenn man nur fest genug die Augen verschließt und daran glaubt. Außerdem werden so wieder einmal die Züchter benachteiligt, die verantwortungsbewusst sind und bereits seit vielen Jahren freiwillig schallen, denn für den Welpenkäufer ist ein Unterschied zwischen "guten" und "schlechten" Züchtern kaum ersichtlich. Es sollte zumindest ein Prädikat für Züchter eingeführt werden, die besonders auf die Gesundheit achten,  um deren Engagement von Seiten des Vereins endlich einmal öffentlich Wert zu schätzen und Welpenkäufern die Möglichkeit zu geben, eine Auswahl zu treffen.
Über die nationale und internationale Außenwirkung einer solchen verharmlosenden Einschätzung der DCM von Seiten des standardführenden Vereins für die Deutsche Dogge brauchen wir gar nicht erst zu sprechen. Es ist bedauerlich, dass so viele DDC-Mitglieder die Datenauswertung nicht hinterfragen und keiner es für nötig erachtet hat, einen Antrag für die Wiedereinführung der HUS-Pflicht für die nächste Hauptversammlung des DDC im Herbst 2017 zu stellen. (Angesichts des undemokratischen Delegiertenwahlsystems im DDC ist eine "Politikverdrossenheit" aber auch nachvollziehbar.)
Ich habe einen solchen Antrag gestellt (ebenso wie drei weitere Anträge zu P1, Höchstalter von Rüden und Farbverpaarungen), die aber nicht berücksichtigt werden, da ich mich an die Anweisungen der Geschäftsführerin des DDC im Vorwort der uDD März 2017 gehalten habe und diese falsch waren: "Anträge einreichen können jede Landesgruppe und Ortsgruppe, aber auch Einzelpersonen. Bitte senden Sie Ihre Anträge als Word-Dokument an service@doggen.de und gleichzeitig per Post an unsere Geschäftsstelle (...). Dieser "doppelte Weg" soll keine Schikane sein - er dient vielmehr der Kontrolle, dass der Text, den Sie als Word-Dokument geschickt haben, nicht verändert wird." Elke Baltzer, uDD März 2017. Dass die Anträge auch noch an die entsprechende Landesgruppe geschickt werden müssen laut Satzung wurde nicht erwähnt.

Im Phasenprogramm des VDH ist nicht definiert, ab welcher Prävalenz eine Hunderasse als häufig betroffen gilt. Sind es 10%, 20% oder 30%? (Beim Menschen liegt die Häufigkeit der DCM bei 36 pro 100.000 Einwohner, also bei 0,036%. Quelle: Doktorarbeit der Freien Universität Berlin). Der Interpretationsspielraum ist also groß und letztendlich liegt es in der Verantwortung aller Vereinsfunktionäre und Züchter, die weitere Ausbreitung dieser erblich bedingten und unheilbaren Herzkrankheit in der Population der Deutschen Dogge zu verhindern. Eine Herzultraschallpflicht bringt erst dann aussagekräftige Ergebnisse, wenn Hunde bis an ihr Lebensende geschallt werden und mehrere Generationen geschallt wurden. Dabei muss die Veröffentlichung der Befunde - egal ob positiv oder negativ - verpflichtend sein. Eine Aussetzung des Herzultraschalls wäre grob fahrlässig und würde auch gegen die Satzung und die Zuchtordnung des DDC verstoßen. "Die ZO dient der Förderung planmäßiger Zucht funktional erbgesunder, verhaltenssicherer Rassehunde. Erbgesund ist ein Rassehund dann, wenn er Standardmerkmal, Rassetyp und rassetypisches Wesen vererbt, jedoch keine erheblichen erblichen Defekte, die die funktionale Gesundheit seiner Nachkommen beeinträchtigen könnten.(...) Mit dieser ZO verpflichtet sich der DDC zur Verhinderung einer Ausbeutung der Zuchttiere und zur methodischen Bekämpfung erblicher Defekte." (Zuchtordnung I.Allgemeines)

Dem Vorsitzenden des Collegium Cardiologicum war die frühzeitige Veröffentlichung der Daten, die entgegen der Vereinbarungen vom Doggenverein vorgenommen wurde, nicht bekannt. Eigentlich war eine wissenschaftlich fundierte Veröffentlichung von Seiten des Kardiologenverbandes geplant. Diese wird hoffentlich bald folgen und einige Dinge in das rechte Licht rücken!

Ein Gastbeitrag von Ruth Stolzewski

Dienstag, 2. August 2011

Qualzucht in Weiß

Ein Gastbeitrag von langjährigen Freunden der Deutschen Dogge, dem Betreiber des Blogs namentlich bekannt:

Lilly und Ghost sind taub, Bootsmann hat eine Seh- und Hörschwäche (siehe 3 Screenshots weiter unten). Weil die Besitzer mit den Behinderungen ihrer Hunde überfordert waren, befinden sich alle 3 nun im Doggenschutz, ein Schicksal, das viele weiße Doggen weltweit teilen. Die Züchter (sogenannte Schwarzzüchter) hätten das ahnen können: Solche Behinderungen treten nach der Kreuzung von Doggen, die beide das Merle-Gen regelmäßig auf. Die Eltern der Geschwister (Grautiger x Gefleckt) hätten nicht verpaart werden sollen…und nicht verpaart werden dürfen.

Und doch wollte der Deutsche Doggen Club 1888 e.V. (DDC) gerade solche Verpaarungen unter dem Deckmantel eines "Forschungs- projekts" nach jahrelangem Verbot wieder vornehmen. Am 14.05.2011 fand nach 15 Jahren die erste gefleckt x gefleckt Verpaarung im DDC statt. Doch dank der Einsicht des Wissenschaftlichen Beirats des VDH wurde die sogenannte "Grautigerstudie" noch vor der Geburt der Welpen wieder eingestellt.

Kreuzung zweier Merle-Hunde ist Qualzucht

Schon 1925 (WRIEDT, C. :Letale Faktoren, Z. Tierz. Züchtungsbiol. 3, 223-230) wurde ein Phänomen beschrieben, das nach der Kreuzung zweier Merle-Hunde regelmäßig auftritt: Neben Merle-farbigen und einfarbigen Hunden treten auch überwiegend weiße Nachkommen auf, die sehr häufig taub sind und unter weiteren Behinderungen (Augenanomalien bis zur völligen Blindheit, Fruchtbarkeitsstörungen usw.) leiden können. Schon damals wurde für solche Hunde das Wort "Weißtiger" geprägt.

