Sonntag, 6. April 2008

Etikett "Zucht aus Liebhaberei"

Eine Untersuchung von Jan Demeyere

Schäferhund-Freund Jan Demeyere, aktives Mitglied des SV, hat eine interessante Untersuchung zur Deckpraxis im Schäferhund-Verein (SV) vorgelegt. Demeyere hat die offiziellen vereinsamtlichen Deckmeldungen der Jahre 2003-2007 ausgewertet. Er schreibt:

"Die Tabelle lehrt uns, und die Publikationen des SV bestätigen dies, dass es im Verein jährlich in etwa 7.270 ordentlich registrierte Deckakte gibt. Wir sprechen also über ein geschätztes jährliches Geschäftsvolumen von 7,27 Millionen Euro. Im 5-Jahreszeitraum kommt somit ein Umsatz von über 36 Millionen Euro zum tragen."
und

"Ich habe sie in einer getrennten Übersicht gesammelt, die erfolgreichsten 17 werden gelistet. In 2007 erzielen auch sie zusammen bereits 927 Deckakte = 12,7% der jährlichen Deckakte (7.305)."

Die Untersuchung von Jan Demeyere ist in zweierlei Hinsicht wichtig:

  • Ökonomie - darf man da noch von Hobby, Lieberhaberei sprechen?
  • Populationsgenetik - ist eine solch häufige Verwendung weniger Rüden mit der Zuchordnung vereinbar?
Heute schauen wir uns den ersten Aspekt näher an.
Wir sollten uns dabei vergegenwärtigen, dass im VDH und in der FCI ausschließlich Züchter Platz haben, die "lediglich aus Gründen der Liebhaberei (Hobby)" der Zucht nachgehen. Im einzelnen hier die Bestimmungen:

Satzung des VDH §2 Abs.2.1
"Als ordentlicher Züchter und Halter gilt, wer lediglich aus Gründen der Liebhaberei (Hobby) die Zucht und/oder Ausbildung nach kynologischen Grundsätzen betreibt und fördert."

Internationales Zuchtreglement der FCI, Präambel
"Kommerziellen Hundehändlern und -züchtern ist die Zucht in einem Mitgliedsland bzw. einem Vertragspartner der FCI nicht erlaubt."

VDH-Zucht-Ordnung, §1 Abs. 6
"Kommerziellen Hundehändlern und -züchtern ist die Zucht in einem Mitgliedsverein des VDH nicht erlaubt."

Das ist eigentlich eindeutig. Demeyere weisst nun in seiner Untersuchung nach, dass nicht wenige Schäferhund-Zwinger um 100.000 Euro und teils deutlich mehr Umsatz p.a. allein aus Decktaxen erwirtschaften. Der Zwinger "vom Holtkämper Hof" ( H. & J. Niedergassel, Holtkampstr. 6, 33649 Bielefeld), so die Ergebnisse von Demeyere, hat im genannten Zeitraum einen geschätzten Umsatz von 1,35 Mio. Euro erwirtschaftet, wie gesagt allein aus Decktaxen.
Bei Umsätzen im 5-7-stelligen Euro-Bereich kann man defintiv nicht mehr von von Handeln "lediglich aus Gründen der Liebhaberei (Hobby)" sprechen. Es handelt sich hier um Unternehmen, um landwirtschaftliche Zuchtbetriebe.

Freilich hat die Etikettierung "Liebhaber" einige Vorteile für diese Unternehmen. Nichtzuletzt zulasten der Hunde und Halter. So werden den echten Liebhabern, die einen einzelnen Wurf machen wollen, Verträge zwischen Privatpersonen vorgelegt, die dann weitestgehend Gewährleistungspflichten des defakto Unternehmers ausschalten. Rechtlich fragwürdig, aber üblich und von der Justiziarin des VDH empfohlen.

Es muss endlich Schluss gemacht werden mit der Heuchelei um die Zucht von Rassehunden nur aus Liebhaberei.

Donnerstag, 3. April 2008

Ende für HD?

