Freitag, 21. Juni 2013

Der DCM Skandal in der Rassehundezucht (Teil 4)

Dilatative Kardiomyopathie (DCM) ist beim Dobermann eine erblich bedingte, tödliche Herzkrankheit. Sie erfasst bereits die Hälfte der deutschen Dobermann-Population. Es ist skandalös, dass der Dobermann-Verein (DV) im VDH dieses Problem seit Jahren herunterspielt und sich einer ernsthaften Bekämpfung dieser Krankheit widersetzt. Es ist skandalös, dass der "Verband für das deutsche Hundewesen" (VDH) der sich selbst das Prädikat der "einzig kontrollierten Hundezucht" auf die Fahnen schreibt, tatenlos zuschaut. Es ist skandalös wie der DV und namentlich sein Präsident, VDH-Vorstand Hans Wiblishauser, mit unliebsamen Stimmen umspringt.

Skandal des Tierschutzes mitten in Deutschland

Das Ganze ist nicht nur ein Tierschutzskandal, es ist zugleich ein Skandal des Tierschutzes in Deutschland. Hunden wird systematisch das halbe Leben genommen - mitten in Deutschland - und der Tierschutz schweigt dazu. Es wirft ein Schlaglicht darauf wie in der Hundezucht bzw. Hundehandel das Wohl der Tiere mit Füßen getreten wird und wie es mit der Tierschutzrealität mitten in Deutschland aussieht: schweigende Amtstierärzte, schweigende Tierschutzvereine, schweigender VDH, schweigende Medien.

Im Vorfeld der Jahreshauptversammlung sah sich der DV nach Jahren öffentlicher Ignoranz endlich gezwungen, öffentlich das Thema DCM anzusprechen. Wiblishauser gab sein Statement in der Vereinszeitung "Unser Dobermann", auf der Website wurde ein 24-Seiten PDF mit den "Argumenten" des DV präsentiert.

Wissenschaftler entlarven Unwahrheiten des DV/VDH

Hierzu veröffentlichten am 10.6.2013 führende Tierkardiologen Deutschlands Priv.-Doz. Dr. Gerhard Wess von der Uni München und Dr. Jan-Gerd Kresken, Vorsitzender des Collegium Cardiologicum, einen Offenen Brief, der die Haltlosigkeit der DV-Argumentation fundiert nachweist.

Schauen wir uns die DV-Argumente näher an:

Der Dobermann-Verein (DV) behauptet,
seine Hunde seien gesund, insbesondere herzgesund. Der DV steigert sich sogar in die Behauptung, Herzuntersuchungen seien als eine Voraussetzung zur Zuchtzulassung unnötig.

Tatsache ist,
dass etwa die Hälfte der Dobermänner in Deutschland Träger dieser tödlichen Erbkrankheit sind. Die Prävalenz der Dobermann-Population liegt bei nicht weniger als 58%. Das sind die Ergebnisse umfangreicher, seriöser wissenschaftlicher Studien!

Der DV behauptet,
eine Untersuchung seiner Hunde in 2009 habe keine besorgniserregenden Zahlen ergeben.

Tatsache ist,
dass bei dieser Untersuchung lediglich junge Hunde vorgestellt wurden. Auf Basis von bis zu 18-monatigen Hunden kann aber keine Aussage getroffen werden. Darauf weist der wissenschaftliche Leiter der damaligen Studie, Tierarzt Dr. Kresken auch ausdrücklich hin. Die Behauptung des DV wird ausdrücklich als eine Falschinterpretation zurückgewiesen.

Der DV behauptet,
es mangele an Ursachenforschung.

Tatsache ist,
die führenden Spezialisten beim Thema DCM Dr. Wess und Dr. Kresken nennen diese Behauptung des DV schlicht: falsch. Denn Tatsache ist, dass bereits hinreichend Untersuchungen vorliegen, die die Ernsthaftigkeit dieser menschengemachten Seuche untermauern und eine sehr gute Grundlage zu deren Bekämpfung schaffen.

