Freitag, 28. August 2015

Dein Freund ist auch der Freund deines Hundes

Das könnte man aus einer im August 2015 veröffentlichten Studie aus Japan folgern (1). Professor Kazuo Fujita und sein Team vom Department of Psychology der Kyoto Universität untersuchen die Einbindung des Hundes in das soziale System des Menschen. Dazu entwarfen sie ein spannendes Experiment mit Hunden und deren jeweiligen Haltern.

Das Hilf-mir-Experiment

Der erste Teil: Herrchen oder Frauchen sollten aus einem Container ein Stück Müll herausholen. Dazu brauchten diese die Hilfe einer dritten Person. Hierfür stand ein Schauspieler im Versuchslabor. Herrchen oder Frauchen schauten diese Person lediglich hilfesuchend an. In der einen Versuchsreihe half diese Person, in der anderen dreht sich diese Person einfach nur weg und verweigerte so die Hilfe. Der Hund beobachtete diese Situation. Schließlich gab es noch eine Kontroll-Variante bei der ein Schauspieler sich lediglich umdrehte, ohne nach Hilfe gefragt worden zu sein.
Foto: Christoph Jung
Der zweite Teil: Nun führte man die Hunde und die Schauspieler zusammen, einmal den helfenden, das andere Mal den Hilfe verweigernden. Die Schauspieler boten dem Hund Leckerli an. Und das Erstaunliche: Die Hunde verweigerten die Annahme des Futters von dem Hilfe verweigernden Schauspieler, nicht aber von dem helfenden oder dem "neutralen" der Kontroll-Variante.

Hund erfährt soziale Beziehung unter Menschen als eigene

Dieses Experiment gibt einen bemerkenswerten Einblick in die enge soziale Verbundenheit des Hundes mit der Spezies Mensch. Der Hund hatte keinen Vorteil oder Nachteil aus einer der Variante der Aktionen. Für ihn sollte es eigentlich belanglos sein, ob jemand seinem Herrchen oder Frauchen hilft. War es aber nicht. Denn es war für die Hunde offenbar wichtig, wie ein anderer Mensch der eigenen menschlichen Bezugsperson gegenüber steht. Sie verweigern sogar die Annahme von Futter nur aus dem Grund, weil eine negative soziale Beziehung zur eigenen menschlichen Bezugsperson erlebt worden ist. Der Freund von Herrchen und Frauchen ist auch mein Freund, so scheint es der Hund zu sehen.
Eine uralte, enge Verbindung von Mensch und Hund im Überlebenskampf.
Foto: Christoph Jung
Diese auch im wissenschaftlichen Experiment nun bestätigte Erfahrung, kennen aufmerksame Hundehalter bereits. Dein Freund ist zugleich der Freund deines Hundes. Das kann allerdings Grenzen haben. Denn Hunde können eifersüchtig sein, ebenfalls inzwischen durch die Verhaltensforschung belegt (...und bis dato von der Wissenschaft als allein menschliche Fähigkeit beurteilt). Der Hund sieht sich in das soziale System des Menschen eingebunden und erfährt es als sein eigenes. Dies verwundert letztlich kaum, verfolgt man die mehr als 30.000 Jahre währende enge Verbundenheit dieser beiden Spezies im Überlebenskampf bereits seit der Altsteinzeit. Wir werden demnächst noch Erstaunliches zu dem Geheimnissen dieser Freundschaft veröffentlichen.


(1) Hitomi Chijiiwa, Hika Kuroshima, Yusuke Hori, James R. Anderson, Kazuo Fujita. Dogs avoid people who behave negatively to their owner: third-party affective evaluation. Animal Behaviour Volume 106, August 2015, Pages 123–127

Ein Artikel von Christoph Jung


Montag, 4. Mai 2015

Dokumentarfilm "Freund oder Feind"

Die Filmemacherin Ruth Stolzewski hat sich durch engagierte Videos zu den Missständen in der Hundezucht anhand der tödlichen, durch die Zucht als Seuche verbreiteten Herzkrankheit DCM beim Dobermann hervorgetan. Sie zählt zu den - leider - sehr wenigen Medien-Leuten, die wirklich ernsthaft für das Wohl unserer Hunde Partei ergreift und nicht lediglich schwülstiges Hundchen-Tata ablässt.

Nun bereitet sie ein neues Filmprojekt vor, für die sie um weitere Unterstützer wirbt. Zu einem auf Youtube veröffentlichten Vorschau-Video schreibt sie:

"Im Dokumentarfilm "Freund oder Feind" geht es um die ambivalente Beziehung zwischen dem Menschen und seinem ältesten Haustier, dem Hund. Der Hund ist der beste Freund des Menschen, aber ist der Mensch auch der beste Freund des Hundes? Oder sein schlimmster Feind?"