Gestern wurde an der Tierärztlichen Hochschule Hannover ein genetischer Marker vorgestellt, mit dem bei Deutschen Schäferhunden die Veranlagung für Hüftgelenkdysplasie (HD) festgestellt werden kann. In der Presseerklärung hierzu heisst es:

"Der Hüftgelenkdysplasie ist bei Hunden die bedeutendste Erkrankung der Bewegungsorgane. Sie kommt bei allen Rassen vor, ist bei großen und schnell wachsenden Rassen aber meist stärker ausgeprägt. Die Erbkrankheit äußert sich in einer Fehlentwicklung des Hüftgelenks und führt bei den Patienten zu starken Schmerzen während der Bewegung....


Die molekulargenetische Aufklärung der Erkrankung dient zugleich als Modell um zu zeigen, wie es möglich ist, Krankheiten, die durch das Zusammenwirken vieler Gene und komplexer Stoffwechselvorgänge entstehen, mit molekulargenetischen Techniken zu bekämpfen. Durch die Anwendung des neuen Testverfahrens wird es möglich sein, selektiv zu züchten und so die vererbte Hüftgelenkdysplasie beim Hund zurückzudrängen. In der Fortsetzung wollen die Forscher neue Erkenntnisse über die Entstehung der Erkrankung gewinnen und so Ansätze für die Entwicklung neuer Therapieansätze und Vorsorgemaßnahmen erarbeiten.

Bei keinem anderen Haustier verfügen wir über ein so umfangreiches Wissen über Körpermerkmale, Verhaltenseigenschaften und erbliche Krankheiten wie beim Haushund. Rund hundert Krankheiten wurden inzwischen molekulargenetisch erforscht. Allerdings handelt es sich dabei ausschließlich um einzelne Gene, komplexe Erkrankungen wurden beim Hund bisher noch nicht mit molekulargenetischen Methoden aufgeklärt. Auch beim Menschen sind genetisch komplexe Krankheiten, wie beispielsweise Gelenk-, Herz- und Tumorerkrankungen, schwierig zu bearbeiten, der Hund kann hier als Modell für Erkrankungen beim Menschen stehen. Dafür spricht auch, dass Hunde eine sehr ähnliche Umwelt mit dem Menschen teilen und somit ähnlichen Umwelteinflüssen und Lebensbedingungen ausgesetzt sind wie der Mensch.

Für weitere Informationen steht Ihnen gern zur Verfügung:
Prof. Dr. Ottmar Distl
Institut für Tierzucht und Vererbungsforschung
Tel. 0511-9538875
E-Mail: ottmar.distl@tiho-hannover.de "

Mehr zum Thema später.
Foto: Jan Demeyere, Indiana, ein Opfer von HD

Mittwoch, 26. März 2008

Deutscher Heimtiermarkt 2007

Der Industrieverband Heimtierbedarf veröffentlichte jetzt die Zahlen für den deutschen Heimtiermarkt 2007. Hier ein paar Auszüge:

Hundefuttermarkt bestätigt Vorjahresergebnis


Der Markt für Hundefutter entwickelte sich in unterschiedliche Richtungen: Während der Umsatz bei Snacks um 1,1 Prozent auf 285 Mio. Euro zunahm, ging der Umsatz bei Feuchtfutter um 0,4 Prozent auf 342 Mio. Euro und bei Trockenfutter um 0,4 Prozent auf 374 Mio. Euro zurück. Insgesamt erzielte der Hundefuttermarkt einen Umsatz von 1.001 Mio. Euro und übertraf so das Vorjahresniveau um 0,1 Prozent.

Mehr Katzen und Kleintiere – Hundepopulation stabil

2007 hat die Anzahl der Katzen erneut zugenommen, um 1,3 Prozent auf nunmehr 7,9 Mio. Tiere. Die Hundepopulation blieb mit 5,3 Millionen Tieren stabil.

Quelle: Industrieverband Heimtierbedarf

mehr zum Thema im Petwatch-Blog
Foto: Industrieverband Heimtierbedarf

Donnerstag, 20. März 2008

Der Hund als Konjunkturindikator

Und anderes zum riesiges Geschäft Haustier: Mit Futter und Zubehör setzt die Branche weltweit mehr als 50 Mrd. Euro um - dominiert wird der Markt von Multis wie Nestlé, Mars und Procter & Gamble. In Deutschland sorgt derweil die Discountkette Fressnapf für Aufsehen....

