Mittwoch, 10. März 2010

Durchbruch für Tierschutz in der Hundezucht?

S
eit Anfang 2008 gilt in Österreich ein neues Tierschutzgesetz. Zu den Zielen dieser Novelle zählt die Ausmerzung der Qualzucht bei Rassehunden sowie ein weitgehendes Verbot des Hundehandels. Beides Ziele, deren Umsetzung ein elementarer Gewinn für die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Hunde darstellen würden.

Leider erfährt man aus den Medien, auch nicht aus der österreichischen Fachpresse, kaum einmal etwas zu den Auswirkungen dieses so wichtigen Schrittes in Sachen Tierschutz. Wir haben daher die österreichischen Sennenhunde-Züchterin Grete Stadlbauer, aktive Unterstützerin des Dortmunder Appells für eine Wende in der Hundezucht, ein paar Fragen gestellt:

Grete, welche praktischen Auswirkungen hat das neue Tierschutzgesetz auf die Hundezucht?

Grete Stadlbauer : Das Tierschutzgesetz wurde recht mutig in Angriff genommen und dann verwässert. Positiv ist trotzdem, dass sehr schwere Fälle besser verfolgt werden können. Das Betrifft vor allem das Platzangebot, die Bewegungsfreiheit und die Unterkünfte für Heimtiere. Bei der Qualzucht gibt es erst eine Handhabe wenn "starke Schmerzen" im Spiel sind. Eine genauere Auslegung von Qualzucht gibt es. Einige Rassen wurden genannt, die unter Qualzucht fallen. Züchterische Maßnahmen müssen aber erst bis 2018 umgesetzt werden. Das erste Jahr verging mit dem Ausfüllen von Fragebögen. Viele Züchter und Formwertrichter (in Österreich) sträuben sich, eine Veränderung vom Aussehen in Richtung natürlichere Proportionen und Vitalität zu forcieren. Die Verbesserung kann man bei bestimmten Rassen nur mehr mit Einkeuzungen erreichen, wenn eine Zeitspanne von 10 Jahren einzuhalten ist.

Beispiel: Tierschutzgesetz - 3. § 5 Abs. 2 Z 1 lautet:
k) Fehlbildungen des Gebisses- Rassen mit Nasenverkürzungen haben Gebissfehlstellungen. Das Äußere dieser Rassen muss sich verändern, wenn man die Deformationen zu bekämpfen hat. Bekommt so ein Hund die Zuchtzulassung?

Eine Verpflichtung, einen vernünftigen Standard an Vitalität zu erreichen, kenne ich nicht. Mehr an verpflichtenden Untersuchungen für Zuchthunde wird bei diversen Rassevereinen angestrebt, umgesetzt ist noch wenig. Wenn man bedenkt, jedes Jahr tritt eine neue Erbkrankheit auf, so sind die Gegenmaßnahmen zu langsam. Vereine und Laien können weiterhin nach ihrem Gutdünken verfahren.

Für uns persönlich war vom Tierschutzgesetz nur bemerkbar, dass unser Tierarzt sehr gestresst war. Der arme Mann musste, bevor wichtige Fristen verstrichen wären, noch schnell sämtliche Hunde "Chippen", Chips gingen aus, waren dann kurz nicht lieferbar... Die Strafen für Verspätete wären da übrigens mit 5 000? Euro recht happig. Da unsere Tiere bereits Chipträger sind, kann ich sagen, das Auswirkung eigentlich nicht spürbar waren.

Durch das Gesetz kam die Qualzucht mehr in die Öffentlichkeit und wir erleben immer mehr sehr gut informierte Kunden.

Grete Stadlbauer, Bio-Bäuerin - "Zucht in Balance"

Werden wir nach Ablauf der Frist in Österreich gesunde Rassehunde haben?

