Samstag, 13. Juli 2019

Greyhounds rennen um ihr Leben

Greyhounds rennen um ihr Leben - das ist bitterer Ernst. Jedes Jahr werden alleine im EU-Staat Irland tausende gesunde Greyhounds im besten Alter getötet. Der einzige Grund: sie sind zu langsam. Dazu kommen noch unzählige Welpen und Junghunde, ebenfalls gesund abgeschlachtet. Wer in den Rennen keine Chance hat, auf das Treppchen zu kommen, wird kurzerhand gekillt - meist per Schuss aus der Hand eines Abdeckers.

5987 Greyhounds wurden 2017 getötet, einzig da zu langsam

Nicht weniger als 5.987 Greyhounds wurden alleine 2017 auf diese Art geschlachtet. Wie gesagt, einzig weil sie "versäumt hatten, die Qualifikation zu schaffen oder ihre Leistung zurückgegangen war".  So berichtet es die britische Tageszeitung "The Guardian" unter Bezug auf die Reportage "Greyhounds - Running for Their Lives" des TV-Senders RTÉ Investigates von Conor Ryan.
1000-facher Überschuss wird gezüchtet...

Der Bericht deckt zudem auf, dass die Hunde wohl regelmäßig massiv mit EPO (Erythropoietin) gedopt werden. Das geht zuweilen so weit, dass "ihr Blut wie Sirup sei" - so ein Tierarzt. Zudem sei es üblich, dass ein massiver Überschuss gezüchtet wird. Laut der Doku werden 1.000% mehr Welpen gezüchtet, als die Rennindustrie braucht. So haben diese Profithaie auf dem Rücken der Hunde eine riesige Auswahl, um die erfolgversprechendsten Exemplare auszusieben. Die "restlichen" 999, die für diese Industrie genau wie die "alten" Ausgemusterten keinen Wert darstellen, werden schlicht beseitigt.

Bei dem ganzen Abschlachten sprechen wir noch lange nicht von der artgerechten Qualität des Lebens der nicht getöteten Champions, die es für ein paar Jahre auf das Treppchen geschafft haben. Und wir sprechen noch nicht einmal darüber, wie selbst solche Champions im jungen "Alter" euthanasiert werden. Manche der entsorgten Greyhounds trifft es noch schlimmer. Sie werden als Vieh nach China exportiert, berichtet Conor Ryan.
...um die meisten auszusortieren und abzuschlachten

Das irische Landwirtschaftsministerium fördert dieses systematische Tiermassaker auch noch, indem es dem Irish Greyhound Board in diesem Jahr 16,8 Millionen Euro zur Verfügung stellt, so die Doku. Bereits 2009 hatte ich im "Schwarzbuch Hund" auf solche Praktiken hingewiesen wie darauf, dass die EU die irische Greyhound-Industrie mit unseren Steuergeldern auch noch subventioniert - wissenden Auges. Auch in Großbritannien sollen jedes Jahr tausende Greyhounds abgeschlachtet werden, wenn sie keine Erfolge, sprich Profite im Renn- und Wettbusiness versprechen. Die Politiker und Behörden der EU sowie der betroffenen Mitgliedsländer wissen ganz genau und seit Jahren um diese systematischen Verbrechen. Auch bei meiner Teilnahme als Experte an den Beratungen und Anhörungen zur Novellierung des Tierschutzgesetzes in Berlin habe nicht nur ich dieses Thema explizit angesprochen. Doch bei den sonst so "menschlich" auftretenden Politikern gilt hier das Prinzip der drei Affen.
Von der EU geförderte Tierquälerei

Die EU, die ansonsten von einem Regulierungswahn getrieben ist, jeder Gurke ganze Aktenordner an Bürokratenkauderwelsch widmet, sich in jede Ritze des Lebens einmischen will, hat beim Thema Tierschutz meterdicke Scheuklappen vor den Augen. Dem Wohl unserer Hunde widmet die EU kaum ein Zeile. Dabei wäre es ein leichtes, Verordnungen zu erlassen, die Basics des Zuchtgeschehens regeln und Mindeststandards verbindlich machen. Auch zum Thema Qualzucht wäre dies längst angebracht.

Windhunde, Schlittenhunde, Profitgeräte

Diese Brutalität des Menschen im Umgang mit seinem "besten Freund" betrifft längst nicht nur die Windhunde. Auch bei Schlittenhunden sind im Business-Bereich ähnliche Praktiken üblich. Hunde, die jahrelang treue Dienste beim Ziehen der Schlitten verrichtet haben, werden von erfolgsgeilen Musher zum Ende der Saison kurzerhand erschossen, wenn sie für die kommende keinen Erfolg versprechen. Das betrifft nicht die vielen Amateure dieser so wunderbaren Sportarten wie Hundeschlittenfahren, Coursing oder Windhundrennen. Doch im professionellen Leistungssport, wenn es um viel Geld und die Siege bei den großen Rennen wie dem Iditarot in Alaska geht, sieht das anders aus. Auch manche Anbieter von Schlittenhundeausfahrten für Touristen handeln zuweilen nach diesem abscheulichen Muster. Bekannt wurde der Fall des kanadischen Anbieters "Outdoor Adventures Whistler", der - wie berichtet wurde - seine Mitarbeiter zwang, wegen schleppenden Geschäfts 100 Schlittenhunde mit dem Revolver zu entsorgen.