Der DV behauptet,
DCM beim Dobermann sei nicht erblich bedingt. Er führt sogar aus: "Die DCM beim Dobermann muss also nicht zu den angeborenen, sondern zu den erworbenen Herzerkrankungen gerechnet werden, da sie meist im höheren Lebensalter auftritt."

Tatsache ist,
auch diese Behauptung ist im Zusammenhang zu dieser Diskussion nicht nur schlicht falsch, ja geradezu peinlich.
  • Hier geht es um die Ursache von DCM und diese ist erblich bedingt. Daher legt die DV-Aussage eine faktisch falsche Fährte. Denn alle Wissenschaftler national wie international stufen DCM beim Dobermann gut begründet als erblich bedingt ein. Man hat sogar ganz bestimmte Stellen in einem konkreten Gen (Chromosom 5) als beteiligt nachweisen können.
  • Die Behauptung des DV ist daher bereits in sich fachlich disqualifizierend. Denn erblich bedingte Krankheiten können - entgegen der subtilen Unterstellung durch den DV - durchaus erst im höheren Alter manifest, das heißt als Krankheit sichtbar werden. Es gibt nicht wenige Erbkrankheiten, die regelmäßig erst im höheren Alter als solche auftreten. Bei Menschen ist Chorea Huntington eine solche tödliche Erbkrankheit, die regelmäßig erst nach dem 40. Lebensjahr manifest wird. Eine solche Unkenntnis genetischen Grundwissens stellt dem DV kein gutes züchterisches Zeugnis aus, sie ist vielmehr der fachliche Offenbarungseid des DV (VDH).

Der DV behauptet,
das Ausland würde Maßnahmen verhindern. DV/VDH-Vorstand Wiblishauser behauptet: "Eine Pflichtuntersuchung zur DCM (und weitere) kann nur auf internationaler Basis erfolgen".

Tatsache ist,
dass der DV oder/und VDH sehr wohl Pflichtuntersuchungen zur Voraussetzung für eine Zuchtzulassung in Deutschland machen können - und es bei anderen Hunderassen auch vorschreiben (z.B. Bulldog). Es wäre ein Leichtes, für die Zucht in Deutschland ausschließlich Hunde, gleich ob aus dem In- oder Ausland, zur Zucht zuzulassen, die nach bestimmten Maßgaben herzuntersucht sind. VDH und DV könnten eine solche Untersuchung (Herzultraschall) beim  Dobermann darüber hinaus zur Voraussetzung für die Teilnahme an Ausstellungen und Veranstaltungen in Deutschland (dem mit England wichtigsten Ausstellungsland Europas) erklären. Der VDH verpflichtet sich und seine Mitgliedsvereine in der VDH Zucht-Ordnung zur Bekämpfung von Erbkrankheiten (z.B. §4: "Sämtliche Zuchtmaßnahmen müssen zum Ziel haben, ... erbliche Defekte durch geeignete Zuchtprogramme zu bekämpfen" - aber Papier ist geduldig... ). VDH-Vorstand Wiblishauser ist zudem Präsident des Internationalen Dobermann Clubs (IDC) und der DV hat das weltweite Patronat der FCI zu dieser Hunderasse. Bessere Voraussetzungen zur Bekämpfung einer Erbkrankheit gibt es nicht!

Die Fakten liegen klar auf dem Tisch. 

Die Problematik ist seit 1949 bekannt, seit den 1960er Jahren zunehmend gesichert. Die Krankheit ist alles andere als eine Randerscheinung. Jeder zweite Hund ist betroffen. Die Krankheit ist tödlich. Die Krankheit ist erblich bedingt, das ist gesicherte Erkenntnis.

Warum wird nicht schon seit langem konsequent gehandelt?
  • Warum gibt es kein Zuchtprogramm zur Bekämpfung dieser Erbkrankheit?
  • Warum sind Herzultraschalluntersuchungen keine Voraussetzung zur Zuchtzulassung?
  • Warum dürfen Dobermann-Rüden bereits mit 18 Monaten ohne Limit in die Zucht?
  • Warum gibt es keine Deckbeschränkung für Rüden?
  • Warum gibt es nicht einmal ein Monitoring?
  • Warum beschließt die JHV des Dobermann-Verein e.V. noch im Juni 2013, also in voller Kenntnis der Sachlage, weiterhin auf all solche Maßnahmen zu verzichten?
Warum wird immer noch nicht gehandelt?