Grete Stadlbauer: Das Zuchtgeschehen dominieren Hobbyzüchter und Laien. Es wird wohl versucht, so weiterzumachen wie bisher. Die VetUniversität Wien hat mit dem Österreichischen Kynologenverband Strategien erstellt, die Umsetzung ist den jeweiligen Rasse Vereinen übertragen. Umgesetzt wird unter dem Moto: „Es wird heißer gekocht als gegessen

Ein Beispiel, das ich aus nächster Nähe recht gut erlebt habe: In einem Verein wurde die Lebensdauer von Berner Sennenhunden durch die Zucht nicht verlängert sondern auf zirka 7 Jahre verkürzt. Keine tief greifenden Maßnahmen und kein Kurswechsel wurde bis jetzt in Gang gesetzt. Die gesundheitlichen Überprüfungen orientieren sich noch immer am absoluten Minimum. Die Datenerfassungen sind unvollständig, die Züchter (Hobby) sind meist nur kurzfristig und unerfahren im Zuchtgeschehen. Die Selektion der Zuchttiere wird von Laien betrieben und orientiert sich mehr an persönlichen Ansichten als an Gesundheitsstandards.

Ein weiteres Beispiel: Der Entlebucher Sennenhund wird in Österreich vom FCI Verband als Qualzucht geführt. Nicht einmal dieser enorme Druck führt zu einem Umdenken. Vereins-Mitglieder wurden nicht einmal oder nicht ausreichend über diese Katastrophe informiert! Mit dem Glauben, man muss die Rasse erhalten, wurde/wird mit erbkranken Hunden weitergezüchtet.

Ein Umdenken bemerke ich bei den Käufern von Hunden. Das Thema Qualzucht ist dort besser angekommen. Unter Züchtern ist auch international eine Aufbruchsstimmung und Vernetzung bemerkbar. Immer mehr Züchter machen sich ihre eigenen Gedanken und nehmen ihre Verantwortung wahr und beschreiten neue Wege.

Sich blind auf Vereins organisierte Laien- und Hobbyzucht zu verlassen, bringt auch enorme Risiken, wenn im Vereinsgesetz das Tierschutzgesetz und Zivilrecht nicht mitberücksichtigt sind. Zivilprozesse mit Hundekäufern, die sich nicht mit der Erklärung abtun lassen - "jeder Hund kann Krank werden", können richtig teuer werden.


Was sollte deiner Meinung nach an dem Gesetz noch verbessert werden?

Grete Stadlbauer:
  • Laienzüchter müssen leider vom Gesetzgeber zu ihrem Glück gezwungen werden
  • Gesundheit, Wesen und Langlebigkeit…
  • Richtlinien von Zuchtvereinen, die jetzt schon verboten sind, halte ich für eine Anstiftung zu einer strafbaren Handlung.
  • Eine Definition, wer von vorneherein als Halter eines Tieres nicht in Frage kommt, wäre gut gewesen (§ 12. (2)); zum Beispiel für Personen die wegen Gewaltdelikten oder schwereren Suchtgiftdelikten bestraft wurden. Diese Einschränkung muss aber unbedingt mit Augenmaß geschehen.

Welche Auswirkungen hat das Gesetz auf den Hundehandel?

Grete Stadlbauer: Um den illegalen Welpenhandel in den Griff zu bekommen wurde der Verkauf von Hunden in Zoohandlungen wieder ermöglicht. Das war sicher nicht von Erfolg gekrönt, sondern scheint mir eher nach einem Zugeständnis für den Handel.

Vielen Dank Grete!


Kontakt:

Grete Stadlbauer
Hundehof Stadlbauer
Maierleiten 5
A-4201 Gramastetten
Tel.: +43 7239 8230
neu Gretes Blog: www.sennenhunde.at/blog


Donnerstag, 18. Februar 2010

Der Handel mit Nothunden

Ein slowakischer Kastenwagen mit nicht weniger als 62 Hunden wurde am 16. Februar 2010 in der Nähe von Nürnberg bei den Behörden angezeigt. "Zusammen mit der Polizei machten sich Mitarbeiter des Veterinäramtes und des Tierheimes auf den Weg und wurden fündig: In dem Kastenwagen waren hauptsächlich Rassehunde wie Retriever, Labradore, Möpse oder englische und französische Bulldoggen - zusammengepfercht in Käfigen auf einer Ladefläche von vielleicht acht Quadratmetern." berichtet die Hilpotsheimer Zeitung.
"Die Hunde - Welpen oder wenige Monate alte Jungtiere - konnten sich kaum rühren oder auch nur den Kopf heben, an Umdrehen war gar nicht zu denken", schildert Marcus König, Geschäftsführer des Tierschutzvereins Nürnberg-Fürth und Umgebung e.V., die Situation.