3.000 bis 4.000 Hunde werden in Deutschland bei Tierversuchen getötet - jedes Jahr

Es ist ein einzige Schande für die Spezies Homo sapiens, wie hier mit unseren treuen, nicht-menschlichen Partnern umgegangen wird. Doch bevor wieder ein deutscher Tierschützer arrogant mit dem langen Finger auf andere Länder zeigt: In Deutschland werden jedes Jahr zwischen drei- und viertausend Hunde bei offiziell zugelassenen Tierversuchen getötet - ganz legal. Diese Zahlen werden von der Bundesregierung schamhaft-dreist unter der Rubrik „Tierschutz“ verwaltet (BMFEL 2018). Diese Hunde werden vielleicht unter Aufsicht eines Veterinärs getötet, aber warum - und mit welchem Recht?

Ein Kommentar von Christoph Jung

Zur Geschichte des Greyhounds und der Koevolution von Mensch und Hund ganz allgemein sehr empfehlenswert: Greyhound Nation von Edmund Russell (leider nur in English):


Die Fotos sind Screenschots aus dem TV-Bericht von "Greyhounds - Running for Their Lives" des TV-Senders RTÉ Investigates





Dienstag, 14. Mai 2019

Qualzucht - warum wir unsere Lieblinge quälen

Qualzucht - warum wir unsere Lieblinge quälen, so titelt ein Artikel von Daniela Pörtl und mir in "TIERethik - Zeitschrift zur Mensch-Tier-Beziehung", der im Mai 2019 erschienen ist. Wie kann es sein, dass ein Mops sein Leben lang röcheln muss, einzig weil wir Menschen ihm ein allzu plattes Gesicht angezüchtet haben? Atemnot - sozusagen just for fun. Fun des Menschen, versteht sich. Es gibt keinerlei anderen Grund als eben die Modevorstellungen des heutigen Menschen. Es sind einzig die angeblichen "Liebhaber", die dafür sorgen, dass Mops, Bully, Bulldog & Co ihr Leben lang leiden müssen. Zugleich lieben Herrchen und Frauchen ihren Mops, die meisten zumindest. Kein Wunder. Sind Mops & Co doch äußerst herzige, liebevolle und charmante Begleiter. Eigentlich die idealen Gefährten und Freunde. Tolle Kumpels. Dasselbe gilt für die französischen Bullys, den englischen Bulldog, Pekinese und die anderen Plattnasen.

Qualzucht boomt

Ich habe hier auf Petwatch seit mehr als zehn Jahren immer wieder auf die Missstände in der Rassehundezucht hingewiesen. Diese gehen weit über die bekannten Probleme bei den Plattnasen hinaus. Sie betreffen drei bis vier dutzend Hunderassen. Auch solche, denen man es nicht ansieht wie den Dobermann. Oder das Thema Merle. Die Zucht mit Merle boomt ebenfalls. Das Defektgen erzeugt neben Blind- und Taubheit auch so "schöne" gescheckte Farben wie sei nicht nur beim Aussie so beliebt sind. Oder die blauen Augen, angeblich typisch beim Husky. Nur die Inuit züchteten nie mit blauen Augen. Diese machten die Hunde im grellen Licht des Schnees nur blind.

Die Probleme sind Politik und Behörden hinlänglich bekannt. Spätestens seit dem Qualzuchtgutachten im Auftrag der Bundesregierung. Das war 1999. Ist also 20 Jahre her. Getan hat sich nichts. Oder doch: Es ist noch schlimmer geworden. Die Probleme sind auch der Öffentlichkeit und besonders den Hundeleuten hinlänglich bekannt. Spätestens seit dem Dortmunder Appell für eine Wende in der Hundezucht und der BBC-Doku Pedigree Dogs Exposed. Das war um 2009.

Was hat sich getan: Viel Tierschutzgelabere

Getan hat sich nichts. Im Gegenteil. Die Qualzucht nimmt weiter zu. Qualzucht lohnt sich. Die Hundeleute finanzieren Qualzucht als hätten sie noch nie etwas davon gehört. Plattnasen boomen. Die französische Bulldogge erobert sogar in vielen Ländern - so in Großbritannien - den Thron des beliebtesten Hundes. Und wenn es nicht gerade eine Plattnase ist: Puppy Mills und Hinterhofzuchten boomen ebenfalls. Der Marktanteil der seriösen Zucht sinkt rapide und das seit Jahren stetig. Der heutige Hunde-Konsument bestellt seinen Welpen vom heimischen Sofa per Internet. Billig sollte er auch noch sein; idealerweise binnen Tagen frei Haus geliefert. Eine Untersuchung britischer Tierärzte belegt, dass exakt die Käufer von Plattnasen die bequemsten sind. Sie ordern überdurchschnittlich oft ihre Welpen per Mouse-Click, interessieren sich nicht für die Eltern, erfragen nicht einmal basale Gesundheitsdaten. Die Autoren der Studie fordern Konsequenzen, wenn nötig sogar gesetzliche: „Es bedarf gezielterer pädagogischer Maßnahmen, um die Einstellung der Käufer zu ändern, und wenn dies ineffektiv ist, können andere direktere Mechanismen (z. B. Rechtsvorschriften) erforderlich sein, um das Wohlbefinden der Hunde zu schützen.“ (Packer et al. 2017)

Warum quälen wir, was wir lieben?