Ein ausgesprochen interessantes Thema!
Christoph Jung

Samstag, 25. April 2015

Der besondere Hundeblick

Der Blick unseres Hundes kann das Herz von Herrchen und Frauchen zum schmelzen bringen. Auch Hunde scheinen den Blick vertrauter Menschen zu mögen. Dabei vermeiden Hunde untereinander meistens, sich in die Augen zu schauen. Es gilt häufig als Provokation, als eher aggressiver denn emotional entspannender Akt. Auch bei Menschen untereinander hat das "in die Augen schauen" zwei Bedeutungen. Es kann eine Geste der Dominanz, der Ermahnung sein. Unter vertrauten Menschen ist es zumeist eine Geste der Zuneigung, des Vertrauens und Mittel zur Stärkung der Bindung. Dabei wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet.

Oxytocin nicht nur zum "kuscheln"

Oxytocin, 1906 von Henry Dale entdeckt, wird gemeinhin als "Kuschelhormon" bezeichnet. Tatsächlich ist es ein neurobiologisches Steuerungselement zur Stärkung der Bindung von Menschen und anderen Säugetier-Spezies untereinander, innerhalb ihrer jeweiligen Spezies. Es spielt für die Mutter-Baby-Bindung eine grundlegende Rolle, wie etwa von der schwedischen Physiologie-Professorin Kerstin Uvnäs-Moberg nachgewiesen wurde, die zugleich deren stressreduzierende Wirkung beschrieb. Oxytocin als Steuerungselement hat seine verbindende Bedeutung aber nur bei individualisierten Beziehungen von Menschen untereinander bis hin zur Größenordnung einer Kleingruppe. Bei einer großen Anzahl von Individuen wirkt es zugleich als innere Abgrenzung der eigenen Kleingruppe gegenüber Außenstehenden.
Foto: Christoph Jung
Mensch und Hund verbindet Besonderes. Für die meisten Hundehalter ist diese Feststellung nichts Neues, eine Selbstverständlichkeit. Sie entspricht der täglichen, langjährig erlebten Erfahrung, oft über Generationen hinweg. Die Wissenschaft ist da etwas vorsichtiger mit ihren Aussagen. Da müssen erst einmal belastbare Belege her. Lange Zeit haben es Wissenschaftler als melancholische Verklärung angetan, dem Hund eine besondere Stellung einzuräumen. Seit einigen Jahren wird die Mensch-Hund-Beziehung von verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen systematisch erforscht. Schritt für Schritt werden die Erfahrungen aus der Praxis des Zusammenlebens mit Hund bestätigt und wissenschaftlich untermauert.

Erfahrungen der Hundefreunde werden wissenschaftlich bestätigt

Dabei wurde nachgewiesen, dass in der Beziehung Mensch - Hund ebenfalls Oxytocin aktiv ist. So lässt das Streicheln des Hundes vermehrt Oxytocin ausschütten wie Untersuchungen in Italien und Südafrika zeigten. Das gilt besonders im Zusammenhang mit der Begrüßung des Hundes durch den Halter, wie Therese Rehn von der Uni Uppsala in Schweden erst kürzlich belegen konnte. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Studien, die eine entspannende, stressreduzierende Wirkung des Kontaktes von Mensch und Hund neurobiologisch nachweisen.
Foto: Christoph Jung
Japanische Forscher um Miho Nagasawa haben jetzt aktuell eine Studie veröffentlicht, die noch einen Schritt weitergeht. Erstmals wurde ein selbsterhaltender Oxytocin-basierter Regelkreis zwischen Mensch und Hund nachgewiesen. Wenn sich Hund und Halter, also vertraute Individuen, gegenseitig in die Augen schauen, so fördert das bei Beiden die Ausschüttung von Oxytocin. Die Forscher konnten nachweisen, dass eine oxytocinvermittelte Gefühls-Rückkopplung aktiv ist, die es ansonsten nur innerhalb einer Spezies, etwa unter vertrauten Menschen gibt. Hier wirkt zwischen Halter und Hund, also Vertretern zweier unterschiedlicher Spezies. Bei Wölfen, auch wenn sie vom Menschen handaufgezogen wurden, diesem also sehr vertraut sind, zeigt sich kein Oxytocinanstieg beim Blickkontakt. Zudem vermeiden selbst zahme Wölfe solchen Blickkontakt eher. Die Studie aus Japan ist der erste wissenschaftliche Nachweis eines zwischenartlichen selbsterhaltenden Oxytocin-Regelkreises überhaupt.
Foto: Christoph Jung
Die Wirkung von Mensch und Hund aufeinander ist einzigartig

Die Beziehung zwischen Mensch und Hund ist eine besondere. Sie hat sich in über 30.000 Jahren gemeinsamen Kampfs ums Überleben herausgebildet. Es ist eine Partnerschaft, die schon seit und mit ihrer Entstehung in der Altsteinzeit half, Stress abzubauen und zwar für Mensch und Hund resp. Wolf. Gemeinsam war man in den eiszeitlichen Mammutsteppen ein starkes Team. Weniger Stress im alltäglich Überlebenskampf bedeutete mehr Potential für die kreativen und kulturellen Fähigkeiten der Menschen, für deren Fähigkeit, größere soziale Strukturen mit Handel und Arbeitsteilung zu entwickeln. Auch die einzigartige Fähigkeit der Hundes, vielfältigste Aufgaben für den Menschen und in teils engster Teamwork mit dem Menschen zu übernehmen, hat hier ihre Wurzel.