Der eigentliche Skandal:

die Hunde waren von angeblichen Tierschutzorganisationen importiert worden. Diese wollen die Rassehunde in Deutschland gewinnbringend als Nothunde vermarkten.
Marcus König: "Vermeintliche Tierschutzorganisationen, die ihren Sitz in Deutschland haben, geben vor, diese Welpen aus osteuropäischen Tierheimen gerettet zu haben und verkaufen sie dann an deutsche Interessenten weiter. In Wirklichkeit wird da mit mafiaähnlichen Strukturen gearbeitet. Diese Organisationen bestellen die Jungtiere regelrecht in osteuropäischen Massen-Hundezuchten und verkaufen sie dann in Deutschland." (Hilpotsheimer Zeitung) Nach Angaben von Charitywatch stehen hinter solchen Transporten u.a. der ETN - Europäischer Tier- und Naturschutz e.V. oder Retriever in Not e.V.

Warum Nothunde importieren?

Der Vorfall in Nürnberg wirft ein Schlaglicht auf eine Seite des vermeindlichen Tierschutzes in Deutschland, die gerne ignoriert wird: das Geschäft mit den Nothunden. Nicht nur aus Osteuropa auch aus Südeuropa und den Kanarischen Inseln werden Nothunde in großem Stil nach Deutschland importiert. Für den Laien ist am Ende kaum zu unterscheiden, ob es sich nun um eine seriöse Tierschutzinitiative oder brutale Geschäftemacher handelt. Tatsache ist aber, dass auch große vermeindliche Tierschutzinitiativen den Nothund als Geschäftsmodell entdeckt haben. Dabei handelt es sich keineswegs nur um zwielichtige Vereine, nein es handelt sich auch um bekannte teils international aufgestellte Organisationen, die mit professionell gemachten Websites, offensiven Werbe- und Fundraisingaktivitäten und seriös wirkenden Vertretern daherkommen. Solche Organisationen streiten sich zuweilen regelrecht um die Vermittlung eines teuren Rassehundes, anstatt froh zu sein, dass sich überhaupt jemand darum kümmert. Marcus König schätzt den Gewinn auf 200 Euro pro Import-Hund. Wenn man das auf die 62 bei Nürnberg zusammengepferchten Hunde umrechnet so kommt man auf einen Gewinn von 12.400 Euro alleine mit einem Transport. Und in solchen Beträgen sind die durch Fundraising bzw. Spendensammlungen eingehenden Summen nicht enthalten.

Eine Variante des Hundehandels:
Der Handel mit Nothunden

"Tue Gutes und rede darüber" erscheint oft als Gedanke, wenn dann Promis mit tatsächlichen oder vermeindlichen Nothunden vor die Kameras treten - natürlich immer in landschaftlich sehr reizvoller Umgebung der Kanaren oder Mallorcas oder bei Talkshows. Auch hier muss man wieder die Frage aufwerfen, ob es überhaupt richtig ist, Hunde aus Süd- oder Osteuropa nach Deutschland zu importieren.
  • Zum einen ist die Gefahr groß, dass man letztlich nur den Hundehandel fördert.
  • Zum zweiten kann man nicht das Hundeelend der ganzen Welt am deutschen Wesen genesen lassen.
  • Zum dritten stellt sich die Frage, ob es überhaupt immer im Interesse der Hunde ist, sie ins gegenüber Hunden extrem restriktiven, dicht besiedelten Deutschland zu bringen und zudem dem mit dem Wechsel verbundenen Stress auszusetzen. Auch für die hiesigen Hunde bringt es nicht zuletzt nur eine Belastung mit neuen Krankheiten.
  • Last but not least sind die Tierheime und Notinitiativen in Deutschland selbst übervoll mit Hunden, die sich nichts sehnlicher Wünschen als die Vermittlung in ein neues Heim. Und hier kann man sich in aller Regel auch sicher sein, dass es um das Wohl der Nothunde geht.
"Das Gute liegt so nah."

