Freitag, 22. Juli 2016

Kam der Hund von der Müllkippe?

Sie ist eine der spannensten Fragen überhaupt: wie entstand der Hund? Warum und wie fanden Steinzeitmenschen und Wölfe, damals unmittelbare Wettbewerber im Kampf ums Überleben, zusammen? Wie kam es zu dieser wundersamen Wende, wo schließlich aus dem Konkurrenten unser bester Freund wurde? Eine der Antworten ist die Müllkippe. So sieht es jedenfalls der Biologie-Professor Raymond Coppinger (1).

Modell der Domestikation des Hundes an der Müllkippe

Mit der Sesshaftwerdung des Menschen seien die ersten Müllberge entstanden. Hieran hätten sich Wölfe bedient. In der ökologischen Nische "Müllplatz des Menschen" sei es zu einem Prozess der Selektion auf Zahmheit gekommen, so Coppinger. Zahmere Exemplare wären vom Menschen geduldet worden. Sie hätten einen Überlebensvorteil gehabt, da sie die Ressource "menschliche Abfälle" besser nutzen konnten. Aggressivere Wölfe seien von den Menschen vertrieben worden. Über diese Selektion auf Zahmheit habe sich der Wolf quasi selbst zum Hund domestiziert. Auf dem Canine Science Forum 2016 in Padua stellte die Verhaltensbiologin Dr. Frederike Range von der Uni Wien einige neue Gedanken zum Modell einer Domestikation des Hundes an der Müllkippe vor (2). Range sieht wie Coppinger den Effekt der Selektion auf Zahmheit an der Müllkippe des Menschen. Sie stellt davor aber eine Veränderung in den mentalen Fähigkeiten des Wolfes durch die veränderte Ernährungssituation. Aus dem kollektiven Jäger Wolf sei in der Nahrungsnische Müllplatz der individuell arbeitende Aasfresser Hund entstanden. So habe sich die gesamte soziale Struktur verändert. Das zeige sich etwa in der Aufzucht der Jungen, die nicht mehr gemeinschaftlich erfolgte, am Verlust innerspezifischer Toleranz sowie verminderter Fähigkeit, sozial zu kooperieren. Die mentalen Veränderungen, die heute den Hund ausmachen seien weniger durch die Interaktion mit dem Menschen verursacht, als durch die veränderte Methode der Nahrungsbeschaffung in der Nische Müllplatz.
Freilaufende, scheinbar herrenlose Hunde - das typische Bild rund um den Globus und früher auch in Deutschland
(c) Foto: Silvia Bosse
Hunde lieben es, im Müll zu stöbern und nach Fressbarem zu suchen. Noch vor einer Generation liefen Hunde überall in den Städten und Dörfern Mitteleuropas unangeleint herum und prüften jede Ecke nach Fressbarem. Das war ganz normal. Auch menschliche Hinterlassenschaften werden zuweilen gefressen. In weiten Teilen der Erde ist das scheinbar freie Leben der Hunde heute noch verbreitete Praxis. Rein quantitativ gibt es wesentlich mehr Hunde, die - zumindest teilweise - von der Müllverwertung leben, als die betüddelten Couch-Potatoes unserer Breiten. Doch entstand so der Hund?

Müllkippen der Menschheit

Wenn die ökologische Nische Müllkippe Grundlage der Hundwerdung sein soll, stellt sich zunächst einmal die Frage: wann und wo gab es überhaupt menschliche Müllkippen? Hier können Archäologen Auskunft geben. Müllkippen finden sie bereits in der Altsteinzeit (3). Meist sind es Reste von Steinwerkzeugen, beschädigte Pfeilspitzen oder die Abfälle aus der Produktion der Faustkeile oder Pfeilspitzen. Zum Teil werden Reste von Holzkohle gefunden. Eher selten findet man die Reste von Mahlzeiten. Die Spuren an den Knochen stammen meist von Schneid- oder Schabewerkzeugen. Zuweilen findet man auch Knochen, an denen noch Fleisch war, so dass Archäologen nicht von Menschen stammende Nagespuren feststellen. Diese stammen von allen zu jener Zeit aktiven Beutegreifern etwa Hyänen, Bären, Wölfen, Großkatzen, Schakalen oder Füchsen. Es gibt keinen Bericht über vorgeschichtliche Müllkippen, bei denen von Verbiss-Spuren speziell durch Wölfe berichtet wird. Das spricht nicht für die Evidenz einer Domestikation an der Müllkippe.

