Sonntag, 25. Dezember 2011

Bulldoggen Impressionen

Zum Fest und Jahreswechsel ein paar Impressionen zum Schmunzeln von unseren französischen und englischen Bulldoggen:

 
Zu Tisch:


Schneepflug:
Raufen nach Bulldog-Art ist im Schnee am schönsten:
 Und wieder vertragen.
 Wer ist der Größte im Land?
Aber jetzt erstmal ein wenig entspannen:


Fotos: © Claudia Fuhrmann und Christoph Jung

Sonntag, 11. Dezember 2011

Lundehund - der Ausnahmehund

Ein Beitrag von Nicole Kamphausen

Norwegischer Lundehund - FCI Gruppe 5, Section 2, 265 - Der Name 'Lundehund' leitet sich ab von dem Lundevogel (Fatercula arctica-artica). Er gilt als eine der Welt seltensten Hunderassen. Der Grund hierfür ist nicht nur in der weltweit geringen Population zu sehen, sondern insbesondere in der Tatsache, dass sich eine Anzahl seltener anatomischer Besonderheiten in derselben Rasse vereinigen. Einige dieser Merkmale finden sich bei anderen Hundeformen nur sporadisch. An jedem Fuß sind vornehmlich sechs Zehen ausgebildet, wobei oft eine siebente Zehe im Ansatz vorkommt. Er kann die Ohren so verschließen, dass der Gehörgang vor Staub und Feuchtigkeit geschützt ist; er hat Genickgelenke, die ihn in die Lage versetzen, seinen Kopf zurückzubeugen, so dass der Scheitel den Rücken berührt. Dies hat sich evolutionär deshalb so in der Wirbelsäule entwickelt, weil es für den hochspezialisierten Hund dann praktisch und lebensrettend sein kann, wenn er sich auf der Jagd in engen Erdgängen mit der Beute im Maul umdrehen muss. Darüber hinaus verfügt er über außergewöhnlich bewegliche Schultergelenke, die ihm ermöglichen, die Vorderbeine vollkommen zur Seite zu führen.

Der Lunde

Der Lundevogel (auch Papageientaucher genannt) wird gewöhnlich im August für zwei bis drei Wochen nachts bejagt. Da der Lundevogel es liebt, seine Nesthöhlengänge in steile Klippenabhänge zu graben, ist er für den Menschen unerreichbar. Der Lundehund aber bewegt sich dank seiner angepassten Füße  sicher in dem unwegsamen Gelände. Er fängt den Lundevogel in diesen Steilhangnestern lebend und apportiert ihn so zum Jäger, der ihn dann auf traditionelle Art tötet.

Neben Fisch war der Lunde nicht nur abwechselungsreiche Delikatesse, sondern auch eine unverzichtbare Eiweiß-Zufuhr für die Ernährung der darbenden Inselbewohner. Der volkstümliche Pfarrer Petter Dass prägte das Wort:  „Der Lunde schmeckt wie alles andere nach Fisch, da der Lunde vom Fisch lebt“. Die weitgehend mittellosen Insulaner waren angewiesen auf die begehrten 'Lunde-Daunen'. Diese boten der Inselbevölkerung ein wesentliches Zubrot zu dem Einkommen aus Fischerei und Bewirtschaftung des kargen Bodens. Der Lundehund stellte daher einen beträchtlichen Wert als Wirtschaftsfaktor da. Die meisten Bauern hielten sich zwischen 12-14, mitunter sogar 20 solcher Vogelhunde. Die Vogeljagd brachte dem Bauern weit mehr ein als seine Landwirtschaftseinkünfte. Darum kam es oft zu Streitigkeiten wegen der Anzahl der Hunde. Jeder beobachtete jeden sorgsam, denn: „Kein Bauer durfte mehr Lundehunde besitzen als sein Nachbar!" Auf der Vogelinsel (Flugløya) in Gildeskal bedeutete ein guter Lundehund genauso viel wie eine Kuh. Es wurde sprichwörtlich, dass in Måstad mit einem „Hundeleben“ nichts mehr zu vergleichen sei.

Vornehmlich gingen die Frauen und die halbwüchsigen Jungen und die Mägde mit den Hunden auf die Jagd. Da die Hunde das Jagen sehr selbständig durchführen, konnte sich regelmäßig ein nächtliches Plauderstündchen mit Kaffee-Kessel beim Schein der Mitternachtssonne entwickeln. Dies ist ein nicht zu vernachlässigender Gemeinschaft stiftender Faktor für eine kleine Not- und Trutzgemeinde. Ein Hund galt als gut, wenn er in einer Nacht 30 Vögel fing. Deshalb war ein Jäger darauf angewiesen, 2 bis 3 Hunde zu führen. Dann konnte die für einen Mann noch tragbare Last von 80-90 Vögeln erreicht werden.Überdurchschnittliche Hunde fingen sogar auf einem Jagdgang 80 Vögel. Verbürgt ist auch eine Einzelleistung von 130 Stück.
Eine außergewöhnliche Pfote

Die Pfote des Lundehundes weist fünf voll entwickelte dreigliedrige Zehen auf. Hinzu kommt eine zweigliedrige Zehe – entsprechend dem menschlichen Daumen. Dies ist auf einem Röntgenbild deutlich zu sehen. Zu diesen überzähligen Zehen gibt es Beuge- und Streckmuskeln, die fast den Muskeln im menschlichen Daumen entsprechen. Alle anderen Hunderassen verfügen über nur vier Zehen und die zugehörige Muskulatur.Der Lundehund hat acht Tretpolster (Ballen) an jedem Vorderfuß sowie sieben an jedem Hinterfuß. Hier hat das große Tretpolster eine ganz andere Form.