(Anmerkung 12.03.2010: Natürlich gibt es auch die seriösen, um den Nothund bemühten, Initiativen, die ohne jegliche Profitinteressen aus Liebe zu den Hunden handeln. Und es gibt auch Erfahrungen, die z.B. den Galgo als hervorragenden Familienhund zeigen, der friedlich und anspruchslos auch in unseren Städten glücklich sein kann.)

Will man den Sumpf dieser Geschäftemacherei austrocken, so muss als Allererstes der Handel mit dem Hund als Ware verboten werden. Ein Hund sollte - in der Regel - nur direkt beim Züchter oder eben beim Tierheim gekauft werden dürfen. Desweiteren wäre es sehr sinnvoll, wenn auch die Züchter der Hunde die Verantwortung für ihre Rasse ernst nehmen würden, auch dann, wenn diese als Nothunde irgendwo auftauchen.

Dienstag, 9. Februar 2010

Die Hunde hängt man, die Halter lässt man laufen

Das Amtsgericht Hildesheim verurteilte am 8. Februar 2010 eine Hundebesitzerin zu sechs Monaten Haft auf Bewährung. Das Amtsgericht sprach die 40-Jährige der fahrlässigen Körperverletzung schuldig (dpa).

Im Mai 2009 hatten die beiden Rottweiler der Frau zwei Kleinkinder und deren Mutter schwer verletzt. Die Halterin hatte ihre Hunde unangeleint auf einem Spielplatz laufen lassen, einer hatte nicht einmal ein Geschirr um. Den sieben Monate alten Rüden hatte die Angeklagte erst vier Wochen vor der Beißattacke aufgenommen. Er war ohne jede Erziehung und nicht an Menschen gewöhnt, wie das Gericht feststellte. Soweit zu den Hunden.

Die Hundehalterin war zudem alles andere als ein juristisch unbeschriebenes Blatt. Nicht weniger als 18 Vorstrafen hat die ehemalige Drogendealerin vorzuweisen. Es stellt sich also die Frage, warum eine solche Person zwei so große Hunde halten kann und auch darf.

Die Nähe zu Hunden ist nachweislich vorteilhaft für die Resozialisierung ehemaliger Straffälliger und allgemein gut für ein psychisches Gleichgewicht. Insofern ist nichts gegen eine Hundehaltung durch diese vielfach vorbestrafte 40-Jährige einzuwenden, ganz im Gegenteil. Aber mussten es gerade 2 Rottweiler sein? Es darf gefragt werden, ob überhaupt eine solche Person große Hunde halten dürfen soll, die zudem noch aus einer problematischen Vorhaltung stammen. Aber solchen Fragen gehen weder das Gericht, die Behörden noch die Politik nach.

Bewährung für 18-fach Vorbestrafte - Maulkorb für alle Hunde

Ganz im Gegenteil. Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen (CDU) will anläßlich dieses Vorfalls ein schärferes Hundegesetz. Aber nicht dass einschlägige Halter angegangen werden, Leidtragende sollen wieder einmal die Hunde sein. Der Entwurf für ein verschärftes Hundegesetz sieht unter anderem eine Maulkorb- und Leinenpflicht für ALLE Hunde vor, die schwerer als 20 Kilogramm oder größer als 40 Zentimeter sind.

Das heißt also, wegen o.a. Vorfalls sollen alle Golden Retriever, Labrador, Sennenhunde, Collies, English Bulldogs, Boxer und dutzende weitere Hunderassen büßen, darunter zahlreiche Rassen, die noch nie hinsichtlich eines Beißunfalls aufgefallen sind!