29.000 Jahre alter Hundeschädel, dem man einen Mammutknochen ins Maul gelegt hat: "Dank an einen verdienten Jagdpartner?" fragen die Archäologen
(Anthropos Museum, Brno, mit freundlicher Genehmigung Mietje Germonpré)

Mehr als nur Selektion auf Zahmheit

Hormone wie Oxytocin, Serotonin oder Dopamin zeigen die tiefgehende Bedeutung der Bindung Mensch Hund bis auf neurobiologische Ebene an. Deren Wirkung wirft auch ein neues Licht auf die Entstehung und das Verstehen des Hundes. Sie erzählt uns viel mehr über den Menschen als bisher gedacht wurde. Und sie zeigt, dass die Entstehung des Hundes nicht allein aus genetischer Selektion zu erklären ist. Ein spannendes, bisher kaum erforschtes Kapitel auch der Menschheitsgeschichte. Zusammen mit der Neurologin Daniela Pörtl hat der Autor dieser Zeilen hierzu 2012 das Modell der aktiven sozialen Domestikation des Hundes vorgestellt.

Ein Beitrag von Christoph Jung, Diplom-Psychologe



Montag, 12. Januar 2015

Quo vadis Dobermann?

Unter diesem Titel hat Ruth Stolzewski ein Video zur Lage beim Dobermann veröffentlicht - knapp zwei Jahre nach ihrem ersten Video zum Dobermann. Auf Petwatch hatten wir mit einer kleinen Serie von vier Artikeln über den DCM-Skandal (dilatative Kardiomyopathie) im Verband für das deutsche Hundewesen (VDH) berichtet. Geändert hat sich leider (noch immer) nichts.

Tierschutzskandal

Der für die Zucht des Dobermanns verantwortliche Mitgliedsverein des VDH verweigert seit nunmehr Jahrzehnten die Realisierung eines Zuchtprogramms zur Zurückdrängung dieser tödlichen, erblich bedingten Herzkrankheit, die mittlerweile mehr als 50% der Zuchtpopulation erfasst hat. Es handelt sich um eine zuchtbedingte Seuche, die wissenschaftlich gut beschrieben und zudem unstrittig ist. Das widerspricht nicht nur diametral den Zuchtrichtlinien des VDH (Papier ist geduldig in der "einzig kontrollierten" Hundezucht), es ist vielmehr ein handfester Tierschutzskandal. Es zeigt, was von der realen Tierschutzsituation in Deutschland zu halten ist, wenn hier keine Institution eingreift und solche systematischen Taten zulasten des Wohls und der Gesundheit der Hunde ohne zivil- und strafrechtliche Konsequenzen bleiben.

Artikelserie bei Petwatch:

Skandal beim Dobermann - nur eine Spitze des Eisbergs

Zucht mit schwersten Erbkrankheiten, Zucht mit Merkmalen, die nur das Urteil "Qualzucht" erlauben, sind leider keineswegs ein Einzelfall mitten in Deutschland. Auf Petwatch wurden bereits zahlreiche Berichte veröffentlicht und - leider - hat sich dort genauso wenig zum Positiven verändert wie oben beschrieben beim Dobermann. Ganz im Gegenteil. So ist es gängige Praxis in der Hundeszene, dass Menschen, die auf Missstände in der Zucht hinweisen, nicht selten auf das Übelste diffamiert und verleumdet, teils sogar mit Gewalt bedroht werden. Positive Ausnahmen, wie etwa beim Leonberger, gibt es nur wenige. Unzählige einschlägige Berichte zu den verschiedensten Hunderassen erreichten und erreichen Petwatch. Die allermeisten Absender wollen - verständlicherweise aber leider - allerdings nicht an die Öffentlichkeit treten. Auch deshalb nochmal meinen Dank an alle Autorinnen und Autoren, die Artikel auf Petwatch veröffentlicht haben.

Der Shitstorm kommt so sicher wie die fehlende Antwort der Zuchtvereine/-verbände zur Sache.

Hier einige Beispiele von auf Petwatch öffentlich gemachten Missständen in der Zucht spezieller Hunderassen:

Ein Beitrag von Christoph Jung



 
Petwatch Blog