Aber warum tun wir das? Ansonsten kultivieren wir gerade in Deutschland das Selbstbild des vorbildlichen Welttierschützers. Ein selbstgerechtes, ja peinliches Selbstbild, das wir da pflegen - möchte ich sagen. Ich möchte trotzdem behaupten, dass die meisten Halter ihre Plattnase oder ihren Hund vom Vermehrer lieben. Selbst wenn sie diese billig und mit fragwürdigen "Papieren" aus zwielichtiger Quelle - sprich wissend - vom Vermehrer gekauft haben. Das sollte Anlass genug sein, einmal die Motive anzuschauen, die hinter solch zwiespältigem Handeln stecken.

Demonstration der Güte seines Menschen

Bei der Hundehaltung schwingt viel mehr mit als nur die "Liebe zum Tier". Hunde sind sehr oft auch Repräsentationsmittel. Sie dienen als erweitertes Ich. Sie werden als narzisstische Erweiterung des Selbst, zur Selbstaufwertung (Maaz 2014) oder symbolischen Selbstergänzung genutzt (Wicklund & Gollwitzer 1982), besser missbraucht. Das betrifft nicht nur den so genannten Kampfhund, der als Rückgrat-Prothese für ein Herrchen dienen soll, das es goutiert, wenn Leute aus Angst die Straßenseite wechseln. Teure und skurrile Hunde bezeugen, dass auch Herrchen und Frauchen etwas Besonders sind. Überhaupt sollte es extrem und möglichst selten sein. Der Marktwert des Hundes wertet den Wert des Halters auf. Vornedran im Trend ist der Hund als Testimonial des Guten. Der Vierbeiner als Demonstration für die leibhaftige Güte seines Zweibeiners, für den Hüter der Moral am anderen Ende der Leine. Mindestens zweimal aus der Tötungsstation gerettet und dreibeinig sollte er schon sein. Eine schaurige Geschichte des Erbarmens, die man dann erzählen kann. Der einzige wahre, erlaubte Grund der Hundehaltung ist gleich obendrauf definiert. Die PC der Hundeszene.

Der Hund wird zum Konsumobjekt 

Der Hund wird immer mehr zum Konsumobjekt und zur Ware. Er dient der narzisstischen Selbstaufwertung in alle Richtungen. Er wird missbraucht für das zweibeinige Ego. Er dient zur Realisierung traumhafter Profite. Immerhin mit einem Volumen von 5 Milliarden. Kein Markt in der EU ist so völlig unreguliert wie Hundezucht und -handel. Die Produkte dieser unkontrollierten Vermehrung füllen die Wartezimmer und Kliniken der Veterinäre. Sie garantieren den Absatz der Vetpharma- und Diätfutterindustrie. Traumatisierte Waren des EU-weiten Hundehandels sichern die Existenz von Hundetrainern und -psychologen.

Mit solchen Feststellungen macht man sich in der Hundeszene nicht immer beliebt. Es kratzt am bequemen, selbstgefälligen Image der Tierliebe und des weltweiten Tierschutzvorbilds. Es strengt an, ist nicht so leicht zu konsumieren wie eine Rütter-Show. Ich meine, wir sollten mal ernsthaft drüber nachdenken. Kritisch in den Spiegel unserer Hundeliebe schauen. Freundschaft funktioniert nur auf Basis ehrlicher Gefühle. Der Hund trägt solch ehrliche Gefühle uns Menschen gegenüber. Er hätte die unseren allemal verdient. Mit der Degradierung unseres besten Freundes zu einem Konsumobjekt schaden wir nur uns selbst und unsere eigenen Psyche. Wir können nur gewinnen, nähmen wir die Fürsorge für unsere Hunde wirklich ernst.

Literatur

  • Bartels, T. & Wegner, W. (1998). Fehlentwicklungen in der Haustierzucht. Stuttgart: Enke 
  • Bartels, T. et al. (1999). Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qual-Züchtungen). Berlin: BMVEL 
  • Jung, C. (2018). Schwarzbuch Hund: Qualzucht, Hundehandel, Futterschwindel Norderstedt: BoD.  
  • Jung C., Pörtl D. (2019). Qualzucht - warum wir unsere Lieblinge quälen. TIERethik - Zeitschrift zur Mensch-Tier-Beziehung 01/2019 (leider wird in der abgedruckten Version des Artikels ungefragt eine Gender-Sternchen-Schreibweise, die die deutsche Sprache entstellt)
  • Maaz, H.J. (2014). Die narzisstische Gesellschaft: Ein Psychogramm. dtv
  • Ohr, R. (2014). Heimtierstudie „Wirtschaftsfaktor Heimtierhaltung“: Zur wirtschaftlichen Bedeutung der Heimtierhaltung in Deutschland. Göttingen.
  • Packer, R. M. A., Murphy, D., Farnworth, M. J. (2017). Purchasing popular purebreds: Investigating the influence of breed-Type on the pre-purchase motivations and behaviour of dog owners. Animal welfare 26 191-201.
  • Wicklund, R. A. & Gollwitzer, P. M. (1982). Symbolic self-completion. Hillsdale, N.J.: Lawrence Erlbaum

Ein Artikel von Christoph Jung

Freitag, 16. November 2018

Auf den Müll mit der Theorie von der Domestikation des Hundes auf der Müllkippe

Daniela Pörtl und Christoph Jung im Interview mit Professor Dr. Marc Bekoff auf Psychology Today unter dem Titel: "Dumping the Dog Domestication Dump Theory Once and For All".