Frei nach Heinrich Heine:
"Denk ich an Tierschutz-Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen."



Ein Beitrag von Christoph Jung

Dienstag, 11. Juni 2013

Der DCM Skandal in der Rassehundezucht (Teil 3)

Im Editorial der Vereinszeitung "Unser Dobermann" nimmt Zuchtvereins Präsident Hans Wiblishauser Stellung zu DCM. Dilatative Kardiomyopathie (DCM) beim Dobermann ist eine erblich bedingte, tödliche Herzkrankheit. Sie wurde beim Dobermann durch jahrzehntelange Versäumnisse der Zucht wie eine Seuche verbreitet. Inzwischen ist verschiedenen unabhängigen Untersuchungen zur Folge etwa die Häfte der Dobermann-Population betroffen (siehe die letzten Petwatch-Artikel).


Wiblishauser ist nicht nur Präsident des deutschen Dobermann-Vereins, auch international der führende Dobermann-Funktionär (IDC) und darüber hinaus führendes Mitglied im Vorstand des Verbandes für das Deutsche Hundewesen. Wer aber ein überzeugendes Aufbruchsignal zur Bekämpfung dieser "Seuche" erwartet hatte, sieht sich enttäuscht. Wiblishauser reagiert wie wir es von der VDH-Führung  zu solchen Zuchtfragen seit Jahren leider kennen - sofern überhaupt Stellung genommen oder die Verantwortung nicht auf den einzelnen Verein abgeschoben wird: Zunächst einmal werden die kritischen Stimmen herabgesetzt, diskreditiert, teils lächerlich zu machen versucht, dann die Kritik selbst.

Faksimile des Editorials von Hans Wiblishauser
in der DC Vereins-Zeitung "Unser Dobermann" Mai 2013

Seine abweisende Haltung zur Forderung nach Pflichtuntersuchungen zu DCM mündet in solchen Auslassungen: "Sollen wir hier nicht auch gleich die allumfassenden Untersuchungen ebenfalls pflichtmäßig einbinden? Dies würde zwar die Welpenpreise nahezu unerschwinglich machen, würde jedoch eine transparente Oberfläche eingeben. Und wie gehen wir zukünftig vor, falls trotz aller Untersuchungen doch noch Hunde versterben." So der O-Ton des VDH-Vorstandes ("Unser Dobermann" 05/2013).

Zynismus des VDH-Mann Wiblishauser auf Kosten der Hunde

Es ist blanker Zynismus gegenüber dem Wohl der Hunde wie gegenüber der persönlichen Integrität der kritischen Stimmen, der hier aus der Feder eines führenden Hundezucht-Funktionärs spricht. Den Kritikern seiner DCM-Ignoranz wird unterstellt, sie wollten "durch allumfassende Untersuchungen" (die niemand gefordert hat) quasi unsterbliche Hunde kreieren. Gefordert werden angesichts einer Prävalenz der Dobermann-Population von 58,7 % mit DCM allerdings eine Untersuchung, eben auf die Veranlagung zu dieser tödlichen Herzerkrankung. Kritik und Kritiker werden vom DC Vorstand in unsäglicher Form lächerlich gemacht. Und das ist keine Polemik am späten Abend beim x-ten Bier - was schon schlimm genug wäre - , nein es ist das bis dato einzige öffentliche Statement* aus der Führung des VDH bzw. DV zum DCM-Skandal beim Dobermann - also die Haltung der Gralshüter der angeblich einzig "kontrollierten Hundezucht" in Deutschland.

Zum eigentlichen Skandal um die jahrelange, wissentliche Zucht mit einer tödlichen Krankheit gesellt sich nun ein weiterer Skandal um Wiblishauser. Ein Spitzen-Funktionär, der sachliche Kritik und ernstzunehmende Vorschläge auf solch unsachliche, ja unwürdige Art kontert, darf keine Verantwortung in der Hundezucht tragen. Ein Zuchtverein oder -verband, der solche Funktionäre in seinen Reihen duldet, hat sich selbst diskreditiert.