Clarence C. Little hat in seiner wegweisenden Arbeit zur Genetik der Fellfarben beim Hund den Grund für das Auftreten der Weißtiger aufgedeckt, indem er die Existenz des Merle-Gens postulierte: Besitzt ein Hund ein solches Gen, ist er ein typischer Merle, besitzt er dagegen zwei Merle-Gene, wird er ein Weißtiger: Überwiegend weiß und mit hohem Risiko von Taubheit und anderen Behinderungen. Dieses Risiko ist zwangsläufig immer dann gegeben, wenn zwei Merle-Hunde untereinander gekreuzt werden, und ist dagegen Null (*siehe Anmerkung CJ unten), wenn ein Merle-Hund mit einem nicht Merle-farbigen Hund angepaart wird. Die Forschung zum Merle-Gen hat in den letzten Jahren immense Fortschritte gemacht und inzwischen ist nicht nur Littles Postulat eindeutig bewiesen, sondern das Merle-Gen bis in die molekulargenetische Ebene hinein untersucht und definiert.

Taubheit des Doppelmerles

Die Taubheit bei Doppelmerles wurde von George M. Strain und von Sheila Schmutz ausführlicher untersucht: Es konnte nicht nur das hohe Risiko dieser Hunde für Taubheit statistisch eindeutig nachgewiesen werden, sondern es kristallisierte sich auch ein additives Risiko beim zusätzlichen Vorhandensein anderer Gene, die für eine Weißfärbung des Felles verantwortlich sind, wie das Piebald-Gen (beispielsweise beim Dogo Argentino oder beim Weissen Bullterrier, zwei ebenfalls mit Taubheit belasteten Rassen), das Mantel-Gen und bei Doggen auch das Harlekin-Gen (siehe unten): Je mehr solcher Gene mit "Weißmachereffekt" für das Fell  zusammentreffen, desto höher ist das Risiko für den Hund, taub zu sein. Dies erklärt die extrem hohe Wahrscheinlichkeit von Taubheit für eine Doppelmerle-Dogge: Bei den Doggen kommen zusätzlich zu dem Merle-Gen auch alle anderen erwähnten Gene vor, die zur Weißfärbung des Felles führen und damit das Taubheitsrisiko erhöhen.

Nach dem Erkennen dieser Zusammenhänge war es nur logisch, dass die mit der Hundezucht befassten Organe die entsprechenden Konsequenzen zogen: Die FCI empfiehlt seit den 90er Jahren die Kreuzung zweier Merle-Hunde zu unterlassen, und viele Rassehundevereine, bei denen mit diesem Farbschlag gezüchtet wird, waren ihr da schon zuvorgekommen und untersagen ihren Mitgliedern diese risikoreiche Verpaarung. In Deutschland fällt eine solche Kreuzung unter den Qualzuchtparagraphen des Tierschutzgesetzes.

Bei der Deutschen Dogge betraf dieses Verbot den gefleckten Farbschlag, in dem seit 1997 nur noch gefleckt mit schwarz verpaart werden darf, da es sich bei Gefleckten wie erwähnt um modifizierte Merle-Hunde handelt: 1985 wurde die Existenz eines für diese Modifikation verantwortlichen und nur bei der Deutschen Dogge vorkommenden Genes postuliert, das Merle-Hunde zu Gefleckten macht, bei Hunden ohne Merle-Gen jedoch unsichtbar bleibt. Kurze Zeit nach dem Merle-Gen ist auch dieses H(Harlekin)-Gen inzwischen molekulargenetisch nachgewiesen worden und wie auch das Merle-Gen trägt ein Gefleckter nur ein Exemplar dieses Gens. Im Gegensatz zu den Doppelmerles, die zwar sehr oft behindert, aber meist lebensfähig sind, sterben Welpen mit zwei H-Genen im Embryonalstadium ab und werden resorbiert:

Es gibt keine lebenden "Doppel-Harlekine".

Genetisch gesehen wäre aus tierschützerischen Aspekten auch die Anpaarung von Grautigern (Merle-Doggen ohne das Harlekin-Gen) mit Schwarzen ohne Risiko möglich, jedoch gelten Grautiger in der Doggenzucht als Fehlfarbe und können nicht zur Zucht zugelassen werden. Dies ist ein Relikt aus einer Zeit, in der die genetischen Zusammenhänge der Geflecktzucht noch nicht verstanden waren und man wohl hoffte, die Grautiger zugunsten der Gefleckten "ausrotten" zu können. In Anbetracht der Mendelschen Aufspaltung, die der Geflecktzucht zugrunde liegt, ist das verständlicherweise nicht möglich.

Nun könnte man vermuten, die Geschichte ende hier: Züchten mit Merle-Trägern birgt das Risiko der Geburt von weißen zumeist tauben Doppelmerles, doch kann dies zuverlässig verhindert werden, indem man stets nur Merle-Hunde mit Nicht-Merle-Hunden verpaart. Ende gut, alles gut.*

Doch der DDC folgt einer anderen Logik: Seit jeher haben die Züchter dieser Rasse große Schwierigkeiten, das Verbot der Kreuzung zweier Gefleckter zu akzeptieren. Denn das große Ziel der Zucht im Farbschlag Schwarz-Gefleckt sind gefleckte Welpen, die sich ganz nebenbei auch deutlich teurer verkaufen lassen als alle anderen Farben. Die bei der Gefleckt-Zucht zwangsläufig auftretenden schwarzen Doggen sind in Maßen akzeptabel, Grautiger dagegen Ausschuss.

Nicht wenige Züchter sind von daher nicht zimperlich mit einer archaischen Form der Zuchtselektion, zumal Doggen als Riesenrasse in der Regel sehr große Würfe haben: Grautiger werden da ohne Ausnahme direkt nach der Geburt getötet, ebenso wie "überzählige" Schwarze. In manchen Ländern wie Frankreich wird dies zumindest in Züchterkreisen offen als Selektionsmethode propagiert und zum Teil auch so veröffentlicht: 15 Welpen geboren, 8 "unter der Mutter belassen" ist da nicht selten zu lesen.

In Deutschland, wo der Tierschutzgedanke allgegenwärtiger ist, als es manchem Züchter lieb ist, bevorzugt man die Diskretion, bei dem die Grautiger unbemerkt verschwinden:

So entstand wohl auch das Ammenmärchen der Grautigerfreien Linien, das von Personen wie Heiko Wagner, Tierarzt und Präsident der KyDD, dem zweiten Doggen-Verein in Deutschland, mit erschreckendem Ernst zum Besten gegeben wird. Manche Zwinger kommen so auf fast 100 Gefleckt-Schwarz Anpaarungen ohne einen einzigen Grautiger. Der Erbgang sagt auf 100 geborene Welpen zwischen 16 und 25 Grautiger voraus.