Der politische Wahnsinn treibt seine Blüten

Wenn Hunde ständig außerhalb der Wohnung oder des Grundstücks einen Maulkorb tragen müssen, grenzt das zudem an Tierquälerei. Eine so unterschiedslose Regelung allein aufgrund äußerer körperlicher Merkmale zeugt nicht nur von fachlichem Unverstand vielmehr auch von vollständiger Ignoranz gegenüber den Interessen der Hunde.

Das Ganze ist auch deswegen so widersinnig, als dass solche verantwortungslosen Halter für gewöhnlich die letzten sind, die sich überhaupt um Gebote und Verbote scheren. Jeder einigermaßen normale Hundehalter hätte seine Rottweiler in der Nähe von fremden spielenden Kindern eh angeleint bzw. schon heute anleinen müssen.

Alle Erfahrungen der letzten 20 Jahre haben unisono gezeigt, dass Rasselisten oder phänotypische Pauschalkriterien rein gar nichts bringen. Erst im Oktober hatte die neue Koalition im Nachbarland Schleswig-Holstein ausdrücklich festgestellt, "...wollen die Bürgerinnen und Bürger vor verantwortungslosen Hundehaltern schützen. Die Rasseliste hat sich als nicht geeignet erwiesen und wird daher im Gefahrhundegesetz abgeschafft." (S.48)
Das unsägliche Pitbull-Gesetz der Niederlande wurde aus genau diesem Grunde erst 2008 zu Fall gebracht. Nicht zuletzt weisen Untersuchungen wie in den USA nach, dass Beißunfälle weit überproportional bei kriminell vorbelasteten Hundehaltern festzustellen sind (Ownership of High-Risk (“Vicious”) Dogs as a Marker for Deviant Behaviors, 2006 ).

  • Verantwortungslose Halter in die Verantwortung nehmen!
  • Haltungsverbot für große Rassen für einschlägig Vorbestrafte!
  • Wir brauchen Gesetze zum Schutz der Hunde vor verantwortungslosen Haltern und Züchtern!

Will man Gefahren durch Hundebisse minimieren, so geht der Weg einzig über die Halter sowie Züchter, Vermehrer und den Hundehandel. Davon aber will die niedersächsische CDU offenbar nichts wissen.

Anstatt nun gegen verantwortungslose Hundehalter ernsthaft vorzugehen und z.B. ein generelles Verbot der Haltung von großen Hunden für einschlägig Vorbestrafte auszusprechen, werden erst einmal wieder die Hunde sanktioniert. Die müssen ausbaden, was eine 18-fach Vorbestrafte angerichtet hat. Das Amtsgericht Hildesheim sprach aber auch hier wieder einmal lediglich eine Bewährungsstrafe aus, Vorstrafe Nummer 19 - d.h. ohne jede praktische Konsequenz für die Hauptverantwortliche.

Stattdessen sollen in einem unqualifizierten Rundumschlag alle Hunde und Hundehalter in die Verantwortung genommen werden. Die Hunde sollen ausbaden, was fragwürdige Menschen angerichtet haben. Greifbare Gesetze gegen Hundehandel, verantwortlungslose Hundehalter, Züchter, die ihre Welpen nicht oder nur schlecht sozialisieren sucht mal allerdings weiterhin vergebens.

Freitag, 5. Februar 2010

Hundehalter gegen Rasselisten

In Österreich haben es Hundehalter geschafft, eine breite Front gegen neue Rasselisten aufzubauen. Sie wenden sich dagegen, dass Hunde allein ob ihrer Rassezugehörigkeit in "gut oder Böse" kategorisiert werden. Im niederösterreichischen Landtag waren sämtliche Fakten und Bedenken weggewischt und von der ÖVP-Mehrheit ein neues Hundegesetz verabschiedet worden.

Fakt ist, dass Rasselisten überhaupt nichts bringen. Wenn man gegen die Gefahr gefährlicher Hunde vorgehen will, muss man sich zuerst an deren Halter wenden. Regelmäßig sind es alleine die Halter, die Hunde nicht an die Leine nehmen oder gar aggressiv gegen Menschen machen und daher zur Verantwortung gezogen werden müssten. Aber während die Hunde nicht selten mit dem Tode bestraft werden, gehen deren nicht selten vielfach vorbestraften Halter ein weiteres mal defacto straffrei aus.