Das Wohl unserer Hunde darf nicht in solchen Händen liegen!

In den kommenden Petwatch Artikeln werden wir das Thema weiter behandeln. Wir werden dabei auch auf das am 7.6.2013 vom DV veröffentlichte PDF* zu DCM und den Offenen Brief der führenden deutschen Tier-Kardiologen und DCM-Spezialisten Dr. Wess und Dr. Kresken eingehen. Auch Wess und Kresken mahnen Wiblishauser und Co zur Sachlichkeit : "Die Kardiologen als Profiteure der Zuchtuntersuchungen darzustellen ist ein Vorwurf, den man so nicht stehenlassen kann! Den Kardiologen geht es darum, den Hunden und ihren Besitzern zu  helfen! Außerdem soll die Gesundheit der Rasse verbessert werden."

Ein Beitrag von Christoph Jung

Sonntag, 2. Juni 2013

Der DCM Skandal in der Rassehundezucht (Teil 2)

Am 14. Mai wurde bei Petwatch der erste Artikel zu "Der DCM Skandal in der Rassehundezucht" veröffentlicht. Wir haben auf die dilatative Kardiomyopathie (DCM) als erblich bedingte, seuchenhaft verbreitete, tödliche Herzkrankheit hingewiesen. DCM ist "eine Erkrankung des Herzmuskels, bei der sich das Herz erweitert und schwach schlägt" (LMU München). Wir unterstützen das Engagement einiger Hundefreunde zur Bekämpfung dieser durch den Menschen zur Seuche gemachten Krankheit (wie die Petition für die Einführung der Herzultraschallpflicht oder die beiden Videos zu DCM bei Dobermann und Deutscher Dogge).

Wirklich ein Skandal?

Kann man wirklich von einem "Skandal in der Rassehundezucht" sprechen? Ich meine: Ja man kann. Denn es ist wirklich skandalös (= „ärgerniserregend, anstößig“ sowie „unerhört, unglaublich“ Quelle: Wikipedia) wie hier vom Menschen wissend und bewusst handelnd mit den ihm anvertrauten Tieren umgegangen wird. Eine tödliche Krankheit wird von der Zucht, vom Menschen, wie eine Seuche in einer Hunderasse-Population verbreitet und trotz Kenntnis dieser Gefahr wird seit Jahren, ja Jahrzehnten kein Programm zur Ausmerzung dieser Krankheit gefahren, gar dieses Problem im wahrsten Sinne des Wortes tot geschwiegen.

DCM (dilatative Kardiomyopathie) ist
  1. eine tödliche Krankheit
  2. hier vom Menschen wie eine Seuche verbreitet
  3. dies seit langem wissentlich
  4. und noch immer ohne Programm zur Bekämpfung
  5. und leider kein Einzelfall, vielmehr Teil eines kranken Systems
Es nennt sich trotzdem "kontrollierte Hundezucht", "Liebe zur Hunderasse", "Tierliebe"! Wirklich skandalös.
Djoker vom Schillingsgut - Screenshot aus "DCM beim Dobermann" von Ruth Stolzewski
Es ist unstrittiger Stand der Tiermedizin, dass DCM eine unheilbare, tödliche Krankheit ist. Vertiefende Informationen findet man insbesondere bei der Uni München, die sich seit den 1980er Jahren mit dem Thema wissenschaftlich und klinisch befasst. Inzwischen ist ebenfalls unstrittig, dass DCM eine erblich bedingte Krankheit ist. Man hat sogar Abschnitte im Genom der Hunde exakt bestimmen können, die an der Vererbung der Anlage zu DCM beteiligt sind. Auf die Punkte 2. und 3. soll in diesem Teil eingegangen werden.