Die Ohren können aktiv geschlossen werden.

In Normalstellung stehen die Ohren gerade aufrecht. Der Lundehund ist aber in der Lage, seine Ohren selbstbestimmt nach vorn oder nach hinten zu schließen. Dies dient dazu, das Innenohr in den Nestgängen der Vögel vor Staub und draußen an den Felsenklippen vor Gischtwasser zu schützen. In dieser Stellung ist nur ein kleiner Trichter ganz außen am Ohr geöffnet. So kann der Lundehund dennoch die Laute der bejagten Vögel wahrnehmen.
Die Rute dient der Kommunikation.

In unterschiedlichen Stellungen gehalten, macht er auf die augenblickliche Verfassung des Hundes aufmerksam. Während des Spiels und der Ruhe ist die Rute leicht aufgerollt. Wenn der Hund angespannt ist oder läuft, hängt sie in einem konvexen Bogen herab; bei schnellem Lauf ist sie nach hinten gerichtet. Wenn der Hund unsicher ist, neigt sich die Rute ganz herab und verbirgt sich zwischen den Hinterläufen.

Große Gewandtheit

Der Lundehund beeindruckt durch seine genetisch angeborene Fähigkeit, sich in Geröll, Fels und Steilhängen traumwandlerisch sicher zu Recht zu finden. Dabei kommen ihm nicht nur seine speziell angepassten Pfoten, sondern auch die außergewöhnliche Beweglichkeit seiner Schultern und seines Genick-Gelenkes zu Hilfe. Nimmt man den Hund bei den Vorderbeinen, kann man sie senkrecht nach oben oder waagerecht zur Seite führen, ohne dass der Hund deswegen Unbehagen zeigt. Das Genickgelenk ist bauartlich in der Lage, dem Hund zu ermöglichen, den Kopf so weit nach hinten zu beugen, dass der Scheitel den Rücken berührt. Dies befähigt den Hund, sich auf der Jagd in einem engen Erdgang wieder zurück zu wenden. Ansonsten bestände die Gefahr, stecken zu bleiben und dort zu verenden. Bekanntlich muss mancher Jäger seinen erfahrenen Teckel gelegentlich aus einem Fuchs- oder Dachsbau wieder ausgraben. Der Lundehund hingegen ist vollkommen auf seine Umgebung und Lebensgewohnheiten angepasst. Bei anderen Säugetieren ist eigentlich nur das Rentier in der Lage, seinen Kopf so weit zurück zu dehnen. Der heutige Lundehund hat denselben Kiefer wie der „Varangerhund“, den man 5000 Jahre zurück datiert. Diese beiden Hunde haben im Vergleich zu anderen Hunden in jeder Kieferhälfte einen Zahn weniger.
Im 15. Jahrhundert

Im Januar 1432 traf ein Fischer aus Røst mit seinen beiden Söhnen auf der Insel Sandø überraschend auf kleine dunkelhaarige Männer, die eine unbekannte Sprache sprachen. Es handelte sich um den Italiener Piero Overini mit seiner Mannschaft, die ein Jahr zuvor dort mit ihrem Schiff gestrandet waren. Røst besteht aus 365 Inselchen. Overini schrieb später ein bedeutungsvolles Buch über seine Begegnung mit den Nordland-Fischern. Dies bewegte den Italiener Francesco Negri 1664 zu einem einjährigen Aufenthalt auf den Lofoten, wo er die Lundejagd in der Finmark beschrieb. Er berichtete wie Schønnebøl (1591), ohne es selbst zu erleben, von der Jagd auf den Lunde mit Hilfe des Lundehundes.Der Bischof von Bergen, Erik Pontoppidan, schrieb 1753 über die Hunde des Landes in „Det første forsøg på Norges naturlige Historie“ (Der erste Versuch Norwegens Naturgeschichte  zu beschreiben).

Der Hundeenthusiast Sigurd Skaun war der erste, der den Lundehund für die Außenwelt „entdeckte“. Schriften aus dem 15. Jahrhundert berichteten von Hunden auf der Insel Vaerøy und Lovunden, die zum Lundefang verwendet wurden. Nach einer Reise auf die Insel Bodøbeschrieb er 1925 die Rasse  in der Zeitschrift der norwegischen Jäger- und Fischereivereinigung in dem Artikel: “Eine norwegische Vogelhunderasse, die in Vergessenheit gerät“. 1937 las Eleanor Christie den Artikel und beschloss, diese Hunderasse näher kennen zu lernen. Bei Monrad Mikalsen in Måstad fand sie schließlich noch eine Population von 50 reinrassigen Lundehunden. Die Abgeschlossenheit der Inseln nach Außen war wohl auch die Ursache für die genetische Einzigartigkeit des Lundehundes. Monrad Mikalsen beschaffte Eleanor Christie 4 große Welpen, die alle gegen Hundekrankheiten geimpft wurden. Es waren die Hündinnen „Hild“, „Lucy“, „Urd“ sowie der Rüde „Ask“, die Frau Christie im Februar 1939 bekam. Der Bestand erreichte 1943 noch 60 Hunde, im gleichen Jahr erkannte der Norwegische Kennel Klub den Lundehund als eigenständige Rasse an. 1942 kam die Staupeepidemie nach Vaerøy. Wegen des Krieges konnte kein Impfstoff beschafft werden und so starben alle Tiere bis auf einen Hund, der aber keine Welpen mehr bekam. Mikalsen verlor 1963 erneut seine Hunde durch die Staupeepidemie. Auf der Insel Vaerøy  lebte dann kein reinrassiger Lundehund mehr. Frau Christie sandte Mikalsen sodann per Luftfracht wieder zwei Welpen. Ein netter Zufall brachte es mit sich, dass sie genau an Monrad Mkalsens 75. Geburtstag eintrafen. Erfreut meldete er sich und rief ins Telefon: „Sie liegen bei Katrine im Bett!“ Der Norwegische Lundehund Club wurde 1962 gegründet, mit dem Ziel, die Rasse zu erhalten und zu veredeln.
Besonderheiten und Wesen des Lundehundes auf einen Blick