Aus dieser ethisch fragwürdigen Grundeinstellung zur Zuchtwahl per Euthanasie erklärt sich natürlich eine gewisse Gleichgültigkeit der Züchter gegenüber dem Risiko, behinderte Doppelmerles zu züchten: Welpen, die aufgrund ihrer überwiegend weißen Farbe als potentiell taub vermutet werden, wurden (und werden außerhalb Deutschlands immer noch) ebenso wie unerwünschte Grautiger einfach nicht aufgezogen, sprich nach der Geburt getötet. Doggenwelpen schweben bereits in Lebensgefahr, wenn sie mit der falschen Farbe auf die Welt kommen… es wäre wohl naiv, sich über die Überlebenschancen von potentiell behinderten Welpen Illusionen zu machen.

Es stellt sich zwangsläufig die Frage:

Warum das Risiko der Geburt von Doppelmerles eingehen, wenn man Gefleckte auch ohne Risiko züchten kann, indem man mit Schwarz kreuzt ? 

Die Zahl an Grautigern im Wurf nach der Anpaarung zweier Gefleckter ist quasi identisch mit derjenigen nach der erlaubten Kreuzung Gefleckt x Schwarz; an der Farbverteilung kann es also nicht liegen. Die Gründe für die Besessenheit des DDC, die Gefleckt-Kreuzung zurückzuerobern, sind woanders zu suchen:
Zum einen hält sich hartnäckig das Gerücht, dass nur die Anpaarung von Gefleckten untereinander auf Dauer "schöne Gefleckte" (d.h. reinweiße Grundfarbe, tiefschwarze, gleichmäßige Flecken) ergibt, was bei einem Mendelschen Erbgang natürlich eine absurde Annahme ist, doch nichtsdestotrotz mit großer Regelmäßigkeit gerade von alteingesessenen Züchtern immer wieder zum besten gegeben wird.

Bedeutsamer, aber nur ungern offen ausgesprochen, ist wohl der zweite Grund: Aus der Sicht des Züchters ist ein Doppelmerle ein ideales Zuchttier zur Geflecktzucht, denn die Nachzucht  eines Doppelmerles mit einem Schwarzen besteht zu 100% aus Merle-Hunden. Wieviele davon die erwünschten Gefleckten sind, hängt von der Zahl der zusätzlich beteiligten H-Gene ab: Ist der Doppel-Merle oder der Schwarze ein H-Träger, sind die Hälfte der Nachkommen Gefleckte, tragen sie es gar beide, ergibt dies eine Chance auf 66% Gefleckten in der Nachkommenschaft… das ist das Doppelte von dem was ohne Doppelmerle in der Elternschaft erreichbar ist.

Nur zu gerne greifen deutsche Züchter deshalb bereits auf solche Doppelmerle-Zuchthunde aus dem Ausland zurück... stehen sie doch zur Verfügung in Ländern, in denen Gefleckte miteinander gekreuzt werden. Offiziell sind solche zur Zucht zugelassenen Hunde selbstverständlich nicht taub… einen Hörtest müssen sie jedoch nicht ablegen.

Auch dürfen deutsche gefleckte Rüden im Ausland ungestraft gefleckte Hündinnen decken, das Ergebnis einer solchen Verpaarung kann man hier bewundern (2 schwarze, 3 gefleckte und 3 weiße Welpen, von denen laut Aussage der Züchter 2 taub sind).

Doch all das reicht dem DDC nicht aus. Man möchte - genauso wie die sonst so vehement verteufelten "Schwarzzüchter" - auch in Deutschland wieder gefleckte Doggen im VDH verpaaren. Deshalb beauftragte im Jahre 2008 Horst Fischbach, Zuchtleiter des DDC, Frau Dr. Ina Pfeiffer, Privatdozentin an der Universität Kassel, mit einer Studie zur Geflecktzucht, der sogenannten

"Grautigerstudie". 

Das Ziel dieser Studie wäre "die Gewinnung und Verwertung forschungsrelevanter Daten zur Fellfarben-Vererbung Grautiger bei der Deutschen Dogge."

Dreh- und Angelpunkt dieser Studie sollte eine Reihe von Test-Verpaarungen sein. Hier lässt der DDC schon recht ungehemmt seine wahren Beweggründe durchschimmern… denn unter diesen Test-Verpaarungen sind zwei reine Gefleckt-Kreuzungen (Gefleckt x Gefleckt, schön gefleckt x gefleckt mit Grauanteil), jedoch nur eine Kreuzung mit Grautiger-Beteiligung vorgesehen (schön gefleckt x Grautiger), wohingegen Grautiger x Schwarz, die einzige tierschutzrechtlich unbedenkliche Variante ohne Doppelmerle-Risiko, erst gar nicht vorgesehen ist: Eine allemal erstaunliche Versuchsanordung für eine angebliche Grautigerstudie, die das Verhalten des Grautigers in der Zucht erforschen soll.

Es wurde ja bereits erwähnt, dass Merle- und Geflecktvererbung zu den wohl besterforschten Erbgängen unter den Fellfarben zählen, die bis in die Details über die verantwortlichen Mutationen bekannt sind, dank der Arbeiten der Forschungsgruppe um Leigh Ann Clark.
Weshalb bedarf es dann einer neuen Studie, in der auf längst nicht mehr zeitgemäße Kreuzungsversuche zurück gegriffen wird? Möchte man es vielleicht dem französischem Doggenclub nachtun, der seit dem Jahre 2000 unter dem Deckmantel einer "Gefleckt-Studie" ungehemmt Merle-Verpaarungen durchführt, bisher ohne Ergebnis, geschweige denn eine Methode? Oder geht es darum, herauszufinden, wieviel Prozent der weißen Doppelmerle-Doggen tatsächlich behindert sind? Wieviel Prozent müssen es denn sein, damit auch der Doggenzüchter die Verpaarung von Gefleckten als unethisch empfindet? 5,10 oder 50 Prozent?

Liest man sich die Äußerungen von Dr. Pfeiffer in der Clubzeitschrift des DDC durch, dann kommen einem gewisse Zweifel.

So bezeichnet Pfeiffer die bei den risikoreichen Kreuzungen entstehenden Doppelmerle als Gefleckte, und nicht als Weißtiger: Auf diese Weise lässt sie sich gar dazu hinreißen, die Anpaarung eines Gefleckten Hundes mit einem Doppelmerle als "viel versprechend" anzuprangern. Hier sind statistisch die Hälfte der geborenen Welpen stark taubheitsgefährdete Doppelmerle, doch lässt Dr.Pfeiffer diese offenbar verschwinden, indem sie diese den Gefleckten zurechnet.