Eine Seuche - menschengemacht

Es ist ein Naturgesetz, dass Lebewesen in ihren Genen Anlagen tragen, die sich als Fehlfunktion oder Krankheit äußern können. Kein Säugetier ist frei von solchen Anlagen in seinen Genen. Die meisten hier relevanten Erbkrankheiten werden erst von mehreren Genen von Vater und Mutter im Zusammenspiel angelegt. Daher treten solche Veranlagungen - zumal für schwere Erkrankungen - eher selten auf*. Die Natur legt wert auf genetische Vielfalt. Daher ist das Zusammentreffen einer Konstellation, die eine Erbkrankheit verursacht, schon rein statistisch gesehen sehr selten. Auch DCM tritt "natürlich" auf, aber nur bei weit weniger als 1% der Individuen. Beim Dobermann tritt DCM als Krankheit bei mehr als 50% auf, bei der Deutschen Dogge bei etwa einem Drittel. Diese extreme Häufung ist anthropogen. Eine eher seltene Erbkrankheit ist erst durch Versäumnisse der Zucht, vom Menschen, zu einer Seuche gemacht worden.
Screenshot aus "DCM bei der Deutschen Dogge" von Ruth Stolzewski
Eine solche Entwicklung ist nicht zuletzt auch eine notwendige Folge von Inzucht. Inzucht ist immer noch eine weit verbreitete Methode der Rassehundezucht und wird in den meisten Zuchtordnungen, auch der vom VDH, als ganz "legal" behandelt. Die Folge: Ist der Gendefekt erst einmal verbreitet worden, etwa durch nur einen beliebten Zuchtrüden, so kann sich dieser wie eine Seuche in der Hunderasse-Population verbreiten. Durch den per Inzucht einförmigen, seit vielen Generationen abgeschotteten Genpool finden passende Veranlagungen sehr schnell, eben unnatürlich schnell zusammen. Die übermäßige Verwendung einzelner Zuchtrüden (sog. Popular Sires) tut ihr Übriges.

Auch DCM-Rüden ohne Deckbeschränkung

Der Dobermann Verein im VDH hat in seiner Zuchtordnung bezeichnenderweise keinerlei Deckbeschränkung für seine Rüden! Die Zuchtzulassung wird ab einem Lebensalter von nur 18 Monaten erteilt. DCM-frei ist weder notwendige Voraussetzung, noch in diesem jungen Alter zuverlässig diagnostizierbar. So kann ein schwer mit DCM belasteter Deckrüde, der etwa mit 4 Jahren an dieser Erbkrankheit stirbt, bereits hunderte Nachkommen gezeugt haben und zwar samt seiner DCM-Veranlagung und mit VDH-Papieren aus der guten, "einzig kontrollierten" Zucht.

Der Cavalier King Charles Spaniel. Von seinem Wesen und Anlagen her ein äußerst liebeswürdiger, idealer Begleiter in der heutigen Zeit. Auch hier wird seit Jahrzehnten wissentlich mit schwersten Erbkrankheiten vermehrt. Heute gibt es kaum noch erbgesunde Exemplare dieser Hunderasse.
Hinweise auf besondere Häufigkeit von DCM seit 1949...

Bereits 1949 werden Herzkrankheiten als auffällig häufige Todesursache beim Dobermann in den USA beschrieben; seit Anfang der 1950er Jahre explizit der "plötzliche Herztod". Erste wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema werden in den 60er Jahren publiziert. Das Problem ist also seit mehreren Züchter-Generationen bestens bekannt. In München, quasi direkt vor dem Haustür des weltweit führenden Dobermann-Vereins, weist der Tiermediziner Prof. Dr. Helmut Kraft von der Ludwig-Maximilians-Universität im Januar 1989 eindringlich auf DCM hin. Bereits vor mehr als 20 Jahren war DCM als ein besonderes Problem beim Dobermann bekannt, ja sogar als die häufigste Todesursache. Professor Kraft nennt lediglich 6,9 Jahre als rechnerisches Durchschnittsalter der Hunde. Der Wissenschaftler gibt klare Hinweise auf Fehler in der Zucht als Ursache für die seuchenhafte Verbreitung von DCM sowie die hohe Wahrscheinlichkeit der erblichen Bedingtheit (dokumentiert in "Unser Dobermann", 1989). Wissenschaftliche Untersuchungen wie die von PD Dr.Wess oder dem Vorsitzenden des Collegium Cardiologicum Dr. Kresken sowie zahlreiche weitere internationale Veröffentlichungen untermauern und bestätigen diese Hinweise Professor Krafts.