Das Hundemagazin WUFF berichtet online:

"Anlässlich der bevorstehenden Volksbefragung in Wien vom 11.-13. Februar steigen Wiens Hundehalter auf die Barrikaden und zeigen untereinander eine noch nie da gewesene Solidarität. ...
Durch diese geplante Rassendiskriminierung der Stadt Wien werden in Wirklichkeit nicht die Hunde, sondern deren Halter diskriminiert – und es entsteht bei den Hundehaltern eine Art Zweiklassengesellschaft. Die Guten und die Bösen. Wobei die tatsächlichen schwarzen Schafe unter den Hundehaltern durch diesen geplanten Hundeführschein nicht herausgefiltert werden können, sondern im Gegenteil, ihr Verhalten durch den Hundeführschein noch legitimiert wird...
"

Wir rufen zur Solidarität mit den österreichischen Hundefreunden auf.


Erst 2008 hatte die niederländische Regierung das Pitbull-Gesetz (Regeling Agressieve Dieren) zu Fall gebracht. 1056 Hunde waren getötet worden, ohne jegliche individuelle "Schuld", lediglich augrund einer vermuteten äusserlichen Rassezugehörigkeit. Zugleich hatte eine Kommission die völlige Wirkungslosigkeit dieser Vernichtungskampagne gegen Hunde nachgewiesen.

Auch der Koalitionsvertrag der neuen schleswig-holsteinischen Landesregierung stellt im Oktober 2009 fest: "...wollen die Bürgerinnen und Bürger vor verantwortungslosen Hundehaltern schützen. Die Rasseliste hat sich als nicht geeignet erwiesen und wird daher im Gefahrhundegesetz abgeschafft." (S.48)

Das Problem ist am anderen Ende der Leine.

Dienstag, 26. Januar 2010

Rassehundezucht: Konkurrenz für den Schöpfer der Natur ?

Ein Beitrag von Elisabeth Naumann

Beim Lesen des "Schwarzbuch Hund" ist mir aufgefallen, dass Windhunde kaum bzw. gar nicht erwähnt sind. Ist das ein Zeichen dafür, dass diese Rassen besonders gesund sind und ihre Zukunft nicht bedroht ist? Ich habe mir das letzte Zuchtbuch des DWZRV genauer angesehen und bin dabei auf Zahlenangaben zum Zuchtgeschehen gestoßen, die mich besorgt machen.
Gendarstellung einer Sequenziermaschine von Geneart

Daraufhin habe ich weitere Quellen mit ähnlichen quantitativen Informationen hinzugezogen. Das Ergebnis meiner vergleichenden Auswertungen ist in den folgenden Tabellen wiedergegeben.

I. Welpenverluste bei der Geburt


Tabelle 1 (nach Widmann-Acanal, 1992)


Tabelle 2 (nach DWZRV - Zuchtbucheinträgen 2006/2007)

Anmerkung: Der DWZRV benutzt nach wie vor den Ausdruck "nicht belassen". Ich nehme an, dass sich dies im Sinne des Tierschutzgesetzes heutzutage nicht mehr auf die Ausmerze von standarddefinierten "Fehlfarben" oder von nach Marktlage schwer verkäuflichen Wurfstärken bezieht, sondern auf Totgeburten und medizinisch nicht überlebensfähige Exemplare.