Steinzeitmenschen hinterließen kaum Müll

Die Steinzeitmenschen verwendeten von dem erlegten Wild praktisch alles: neben dem Muskelfleisch sämtliche Innereien, das Hirn, die Sehnen, Knochen, Horn, Häute und Felle. Die Mammut-Jäger der Eiszeit bauten ihre Hütten aus den Stoßzähnen und großen Knochen der Mammuts und bespannten diese mit deren Fellen. Regelmäßige Müllkippen aus Nahrungsresten der eiszeitlichen Jäger sind nicht belegt. Hie und da brachte es das Jagdglück mit sich, dass mehr Wild erlegt wurde, als man verwerten konnte. Wenn es die Jahreszeit forderte, dass der Clan weiterziehen musste und nicht alles mitnehmen konnte, so musste man den Rest zurück lassen. Das waren aber seltene Ereignisse, die im Nahrungsangebot der Kaltsteppen nicht mehr Gewicht hatten, als das Aas eines natürlich verendeten Tieres. Anthropologie-Professorin Pat Shipman hat die ältesten altsteinzeitlichen Lager von Mammutknochen untersucht (4). Man findet hier die Spuren der Steinwerkzeuge mit denen die Menschen das Fleisch abgetrennt hatten. An manchen Orten findet man die Reste von Dutzenden Mammuts. Ob dies ein Schlachtplatz war oder eine Ansammlung natürlich zu Tode gekommener Tiere, ist für die einzelnen Fundorte nicht geklärt. In der vor 40.000 Jahren schlagartigen Anhäufungen solcher Funde sieht Shipman allerdings eine Folge des verbesserten Jagderfolgs durch die ersten Kooperationen von Mensch und Protohund. Signifikant hohe Nagespuren von Wölfen oder (Proto-) Hunden werden jedenfalls auch hier nicht berichtet. Wenn die Hunde von dem erlegten Wild etwas abbekommen haben, so werden sie ihren Knochen mit etwas Fleisch eher etwas abgelegen vom Lagerplatz verzehrt haben. Hunde wollen dabei nicht gestört werden. Ein wolfsnaher, kräftiger Protohund wird von seinem Knochen zudem kaum etwas übrig gelassen haben.
29.000 Jahre alter Hundeschädel, dem man einen Mammutknochen ins Maul gelegt hat: Dank an einen verdienten Jagdpartner? Anthropos Museum, Brno, mit freundlicher Genehmigung Mietje Germonpré.
Aus deutlich späterer Zeit - wir sind aber immer noch in der Steinzeit - gibt es eine Reihe detailliert beschriebener Müllkippen. Selbst hier finden sich keine Berichte von gehäuftem Hunde-/ Wolfsverbiss. Auch jetzt noch landete kaum ein verwertbarer Knochen mit Fleisch auf dem Müll. Das ist eine Erscheinung der jüngsten Neuzeit. Der Archäologie-Professor Mike Parker Pearson interpretiert den zusammenhängenden Oberschenkelknochen eines Rinds, der bei Stonehenge gefunden wurde:
"Hier hängen die Knochen noch zusammen. So etwas passiert nur bei großen Festgelagen. Wenn alle schon satt sind, landet auch mal ein noch essbares Stück Rinderbein auf dem Abfallhaufen. Wer Hunger hat oder seinen Fleischkonsum rationieren muss, lässt nur vereinzelte, gründlich abgenagte Knochen zurück." (5) Diese Aussage bezieht sich bei einem Alter der Fundstelle von maximal 5.000 Jahren auf eine vergleichsweise späte Zeit der Menschheitsentwicklung. Da waren Hunde bereits seit mehr als 20.000 Jahren domestiziert. Wir sprechen hier also von einem Zeithorizont, der weit später liegt, als einer, der mit dem Modell der Hundwerdung auf der Müllkippe vereinbar wäre.
6.000 Jahre alte Felsmalerei aus einer Kaltzeit der Sahara (Tassili n'Ajjer)
Hunde gab es lange vor der Sesshaftwerdung des Menschen