Anlass: Im Oktober veröffentlichten wir in einem wissenschaftlichen Magazin den Artikel "Scavenging Hypothesis: Lack of Evidence for Dog Domestication on the Waste Dump". Dort weisen wir nach, dass die von Ray Coppinger und anderen Wissenschaftlern verbreitete These von der Domestikation des Hundes als Aasfresser auf den ersten Müllkippen des Menschen auf sehr wackeligen Füßen steht und keinerlei Belege für ihre Richtigkeit vorlegen kann. Hierzu bat uns Marc Bekoff um ein ausführliches Interview für Psychology Today, das wir hier auf Deutsch in kurzen Auszügen wiedergeben wollen:

(Bekoff) Warum habt ihr diesen Artikel geschrieben und wie steht er in Verbindung zu euren anderen Forschungsinteressen?

(Pörtl) Ich bin mit Hunden aufgewachsen und durfte die Erfahrung machen, dass Hunde mir Liebe und Geborgenheit und somit eine sichere emotionale Basis in einem unsicheren familiären Umfeld geben konnten.

(Jung) Schon seit meinem 14. Lebensjahr habe ich regelmäßig im Supermarkt, als Postbote und Fabrikarbeiter mein eigenes Geld verdient. Von diesem Geld habe ich mir die teuren wissenschaftlichen Bücher und Zeitschriften über Säugetiere und besonders Hunde und Katzen gekauft. Seit meiner Kindheit hat es mich fasziniert, das Geheimnis der Mensch-Hund-Beziehung zu ergründen. Ich hatte dann das Glück bei Professor Bergler in Bonn zu studieren, der diesen Wissenschaftszweig in Deutschland aufgebaut hat. Zusammen mit Daniela Pörtl konnten wir dann unsere Vorstellungen höherentwickeln und haben 2012 unser Modell von der "Aktiven sozialen Domestikation des Hundes" veröffentlicht.

Es gibt zwei gegensätzliche Ansichten vom Hund. Coppinger und die Vertreter der Aasfresserhypothese sehen sein natürliches Wesen als Schmarotzer im menschlichen Umfeld vergleichbar mit Ratten und Stadttauben (Coppinger 2016, S.224). Wir sehen Hunde als echte (Arbeits-)Partner und Freunde, die zudem einen maßgeblichen, aktiven Anteil an unserer Evolution hatten. Dazu haben wir an die Ideen von Michael Derr (2012) und besonders Wolfgang Schleidt und Mike Shelter (1998, 2003, 2018 - siehe Links unten) angeknüpft.
Wir haben einige Punkte neu in die Forschung zur Entstehung des Hundes eingeführt wie:
  • Die Bedeutung der psychischen und neurobiologischen Mechanismen
  • Die zentrale Rolle des zusammen Arbeitens von Mensch und Hund
  • Die Einführung der Epigenetik 
  • Die strenge multi-disziplinäre Herangehensweise

Minnie und Prof. Dr. Marc Bekoff (Credit Tom Gordon)
(Bekoff) Ihr vertretet einen breiten multidisziplinären Ansatz.

(Jung) Ein solch komplexes Wesen wie den Hund kann man nicht mit Blackbox-Versuchen im Labor oder DNA-Analysen verstehen. Wir brauchen beides, aber noch viel mehr. Zu allererst müssen wir die Evolution und Gesellschaftsstrukturen des Menschen verstehen. Das einmalige Phänomen des Hundes ist, dass er sich aktiv in unsere Sozialität eingebunden hat.

(Pörtl) In den letzten 150 Jahren wechselte der Hund von der Arbeit in der Produktion zu der für unser psychisches Wohlbefinden. Durch die einzigartigen psychischen Ähnlichkeiten, können wir positive gesundheitliche Effekte durch die Mensch-Hund-Beziehung feststellen. Neueste Forschungsergebnisse sehen in einem Absinken des Cortisol-Spiegels und Anwachsen bei Serotonin und Oxytocin den Grund für diesen Effekt. Aber die interspezifische soziale Bindung zwischen Menschen und Hunden begann bereits in der Altsteinzeit. Um die Domestikation des Hundes als einen aktiven sozialen Prozess zu verstehen, müssen wir uns mit dem sehr ähnlichen sozialen Verhalten von Wölfen und Menschen und der zugrunde liegenden Neurobiologie beschäftigen. Es ist ein komplexes Geflecht. Daher brauchen wir den interdisziplinären Ansatz.

Das s.g. Domestikations-Syndrom bei Hunden und anderen Säugetieren zeichnet sich durch reduzierte Angst und eine Art Hypersozialität gegenüber Menschen aus. Wir sehen ein Herunterregeln der Stressachsenaktivität sowie eine gestärkte Aktivität der cross-regulierten Serotonin und Oxytocin Beruhigungssysteme sowie eine verstärkte Hemmung im Frontalhirn im Hintergrund. Wir haben also mit neurobiologischen Strukturen zu tun; die wiederum werden durch genetische, epigenetische, Umwelt- und soziale Faktoren geformt. Diese Mechanismen haben genauso bereits bei den Wölfen und Menschen in der Altsteinzeit gewirkt. Wenn wir dann noch wissen wie unsere Ahnen damals gelebt haben, wie die Umweltbedingungen waren, können wir so ein stückweit in diese Zeit hineinschauen.

(Bekoff) Welche neuen interdisziplinären Erkenntnisse sind wichtig, die Domestikation des Hundes als einen aktiven sozialen Prozess von beiden Seiten zu verstehen?