Eine weitere Absurdität, und gleichzeitig Dreh- und Angelpunkt der Analyse der Kreuzungen, ist die immer wiederkehrende Warnung vor dem Zusammentreffen zweier H-Gene. Pfeiffer behauptet hier, solche "Doppel-Harlekine" seien entweder "nicht lebensfähig oder werden geboren und treten als annähernd fast schneeweiße Doggen auf." In der Realität sind die betroffenen Embryos wie bereits erwähnt nie lebensfähig und werden stets schon im Mutterleib resorbiert: Es gibt also keine lebenden "Doppel-Harlekine", sondern lediglich etwas kleinere Würfe durch die resorbierten Embryos mit zwei H-Genen… und doch zieht sich die Warnung vor der Entstehung von "Doppel-Harlekinen" wie ein roter Faden durch ihre Kreuzungsanalyse, während das Gesundheitsrisiko der Doppelmerles völlig ignoriert wird. In Anbetracht der Tatsache, dass das Zusammentreffen zweier H-Gene also lediglich die Wurfgröße verringert, wohingegen zwei M-Gene das Risiko der lebensfähigen, aber behinderten Doppelmerles mit sich bringen, bleibt bloß die Frage, ob hier von der wahren Problematik abgelenkt werden soll oder aber die Thematik nicht verstanden wurde.

Auch in einem im Juli diesen Jahres in der Clubzeitschrift veröffentlichen Artikel von Dr. Pfeiffer rangiert die Kreuzung zweier Träger des H-Gens in der Risikobewertung der Anpaarungen noch vor derjenigen von zwei Merle-Hunden: Eine solche Verpaarung ist laut ihrer Meinung "abzulehnen", während die Verpaarung zweier Merle-Träger nunmehr von ihr als "kritisch" bewertet wird. Bemerkenswert am neuen Artikel Pfeiffers: So pocht sie auf die Notwendigkeit, Gefleckte auf ihren Genstatus zu untersuchen, da es sich auch um "verdeckte Grautiger" handeln könnte, also Hunde, die wie Gefleckte aussehen, aber keine H-Gen tragen. Clark et al. haben allerdings über 100 gefleckte Doggen auf das H-Gen getestet und es bei allen gefunden… im Rahmen einer Arbeit, die Frau Pfeiffer selbst zitiert. Der "verdeckte Grautiger" scheint daher ebenso ins Reich der Phantasie zu gehören wie die "schneeweißen Doggen" mit zwei H-Genen.

VDH stellt Grautigerstudie in Frage



Anfang dieses Jahres hat der VDH nach eingehender Sichtung des aktuellen Forschungsstandes zur Merle- und Geflecktvererbung den Sinn eines Kreuzungsexperiment mit dem erheblichen Risiko der Geburt behinderter Welpen völlig zu Recht in Frage gestellt. Noch vor einer definitiven Aussage des VDH stellte der DDC dann (überhastet?) die Welt vor vollendete Tatsachen: Die erste Geflecktkreuzung im Rahmen des Experimentes wurde im Zwinger "vom Goldbergsee" zwischen Addison vom Altmühltal   &  Dustin vom Albtrauf durchgeführt. Der Wissenschaftliche Beirat des VDH hat prompt reagiert und noch vor der Geburt der Welpen die Genehmigung des Kreuzungsexperimentes widerrufen.

Am 14.07.2011 sind nun die Welpen aus der ersten und letzten Gefleckt-Kreuzung im DDC seit 15 Jahre geboren. 8 von den 9 geborenen Welpen wurden als "Gefleckt" deklariert, bei dem einen oder anderen wäre die Kontrolle des Merle-Gens wohl angebracht, um den Genstatus des Doppelmerle zu bestätigen oder auszuschliessen. Bezeichnend ist, dass ausgerechnet der fast komplett weiße Rüde "Face" als erstes verkauft wurde, erhofft man sich einen "für die Zucht so wertvollen" Doppelmerle zu erwerben? Der Rüde "Freddy" dagegen sieht sehr nach einem Grautiger mit Doppelmerle aus (d.h. Genstatus MMhh), die ebenfalls oft von Taubheit betroffen sind. 2 weitere Welpen wurden - laut Aussage des Züchters - tot geboren, so dass hier eine Überprüfung bedauerlicherweise nicht möglich sein wird. Grundsätzlich ist jedoch anzumerken, dass ein einzelner Wurf die statistischen Wahrscheinlichkeiten bei der Farbverteilung nur sehr andeutungsweise widerspiegelt: 1 Wurf ähnelt noch einem Lottospiel, 10 Würfe dagegen werden schon sehr nahe bei der nach Mendel zu erwartenden Verteilung liegen.

Nun darf man gespannt sein, ob die Welpen audiometrisch auf Hör- und Sehvermögen getestet werden.

Auch wenn das Endergebnis - der sofortige Stopp der Gefleckt-Kreuzungen - erfreulich ist, bleibt doch ein empfindlich bitterer Nachgeschmack:
  • Wie ist es um die Ethik eines Rassehundevereins bestellt, der keine Mühen scheut, um unter dem Deckmantel von Pseudoforschungsvorhaben eine Verpaarungsvariante zurückzuerobern, die seit 15 Jahren aus Tierschutzgründen verboten ist, weil sie das hohe Risiko birgt, behinderte Welpen hervorzubringen?
  • Wie ist es möglich, dass man eine Hunderasse vor ihrem eigenen Verein und ihren Züchtern in Schutz nehmen muss, damit diese ihr kein Leid zufügen?

* * *


aus der Stellungnahme von Bernhard Meyer, Hauptgeschäftsführer des VDH:

"Seit Bekanntwerden der Entscheidung, den Zuchtversuch im DDC nicht fortzusetzen, wird in diversen Foren und an anderen Stellen der Vorgang in einer Weise diskutiert, die fragwürdig erscheint. 

Falschdarstellungen und Unterstellungen den VDH und Vorstand des DDC betreffend vermitteln den Eindruck, dass es nicht um die Sache und den Austausch unterschiedlicher Denkrichtungen geht, sondern um eine Instrumentalisierung. Insofern möchte ich Sie ausdrücklich ermutigen, dieses Antwortschreiben gleichermaßen publik zu machen. 

Der DDC hat völlig im Einklang mit den VDH-Regelwerken und den Grundsätzen des VDH alles richtig gehandhabt, die erforderliche VDH-Genehmigung unter Beteiligung des Wissenschaftlichen Beirates eingeholt und eine genehmigte Versuchsverpaarung durchgeführt. 