Der Lundehund ist ein lebhafter, verspielter, menschenfreundlicher, aufgeweckter, kluger und sehr charmanter kleiner Hund mit eigenem Kopf. Seinen Bezugspersonen gegenüber loyal und anhänglich und niemals aggressiv. In Norwegen ist der Lundehund als Familienhund sehr beliebt. Er gilt als sauber wie eine Katze und verbringt viel Zeit damit, sich zu putzen.

Leider ist er eine wenig fruchtbare Rasse. Dies dürfte auch auf die genetische Anpassung an seinen ursprünglich kargen Lebensraum sein, der die Aufzucht von mehr Nachwuchs eigentlich unmöglich machte. Pro Wurf fallen nur 1 - 5 Welpen, vereinzelt wurden 6 Welpen gewölft. Die Lebenserwartung liegt bei circa 12-14 Jahren - wenn er gesund ist. Doch scheint die heutige Zuchtpopulation der Lundehunde stark von zuchtbedingten Erbkrankheiten belastet. Dazu im nächsten Artikel mehr.

Zur Autorin:
Nicole Kamphausen hält seit 2001 Lundehunde. Sie war von 2006 - 2008 Kassiererin (Geschäftsführender Vorstand) im DCNH der dem VDH untersteht. Sie engagiert sich für eine Wende in der Zucht dieser so besonderen Hunderasse, speziell hinsichtlich des Themas Lundehund-Syndrom.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Rasse bei Hund und Katz

Wir gehen bei unseren Heimtieren gerne und oft mit dem Begriff "Rasse" um. Die einen mögen eine bestimmte Hunde- oder Katzenrasse, die anderen lehnen jede "Rasse" pauschal ab. Extremisten wie Peta stellen den Begriff der "Rasse" bei Hund und Katz in reißerischer Aufmachung sogar auf eine Stufe mit der menschenverachtenden Ideologie des Völkermords der Hitler-Faschisten.

Was ist aber mit "Rasse" gemeint?

Zunächst muss man feststellen, dass der Begriff Rasse hinsichtlich Menschen und Tieren eine grundlegend unterschiedliche Bedeutung hat. Bei Tieren, durchweg Haustieren, meint Rasse eine Kategorisierung hinsichtlich bestimmter Merkmale in Bezug auf den Nutzwert für den Menschen. Diese Kategorisierung ist eine ökonomische oder kulturelle, aber keine objektiv biologische oder zoologische. Aus deren Sicht zählen alle Hunde zu einer einzigen Unterart des Wolfes. Trotzdem wissen wir, dass es völlig unterschiedliche Typen von Hunden gibt. Man denke an Jagdhunde oder etwa einen Mops, man denke an einen Herdenschutzhund oder einen Pudel. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Hunderassen sind bereits vom Aussehen her erstaunlich. Noch prägnanter sind sie vom Wesen her.

Hunde waren bis Anfang 1900 der Lieferwagen des "kleinen" Mannes.
Ein Windhund würde sich hier schlecht machen.
Hunderassen als Produkt der Arbeit für und mit dem Menschen

Seit Jahrtausenden arbeiten Hunde für den Menschen in den vielfältigsten Positionen. Wenn man sich einmal genauer mit diesem Thema beschäftigt, so sieht man Hunde in wesentlich mehr Arbeitsverhältnissen im Dienste des Menschen als die bekannten als Hüte-, Jagd- oder Wachhund. In praktisch allen Bereichen der menschlichen Produktion und in den meisten Kulturen gab es Hunde als Arbeiter über tausende Jahre hinweg. Diese vierbeinigen Helfer mussten bestimmte Qualitäten haben, um ihre Arbeitsaufgabe ausführen zu können. Über die Generationen hinweg wurden diese Qualitäten immer prägnanter ausgeprägt, um eben die jeweilige Arbeit optimal ausüben zu können. So enstanden die einzelnen Hunderassen.

Schon in der Steinzeit kann man differenzierte Hunderassen nachweisen, in der Antike werden sie bereits zahlreich als solche beschrieben und um 1850 wurden 200 Hunderassen in Europa dokumentiert. Von einigen wenigen Schoßhündchenrassen abgesehen war jede einzelne Hunderasse das Produkt einer ganz bestimmten, vierbeinigen Arbeitsrolle in der Produktion des Menschen. Unsere heutigen Hunderassen basieren zum Großteil auf diesen alten Arbeitshunderassen. Hunde-Rassen sind damit auch ein Teil unserer Geschichte und Kultur.
Völlig unterschiedliche Wesensmerkmale gefragt.
Obere Reihe: Jagdhund, Hütehund, Herdenschutzhund.

Pferderassen als Produkt der Arbeit für und mit dem Menschen

Ähnlich sieht es bei den zahlreichen Pferderassen aus. Man unterschiedet hier Warm- und Kaltblüter. Diese Kategorisierung ist nun ebenfalls keine biologische und erst recht keine medizinische, etwa dass man die Pferde anhand ihrer Körpertemperatur unterteilen könnte. Aber auch Pferde waren und sind in ihrer Arbeit für den Menschen höchst unterschiedlich gefordert und das ebenfalls seit Jahrtausenden. So bildeten sich Pferdetypen für die schwere Arbeit beim Rücken des geschlagenen Holzes im Wald, als starke und zugleich coole Zugpferde für den Brauereiwagen in der Großstadt oder als "heißblütiges", nervöses Rennpferd auf der Bahn heraus. Auch hier hat die Einteilung in die verschiedenen Pferderassen seinen objektiven Hintergund in der Arbeit für den Menschen.