Tabelle 3: Rangliste der Welpensterblichkeit, aufgeteilt nach Rüden und Hündinnen 2006/2007



II. Fruchtbarkeit


Tabelle 4: Leer gebliebene Hündinnen von 2004 bis 2007 (nach DWZRV-Angaben)



Tabelle 5: Rangliste der Windhundrassen bei erfolglosen Verpaarungen 2004/2005/2007



III. Rassenbezogene Wirtschaftsmerkmale


Tabelle 6: Zahlenmäßig führende Zuchtstätten 2006/2007


* Als theoretischer Marktwert wurde ein Betrag von 1.200,00 € pro Welpe angesetzt. Die vorgenommene Multiplikation sagt nichts über die tatsächlichen Verkäufe, die Betriebskosten der Zuchtstätte und somit den realen Erlös aus. Angesichts auffälliger Korrelationen mit Angaben unter Teil I und II sollte dieser Gesichtspunkt jedoch in eine Analyse des Zuchtgeschehens bei Windhunden einbezogen werden.

Die Angaben wurden aus folgenden Quellen erhoben:
  • Unsere Windhunde 5/05; Protokoll der Jahreshauptversammlung 5./6.03.2005
  • Unsere Windhunde4/06; Seite 3, Vorwort
  • Unsere Windhunde 5/07; Protokoll der Jahreshauptversammlung 17./18.03.2007
  • Unsere Windhunde 07/08; Seite 5, Vorwort
  • Deutsches Windhundzuchtbuch Band XLII, Eintragungen der Jahre 2006/2007
  • Thomas Bartels und Wilhelm Wegner, Fehlentwicklung in der Haustierzucht, Stuttgart 1998

Azawakhs bei Nomaden im Sahel: Überlebenskräftige Lager-, Hirten- und Jagdhunde

Schlussfolgerungen

Die populationsgenetische und tierschutzbezogene Bewertung des obigen Zahlenmaterials liegt für den sachkundigen Leser nahe. Da es sich hier um eine im organisierten Hundewesen als "empfindlich" angesehene und immer noch tabuisierte Fragestellung handelt, beschränke ich mich auf Textstellen aus der wissenschaftlichen Literatur, um dem Vorwurf persönlicher Interessengebundenheit (ich bin Azawakhzüchterin im VDH/DWZRV) zu begegnen.

"Fehlentwicklungen in der Tierzucht resultieren fast stets aus einer rigoros anthropozentrischen Einstellung der Züchter und Halter, ganz gleich ob aus kommerziellen oder "ideellen" Gründen. Rechtfertigen die einen ihr Tun mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten, die ausschließlich dem Wohle der Konsumenten dienen, legitimieren die anderen ihr Schaffen mit Verweisen auf die Konservierung "wertvollen" Erbmaterials, die Erhaltung lebendiger Kulturgüter und die "Gestaltung von Tiermodellen im Rahmen biologischer Gesetzmäßigkeiten", wohl wissend, dass gerade hier die biologisch und veterinärmedizinisch vertretbaren Grenzen häufig weit überschritten wurden. So gilt es denn, nicht nur in der Züchterschaft und bei Tierhaltern ein Problembewußtsein zu schaffen, sondern auch den mit der Tierzucht und ihren "Produkten" befassten Personenkreis (Fachwissenschaftler, Juristen, Politiker etc.) zu sensibilisieren. Gerade Veterinärmediziner und Biologen unterschiedlicher Fachrichtungen dürfen sich von Tierproduzenten und Hobbyzüchtern nicht zu Vollzugsgehilfen degradieren lassen, sondern müssen Auswirkungen fehlgeleiteter tierzüchterischer Aktivitäten offenlegen. Zweifellos haben Kritiker von züchterischen Auswüchsen keinen leichten Stand gegenüber kopfstarken Zuchtverbänden …. Doch können nur offene Worte bestehende Mißstände in der Nutz- und Hobbytierzucht beseitigen und damit im Sinne eines vorbeugenden Tierschutzes wirksam werden…

Azawakh-Importnachkommen: Vitale „Leistungsträger“, die von genetischen Defekten der europäischen Engzucht unberührt sind.