Kontinuierlich vorhandene Müllkippen setzen die Sesshaftigkeit des Menschen und zudem relativ große Gruppen voraus. Die ältesten Hinweise auf eine Sesshaftwerdung des Menschen stammen aus der Levante des Mittleren Ostens und sind etwa 12.000 Jahre alt. Es gibt heute keinen ernsthaften Wissenschaftler mehr, der erst so spät die Entstehung der ersten Hunde datiert. Genetische und archäozoologische Analysen bestimmen den Zeithorizont auf mindestens 18.000 bis gut 40.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung (6). Hinweise auf eventuelle mehrfache Domestikationen des Wolfes unabhängig voneinander spielen dabei für die Bewertung des Modells der Domestikation des Hundes an der Müllkippe keine Rolle.

Hunde wurden als Jagdbegleiter, Wächter, Beschützer, Transportmittel domestiziert

Darüber hinaus gibt es eine Fülle von archäologischen Belegen, die den Hund weit vor der Sesshaftwerdung des Menschen sehen. Die Ritzungen und Höhlenzeichnungen der Altsteinzeit sind ebenfalls weit älter und zeigen meistens Hunde und Menschen in Jagdszenen. Vereinzelt gibt es Darstellungen von Hunden an Lagerplätzen, eine Darstellung im Kontext Müllplatz fehlt. Wir kennen steinzeitliche Gräber mit gemeinsamen Bestattungen von Hunden und Menschen wie das Doppelgrab von Oberkassel, wo zwei Menschen mit einem Hund in der Mitte beerdigt wurden. Auch hier ein klarer Befund: es ist bereits ein richtiger Hund und kein Wolf oder eine Übergangsstufe dazwischen; das Alter liegt bei 14.700 Jahren (7). Auch das belegt nicht gerade die Evidenz einer Domestikation an der Müllkippe. Dass sich Menschen mit Hunden begraben lassen, oder Hunde ein eigenes Grab erhalten haben, ist über mehrere Kontinente hinweg archäologisch vielfach belegt (8). Es ist kaum vorstellbar, dass sich die Menschen diese Arbeit machten, einem Tier eine solche Ehre erweisen, wenn es lediglich ein geduldeter Aasfresser an der Müllkippe gewesen wäre.

Hunde wurden bereits in vor- und frühgeschichtlicher Zeit als Arbeitspartner geehrt

Aus vorgeschichtlicher Zeit kennen wir die Grabmähler, Felszeichnungen und andere Hinweise auf die gemeinsame Jagd von Hund und Mensch. Treten wir nun in die geschichtliche Zeit der Menschheit ein, so gibt es sofort auch die ersten detaillierten Beschreibungen des Hundes. Auch hier seine Dokumentation als Arbeitspartner des Menschen, als Jagdbegleiter, Wächter, Beschützer, Zugtier, Motor zum Antrieb von Geräten oder Helfer der Hirten. Der große griechische Philosoph und Begründer der Biologie, Aristoteles, beschreibt ausführlich den Hund seiner Zeit vor 2.500 Jahren samt Aufzucht, Pflege, Krankheiten und seiner Einteilung in sieben Hunderassen. Auch hier dasselbe Bild der Arbeitsaufgaben der Hunde (9). Er, wie auch die alten Ägypter, belegen darüber hinaus die Existenz von kleinen Hunden, die als Begleiter, als Schoßhund, als Spielpartner der Kinder gezüchtet wurden. In den überlieferten Gesetzeswerken der Germanen werden ebenfalls konkrete Hunderassen beschrieben. Im Lex Baiuvariorum werden Hunde in verschiedenen Rassen und Einsatzzwecken beschrieben und mit eigenen Paragrafen per Gesetz geschützt, Verstöße mit hohen Strafen belegt. So etwas wäre bei Müllverwertern kaum denkbar (10).

Siesta

Zusammenfassend
kann man feststellen, dass wir keine genetischen, archäologischen oder geschichtlichen Belege anführen können, die das Modell der Domestikation des Hundes an der Müllkippe stützen. Auch die Verfechter dieses Modells verzichten auf solche Belege oder bauen wie Coppinger auf überholten Annahmen.