Der VDH hat weder seine erteilte Genehmigung widerrufen noch in irgendeiner Weise das Vorgehen des DDC kritisiert. Es wurde lediglich entschieden, dass der Zuchtversuch nach Vorlage neuer Erkenntnisse nicht fortzusetzen ist. Die entsprechende Beschlussempfehlung des Wissenschaftlichen Beirates des VDH basiert im übrigen nicht auf aktuellen Diskussionen, sondern auf der Auswertung wissenschaftlicher Studien und Forschungsberichte. Die Versuchszüchtungen sind nicht fortzusetzen, weil gewissermaßen unnötig, da keine neuen Erkenntnisse im gewünschten Maße zu erwarten sind."

Anmerkung Christoph Jung zu Merle:

Zunächst begrüße ich, dass die hier angesprochenen Machenschaften zu Lasten der Hunde aufgedeckt und bekämpft werden. Die so über jeden Zweifel erhabene Einschätzung von Merle-Carriern kann ich aber nicht teilen. Erst 2009 wurde eine Untersuchung des Department of Comparative Biomedical Sciences der School of Veterinary Medicine, Baton Rouge, USA veröffentlicht, die zu der Feststellung kommt, dass auch bei Trägern nur eines Merle-Gens 2,7 einseitig bzw. 0,9% beidseitig von Taubheit betroffen sind. Nach Verpaarungen Merle-Hund mit Merle-Hunden (Merle MM) sind sogar 10% einseitig und 15% beidseitig taub (auf diese Risiken wird hier ja sehr eindringlich hingewiesen). Hunde ohne Merle-Gendefekt haben demgegenüber einen Taubheitsanteil unterhalb messbarer Größenordnungen im Rahmen einer Studie. Die Untersuchung von Strain belegt sowohl den Zusammenhang zwischen Merle und Taubheit als auch, dass Merle in jeder Ausprägung, also nicht nur bei Verpaarung zweier Merle-Träger, zu Taubheit führen kann.

Darüber hinaus schränkt jede Zucht mit Merle die Möglichkeiten signifikant ein, innerhalb einer Rasse-Population, Partner nach Kriterien der individuellen wie auch der Gesundheit der Population zu kombinieren.

Sonntag, 26. Februar 2012

Verantwortungsvolle Zucht - 27 Doggen auf einen Streich?

27Welpen der Hunderasse Deutsche Dogge auf einen Schlag - die Meldung ging in diesen Tagen breit durch die Medien. 27 süße Welpen wurden gezeigt und liebevolle Käufer derselben gesucht - von einer "Züchterin" im VDH-Club DDC, dem ältesten deutschen Hundezuchtverein überhaupt.

Wenn man genauer hinschaut ist das Ganze alles andere als süß. Und es ist auch alles andere als tierschutzgerecht oder gar verantwortungsbewusst gegenüber dem Wohl der Hunde. Einen Großhund wie die Deutsche Dogge artgerecht zu halten, muss nicht nur gefühlt vielmehr auch gekonnt werden - vom Hundeverstand und vom Geldbeutel wie auch den Lebensverhältnissen her. Wer kann heute schon - selbst bei bestem Willen - in unserer, die Hunde so extrem reglementierenden Gesellschaft eine Deutsche Dogge artgerecht halten?
  • Ist es "kontrollierte Zucht" (O-Ton VDH), 27 Welpen auf einen Schlag zu produzieren?
  • Wie sollen 27 Hunde aus 2 Würfen ordentlich sozialisiert werden - gerade bei später so kräftigen Hunden wie Doggen eine elementare Voraussetzung für ein erträgliches Leben?
  • Wo sollen denn die 27 geeigneten Halter herkommen? 
  • Was hat ein solches "Zucht"gebaren mit Liebe oder auch nur Respekt vor den Hunden zu tun?
Eine Deutsche Dogge braucht mehr Kompetenz als Cavalier, Bully &Co

Heute 27 süße, kleine Welpen, die in den Medien unhinterfragt zur Schau getragen werden - in 18 Monaten 27 ein Meter große und überaus starke Kandidaten fürs Tierheim? Hauptsache der "Züchter" hat sein Konto gefüllt, nach mir die Sintflut, da können sich dann die Nothundeleute drum kümmern. Wir werden in 18 Monaten beim DDC und bei der Hobby-Produzentin nach dem Verbleib der 27 Hunde fragen. Ich hoffe, Stern-TV und die anderen Medien, die heute diese Würfe noch unhinterfragt beklatschen, tun das auch.

Meine Meinung: Ein trauriges Beispiel für verantwortungsloses und tierschutzrelevantes Vermehren.

Meine Meinung: Die in letzter Zeit verbreitete Unsitte der Mehrfachwürfe mag zwar gut für den Profit der (kommerziellen) "Züchter" sein, sollte aber in einem seriösen Zuchtverein (in der Regel) verboten sein. Jeder Wurf erfordert die volle Sorgfalt und Aufmerksamkeit eines wirklich seine Hunderasse liebenden Züchters. Jeder Züchter weiß wie anspruchsvoll es ist, jeden einzelnen Welpen eines Wurfs ordentlich zu solzialisieren.


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Text: Christoph Jung Foto: Claudia Fuhrmann

Montag, 10. Oktober 2016

Tod und Trauerbewältigung beim Tod des Hundes

Mit dem Hundemagazin HundeWelt führte Christoph Jung, Diplom-Psychologe und Hundefreund, nachfolgendes Interview zu einem Thema, das alle Hundefreunde irgendwann ganz persönlich betrifft, wovor Viele Angst haben, ein schmerzvolles Thema: Wenn unsere lieben Hunde gehen müssen...

HundeWelt: Was ist eigentlich unter Trauer zu verstehen?

Christoph Jung: Trauer ist eine unserer elementaren Gefühlslagen. Trauer wird in der Regel durch den Verlust eines wichtigen Mitglieds des sozialen Umfelds ausgelöst. Wir sind hochsoziale Lebewesen. Bricht hier etwas weg, so geht ein Teil von uns selbst, ein Teil unserer Identität verloren. Trauer ist ein Prozess unserer Psyche, den wir ernst nehmen und zulassen müssen. Nur so kann der Verlust verarbeitet werden.

HundeWelt: Darf man um seinen Hund trauern?

Christoph Jung: Hunde zählen zu unserem engsten sozialen Umfeld. Nicht wenigen Menschen steht ihr Hund sogar näher als manche Mitglieder ihres menschlichen Umfelds. In der Regel haben wir eine intensive emotionale Bindung mit unserem Hund. Sein Verlust, sei es durch Tod, Scheidung oder andere Umstände erzeugt in uns das Gefühl der Trauer. Wie stark das Gefühl ist, hängt von vielen Faktoren ab. Der Hund ist jedenfalls auch objektiv ein wichtiger Sozialpartner des Menschen. Unsere Evolution ist seit mehr als 30.000 Jahren aufs Engste verzahnt. Das spiegelt sich unbewusst in unseren Gefühlen wieder.
HundeWelt:  Wann ist der richtige Zeitpunkt, Abschied zu nehmen?