...doch weiterhin Ignoranz durch weite Teile der Zucht

Es wäre also lange genug Zeit gewesen, ein fundiertes, systematisches Programm zur Bekämpfung dieser tödlichen, unheilbaren Erbkrankheit ins Leben zu rufen. Tausenden Hunden und ihren Familien hätte man das traurige Schicksal des plötzlichen Herztodes ersparen können. Locker 4 Lebensjahre wurden den Hunden im Durchschnitt geraubt! Ein gesunder Dobermann erreicht locker die 12 und zwar in der Regel mental und körperlich erstaunlich fit. Die Zucht weiß seit langem und zwar sehr genau von der tödlichen Gefahr in den Genen seiner Zuchtprodukte. Doch man sucht beim Dobermann-Verein im VDH vergeblich nach einem Programm gegen DCM. Ja, DCM wird als Thema völlig ausgeblendet. Der DV gibt den Anschein als gäbe es kein Problem in den Genen der unter seiner "Kontrolle" vermarkteten Welpen. Hundefreunde und Welpenkäufer erfahren auf der Website des DV rein gar nichts über die versteckte Zeitbombe in den von ihm gezüchteten Hunden.
Lundehund: eine ganz besondere, einzigartige Hunderasse,
die ebenfalls durch Versäumnisse der Zucht
mit schweren Erbkrankheiten verseucht wurde. (Foto Nicole Kamphausen)
DCM - leider kein Einzelfall

Im kommenden Teil zum DCM Skandal in der Rassehundezucht wird dargelegt, was hinter diesem Handeln der Zucht steht. Wir werden sehen, dass "DCM" leider kein Einzelfall ist. Die wissentliche Zucht mit der Veranlagung zu schweren Erbkrankheiten ist vielmehr ein verbreitetes Kennzeichen der modernen Rassehundezucht. Sie ist eine Form von Qualzucht, die etliche Hunderassen betrifft und bei weitem nicht nur Dobermann, Deutsche Dogge, Cavalier oder Lundehund. Sie ist eine besonders heimtückische Form von Qualzucht, die leider viel weiter verbreitet ist als die vergleichsweise leicht, augenscheinlich erkennbare Qualzucht zum Beispiel beim Mops, Bully oder Deutschem Schäferhund.

Aber es geht auch anders, und zwar zum Wohle der Hunde und im Interesse der einmaligen Partnerschaft Mensch-Hund. Es gibt Zuchtvereine, die die mentale und körperliche Gesundheit ihrer Hunde fürsorglich betreuen und es gibt einfache, leicht umsetzbare und vor allem auch kontrollierbare Maßnahmen, die bereits signifikante Fortschritte erzielen lassen.

(*DCM hat wahrscheinlich eine nach Hunderassen und sogar Rasse-Populationen unterschiedliche erbliche Bedingtheit. Bei der Dobermann-Population in Deutschland liegt dem heutigen Stand der Wissenschaft nach ein autosomal dominanter Erbgang zugrunde)

Ein Artikel von Christoph Jung



Dienstag, 14. Mai 2013

Der DCM Skandal in der Rassehundezucht (Teil 1)

Seit Jahren ist bekannt, dass dilatative Kardiomyopathie (englisch "Dilated Cardiomyopathy"= DCM) in einigen Populationen großer Hunderassen verbreitet ist. Besonders Dobermann und Deutsche Dogge sind betroffen, aber auch Boxer oder Wolfshound. DCM ist eine Erkrankung des Herzmuskels, die zum Tod, bei einzelnen Hunderassen wie dem Dobermann auch zum "plötzlichen Herztod", führen kann. Die Hunde sterben im besten Alter, nicht selten in jungen Jahren.