In seinem Schlusswort auf dem Canine Science Forum 2016 hob Professor Adam Miklósi die Bedeutung eines interdisziplinären Ansatzes für die weitere Forschung hervor. Der Hund kann nur interdisziplinär verstanden werden. Er ist ein integraler Teil der Menschheitsentwicklung, er kann nur im Kontext Mensch, dessen Historie, Arbeit, Psyche verstanden werden. Hierzu haben Daniela Pörtl und Christoph Jung ebenfalls auf dem Canine Science Forum 2016 das Modell der aktiven sozialen Domestikation des Hundes vorgestellt. Das Modell geht einen umfassend interdisziplinären Ansatz. Es verbindet die Entwicklung der Menschheit, die Co-Evolution Mensch-Hund, die Entwicklung der Produktivkräfte und die Arbeitsaufgaben des Hundes mit den Erkenntnissen der Genetik und vor allem der Epigenetik und Neurobiologie. Das Verständnis der epigenetischen Mechanismen, das Verständnis von Stress, Serotonin und Oxytocin, von Spiegelneuronen, Empathie und Joint Attention ist essentiel und unverzichtbar für das Verständnis der besonderen Beziehung von Mensch und Hund.

Ein Beitrag von Christoph Jung

Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin
(Wissen & Leben) Schattauer Verlag Stuttgart, 2015
von Christoph Jung und Daniela Pörtl
Tierarzt Prof. Dr. med. vet. Dr. hc mult. Hartwig Bostedt
Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina
in Tierärztliche Praxis Kleintiere Heft 6/2015, S. 408:

"Diese diffizile Problematik Mensch - Hund hat der Rezensent bislang noch nie so komplex dargestellt gesehen wie in dem vom Herausgeber der Reihe „Wissen und Leben" Wulf Bertram betreuten Werk Jung/Pörtl. Insgesamt eine intelligente, verständlich geschriebene Publikation, die allseits mit Nachdruck empfohlen werden kann. Allseits bedeutet, dass sowohl Tierärzte, Pädagogen und Biologen als auch Hundehalter aus diesem Werk Informationen schöpfen können, die die Hintergründe der Mensch-Hund-Beziehung deutlicher werden lassen."

Die ganze Rezension ist hier nachzulesen.


Literatur:

(1) Coppinger R, Coppinger L. Hunde: Neue Erkenntnisse über Herkunft, Verhalten und Evolution der Kaniden: animal Learn 2001
(2) Friederike Range, Sarah Marshall-Pescini, Zsófia Virányi Is Dog Domestication really about Humans? Padia 2016
(3) Müll - Facetten von der Steinzeit bis zum Gelben Sack: Führer durch die Ausstellung Oldenburg 2003
(4) Pat Shipman The Invaders: How Humans and Their Dogs Drove Neanderthals to Extinction Harvard 2015
(5) Überraschende Funde: Stonehenge-Dorf war Steinzeit-Großstadt, Spiegel-Online 08.11.2007
(6) Thalmann O, Shapiro B et al. Complete Mitochondrial Genomes of Ancient Canids Suggest a European Origin of Domestic Dogs Science 2013: Vol. 342 no. 6160: 871-874 Tomasello M, Call J. Does the chimpanzee have a theory of mind? 30 years later. Trends in Cognitive Science, 12, 187-192 2008
(7) R. W. Schmitz, L. Giemsch: Neandertal und Bonn-Oberkassel – neue Forschungen zur frühen Menschheitsgeschichte des Rheinlandes. In: Fundgeschichten - Archäologie in Nordrhein-Westfalen: Begleitbuch zur Landesausstellung NRW 2010. Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen Bd. 9, 2010, S. 346–349
(8) Morey D. Burying key evidence: the social bond between dogs and people. Journal of Archaeological Science 2006: Volume 33, Issue 2, Pages 158–175
(9) Aristoteles. Zoologische Schriften I: Historia animalium. Berlin: Oldenbourg 2013
(10) Lex Baiuwariorum. München; Documenta historiae Bd 2 Teil 1 1997


Montag, 4. Juli 2016

Film "Freund oder Feind"

Ruth Stolzewski, die wir schon ob ihrer mutigen Film-Dokumentation zum Dobermann kennengelernt haben (Petwatch berichtete), stellt Ende Juli ihren neuen Film vor. Im Dokumentarfilm "Freund oder Feind" geht es um die ambivalente Beziehung zwischen dem Menschen und seinem ältesten Haustier, dem Hund. Der Hund ist der beste Freund des Menschen, aber ist der Mensch auch der beste Freund des Hundes? Oder sein schlimmster Feind? - so beschreibt Ruth Stolzewski das Thema ihres Film. Ein wirklich höchst interessantes Thema.