Etliche andere Haustierrassen, Rinder, Schafe, Hühner oder Gänse beziehen ihre Einteilung in Rassen aus dem unterschiedlichen "Nutzwert" für den Menschen zumeist unter dem Aspekt des unmittelbaren Nahrungslieferanten.

Katzenrassen als Marketingprodukt


In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind Rassekatzen in Mode gekommen. In der TV-Sendung HundKatzeMaus werden uns seit Monaten jeden Samstag neue Hauskatzenrassen vorgestellt. Krumme Ohren, extrem große Augen, Schwanzlosigkeit, skurrile Fellformen werden frei aus Marketingaspekten heraus zu Rassemerkmalen erkoren und "rein" gezüchtet. Die Rasse-Merkmale sind aber im Unterschied zu den erstgenannten regelmäßig ohne jeden geschichtlichen oder funktionalen Hintergrund. Was hier mit dem Begriff "Rasse" bezeichnet wird, ist in den allermeisten Fällen lediglich das Marketingprodukt geschäftstüchtiger Katzenproduzenten der letzten 50 Jahre. Die unterschiedlichen "Rassen" der Hauskatze haben keinen unterschiedlichen Hintergrund in verschiedenen Arbeitsaufgaben. Hauskatzen hatten und haben immer dieselbe Aufgabe als Polizisten gegen das Ungeziefer an Haus und Hof, namentlich Mäuse und Ratten. Sie differenzieren sich lediglich hie und da in regionale Schläge mit gewissen Anpassungen etwa an extreme Klimabedingungen. Die heutigen "Rassekatzen" sind in den allermeisten Fällen gezielt geschaffene Kunstprodukte für den zahlungsbereiten Kunden in den Großstädten Europas und Nordamerikas. Zum Teil werden Mutationen kultiviert, zum anderen Extremzucht auf die Betonung bestimmter Körpermerkmale praktiziert, um so überhaupt erst eine neue Rasse zu schaffen.

Dieser Hintergrund für die Benutzung des Begriffs "Rasse" bei Haustieren ist vielleicht hilfreich, um selbige ein Stück besser zu verstehen und zu respektieren. Zugleich hilft das Verständnis des Rassebegriffs bei Haustieren, eine Perspektive aus der Misere der heutigen Heimtierzucht und -haltung zu finden.

Impressionen einer Heimtier-Ausstellung, Halle (Saale) im November 2011 (Danke für die Fotos an Katja)




Freitag, 11. November 2011

Inzest in der Hundezucht

Zum 5.November war ich eingeladen, bei der Tagung der Zuchtverantwortlichen der VDH-Vereine zu sprechen (Verband für das deutsche Hundewesen). Diese Einladung nahm ich gerne an. Wenn wir eine Wende in der Hundezucht fordern, so geht das nur MIT den Züchtern. Ein Kernpunkt meiner Rede war das Thema Inzucht oder besser gesagt der eindringliche

Appell an eine Abkehr von Inzucht.

Hier beim Petwatch-Blog erschienen schon etliche Abhandlungen, die die Bedeutung einer heterogenen Genausstattung für die individuelle Gesundheit, besonders aber auch die Gesundheit der Population einer Hunderasse belegen. Ich möchte nur auf den gerade erschienenen Artikel von Dr. Margrit Miekeley "Epigenetik - Vision oder Wirklichkeit in der Hundezucht?" verweisen.

Vor den Zuchtverantwortlichen des VDH forderte ich 4 Sofortmaßnahmen:
  1. Ein generelles Verbot von Inzestzucht. Ein solches Verbot sollte auch für das Ausstellen von Abkömmlingen solchen züchterischen Fehlhandelns gelten.
  2. Eine generelle Deckbeschränkung für Rüden. Die quasi uferlose Verwendung einzelner Champion-Rüden (Matador, Popular Sires) bei manchen Hunderassen ist nicht nur ein Katalysator der genetischen Verarmung einer Population. Sie ist zudem eine der Hauptursachen für die, ja man muss sagen, Verseuchung ganzer Populationen mit Gendefekten.
  3. Analog müssen solche Beschränkungen für die künstliche Besamung gelten. Die Reproduktionsmedizin ist heute auf dem besten Wege zu einem weiteren Katalysator von Inzucht zu degenerieren. Künstliche Besamung muss zudem strikt verboten sein, wenn sie als Ersatz für verloren gegangene Deckfähigkeit dienen soll.
  4. Mindeststandards für den Ahnenverlust sollten eingeführt werden. Schon eine so einfache Regel, wie dass kein Ahne im Stammbaum doppelt vorkommen solle, würde bei vielen Begleithunde-Populationen einen Fortschritt bedeuten.
Das sind Forderungen zur sofortigen Bekämpfung der schlimmsten Auswüchse in der heutigen Rassehundezucht. Natürlich ersetzen solche Maßnahmen keineswegs konkrete Programme zur Verbesserung der Populationsgenetik einer Hunderasse.