Der Mensch wählt nach seinem Gutdünken einzelne Tiere aus, die ihm aufgrund ihrer Eigenschaften oder ihrer Fähigkeiten besonders attraktiv erscheinen und daher zur Weiterzucht eingesetzt werden. Zur Verwirklichung bestimmter Zuchtziele sind spezielle Musterbeschreibungen (Rassestandards) als Leitlinien erstellt worden, in denen "Idealbilder" der verschiednen Rassen in ihren Merkmalen beschrieben und abgebildet werden. Biologische Normen und Notwendigkeiten bleiben hierbei jedoch häufig genug vernachlässigt und so verwundert es nicht, dass der Irrglaube, ein in Millionen von Jahren unter andauerndem Selektionsdruck entstandenes Wildtier durch willkürliche Festsetzung wie auch immer gearteter Zuchtziele "veredeln" zu können, zahlreiche Haustierrassen (Nutz- und Hobbytiere gleichermaßen) an den Rand ihrer Existenzfähigkeit gedrängt haben.
Besonders krasse Beispiele fehlgeleiteter Züchtertätigkeit finden sich in den Zuchten sogenannter Rassetiere. Hier sind weder Haushund und Hauskatze vom züchterischen Gestaltungsdrang verschont geblieben. Körperbau und Körpergröße haben sich ebenso wie Organstrukturen und Organfunktionen in vielen Fällen gewissermaßen als "Wachs in Züchterhand" erwiesen. Dabei ergeben sich geradezu zwangsläufig Beeinträchtigungen in der normale Lebensführung der Tiere, die ursächlich häufig der eitlen Geltungssucht ihrer Züchter bzw. ihrer Besitzer zu verdanken sind. Leider nehmen immer noch viel zu viele "Liebhaber" Zuchtdefekte, Minderleistungen und Erkrankungsdispositionen ebenso wie Verhaltungsanomalien bei ihren "Lieblingen" ohne weiteres in Kauf, wenn es das hausgemachte und als "höchstes Gut" angestrebte Zuchtziel erfordert - ob bewusst oder aus mangelnder Sachkenntnis der biologischen Zusammenhänge, sei dahingestellt. Darüber wird nicht vergessen und noch gebührend zu erwähnen sein, dass auch die konsum- und profitorientierte "Nutzung" von Haustieren in Zucht und Haltung längst in Bereiche vorstieß, die nur noch als tierverachtende Ausbeutung zu charakterisieren sind…
Gigantomanie bei Züchtern und Haltern schließlich kann für deren Zuchtprodukt, den übergroßen Hund, gleichfalls traurige Konsequenz haben: Sie verkürzt seine Lebensdauer auf unter 10 Jahre, verschafft ihm Gelenk-, Skelett- und Imageprobleme und sorgt für eine Welpenschwemme mit hohen perinatalen Verlust- und Merzungsraten. Übergrösse kann zu Herzfunktionsstörungen, Reduzierung der Lebenserwartung, Hüftgelenksdysplasie, Osteochondrosen, Knochenkrebs, Fruchtbarkeitsdepressionen führen."

Aus: Fehlentwicklung in der Haustierzucht
von Dr.rer.nat. Thomas Bartels, Tierärztliche Hochschule Hannover, Tierschutzzentrum, und Prof. Dr. med.vet.Wilhelm Wegner, Institut für Tierzucht und Vererbungsforschung, Tierärztliche Hochschule Hannover, Stuttgart 1998.

Ein renommierter DWZRV-Züchter ist stolz auf seinen IW, der als längster Hund der Welt 2009 ins "Guiness-Buch der Rekorde" eingetragen wurde. Aber es gibt auch die Hoffnung auf Einsicht. So lese ich in einer IW-Zuchstättenanzeige im Zuchtbuch Band XLII von 2008:
"Ich hoffe, dass es mir und allen IW-Freunden, für die der Irish Wolfhound wirklich der "Sanfte Riese" im Windhundbereich ist, irgendwann noch einmal vergönnt wird, so ein Exemplar vorbildlicher Windhundzucht zu entdecken. Augenblicklich sehe ich leider überwiegend hektische Exemplare mit nicht akzeptablem Wesen oder so schwerfällige unbemuskelte Tiere, dass sie kaum noch 500 Meter laufen können."

Steht also wirklich alles so gut um unsere Windhunde?

Elisabeth Naumann
Azawakh of Silverdale
 
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