Am 31.07.2016 um 18:00 Uhr ist Premiere im Filmforum NRW in Köln.

Und es gibt schon einen Trailer:

Wir sind sehr gespannt auf "Freund oder Feind" von Ruth Stolzewski!

Ein Hinweis von Christoph Jung

Dienstag, 1. März 2016

Kennel Club dokumentiert sinkende Lebenserwartung der Rassehunde

Der älteste, wichtigste und größte Rassehundeverband der Welt, der britische "The Kennel Club" hat Ende Februar 2016 seinen Bericht über die Gesundheit der Rassehunde veröffentlicht. Er basiert auf den Zahlen für 2014 und ist der zweite nach 2004. Wir können also die Zahlen vergleichen - sofern für eine Hunderasse überhaupt ausreichend Zahlen vorgelegt werden. Die erste erschreckende Bilanz:

Von 2004 auf 2014 hat die durchschnittliche Lebenserwartung der Rassehunde um 11% abgenommen 


Statt einer Lebenserwartung von 11 Jahren und 3 Monaten hat ein Rassehund heute nur noch 10 Jahre zu leben. Dabei hatte der Kennel Club erst vor 5 Jahren Abhilfe versprochen und ein groß aufgemachtes Gesundheitsprogramm aufgelegt. Er reagierte damit auf den Druck der britischen Öffentlichkeit. 2008 hatte die BBC die großartige Dokumentation von Jemima Harrison "Pedigree Dogs Exposed" ausgestrahlt. Sie hatte die Missstände in der Rassehundezucht umfassend aufgezeigt.

Weggucken und Abducken mit System

In Deutschland verweigerten die öffentlich-rechtlichen Medien auf Druck der Lobbyisten der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie, Veterinäre, Hundehandels- und Zuchtbranche eine Ausstrahlung dieser BBC-Dokumentation. Schließlich wurde der "Dortmunder Appell für eine Wende in der Hundezucht" veröffentlicht. Der wichtigste deutsche Hundezuchtverband VDH sah sich gezwungen, zeitweilig etwas mehr über das Thema Gesundheit in der Rassehundezucht zu reden - um aber real umso weniger zu tun.

Weder der VDH noch Tierärzteschaft oder Universitäten, noch einer der zahlreichen finanzstarken Charity-Tierschutzverbände oder sonst eine Institution in Deutschland haben es geschafft/gewollt, eine statistische Übersicht zusammenzustellen, wie sie immerhin und dankenswerterweise vom Kennel Club vorgelegt wird. Nichtsdestotrotz, der "Pedigree Breed Health Survey" 2014 zeichnet eine ernüchternde Bilanz: Es hat sich an den katastrophalen, tierschutzrelevanten Missständen in der Rassehundezucht nichts verändert, zumindest nichts im Interesse des Wohls der Hunde. Und dabei sind viele Hunderassen, die mutmaßlich besonders beschämende Zahlen zeigen würden, etwa Mops, Bordeaux-Dogge oder Französische Bulldogge, nicht einmal erfasst! Der ganze Marktanteil der Hunde aus dem internationalen Hundehandel ist ebenfalls nicht erfasst. Man muss also davon ausgehen, dass das reale Bild noch sehr viel nachteiliger hinsichtlich des Wohls der Rassehunde ausfällt. Es bleibt festzuhalten:

Binnen nur einer Dekade haben die vom Menschen gezüchteten Hunde ein noch einmal um 11,1% kürzeres Leben - einzig aufgrund der Versäumnisse des Menschen. Gesund gezüchtet müssten Hunde im Durchschnitt eine um etwa 5 Jahre höhere Lebenserwartung haben (siehe unten).