(Pörtl) Stress zeigt sich als wichtiger Faktor, der das Verhalten und die Hirnfunktionen stark beeinflusst. Ein reduziertes chronisches Stressniveau stärkt unsere Hirnfunktionen und das soziale wie kognitive Lernen. Über Hormonfunktionen erhöht das letztlich unsere Fähigkeit zu Empathie und prosozialem Verhalten. Hunde gähnen, wenn ihre Menschen gähnen und das korreliert sogar damit, wie eng die soziale Bindung untereinander ist. Das gilt auch für die Spiegelneuronen. So konnten die Wölfe der Altsteinzeit mit den Jägern und Sammlern gleiche neuronale Abbildungen entwickeln. Neueste fMRI-Studien bestätigen dieses Bild. Menschliche Mütter zeigen ähnliche Aktivitäten im Gehirn wenn sie ihr eigenes Baby sehen wie ihren eigenen Hund. Ähnliches sehen wir bei Hunden, die ihren Besitzer riechen. Diese ganzen Veränderungen müssen schließlich in den Genen abgebildet werden. Hier geht es nicht um einzelne Gene. Es zeigt sich, dass wir es mit einem polymorphen Geschehen zu tun haben, das möglicherweise schon in der Neuralleiste angelegt ist.

(Bekoff) Was sind die neun Annahmen der Dump / Scavenging-Hypothese und warum werden die Prämissen der Scavenging-Modelle nicht durch die Forschung unterstützt?

(Jung) Jeder einzelne unserer 9 Punkte baut auf robuste Belege aus vielen Disziplinen, die in unserem Artikel genau aufgeführt sind. Sie zeigen, dass die Annahmen der Scavenging-Modelle nicht durch Forschungsergebnisse unterstützt werden. Hier unsere 9 Argumente in aller Kürze:

1. Der Zeithorizont in dem die Domestikation des Hundes begann
Die Aasfresser-Hypothese verortet die Entstehung des Hundes auf vor 8.000 Jahren (Coppinger, 2016, Page 220), als die Epoche der Agrarwirtschaft begonnen hatte und mit ihr die ersten Müllkippen mit Nahrung entstanden. Es gibt genug Belege, dass Hunde sehr viel älter sind, 25.000 bis 40.000 Jahre. Zumindest sind sich Archäologen, Paläontologen und die anderen Wissenschaftsdisziplinen einig, dass der erste gesichert Hund mindestens 15.000 Jahre alt ist. Dazu muss man bedenken, dass eine Fossilie, die eindeutig als Hund identifizierbar ist, nur das späte bereits im Knochenbau dokumentiere Ergebnis der Domestikation ist, lange nicht deren Beginn. Allein diese Altersbestimmung macht Coppingers Modell unhaltbar.

2. Die Menschen der Altsteinzeit produzierten keine Müllhalden aus Nahrung
Sie nutzen alles von ihrer Beute für Nahrung, als Kleidung, als Werkzeuge, Baumaterial und Brennstoff. Es war noch keine Wegwerfgesellschaft. Wenn einmal Nahrungsreste zuviel waren, wurden diesen bestimmt nicht in der Nähe des Lagers deponiert, gerade um eben keine Beutegreifer anzulocken. Altsteinzeitliche Müllhalden aus Nahrung nahe der Camps sind schlicht ein Märchen.

3. Und selbst wenn
es solche Müllhalden gegeben hätte, so wäre es nie genug gewesen, die Gründungspopulation einer neuen Art zu ernähren. Die altsteinzeitlichen Clans bestanden aus 20 bis 50 Individuen. Die Bevölkerungsdichte in der Eiszeit war extrem niedrig. Allein dieser Fakt macht die fundamentale Annahme, dass die Natur des Wolfs durch "Gruppenjagd auf Huftiere" und dagegen die des Hundes als "Fresser menschlichen Mülls" zu charakterisieren sei (Marshall-Pescini et al., 2015, S.83) unhaltbar.

4. Anpassung an stärkehaltige Nahrung kam viel später als von der Scavenging-Theorie gefordert
Die Scavenging-Theorie legt zugrunde, dass die Hunde auf den Müllhalden entstanden seien, die nach dem Übergang zur Agrarwirtschaft entstanden (Coppinger, 2016, S. 43). Tatsache ist, dass Hunde sehr viel später, ganz unterschiedlich und bis heute teils immer noch nicht an stärkehaltige Nahrung angepasst sind. Nordische Hunderassen sind bis heute kaum an stärkehaltige Nahrung angepasst, sogar weniger als manche Wölfe.

5. Warum Wölfe und nicht Füchse
Die Aasfresser-Vertreter argumentieren, dass der Wolf die vorgeschichtlichen Müllkippen am Rande der Siedlungen besetzt hätte und sich dort durch Mutation und Selektion selbst domestiziert habe. Wenn das so funktioniert hätte, warum aber nicht auch bei Fuchs, Hyäne, Bär, Dachs oder Schakal? Bär und Fuchs lieben es noch heute, in Mülltonnen und auf Müllkippen nach Fressbarem zu suchen. Füchse lassen sich sehr gut zähmen wie im sibirischen Farm-Fox-Experiment bewiesen. Füchse sind im Gegensatz zum Wolf keine potenzielle Gefahr für Menschen im Lager, besonders Kinder. Der Wolf war ein gefährlicher Wettbewerber, der Fuchs nicht. Doch weder Fuchs noch Bär wurden je domestiziert - zu keiner Zeit in keiner Kultur. Auch hierfür bleiben uns die Vertreter des Aasfresser Modells eine Erklärung schuldig.