Ein Tierschutzskandal

Seit Jahren weisen verschiedene Studien, u.a. von der Uni München auf die weite Verbreitung dieser tödlich verlaufenden Herzkrankheit hin. Zudem ist inzwischen unstrittig, dass DCM erblich bedingt ist. Doch die Zucht ignoriert dieses Problem weitgehend. Erst durch konsequente Ignoranz seitens der Zucht wurde diese Krankheit überhaupt wie eine Seuche verbreitet. Heute ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass bei den Dobermännern nicht weniger als 58% der Hunde von DCM betroffen sind (u.a. Studie Wess). Es ist ein Tierschutzskandal erster Güte: Ohne Not und sehenden Auges werden durch den Menschen schwerste Erbkrankheiten züchterisch verbreitet, Krankheiten, die zum Tode des Tieres führen. Dabei wäre die Verbreitung dieser Krankheit leicht zu verhindern.

Auf der Website des Dobermann Vereins sucht man indes vergeblich nach Informationen zu DCM. Vor knapp zwei Jahren fragte ich den Vorstand des Dobermann-Vereins für einen Artikel in der Zeitschrift "HundeWelt" freundlich um Infos zum Thema an - ohne je eine Antwort zu erhalten. Dabei ist der Dobermann-Verein nun alles andere als ein Hinterhofverein. Er ist der führende Dobermann-Verein weltweit und hält das Patronat der FCI für diese Rasse. Sein Präsident ist Hans Wiblishauser, der zugleich führender Spitzenfunktionär des VDH ist (u.a. VDH-Verantwortlicher für Zuchtrichter, Rassestandards und das Ausstellungswesen). Der VDH ist hier also in personam unmittelbar am Ball. Während immer mehr "Zuchtprodukte" im besten Alter an DCM sterben, scheinen die Verantwortlichen das Problem zu ignorieren. Doch es gibt Widerstand gegen soche Missstände auf Kosten der Hunde:

Aufklärung zum Thema DCM bei Dobermann und Deutscher Dogge

Die Filmemacherin Ruth Stolzewski hat zwei Filme veröffentlicht, die ein sehr prägnantes Licht auf diesen Tierschutzskandal werfen. Bei Youtube kann man je ein Video zu DCM bei Dobermann und Deutscher Dogge anschauen. Die Videos sprechen für sich und können hier nur bestens empfohlen werden:



Zugleich wurde eine Online-Petition für die Einführung der Herzultraschallpflicht beim Dobermann ins Leben gerufen, die sehr zu unterstützen ist.

Petition für Einführung der Herzultraschallpflicht 

https://www.openpetition.de/petition/online/ja-zur-jaehrlichen-herzuntersuchung-der-dobermaenner

Filme und Petition sind wirkungsvolle Methoden, auf die Missstände in der Zucht aufmerksam zu machen. Vielen Dank an Ruth Stolzewski, Pia Barlach und die anderen Mitwirkenden dieser (leider notwendigen) Aufklärung!

In einem weiteren Artikel werde ich noch einmal näher auf DCM als Ausdruck der verbreiteten Missstände in der Rassehundezucht eingehen.


Christoph Jung

Donnerstag, 2. Mai 2013

Dortmunder Appell für eine Wende in der Hundezucht

Mitte April erreichte mich ein dicker A4-Briefumschlag. Ich staunte nicht schlecht: Darin waren die Unterschriften und Adressen von nicht weniger als 1.200 Unterstützerinnen und  Unterstützern des "Dortmunder Appells für eine Wende in der Hundezucht" (DA). Die Listen hatte mir Monika Whitworth, Vorsitzende von "M u. M´s Hundeausbildung" im Weserbergland zugeschickt. Wie hatte Monika diese tolle Aktion hingekriegt - obwohl ja die Unterschriftensammlung bei 5.000 längst abgeschlossen war? Ich fragte Monika.

Christoph Jung: Monika, wie hast du es geschafft, nicht weniger als 1.200 Unterschriften für den Dortmunder Appell zu sammeln?