Christoph Jung: Mehr als 80% aller Hunde werden vom Tierarzt über die Regenbogenbrücke geschickt. Das heißt, es ist eine bewusste Entscheidung. Wir müssen uns damit abfinden, wenn die Zeit gekommen ist. Wir sollten diese Herausforderung positiv annehmen und die letzten gemeinsamen Tage innig und bewusst erleben. Dies anzuerkennen ist zugleich die erste Phase der Trauerarbeit. Es ist oft schwer, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Spätestens wenn unser Hund keine Lebensfreude mehr zeigt, ist es soweit. Da darf man nicht egoistisch sein. Ich selbst habe, wenn das Ende absehbar war, mit meinem langjährigen Tierarzt die Verabredung getroffen, dass er dann zu uns nach Hause kommt.

HundeWelt:  Viele Menschen halten das Trauern um einen Hund für übertrieben Sie sagen, es sei schließlich nur ein Tier. Was denken Sie darüber?

Christoph Jung: Im Christentum wie im Islam ist einzig der Mensch das von Gott auserwählte Geschöpf. Heute noch vertreten Geistliche, dass Trauergefühle für ein Tier unangemessen seien, dass dies ein Privileg des Menschen für Menschen sei. Diese Einstellung spiegelt sich in der landläufigen Meinung wieder, es sei schließlich nur ein Tier. Trauer um einen Hund findet in unserer heutigen Gesellschaft nur verhalten Akzeptanz. Die Trauerkultur ist hier verloren gegangen. Das war früher anders. Das zuweilen schlechte Ansehen des Hundes in den vergangenen Jahrhunderten ist ein Sonderfall der Geschichte der Menschheit. In den vielen tausend Jahren davor hatte der Hund ein hohes Ansehen.

HundeWelt:  Wie denken Sie darüber, Hunde in Gräbern zu bestatten?

Christoph Jung: Ein Grab ist eine Gedenkstätte für die Überlebenden, ein Platz zum Trauern, eine Ehrerbietung für den Verstorbenen. Es ist nun einmal Realität, dass wir eine sehr enge Bindung zum Hund aufbauen können. Man hat viele schöne gemeinsame Stunden verbracht. Man hat schwere Zeiten gemeistert. Viele Hunde leisteten wundervolle Arbeit als Assistenzhunde, beim Hüten, bei der Jagd, die Kinder sind mit ihm aufgewachsen. Was spricht dagegen, einem vertrauten, vielleicht sogar geliebten Begleiter ein Denkmal zu setzen, ihm seine letzte Ehre zu erweisen? In Oberkassel bei Bonn finden wir den ältesten Beweis aus der Steinzeit. In dem 14.000 Jahre alten Doppelgrab wurden ein Mann, eine Frau und zwischen ihnen ein Hund begraben. Wir finden gemeinsame Gräber von Menschen und Hunden aus allen Epochen der Geschichte und Vorgeschichte. Die Zeitschrift National Geografic berichtet aus Südamerika: „Wie heutige Hundeliebhaber ihre Haustiere mit Häppchen vom Tisch verwöhnen und Hunde einen Platz auf dem Bett haben, so behandelten die alten Peruaner ihre Hunde als Familienangehörige. Sie erhielten ihr eigenes Grab, und in einigen Fällen sind sie mit Decken und Lebensmitteln begraben.“ Reichskanzler Otto von Bismarck ließ seine Doggen auf dem Schloss beerdigen wie der Große Fritz seine italienischen Windspiele. Bereits 1899 wurde in Paris der erste neuzeitliche Hundefriedhof eröffnet. Man muss eigentlich umgekehrt die Frage stellen: warum haben es die Menschen der Neuzeit verlernt, ihre Tiere respektvoll zu behandeln?
HundeWelt:  Wie soll man mit dem Tod eines treuen Begleiter umgehen?

Christoph Jung: Zunächst ist dies eine sehr persönliche Frage, die individuell beantwortet werden muss. Als erstes sollte man seine Trauer zulassen und ausleben. Unser liebes Hundchen hat Tränen verdient. Wir brauchen uns derer nicht zu schämen. Meist tut es gut, mit Hundefreunden ein stückweit gemeinsam Trauerarbeit zu leisten. Es gilt dabei mehrere Phasen zu durchleben: zunächst die Abwehr, das nicht Wahrhabenwollen, das Hadern mit dem Schicksal, dann die Wut, schließlich das Realisieren des Verlustes, das Sichabfinden. Nun beginnt man mit der Reorganisation des eigenen Lebens. So wird der Boden bereitet für neue Freude, die ebenso zugelassen werden sollte. Wir brauchen diese Phasen des Trauerns. Unser verstorbener Hundefreund wird immer einen Platz in unserem Herzen haben. Es ist erfreulich, dass wir inzwischen professionelle Helfer, etwa Tierfriedhöfe oder Krematorien, haben, die es selbst in der Großstadt ermöglichen, einen würdevollen Rahmen für den Abschied zu schaffen.

HundeWelt:  Manche Hundehalter wollen sich keinen Hund mehr anschaffen aus Angst vor dem unvermeidbaren Abschiedsschmerz. Eine richtige Entscheidung?

Christoph Jung: Es ist der einzige Wermutstropfen der Partnerschaft Mensch - Hund: der Hund hat eine viel kürzere Lebenserwartung. Er hat nur etwa fünfzehn Jahre, heute durch die Versäumnisse der Zucht nur zehn. Da ist absehbar wie aus dem eben noch tollpatschigen Welpen, der unser Gesicht vor Freude strahlen lässt, ein ruhiger, treuer Hundegreis wird. Die Bilder vergehen wie im Flug. Es heißt immer, der Hund sei unser Begleiter. Tatsächlich ist es andersherum. Wir begleiten den Hund durch sein ganzes Leben. Dabei hat jede Phase ihre schönen Seiten. Auch der alte Hund hat etwas Wunderschönes in seiner tiefen Vertrautheit. Der Hund hat sein Leben erfüllt. Wegen des Abschiedsschmerzes auf die Freude dieser Partnerschaft zu verzichten, halte ich mit Konrad Lorenz für kleingeistig.

HundeWelt:  Sie halten schon lange Hunde, wie haben Sie selbst den Abschied von Ihren Lieblingen erlebt?