Schauen wir uns hier die Forderung zum Verbot von Inzestzucht an. Aus Sicht der Gesundheit der unmittelbaren Nachkommen oder aus Sicht der Gesundheit der Population gibt es keinen einzigen Grund, Inzestzucht zu betreiben. Solche Zuchtmaßnahmen dienen in aller Regel lediglich der Produktion genormter Welpen für den Markt und das Show-Buzz. Ansonsten sind die Folgen für das Wohl der Hunde zumeist fatal, besonders die langfristigen. Solche Warnungen sind alles andere als neu. Bereits 1904 warnte Tierarzt und Züchter Wilhelm Hinz in seiner Dissertation:

"Wenn wir uns heute der Inzucht als Mittel zum Zwecke bedienen, so dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass wird damit ein zweischneidiges Schwert schwingen. Denn wie sich durch Inzucht die von uns eigenmächtig aufgestellten Vorzüge in der Nachkommenschaft potenzieren, vervielfältigen sich ebenso leicht die Nachteile."
Wissenschaftliche Untersuchungen haben nachgewiesen,
dass 10% mehr Inzucht den
Verlust von 1 Jahr Lebenserwartung bedeutet.
Hunde mit heterogener Genausstattung haben im Durchschnitt
eine längere Lebenserwartung als ingezüchtete.

(Foto CJ: Geheime Mischung eines Mushers)
Und dieses Thema der Inzestzucht ist leider immer noch akut - trotz aller vollkommen eindeutigen Warnungen aus der Wissenschaft.

In der Zuchtordnung des VDH lautet die Bestimmung:

"Paarungen von Verwandten 1.Grades  – Inzest  (Eltern x Kinder/Vollgeschwister untereinander/Halbgeschwister    untereinander) – bedürfen der Ausnahmegenehmigung des Rassehunde-Zuchtvereins." (§4 Abs 3)

Entsprechend finden wir in zahlreichen Zuchtordnungen der Zuchtvereine analoge Bestimmungen, wie z.B.:

beim Beagle Club Deutschland e.V.:
"4.1.6 Inzestzucht
Paarungen von Verwandten ersten Grades und Halbgeschwistern bedürfen der vorherigen schriftlichen Genehmigung des Zuchtleiters. Die Genehmigung gilt für einen Wurf
."

oder - bereits etwas strenger - im Deutschen Club für nordische Hunde e.V.:
"5.3. Inzuchtpaarungen
Paarungen aus Verwandten 1. Grades (Vollgeschwister, Eltern – Kind) sowie Verpaarungen mit einem Inzuchtkoeffizienten von mehr als 20% sind genehmigungspflichtig und min. vier Wochen vorher beim LFBZ zu beantragen. Eine ausführliche kynologische Begründung mit Darlegung des Zuchtzieles ist dem Antrag beizufügen. Weitere oder abweichende Regelungen sind gegebenenfalls in den rassespezifischen Anhängen aufgeführt.
"

Außerhalb des VDHs gibt es zahlreiche Zuchtvereine, die ähnliche, aber auch etliche, die keinerlei Bestimmungen für die Inzestzucht vorlegen. Es gibt sogar Züchter, die die Mär verbreiten, per konsequenter Inzucht könne man eine Rasse von Gendefekten befreien. Das ist eine abenteuerliche Behauptung, die jeder wissenschaftlichen Erkenntnis widerspricht. Zwar kann man bestimmte, bekannte Gendefekt ausmerzen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass komplexe Gendefekte zusammenkommen, erhöht sich zugleich. Eine ingezüchtete Population verliert tendenziell ihre Überlebensfähigkeit und Widerstandkraft gegenüber Störungen aller Art. Über Generationen ingezüchtete Labormäuse zum Beispiel sterben binnen 24 Stunden, wenn sie normales Leitungswasser trinken.

Der Verzicht auf Inzestverpaarungen ist in der Hundezucht keineswegs ein Novum.

So enthält die ZO der "Deutschen Hunde Sport-Union e.V." (DHSU) die kurze, aber unzweideutige Bestimmung:

"Eine Inzestverpaarung ist in der DHSU strengstens untersagt."

Auch verschiedene VDH-Zuchtvereine haben sich bereits für ein Verbot von Inzestzucht entschieden wie der PSK Pinscher-Schnauzer e.V 1895, um nur ein Beispiel zu nennen.

Es wäre sehr wünschenswert, wenn solche uneingeschränkten Verbote des Inzests Schule machen würden. Wenn der VDH oder andere Verbände den Weg einer gesunden Rassehundezucht gehen wollen, wird man an einem solchen Verbot von Inzestverpaarungen nicht vorbeikommen.
(ein Beitrag von Christoph Jung)

    Sonntag, 6. November 2011

    Epigenetik - Vision oder Wirklichkeit in der Hundezucht?

    von Dr. Margrit Miekeley - Kurzfassung -
    Was mal aus diesen Welpen an Mutters Milchbar wird,
    entscheiden nicht nur ihre Gene, sondern
    ganz entscheidend auch ihre Aufzucht und spätere Haltung
    (Foto ©Sh.Chuat)
    Haben Sie schon mal was von Epigenetik gehört? Wenn nicht, ist es bestimmt keine Bildungslücke, da dieser Wissenschaftszweig der Genetik noch recht jung ist. Als Biologin stellte ich mir vor einiger Zeit die Frage, ob die Inhalte der Epigenetik auch für die Hundezucht relevant sind? Nachfolgend werde ich auf einige eingehen:

    Es ist noch nicht lange in der klassischen Genetik bekannt, dass Gene interaktiv von einem zum anderen Chromosom pendeln. Vor zehn Jahren wurde der Aufbau der menschlichen DNA (Doppelhelix) entschlüsselt und nun untersuchen Wissenschaftler ihre Funktion. Erst vor fünf Jahren enträtselten Genetiker ebenso das Hundegenom, was der Humanmedizin neue Möglichkeiten bei der Erforschung von Erbkrankheiten eröffnete (Dog Genome Project).