6. Belege für prähistorische Arbeitshunde
Auf gut 9.000 Jahre wird das Alter der Hunde geschätzt, die auf Zhokhov Island im Norden Sibiriens zusammen mit den Resten eines Schlittens gefunden wurden. Sie konnten klar in zwei Rassen eingeteilt werden: 7 als Schlittenhunde wie der heutige Husky und 2 als Helfer für die Bärenjagd wie heutige Grönlandhunde. Es gibt etliche weitere Belege für so etwas wie Hunderassen, die tausende Jahre alt sind: Jagd-, Schlitten-, Kriegs-, Hüte-, Wachhunde. Solche Hunde wachsen nicht auf Müllkippen. Der Verweis der Aasfresser-Vertreter darauf, dass heute weltweit die Mehrheit der Hunde als Streuner lebt, tut nichts zur Sache. Die Mehrheit der Menschen lebt heute auch in MegaCities und ernährt sich aus industrieller Massentierhaltung. Gleiches gilt für das Argument, Hunderassen seien eine Erfindung der Neuzeit, weil es vorher noch keine Rassestandards und keine Pedigrees gab. Mal abgesehen davon, dass speziell die Jagdhunde des Hochadels schon seit Jahrhunderten nach solchen Vorgaben gezüchtet werden, müsste man so auch argumentieren, dass verschiedene Kohl- oder Getreidesorten erst entstanden seien, nachdem die EU ihre Normen hierfür festgelegt hatte.

7. Ehre für einen Aasfresser?
Aus allen Kulturen und zu allen Zeiten sind ehrenvolle Gräber für Hunde und teils gemeinsame mit ihren Menschen belegt. Das älteste ist 14.200 Jahre alt, Doppelgrab Bonn-Oberkassel. Es macht viel Arbeit, mit Steinwerkzeugen ein Grab auszuheben. Würde man einem schmarotzierenden Aasfresser, der am Rande der Lager herumlungert, soviel Ehre erweisen?

8. Kooperation oder Konkurrenz
Unser heutiges Bild vom "bösen" Wolf ist geprägt von einer Darstellung als Bedrohung. Der Wolf wurde in fast ganz Europa ausgerottet. Um zu überleben, musste er sehr scheu werden, den Menschen meiden. Das ist das heutige Bild. Im hohen Norden Kanadas sehen wir andere Wölfe. Die Arktischen Wölfe auf Ellesmere oder Baffin Islands haben keine Angst vor Menschen, sind neugierig und am Kontakt zu Menschen interessiert, akzeptieren sogar einzelne Menschen als Rudelmitglieder.

9. Der Wolf als Freund bei Naturvölkern
Diese Beobachtung passt zu den Berichten heutiger Naturvölker wie in Sibirien oder Nord-Amerika. Diese sprechen mit Respekt vom Wolf als Bruder, Begleiter, Lehrmeister. Wölfe werden als Heilige oder Begleiter von Heiligen geehrt. Dasselbe gilt für deren Erzählungen und Sagen. Es gibt keine Berichte von Wölfen oder Hunden als Aasfresser oder Streuner am Lager.

(Bekoff) Welche Hypothese unterstützt ihr?

(Pörtl) Wir denken, dass das kooperative und hoch soziale Verhalten früherer Wölfe und Menschen einer der Hauptgründe für die Entstehung des Hundes ist. Wilde Wölfe lebten im Wettbewerb mit Menschen und genau das ist der Grund warum sie sich immer wieder bei der Jagd oder am Riss trafen. Dabei war es ihnen aufgrund ihrer ähnlichen sozialen Struktur möglich, zwischenartliche Kommunikation aufzubauen, wohl anfangs, um das Risiko für Verletzungen zu mindern. Mit der Zeit erlaubte dies den Aufbau einer mutualistischen Kooperation bei der Jagd oder der Aufzucht der Jungen. So wurde für beide ein evolutionärer Vorteil geschaffen. Wir schlagen daher die Hypothese von der "Aktiven sozialen Domestikation des Hundes" (ASD). Wir vermuten zudem, dass ASD ein epigenetischer Effekt ist, der die Wechselwirkungen der HPA-Stressachse und Beruhigungssysteme im Gehirn verändert.

Domestikation beschreibt ein Verhältnis zwischen Menschen und Tieren, das zu Veränderungen im Aussehen und Verhalten führt. Das Domestikationssyndrom entwickelt sich sehr schnell und vielfältig und kann nicht allein durch Selektion und Mutation erklärt werden. Daher sehen wir eine epigenetische Runterregulation der Stressachse als Schlüsselelement zur Regulierung der Serotonin-, Oxytocin-Systeme und der zentralen Hemmung im Gehirn. Diese epigenetischen Veränderungen werden bereits in der Kindheit programmiert. Auf diese Art konnten die Individuen der Wolf-Mensch-Clans weniger aggressiv und weniger scheu untereinander werden und ein freundschaftliches interspezifisches Verhalten innerhalb der Gruppe entwickeln. Dabei bleib die defensive Aggression gegen die Out-Group erhalten. Die soziale Kompetenz wurde gehoben, die Lernfähigkeit ebenso. So entstanden Wille und Fähigkeit, zusammen zu arbeiten als eine Form der aktiven Partnerschaft von Mensch und Hund. So half der Hund dem Mensch in allen Berufen. Das verbindet. Auch heute noch wirken diese Mechanismen und produzieren die positive Wirkung des Hundes auf unsere Psyche und Gesundheit.

(Bekoff) Welche zukünftige Forschung ist nötig, um mehr Licht auf die Domestikation des Hundes zu werfen?