Einigen Hunderassen wurde in dieser kurzen Zeit sogar weitere 20-30% ihrer Lebenserwartung genommen (Boston Terrier, Beagle, Dobermann). Alles unter dem Mantel der Liebe für das Tier und den Hund, speziell der vermeintlichen Sorge für das Wohl der so geliebten Hunderasse.

Ergebnisse zur durchschnittlichen Lebenserwartung diverser Hunderassen (Auswahl):
  • Australian Shepard: keine hinreichend große Stichprobe gemeldet*
  • Bull Terrier: gesunken von 10 Jahren (2004) auf 7 Jahre (2014) (30% weniger)
  • Beagle: gesunken von 12 Jahren und 8 Monaten auf 10 Jahre (21% weniger)
  • Berner Sennenhund: die Lebenserwartung blieb auf dem niedrigen Niveau von nur 8 Jahren
  • Bolonka Zwetna: nicht erfasst (Petwatch berichtete zu Problemen in der Zucht dieser Hunderasse)
  • Border Terrier: von 14 auf 12 Jahre gesunken (14% weniger) (Petwatch berichtete)
  • Boxer: gesunken von 10 Jahren und 3 Monaten auf 9 Jahre (9% weniger)
  • Bulldog: weiter gesunken von eh schon tierquälerisch wenigen 6 Jahren und 3 Monaten auf nur noch 6 Jahre (Petwatch berichtete, siehe auch Bulldogge.de)
  • Cavalier King Charles Spaniel: gesunken von 11 Jahren und 5 Monaten auf 10 Jahre (12,5% weniger) (Petwatch berichtete)
  • Collie: 12 Jahre, Vergleichszahlen von 2004 nicht vorhanden (Petwatch berichtete)
  • Dackel (Langhaar): 2014 keine hinreichend große Stichprobe gemeldet*, 2004 12 Jahre und 8 Monate (über alle Varietäten)
  • Dackel (Rauhaar): 2014 keine hinreichend große Stichprobe gemeldet*, 2004 12 Jahre und 8 Monate (über alle Varietäten)
  • Dalmatianer: gesunken von 12 Jahren und 6 Monaten auf 11 Jahre  (12% weniger)
  • Deutsche Dogge: vom extrem niedrigen Niveau 2004 mit 6 Jahren und 6 Monaten auf 7 Jahre leicht angestiegen (Petwatch berichtete)
  • Deutscher Schäferhund: 10 Jahre, Vergleichszahlen von 2004 nicht vorhanden (Petwatch berichtete) Beispiel auf Crufts 2016.
  • Dobermann: gesunken von 10 Jahren und 6 Monaten auf 8 Jahre (23,8% weniger) (Petwatch berichtete)
  • Do-Khyi: nicht erfasst (Petwatch berichtete)
  • Französische Bulldogge: 2014 keine hinreichend große Stichprobe gemeldet*, 2004 skandalöse: 9 Jahre (Petwatch berichtete)
  • Golden Retriever: leicht gesunken von 12 Jahren und 3 Monaten auf 12 Jahre
  • Irish Wolfhound: vom extrem niedrigen Niveau 2004 mit 7 Jahren weiter gesunken auf 6,5 Jahre
  • Irish Setter: gesunken von 12 Jahren auf 11 Jahre (8% weniger)
  • Labrador Retriever: gesunken von 12 Jahren und 3 Monaten auf 11 Jahre (10% weniger)
  • Leonberger: 2014 keine hinreichend große Stichprobe gemeldet*, 2004 skandalöse: 7 Jahre und 1 Monat (Petwatch berichtete)
  • Lundehund: nicht erfasst (Petwatch berichtete)
  • Mops: 2014 keine hinreichend große Stichprobe gemeldet*, 2004: 11 Jahre (Petwatch berichtete)
  • Rhodesian Ridgeback: gesunken von 11 Jahren auf 9 Jahre (18% weniger)
  • Sibirian Husky: 2014 keine hinreichend große Stichprobe gemeldet*, 2004: 12 Jahre 7 Monate (Petwatch berichtete)
  • Whippet: gesunken von 12 Jahren und 4 Monaten auf 10 Jahre (19% weniger)
* Es ist bezeichnend, dass sich die Züchter dieser Hunderassen im Kennel Club - trotz formaler Verpflichtung - der elementaren Erfassung von Basisdaten der Zucht verweigern.