    Die Epigenetik geht bei einer genetischen Disposition für eine bestimmte Erkrankung davon aus, dass die Krankheit bei einem entsprechenden Lebensstil des Betroffenen nicht unbedingt ausbrechen muss.

    Denn es wurden Veränderungen im Erbgut gefunden, die in der Lage sind, Gene stumm zu schalten. Diese biochemischen Gen-Anhängsel sind in der Lage, Gene zu steuern, um sie entweder an- oder abzustellen. Ebenso fanden die Forscher heraus, dass durch traumatische Erlebnisse, Vergiftungen,  Belastungen, Hormoneinflüsse und durch das Klima Gene sich nachhaltig verändern können, so dass Krankheiten in Erscheinung treten. Auf diesem Wege entstehen entweder aktivierte Defektgene oder aber Suppressor-Gene werden außer Kraft gesetzt. Das Erstaunliche daran ist, dass diese veränderten Gene sogar an die Nachkommen der Erkrankten vererbt werden.  Darüber hinaus fanden die Forscher heraus, dass traumatische Erlebnisse, die vor oder nach der Geburt stattfanden, das Erbgut ebenso verändern können. Dieses Wissen ist neu und zugleich der Beweis dafür, dass Emotionen eine weitaus größere Bedeutung auf das Erbgut von Lebewesen ausüben als man bisher annahm. Die Epigenetiker erlangten alle diese Erkenntnisse durch Versuche mit Labormäusen, die bei einer veränderten Fütterung nicht nur ihr Aussehen veränderten (Farbe und Gewicht), sondern ebenso die biochemische Struktur ihrer Gene, die an ihre Nachkommen weitergegeben wurde. Diese durch Traumata entstandene Genveränderung konnte bei Menschen (USA, 11. Sept.) ebenso gefunden werden.
    Die Modifikation (Stumm- und Aktivschaltung) von Genen
    geschieht durch spezielle biochemische "Anhängsel" (Grafik ©Wikipedia)
    Wie kann man sich das alles vorstellen?

    An den Genen haben sich biochemische "Anhängsel" gebildet, die je nach Aufbau Histonmodifikation, Methylierung (in  Form von Wasserstoffketten) oder Micro-RNA genannt werden. Mit diesem Nachweis hat sich altbekanntes Wissen (Lamarck) bestätigt, dass die Umwelt einen unmittelbaren Einfluss auf Lebewesen ausübt, wobei diese Änderungen zum Fortbestand einer Art beitragen. Krankheit wird demnach nicht mehr als "Faux-Pas der Natur" angesehen, sondern sie gilt als eine Anpassungsmaßnahme zur Selektion einer Spezies. Die Evolution braucht dazu Jahrtausende - doch Zellen können das in Sekundenschnelle:

    Die Langerhans`schen Zellen sind bspw. in der Lage, blitzschnell auf einen erhöhten Glukosespiegel im Körper zu reagieren, indem Insulin (als Gegenspieler zum Glukagon) vermehrt ausgeschüttet wird. Ebenso wird die Zellalterung durch epigenetische Vorgänge an den Enden der Gene (in den  Telomeren) gesteuert. Vergleicht man die Genetik mit einem Computer, würden die Chromosomen und Gene zur Hardware gehören und die Epigenetik mit ihren biochemischen "Gen-Anhängseln" wäre die Software für die Programmierung der Gene.

    Nun soll der Frage nachgegangen werden, welche Faktoren sind bei der Aufzucht und Haltung von Hunden nach epigenetischen Gesichtspunkten von Bedeutung?

    An erster Stelle steht hier die Ernährung von Lebewesen. Sie hat mehr Einfluss auf Mensch und Tier als man bisher annahm. Ein Beispiel dafür führen uns die Bienen im Tierreich vor. Durch den unterschiedlichen Gehalt der Nahrung an Proteinen, die diese Insekten ihren Larven verabreichen, wird die zukünftige Aufgabe im Bienenstaat bereits im Larvenstadium festgelegt. Einige Epigenetiker konnten nachweisen, dass "Dynactin" als Inhibitor im Gelée Royale vorhanden ist, der gezielt Königinnen durch die Aktivierung spezieller Gene entstehen lässt.

    Deshalb kann man sich gut vorstellen, dass ebenfalls die Möglichkeit besteht, dass einige der heute üblichen Nahrungsergänzungen, wie bspw. Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker, synthetische Vitamine, Farb- und Duftstoffe, Antibiotika, Insektizide, Pestizide, Hormone, etc. bei der  Steuerung der Gene eine Rolle spielen könnten. Auf diesen neuen Erkenntnissen basierend ist die Pharmakologie nun dabei, Medikamente zu entwickeln, die gezielt auf spezifische Gene, die für das Entstehen von Krebs- und Herzerkrankungen verantwortlich sind, einzuwirken. Diese Medikamente sollen Gene entweder stumm oder aktiv schalten (Tumor-Suppressor-Gene), um  entartetes Zellwachstum zu verhindern oder zu stoppen.