Christoph Jung: Als jemand der sein ganzes Leben mit Katzen und Hunden verbracht hat, gab es naturgemäß schon einige Abschiede. Es gab meist friedliche und vereinzelte, von mir als grausam empfundene Abschiede. Ich habe immer sehr gelitten, wenn eine dieser Persönlichkeiten gegangen ist. Auch heute noch kommt mir zuweilen eine Träne. Aber es überwiegen bei weitem Freude und Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit. So kommt mir immer wieder ein Lächeln, wenn ich an diese oder jene Situation denke, wenn die alten Feunde in meinem Herzen kurzzeitig lebendig werden.

HundeWelt:  Der alte ist gegangen. Soll ein neuer Hund kommen?

Christoph Jung: Ja, ein neuer Hund bringt wieder Freude ins Haus. Es ist kein Verrat am alten Hund. Gerade wenn wir eine innige Verbindung zu unserem alten, geliebten Freund hatten, wissen wir, dass er sein Frauchen oder Herrchen immer glücklich sehen will.


Das Interview und mehr gibt es in der HundeWelt 11/2016:
Zu den Hintergründen dieser einmaligen Seelenverwandtschaft:
"Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" (Schattauer-Verlag, Reihe Wissen & Leben) von Christoph Jung und Daniela Pörtl - mit einem Geleitwort von Andreas Kieling.

(Fotos: Christoph Jung)

Dienstag, 10. Juli 2012

Bolonka - Nein zur Einzucht von Defektgenen!

Wenn jemand einen Menschen primär nach seiner Haarfarbe beurteilt, so werfen wir ihm im günstigsten Fall Dummheit vor. Bei Hunden ist das leider anders. Hier scheint die Fellfarbe nicht wenigen Haltern und Züchtern das entscheidende Kriterium zu sein. In vielen Rassestandards wird der Beschreibung von Fellfarben deutlich mehr Raum gewidmet als etwa dem Wesen des Hundes. Ob das eine tragfähige Grundlage echter Partnerschaft ist, mag jeder selbst beurteilen.

Anders ist es, wenn eine exotische Fellfarbe durch Defektgene erzeugt wird, die zulasten der Gesundheit der Hunde gehen. Dieses Risiko birgt das Defektgen Merle. Und dieses Risiko soll der bis heute noch erfreulich gesunden Hunderasse Bolonka Zwetna aufgebürdet werden, hier und heute.
Bolonka Zwetna, gerade erst vom VDH anerkannte Hunderasse aus Russland
Der Merle-Faktor ist ein Gendefekt, durch den das Eumelanin, das die schwarze und braune Fellfarbe bewirkt, gestört ist und in dessen Folge bestimmte Aufhellungen und unregelmäßige weiße Flecken in Fell entstehen. Auch die Augen können betroffen sein und erscheinen dann hellblau oder auch farblos.
Das sind aber nur die sichtbare Folgen. Die unsichtbaren kommen besonders dann in Erscheinung, wenn beide Eltern dieses Defektgen tragen und es im Nachwuchs zu homozygoten Merle-Trägern kommt. Diese sind nicht selten taub, blind, kränklich und sterben oft noch im Jugendalter.

Ein Gendefekt wird seit 150 Jahren kultiviert

Merle ist eine Mutation, die schon sehr lange bei Hunden beobachtet wird. Bereits der römische Schriftsteller und Naturwissenschaftler Columella erwähnt sie. Auf zahlreichen historischen Gemälden werden Hunde mit Merle-Farben abgebildet. Aber erst mit dem Aufkommen der modernen Rassehundezucht im 19. Jahrhundert wurde Merle gezielt züchterisch vermehrt, insbesondere bei Collies, Deutschen Doggen oder auch Dackeln. Heute verzichtet man glücklicherweise weitgehend auf die Zucht so genannten Tiger-Dackel (siehe Foto). In einigen Rassestandards ist Merle ausdrücklich als eine Farbvariante erlaubt.
So genannter Tiger-Dackel (Merle), Zeichnung von 1894
Die Befürworter der Merlezucht behaupten, dass mischerbiges Merle keine Gesundheitsrisiken berge. Das ist ein frommer Wunsch, der leider keinen wissenschaftlichen Beleg hat. Vielmehr bestätigt eine neuere Untersuchung den Verdacht, dass auch heterozygotes Merle gesundheitliche Risiken bergen kann (Strain 2009). Aber auch diese Untersuchung ist noch kein abschließender Beleg. Tatsache ist, dass die Wissenschaft das Feld der Fellfarben bisher kaum erschöpfend untersucht hat. Das Thema Fellfarben ist wesentlich komplexer, als man vermuten könnte. Der Artikel auf Wikipedia gibt hier einen ersten Eindruck (http://de.wikipedia.org/wiki/Fellfarben_der_Hunde). Erst 2006 wurde das Merle-Gen überhaupt lokalisiert und damit erst die Grundlage fundierter Untersuchungen gelegt. Klar ist aber, dass die Mutationen, die besondere Farbvarianten erzeugen, in vielen Fällen auch andere, zunächst nicht sichtbare Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Und klar ist ebenfalls, dass derselbe Gendefekt bei verschiedenen Hunderassen unterschiedliche Auswirkungen haben kann. Wir müssen also zur Kenntnis nehmen, dass wir uns beim Thema Farben auf einem Feld bewegen, das in weiten Teilen ein weißer Fleck auf der Landkarte der Forschung ist.

Züchter sollten genug zu tun haben, mental und körperlich gesunde Hunde zu züchten...

Gerade deshalb sollte seriöse Zucht, die das Wohl und die Gesundheit der Hunde respektiert, sehr zurückhaltend agieren und keine unnötigen Risiken eingehen. Züchter und Zuchtvereine, die bewusst mit Defektgenen arbeiten, sollten erst einmal den Nachweis erbringen, dass keine negativen gesundheitlichen Auswirkungen möglich sind. Ansonsten sollte man im Interesse des Wohls seiner Hunderasse darauf verzichten. Ein weiterer Aspekt ist die Einschränkung der Zuchtauswahl in Verbindung mit Defektgenen. Da reinerbige Träger von Defektgenen mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit gesundheitliche Schäden haben werden, achtet man mindestens auf eine Verpaarung von Carrier mit Nicht-Carrier. In den meisten Rasse-Populationen ist zum einen ein schon bedenklich hoher Inzuchtgrad erreicht und zudem mehrere Erbkrankheiten gehäuft vorhanden. Da hat man eh Probleme, geeignete Partner zu finden. Diese Probleme werden nun lediglich wegen einer Farbvariante ohne Not weiter verschärft. Das sollte im Interesse der Population vermieden werden.