(Jung) Wir brauchen mehr Forschung zur gemeinsamen Evolution und Geschichte in der Steinzeit, Antike und auch heute. So wird oft unterstellt, Hunderassen seien ein Phänomen des Victorianischen Zeitalters. Aber das ist keineswegs so. Es gibt klare Beweise für eine sehr viel ältere Hundezucht. So hatte der Hochadel große Zuchtstätten, um die besten Hunde für die verschiedenen Jagdmethoden zu züchten. Ein sehr gezieltes Züchten mit Standard und Zuchtbüchern über Jahrhunderte hinweg. Selbst das 2.400 Jahre alte Buch "Kynegetikos" des Griechen Xenophon kann man als Liste von Rassestandards und Zuchtanweisungen verstehen. Ferner würde ich es mir wünschen, wenn das Fach "Kynologie" wieder als eigenständige Disziplin an den Universitäten eingeführt würde.

(Pörtl) Aus meiner Sicht ist es notwendig, die neurobiologische Forschung zu intensivieren, besonders fMRI-Studien und die Erforschung von epigenetischen Methylierungsmustern im Gehirn. Wir wissen heute, dass sogar einzelner akuter Stress wie auch chronischer Stress die Genfunktionen verändern kann und die Retrotransponder im Gehirn reguliert. Das kann auch zu strukturellen genetischen Veränderungen im Sinne von Evolution und Anpassung des individuellen Organismus führen.

(Bekoff) Gibt es noch etwas, was ihr dem Leser sagen wollt?

(Jung und Pörtl) Georges de Cuvier, Begründer der modernen Zoologie, beschreibt es so:

Der Hund ist die merkwürdigste, vollendetste und nützlichste Eroberung, welche der Mensch jemals gemacht hat. ... Vielleicht ist er sogar notwendig zum Bestand der menschlichen Gesellschaft.“ (Animal Kingdom, 1817 S.90) 

Diese vor 200 Jahren aufgeschriebenen Worte sind weise und wirklich wahr. Die Freundschaft von Mensch und Hund ist ein großes Geschenk. Wir haben die Chance unser eigenen Wohlbefinden zu verbessern. Aber wir müssen Fürsorge für die Hunde tragen und sie mit Respekt als unsere Partner und Freunde verstehen, nicht als so genannte Aasfresser, um den menschlichen Müll herumlungernd als deren angeblich natürlicher ökologischer Nische.
*****

Mit freundlicher Genehmigung von Marc Bekoff / Psychology Today. Hier der Link zum Original Interview:
https://www.psychologytoday.com/us/blog/animal-emotions/201811/dumping-the-dog-domestication-dump-theory-once-and-all

zur Vertiefung:


Sonntag, 14. Oktober 2018

Schwarzbuch Hund: Qualzucht, Hundehandel, Futterschwindel

Ende 2008 erschien die erste Ausgabe von Schwarzbuch Hund. Damals mit dem Zusatz: Die Menschen und ihr bester Freund. Seither wurde ich etliche Male im TV, Radio und für Zeitungen interviewt. Das Thema Qualzucht, die Missstände in Zucht und Hundehandel sind inzwischen zu einem Standardthema der Medien geworden. In letzter Zeit wurde ich immer wieder gefragt, was sich seither getan habe. Es kam die Bitte, dass ich das Schwarzbuch auf aktuellen Stand bringen solle. Das habe ich nun getan.
Christoph Jung - Schwarzbuch Hund: Qualzucht, Hundehandel, Futterschwindel
Nun ist die 4.Auflage von Schwarzbuch Hund erschienen, heute mit dem Zusatz:  Qualzucht, Hundehandel, Futterschwindel. Es ist im Grunde ein neues Buch geworden. Nicht, dass ich irgendeine Aussage von damals zurücknehmen müsste. Ganz im Gegenteil. Die Aussagen bestanden jeden juristischen Test. Ob Züchter oder ganze Zuchtvereine (darunter auch ein großer im VDH), sie drohten mit Rechtsanwälten und Abmahnungen in gleich mehreren Dutzend. Nicht ein einziges Mal musste ich etwas auch nur korrigieren. Die zahlreichen Rechtsstreite, die mir aufgezwungen wurden, habe ich sämtlich zu 100% gewonnen. Es war aber zermürbend. Noch zermürbender waren die Beleidigungen, Verleumdungen und Bedrohungen, die ich ertragen musste und bis heute immer wieder ertragen muss - phasenweise täglich. Doch es gibt für mich keine Alternative. Ich muss nur meinen Hunden in ihre schönen, treuen Augen blicken, an deren Wohl und unsere Verantwortung hierfür denken. Ich kann und will nicht schweigen zu dem Elend, das wir ihnen antun.

Im neuen Schwarzbuch habe ich die ganzen Erfahrungen der letzten Jahre berücksichtigt. Ich behandele nur die Punkte, auf die es meiner Meinung nach ankommt. Ich nehme uns Hundehalter viel mehr in die Pflicht. Das gilt auch für die Futtermittelindustrie, besonders die großen Marken der Konzerne, die angeblich das Wohl der Hunde im Auge haben. Ich verarbeite meine Erfahrungen aus der Wissenschaftsszene rund um den Hund. Auch hier geht es nicht selten nur um das Geschäft mit und besonders auf Kosten des Hundes. Ich habe das Themenfeld erweitert, aber mich trotzdem kürzer gehalten. Denke, es ist sehr spannend - und vor allem, es lohnt sich zu lesen. Hunde haben uns als Freunde verdient. Ich denke, wir könnten und sollten bessere Freunde werden. Das ist mein Anliegen.