    Auch Hundehalter sollten darauf achten, dass das Hundefutter möglichst frei von den oben genannten Ergänzungsmitteln ist und dass es frische natürliche Vitamine und Mineralien enthält. Es ist ganz wichtig, dass die Mitochondrien in den Zellen, die eine eigene Erbsubstanz (mtDNA) besitzen, leistungsfähig bleiben, damit  ausreichend Energie (in Form von ATP) zur aeroben Zellatmung vorhanden ist. Nur so ist eine angepasste Zellteilung gewährleistet.
    Das Mitochondrium mit eigener DNA (mtDNA) versorgt die Zelle mit Energie
    (Grafik ©Wikimedia)
    Die Epigenetik misst der gesunden Ernährung/Fütterung nicht nur eine besondere Bedeutung zu, sondern sie sieht in den natürlichen Farbstoffen (Pigmenten), die sich in der Nahrung/in dem Futter befinden, eine direkte Verbindung zur Gesundheit. Die Betonung liegt aber auf "natürlich". Ein Hundefutter sollte pigmentreich sein und Carotinoide (Möhren und Eidotter), Chlorophyll (Algen, Gemüse und Kräuter), Resveratrol, Antocyane, Lutein, Lycopen, etc. (Obst, Beeren, Omega-3-Öle) enthalten. Farbstoffe fördern nicht nur die Pigmentbildung im Körper eines Hundes, sondern sie stellen den Regulationsmechanismus für einen intakten und gut funktionierenden Hormonhaushalt dar, der Drüsen und lebenswichtige Organe leistungsfähig erhält - und das bis ins hohe Alter hinein. Bei diesen Hunden, die einen ausreichend hohen Pigmentanteil im Phänotyp vorweisen und damit offensichtlich einen ausgewogenen Hormonhaushalt besitzen, geht es erst mal nicht allein um die Einhaltung eines Rassestandards oder um die Bewertung von Äußerlichkeiten auf Hundeschauen, sondern vielmehr um die Gesunderhaltung eines Hundes und letztendlich um den Erhalt einer Rasse. Beim Hund kommen die  Pigmentfarbstoffe Eumelanin (Schwarz) und Phäomelanin (Rot) vor. Aus den vorgenannten gesundheitlichen Gründen ist es begrüßenswert, dass es Züchter gibt, die auf einen ausreichenden Pigmentanteil im Erscheinungsbild ihrer Zuchthunde achten (Lefzen, Nasenspiegel, Krallen, Haut). Auf keinen Fall kann der willkürliche Anteil der Farbe Weiß im Hundefell einer Rasse (Azawakh) als Pigmentverlust angesehen werden. Beim völligen Fehlen von Pigment (Albinismus) liegt sehr oft eine polygene, pathologische Verbindung zu Erkrankungen im neuronalen System vor. Es versteht sich von selbst, dass mit diesen Hunden nicht gezüchtet werden darf. Wenn Hunde Störungen im Pigmenthaushalt vorweisen, kann das ein erstes Zeichen für beginnende immunologisch und hormonell veränderte Vorgänge sein.
    Eine hellcremefarbene Saluki-Hündin mit hervorragendem
    Pigment in allen erwünschten Bereichen (Foto ©M.Miekeley)
    Von epigenetisch großer Bedeutung ist die erste Lebensphase der Welpen. In dieser Zeit sollte besonders auf liebevolle Haltungsbedingungen geachtet werden. Dass der Grad der Fürsorge sich auf das spätere Verhalten der Zöglinge sozial positiv auswirkt, ist schon seit langem in der Pädagogik bekannt, doch spätestens seit der Reformpädagogik. Wenn nun durch epigenetische Forschungsergebnisse eine direkte "Brücke zwischen biologischen und sozialen Prozessen geschlagen werden kann", wie der Epigenetiker Moshe Szyf (2008) schreibt, dann übernehmen Züchter ein großes Maß an Verantwortung für das spätere Verhalten und damit für das Schicksal ihrer gezüchteten Hunde. Denn alle Erfahrungen, die ein Welpe in den ersten Lebensmonaten und auch schon vor der Geburt macht, prägen sich nicht nur für ein Leben lang bei ihm ein, sondern sie werden ebenfalls an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Besonders das Gefühl der Geborgenheit, das der Welpe bei der Mutterhündin und auch im gesamten Hunderudel erfährt, übernimmt einen prägenden Einfluss auf das spätere Verhalten des Hundes. Traumatische Erlebnisse in jeder Form sind deshalb für die Welpen zu vermeiden. Eine Zucht mit schwer traumatisierten Hunden lehnt die Epigenetik ab. Aus tierzüchterischen Gründen muss der Handel mit Hunden (Puppy Mill) verboten sein.
    Fürsorge und Geborgenheit geben dem Welpen
    alle Voraussetzungen für einen optimalen Start ins Leben
    (Foto ©M.Lehtonen)
    Ebenso sollten Zuchthunde ausreichend bewegt werden. Die Bewegung dient der Gesunderhaltung sowie einer Überprüfung der körperlichen Fitness. Eine Leistungsüberprüfung, gerade bei der Zucht von Hetzhunden, müsste vor der Ankörung obligatorisch erfolgen, weil dadurch das Zuchtziel "Schönheit und Leistung" ausgewogen realisiert wird. Nur so kann, nämlich durch die Vermeidung einer einseitigen Ausrichtung, der erwünschte Phänotyp (Standard) erhalten bleiben. Es versteht sich von selbst, dass mit diesem Anliegen das Championat für S&L einen hohen züchterischen Stellenwert einnimmt und entsprechend zu honorieren ist.

    Welche Faktoren legen die Basis, dass epigenetische Abläufe wenig optimal  vonstatten gehen können?