Nicht wenige Hundehalter wollen mit ihren Hunden auffallen, wollen etwas Besonderes, das exotische Seltene präsentieren. Der Markt der Hundezucht hat zur Bedienung solcher Bedürfnisse gerade in den letzten Jahren extreme Übertreibungen, ja Verkrüppelungen hervorgebracht, bis hin zu Qualzucht. Seltene Farben lassen Züchter von umso höheren Welpenpreisen träumen, die zweifelhafte Hundefreunde auch zahlen. So wird Merle in Hunderassen eingezüchtet, die historisch nie von diesem Defektgen belastet waren. Es ist in den letzten Jahren geradezu eine Mode in der profitorientierten Hundeproduktion geworden, Hunde in neuen Farbkreationen zu präsentieren wie Merle oder Dilutations-Farben wie grau oder schoko. Und es gibt leider Käufer hierfür. Es wird von Tierschutz geredet, in der Praxis aber anders gehandelt.

... und nicht auch noch zusätzliche Probleme in die Hunderassen holen

So geschieht es aktuell beim Bolonka Zwetna. Das Merle-Defektgen wurde extra von einer anderen Hunderasse in den Bolonka eingekreuzt. Was die zahlreichen Erbkrankheiten aus der Chihuahua-Population beim Bolonka anrichten können und welche Auswirkungen die Einkreuzung auf das Wesen des Bolonkas hat, spielt dabei keine Rolle, Hauptsache das Defektgen wird in die Population geholt. Merle soll über einen Chihuahua eingekreuzt worden sein, natürlich ganz seriös. Dabei wird unterschlagen, dass Merle beim Chihuahua vom FCI-Standard ausdrücklich verboten ist. Seriöse Zuchtvereine und Züchter haben sich schon immer daran gehalten. Der Merle-Chihuahua kann also nicht aus seriöser Zucht stammen! Es gibt zudem keinerlei Erfahrungen, wie der Merle-Faktor beim Bolonka Zwetna auf Dauer wirkt. Ein zusätzliches gesundheitliches Risiko für Population und Individuum wird so in Kauf genommen für einen zweifelhaften optischen Effekt oder klarer gesagt für den Profit. Das ist aus Tierschutzgründen abzulehnen, wie es einer aus Liebe zum Hund motivierten, seriösen Zucht allemal widerspricht.


Ein Artikel von Christoph Jung, zuerst erschienen bei "Stop! Gegen Merle beim Bolonka"
Fotos: Ina Stühmer

Mittwoch, 1. Juli 2009

Dortmunder Appell - ein Appell an uns alle

Ich möchte jetzt nicht auf den Dortmunder Appell für eine Wende in der Hundezucht direkt eingehen, dessen Sprecher ich ja zusammen mit Heike Beuse bin. Man kann sich da unter www.dortmunder-appell.de kundig machen.

Vordenker einer Wende in der Hundezucht

Ich möchte als erstes auf zwei der Vordenker dieses Appells hinweisen, die zugleich wesentliche kynologische Grundlagen dafür geben, wohin diese Wende gehen soll. Bereits vor mehr als 20 Jahren forderte Prof.Dr.Wilhelm Wegner in der "Kleinen Kynologie" (Terra Verlag zZt leider vergriffen) eine solche Wende in der Hundezucht. Dr.Hellmuth Wachtel wies bereits 1999 in "Hundezucht 2000" auf die tickende genetische Zeitbombe durch die Versäumnisse der Zucht hin. Im 1998 erschienenen "Fehlentwicklungen in der Haustierzucht" schließen die Autoren Wegner und Bartels mit: "Fehlentwicklungen in der Tierzucht sind die Folge anthropozentrischen Denkens und Handelns... Die Autoren wollen mit dem vorliegendem Band ein Problembewußtsein erzeugen, um den Erfordernissen eines ethischen Tierschutzes mehr Geltung zu verschaffen."

Die 2 Sorgenkinder von Claudia Fuhrmann (Foto C.Fuhrmann)

Vor mehr als 10 Jahren wurde eine Wende in der Hundezucht bereits eindringlich angemahnt. Notwendigkeit und Perspektive einer solchen Wende in der Hundezucht wurden zugleich umfassend, wissenschaftlich, zweifelsfrei begründet, dargestellt und belegt. An Kenntnis der Lage, des Sachverhaltes, an Klarheit über die notwendigen Aufgaben mangelt es seit langem nicht.
Getan hat sich in der züchterischen Praxis seither, etwas provokant gesagt: NICHTS. Und das liegt nicht etwa daran, dass die Erkenntnisse von Wegner oder Wachtel fachlich anzuzweifeln gewesen wären. Der Tierschutz, wir alle, scheinen die Hundezucht zu irgnorieren. Freilich, solche Schattenseiten machen sich nicht gut für das Geschäft im 5 Milliarden-Markt einer heilen, deutschen Hundewelt.

Dorf- oder "Straßen"-Hunde in Argentinien (Foto Sylvia Bosse)

Vor der eigenen Haustüre kehren

Unter dem Label "Tierschutz bei Hunden" wird vielmehr ein eifriger Import von Hunden aus aller Welt betrieben. Das stille Leiden der hochgezüchteten Rassehunde mitten unter uns wird ignoriert. Und selbst bei den importierten Nothunden stellt sich oft die Frage, ob sich diese Hunde hier wohlfühlen. Sicher, an Nahrung und Medizin mangelt es ihnen nicht mehr. Doch ob ein seit Generationen relativ freier Dorf- oder "Straßenhund" mit dem extrem restriktiven Leben in Deutschland glücklich sein kann, wird nicht gefragt.
Elend ist hier vorort freilich mehr als genug vorhanden, wenn man nur hinschauen will. Da braucht man nicht erst nach Spanien zu gehen. Karin Burger zu den Doggen und Jan Demeyere zum Deutschen Schäferhund haben hier beeindruckende wie nachdenklich stimmende Zeugnisse abgelegt, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Hoffnungsvolles erstes Echo auf den Appell

Hoffnung macht mir die erste Reaktion vieler Hundefreunde. "Endlich mal" oder "Wohl und Gesundheit in den Mittelpunkt der Zucht zu stellen, halte ich für dringend erforderlich. Deshalb unterstütze ich diesen Appell ohne Abstriche" und ähnliche Stimmen habe ich in den letzten Tagen gehört. Auch Dr. Hans Mosser, Herausgeber des Hundemagazins WUFF, erklärte sofort und sichtlich erfreut seine Unterstützung.
Mein Dank an die vielen Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Ein erster Anfang ist gemacht. Aber es wird noch ein langer, eher dorniger Weg, um tatsächlich und praktisch wirksam diese Wende zum Wohle der Hunde durchzusetzen. Unsere Hunde sind das allemal wert.
 
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