Ein lesenswerter Artikel von Heinz-Roger Dohms in der Financial Times Deutschland

Würden Sie ein Auto ohne Bremsen kaufen?

Das Thema Gesundheit gewinnt nach und nach bei Hundehaltern an Aufmerksamkeit. Allerdings ist die Orientierung sehr schwierig. Es gibt keinerlei unabhängige Kontrolle, Zertifizierung oder gar ein Qualitätsmanagment zum Thema Zucht von Rassehunden. Man ist auf die meist spärlichen Angaben der Zuchtorganisationen und der Züchter selbst angewiesen. Nicht selten erschöpfen sich diese in die beim VDH obligatorischen Angaben zu HD und den Hinweis, dass man selbstverständlich ein besonders gesundheitsbewußter Züchter sei.

Eine neue Methode scheint nun bei Züchtern an Beliebtheit zu gewinnen. Tierärztliche Atteste als Beleg für die Qualität der Zucht. Das hört sich zunächst einmal ganz gut an. Doch gerade hier sollten die Alarmglocken läutem!

Tierärztliche Atteste als Beleg für die Qualität der Zucht?

Das beliebte Eurasier-Portal der Autorin Annelie Feder macht nun ein ganz normales tierärztliches Attest zum Beleg der besonderen Seriösität der Zucht. Per Formblatt und Häckchen bescheinigt das Attest, dass Herz, Atmung, Gebäude eines Welpen ohne Befund seien.

Ups, sollte es nicht eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, dass nur gesunde Welpen angeboten werden!?
Muss man das jetzt schon hervorheben und wird es gar als Merkmal besonderer Seriösität hervorgehoben, da fragt man sich, was ansonsten für Welpen angeboten werden. Das auch noch bei den Eurasiern, die unter dem Siegel einer robusten Gesundheit so viele Freunde gewannen.

Johann Bucher, selbst passionierte Eurasier-Züchter, ist empört. Er schreibt:
"Kein Tierarzt der Welt, kann bei einem Welpen ev. genetisch bedingte Probleme zu so einem frühen Zeitpunkt erkennen; jedenfalls nicht die gängigen wie HD, ED oder Patella.
Alles, aber wirklich alles läuft darauf hinaus, dass sich alleine der Züchter gemäß neuem Kaufrecht absichert, also dass er eine einwandfreie WARE übergeben hat.
Kein Wort über das, was wirklich wichtig ist, ..."


Eine Bescheinugung über elementare Gesundheitsmerkmale der Welpen als Zeichen besonderer Seriösität zu preisen, ist so als würde ein Autohändler damit werben, dass seine Neuwagen mit Bremse, Lenkrad und vier Rädern ausgeliefert werden.

Leider kein Einzelfall. So wirbt auch der Kasseler "Zwinger von der Enterprise" in der English-Bulldog-Szene damit, besonders auf Gesundheit zu achten. Als Beleg finden wir neben zahlreichen Ausführungen zur Gesundheit der Hunde auch gleich zwei dieser im Grunde nichtssagenden Atteste der Selbstverständlichkeiten. Hier wird nur der Zuchthündin bescheinigt, dass sie aktuell ohne Befund sei. Bulldog-spezifische Fragen tauchen nicht auf und konkrete Untersuchungsberichte beispielsweise zu Luftröhre, Atmung, Herz oder Kniescheibe fehlen völlig. Es wird mit einem solchen Attest zudem überhaupt nichts darüber ausgesagt, ob der Hund wegen bestimmter Krankheiten nicht schon operiert wurde oder Medikamente erhielt.

Atteste der Selbstverständlichkeiten

Die Praxis, mit Attesten zu werben, die bestenfalls nur elementare Grundvoraussetzungen seriöser Zucht belegen, kann nur als zutiefst unseriös bezeichnet werden. Es lässt den Verdacht aufkommen, dass hier
  • die Kunden, die Welpenkäufer über die Gesundheit der Zucht getäuscht und
  • sich der Züchter gemäß neuem Kaufrecht gegenüber Gewährleistungsansprüchen absichern will

Man muss auch zwischen den Zeilen lesen können!
 
Petwatch Blog