Monika Whitworth: Am Anfang habe ich drei Listen ausgedruckt, die wollte ich erst mal voll bekommen.
In der Hundeschule habe ich ganz tolle Menschen um mich, manche haben mir sofort angeboten, dass sie auch Unterschriften sammeln würden, wenn ich ihnen Listen mitgeben würde.
Also habe ich viele Listen ausgedruckt und hatte in den folgenden Wochen immer ein paar davon bei mir und habe überall Menschen angesprochen. Beim Einkaufen, bei der Arbeit, beim Spazieren gehen...
Beim Sammeln ist mir dann aufgefallen, dass die Aktion dabei hilft, aufzuklären.
Die meisten Menschen, die ich angesprochen habe, wussten nichts über Inzucht, Erbkrankheiten, Qualzucht und das Leiden vieler Hunde. Fast alle waren dann sofort bereit zu unterschreiben oder eben selbst zu sammeln. Das war eine sehr schöne Erfahrung.
Darum fiel es mir direkt ein bisschen schwer mit der Aktion aufzuhören. So habe ich selbst fast 800 Unterschriften zusammenbekommen und ca. 400 kamen von anderen Hundefreunden dazu.
Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken!

In Großbritannien, dem Mutterland der modernen Rassehundezucht, engagiert sich inzwischen eine breite Öffentlichkeit für eine Wende in der Hundezucht. Hier eine Kampagne der ältesten Tierschutzorganisation der Welt RSPCA.
In Deutschland schweigt man in weiten Teilen der Tierschutz-Szene zu diesem Thema. Alleine schon banale unabhängige Kontrollen auf den Hundeshows werden abgelehnt. Zu starke wirtschaftliche Interessen stehen dagegen. Das Wohl der Hunde wird dem Profit und der Konsummentalität geopfert.


Christoph Jung:
Wie bist du eigentlich auf den DA Aufmerksam geworden?

Monika Whitworth: Ich stöbere ab und zu auf den Seiten der BVZ Hundeschulen um Seminare zu buchen etc.
Dort war der DA verlinkt. Ich hatte grade vorher Dein Buch gelesen und für mich war sofort klar, dass ich diese Aktion unterstützen wollte. Die Unterschriftensammlung war eigentlich schon beendet, aber ich habe mich entschlossen, trotzdem zu sammeln, weil ich das Gefühl hatte, endlich was tun zu können.
Das Bedürfnis habe ich schon viele Jahre, aber ich wusste nicht wie.

Christoph Jung: Wie aktuell ist aus deiner Erfahrung heraus das Anliegen des DA?

Monika Whitworth: Das Anliegen des DA hat nicht an Aktualität verloren. Ich glaube, manchen Rassen geht es so schlecht wie nie zuvor.
Es gibt Lichtblicke, ich habe zum Beispiel auf einer Veranstaltung unseres Vereins schlanke Möpse mit "richtigen Nasen" gesehen. Die Besitzerin züchtet Möpse und ist sehr stolz darauf, wie sportlich ihre Hunde sind. Und sie hat mir von einem anderen Züchter erzählt, der ebenfalls so züchtet. Ich habe mich darüber sehr gefreut und hoffe, dass diese Beispiele Schule machen.

Christoph Jung: Was liegt dir ganz persönlich am Herzen für die Zukunft der Partnerschaft Mensch-Hund?

Monika Whitworth:
Liebe Züchter, liebe Hundekäufer:
die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Vierbeiner liegt in Euren Händen! Bitte vergesst nicht, dass es sich bei unserem besten Freund um lebende, fühlende Wesen handelt!
Ich wünsche mir, dass die Zucht von Lebewesen mehr an ihre Bedürfnisse und medizinische Erkenntnisse angepasst wird und nicht an modische Wünsche.
Liebe Hundekäufer: Wenn keine kranken Hunde gekauft werden, werden sie irgendwann nicht mehr gezüchtet. Die Verantwortung liegt also nicht beim Züchter allein, sondern auch beim zukünftigen Hundebesitzer, der sich informieren muss.
Jeder Mensch kann helfen, allein dadurch, dass man andere Menschen über Missstände informiert. 
 
Monika Witworth sammelt 1.200 Unterschriften für eine Wende in der Hundezucht

Christoph Jung: Das ist wirklich eine tolle Initiative, die du ergriffen hast. Es macht Mut zu sehen, wie viele Menschen man bewegen kann, für die Gesundheit der Hunde Partei zu ergreifen. Vielen Dank, Monika!


 
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