    Hier steht die Inzucht (Verpaarung von Verwandten) bei Hunden an erster Stelle! Sie stellt eine altbekannte und bewährte Methode in der Tierzucht dar, dass erwünschte Merkmale in einer Linie sich manifestieren. Jedoch bei einem zu lange währenden Ahnenverlust, treten immer mehr rezessive Gene dominant in Erscheinung. Ebenso wird das Hundegenom in wichtigen Bereichen immer homozygoter. Das bedeutet, dass immer mehr Gene, die einstmals polygen mit Aussehen und Gesundheit in Verbindung standen, nicht mehr vorhanden sind (Genverarmung). Hier sind die Züchter von Rassehunden gefragt, dass sie die Deckrüden für ihre Hündinnen nicht nach der Anzahl der erreichten Titel aussuchen, die dann auch noch aus  verwandten Linien stammen. Vorrangig sollte das Zuchtziel der genetischen Vielfalt im Major Histocompabilitäts Complex (MHC) verfolgt werden, weil dieser Bereich im Hundegenom für das Immunsystem von großer Bedeutung ist. Diese Gene müssen heterozygot (mischerbig) vorhanden sein, damit sie sich flexibel auf veränderte Umweltbedingungen einstellen können. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass diese genetische Vielfalt bei unseren Windhundrassen nicht dadurch realisiert wird, indem verschiedene Rassen untereinander gekreuzt werden! Das ist eine Methode, die Rasse und ihre geschätzten Eigenarten zu eliminieren. Dieses Vorgehen kann nach meiner Einschätzung nur die absolute Ausnahme in einem außerordentlichen Notfall sein, bspw. bei einer sehr kleinen Population mit einem außergewöhnlich hohen Inzucht-Quotienten. Grundsätzlich muss der genetische Ist-Zustand einer Rasse/Linie zuerst einmal ermittelt und danach von Experten evaluiert werden. Eine gezielte Auswahl des Zuchtpartners nach obigen Kriterien (bspw. S&L sowie genetischer Vielfalt) ist zukünftig von besonderer Tragweite für die gesamte Rassehundezucht. Wie ich weiß, besteht an einigen Laboratorien, die Universitäten angeschlossen sind, bereits die Möglichkeit, dass DNA-Analysen (auf eine DLA-Übereinstimmung) stattfinden, um die Struktur der Zuchtpartner in diesem genetischen Bereich vergleichend  zu untersuchen. DLA bedeutet Dog Leukocyte Antigen.

    Warum ist es so wichtig, dass gerade im Hundegenom und zwar speziell im MHC-Komplex eine hohe genetische Variabilität vorliegt?

    Diese speziellen MHC-Gene im Hundegenom haben nicht nur die Aufgabe, sich auf veränderte Umweltbedingungen einzustellen, was sie nur bei einer Heterozygosität (Variabilität) können, sondern sie halten das Abwehrsystem eines Organismus funktionstüchtig. Damit reagieren sie sofort auf Eindringlinge (Pilze, Bakterien, Viren). Das bedeutet, dass die Anzahl der Granulozyten (Phagozyten=Fresszellen) sich adäquat erhöht. Wenn das Immunsystem jedoch durch Homozygotierung der MHC-Gene (besonders durch Inzucht) nicht mehr dazu in der Lage ist, dann werden Eindringlinge nicht mehr erkannt, und es stellen sich beim Hund immer mehr Krankheiten ein, die auf ein geschwächtes Immunsystem hinweisen.
    Bewegung beim Freilauf hält fit und bedeutet
    für meinen Saluki-Rüden Lebensfreude pur
    (Foto ©M.Miekeley)
    Es ist demzufolge auf lange Sicht gesehen unerlässlich, dass bei  Rassehunden ein Zuchtprogramm zur gesundheitlichen Qualitätssicherung aufgestellt wird, so dass man auch Trägern von Erbkrankheiten kennt sowie Defektgene ermittelt und Marker für genetische Erkrankungen entwickelt. Das kann allerdings nur durch die Bereitschaft der Züchter/Halter geschehen, die Blutproben ihrer Hunde zur Verfügung stellen. Beim konsequenten Verfolgen dieser Vorgehensweise ist es dann möglich, Träger von Erbkrankheiten mit gesunden Hunden zu verpaaren, das wiederum der genetischen Vielfalt einer Rasse zugute kommt. Selbstverständlich muss das Procedere vom Verband mit Experten sorgfältig geplant und organisiert werden. Doch bis dahin sind grundsätzlich Outcross-Verpaarungen und Deckeinsätze mit alten Rüden, die einen höheren Zuchtwert als junge darstellen, zu favorisieren.

    Bei dem Verfolgen dieses Ansinnens (eine hohe genetische Vielfalt im Hundegenom) ist es geradezu selbstverständlich, dass Deckeinsätze von ein und dem selben Rüden (Superrüden) eingeschränkt werden. Das verlangt eine allgemeine Limitierung des Deckeinsatzes, um eine unnötige weitere Homogenisierung der gesamten Population zu verhindern.

    Wie lassen sich alle diese Ansprüche grundsätzlich realisieren?

    Es muss zuerst einmal ein Umdenken stattfinden, was Krankheit bedeutet! Anschließend sollte die Notwendigkeit erkannt werden zu handeln. Krankheit kann auch eine Chance sein, weil sie uns Menschen Möglichkeiten aufzeigt, gemeinsam neue Wege zu beschreiten. Sie ist aber auf keinen Fall ein Grund zur Diffamierung, weil jeder davon betroffen werden kann. Deshalb bietet sie uns eine Möglichkeit, zum Wohle unseres besten Freundes zusammen zu arbeiten. Packen wir es also an!

    Text   © Dr. Margrit Miekeley im Oktober 2010
    Fotos © siehe Hinweise

    www.meinewindhunde.de
    Miekeley@aol.com

    Hinweis:

    Eine detaillierte Literaturliste befindet sich unter dem vollständigen Artikel mit gleichem Titel.
     
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