Ich habe das neue Schwarzbuch wieder bei BoD veröffentlicht, da ich keine Lust auf Zensur habe. Ich weiß wovon ich spreche. Ich hoffe, die neue Auflage ist bald erhältlich und wird auch korrekt ausgewiesen. Bisher ist es bei Amazon.de zum Beispiel noch ein Mischmasch aus der alten und neuen Auflage. Darauf habe ich leider keinen Einfluss.

Euer
Christoph Jung

Montag, 1. Oktober 2018

"Die Weisheit alter Hunde"

Im April fragte mich Frau Braken-Gülke vom Ludwig Verlag, ob ich Interesse hätte, eine Rezension zum neuen Buch von Elli H. Radinger "Die Weisheit alter Hunde: Gelassen sein, erkennen, was wirklich zählt – Was wir von grauen Schnauzen über das Leben lernen können" zu schreiben. Das mache ich gerne. Leider kam das Buch dann vorab als PDF. Ich lese nicht gerne längere Texte am Bildschirm. Da habe ich lieber ein gut aufgemachtes, gedrucktes Buch in der Hand. Und trotzdem hat das Lesen von Ellis neuem Buch viel Freude bereitet. Ich konnte es kaum mehr weglegen. Es ist kurzweilig, spannend, für mich sehr berührend, ...und quasi nebenbei ist es noch sehr lehrreich. Ich bin ein langsamer Leser; bei Ellis neuem Buch hatte ich die 325 Seiten aber im Nuh durch. Doch der Reihe nach.
Nach ihrem Bestseller "Die Weisheit der Wölfe" hat sich Elli Radinger die Weisheit alter Hunde vorgeknöpft. Wie bei den Wölfen, die sie lange Jahre in ihrer natürlichen Umgebung, das heißt Freiheit, hier in der Wildnis von Yellowstone, mit scharfem Blick und viel Intuition beobachtet hat, so auch die Hunde. Die werden ebenso in ihrer natürlichen Umgebung beobachtet, meint in der Familie als innige Begleiter und engste Freunde des Menschen. Es ist tatsächlich ein Buch über die Weisheit alter Hunde. Aber es ist besonders eines über die Weisheit von Elli selbst. Mich persönlich berührt es sehr. Wahrscheinlich geht es vielen ebenso, die schon ein- oder mehrmals einen alten Hund hatten, der in Gedanken gerade eben noch der tollpatschige Welpe von „gestern“ war. Es ist der einzige Wehrmutstropfen der Freundschaft zum Hund. Er verlässt uns nach 10 oder 15 Jahren. So will es die Natur. Durch die menschengemachten Missstände in der Zucht, im Hundehandel oder der Fastfood-Ernährung, erleben viel zu viele unserer Schützlinge nicht einmal diese Natur gegebene Spanne.
Mein Podenco-Mix Zander, 14 Jahre, verfressen wie immer, schläft nur mehr
 "Die Weisheit alter Hunde" ist ein sehr emotionales, fühlendes Buch. Ein Herzbuch wie mir Elli schrieb. Es berührt. Trotzdem ist es keineswegs oberflächlich. Es enthält tatsächlich im besten Sinne viele Weisheiten, die uns Menschen, unseren Hunden und am besten beiden zusammen das Leben lebenswerter, lohnender machen. Elli verkauft keine Platitüden. Ihre Beobachtungen, ihr emphatisches Erleben mit Hund kann heute immer dichtmaschiger von nüchterner Wissenschaft untermauert werden. Elli schafft es, diese echten Weisheiten aus dem Leben und für das Leben mit Hund verständlich und praktisch anwendbar aufzubereiten. Der Inhalt ist gewichtig, zu lesen ist es ist leicht. Elli gelingt auch, was der Hundeszene so schmerzlich fehlt. Ihre Standpunkte enthalten nie etwas Abwertendes gegenüber Andersdenkenden, selbst dann nicht, wenn sie ausdrücklich Kritik übt. Elli ist nicht belehrend oder gar moralisierend.

 "Die Weisheit alter Hunde" ist ein wunderschönes Dokument der innigen Bindung von Mensch und Hund. 

Für meinen Geschmack werden die alten Hunde einen Tick zu sehr idealisiert. Hunde können - sehr ähnlich Menschen - im Alter ihre Persönlichkeit ändern. Manche werden dement, unpässlich, ja sogar bissig. Glücklicherweise ist es eher selten. Das ändert aber nichts am Gehalt des Buches. Ich kann es nur wärmstens empfehlen.
Mary und Bruno, beide 11 Jahre, ein Herz und eine Seele
 Vor 11 Jahren schrieb ich hier auf Petwatch eine Rezension zu Ellis kleinem Bändchen "Der Verlust eines Hundes - und wie wir ihn überwinden". Zu jener Zeit musste ich mich auf den Abschied von meinem geliebten Bulldog Willi einstellen, damals knapp 11 Jahre alt. Mit Schrecken realisiere ich, dass mein kleiner Bruno, der Nachfolger von Willi, nun auch schon 11 Jahre ist. Ein schon alter Hund wie meine beiden anderen Hunde auch. Working Siberian Husky Mary (auch 11) und Podenco-Mix Zander hat jetzt 14 Jahre auf der Uhr. Alle sind - toitoitoi - noch voll fit und freuen sich jeden Tag auf die Gassi-Runde(n). Ich weiß dieses Glück zu schätzen. Ich genieße es Tag auf Tag, Minute für Minute - ganz bewusst und mit Freude. So wie es Elli in ihrem Buch so wunderschön empfiehlt.

Eine Rezension von Christoph Jung



 
Petwatch Blog