Die Partnerschaft Mensch-Hund ist etwas einzigartiges, wunderschönes.
Der Mensch muss seinen Verpflichtungen für diese Partnerschaft nachkommen.
Hierzu zählt als Basic die Sorge für die körperliche und mentale Integrität der Hunde.
(Foto: Christoph Jung)

Die Ergebnisse lassen sich nicht 1 zu 1 auf Deutschland übertragen. Aber sie zeigen einen Trend. In Deutschland existiert nicht einmal eine Erfassung der Daten. Lediglich einzelne Vereine erfassen Daten aus ihrem Bereich und diese werden oft wie Staatsgeheimnisse unter Verschluss gehalten. Der EU-weite Hundehandel boomt unkontrolliert. Es gibt keinerlei unabhängige Kontrolle über die Zucht und den Handel, ja es gibt noch nicht einmal gesetzliche Mindeststandards für die Zucht von Rassehunden (mit Ausnahme der baulichen Festlegungen bei Zwingern).

Profiteure des Tierelends verhindern in Berlin und Brüssel Reformen

Solche Standards verhindern in Berlin und Brüssel seit Jahrzehnten erfolgreich die Lobbys der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie als auch die der Vetpharma und Veterinäre. Diese wollen die hochprofitablen aber tierquälerischen Methoden der industriellen Tierproduktion erhalten. Und so werden Kücken millionenfach geschreddert, Schweine in viel zu kleinen und reizarmen Ställen turbo gemästet, genetisch verarmte Hochleistungs-Kühe und Fleischbullen tausendfach invitro vermehrt, um dann ihr Leben lang in Ställen gehalten zu werden und Kälber ohne jeden Kontakt zur Mutter aufwachsen zu lassen. Es sind dieselben Großkonzerne, die Mindeststandards für die Zucht verhindern und die Hauptverantwortung für das tägliche Massenelend der Tiere tragen, die uns dann in bunten Verpackungen unter aufwändig beworbenen Markennamen das angeblich beste Futter für unsere Lieblinge verkaufen. Und mit einem kranken Hund kann man mehr verdienen als mit einem gesunden, wie ich bereits 2009 in "Schwarzbuch Hund" nachgewiesen habe. Es gibt nach wie vor keine Lobby für die Gesundheit des Hundes.
Plakat der britischen Tierschutzorganisation RSPCA zum Missständen in der Hundezucht.
Es liegen seit Jahren zahlreiche Vorschläge auf dem Tisch, wie man mit einigen wenigen EU-weit angelegten Maßnahmen, das größte Leid der Tiere wirkungsvoll und zeitnah verhindern könnte. Aber unsere Politiker in Berlin und Brüssel knicken vor der überaus mächtigen Lobby der Profiteure des Tierelends regelmäßig ein.

EU ohne Interesse an Mindeststandards für die Zucht

Man braucht eine amtliche Erlaubnis samt abgelegter Prüfung, um irgendwo in Deutschland die Angel in einen trüben Teich halten zu dürfen. Die EU regelt in seitenlangen Pamphleten jedes Detail eines "marktfähigen" Apfels und jede Salatgurke beim Discounter hat mehr amtlich vorgeschriebene Qualitätskontrollen hinter sich, als ein Welpe, der zum Kauf angeboten wird. Rassehunde züchten darf jede und jeder ohne jeglichen Nachweis der Qualifikation. Inzucht ist nicht verboten, in den Statuten vieler VDH-Vereine vielmehr ausdrücklich erlaubt und wird massenhaft praktiziert wie auch die massenhafte Verwendung einzelner Zuchtrüden (Popular Sires) in abgeschlossenen Genpools. Qualzucht ist lediglich auf dem Papier verboten, Verurteilungen hierzu sucht man vergeblich. Veterinäre haben mit künstlicher Insemination und terminierten Kaiserschnitten ein neues Geschäftsfeld etabliert. Der EU-weite Handel mit Welpen ist immer noch legal. Der Staat zeigt keinerlei Interesse daran, diesen Missständen Einhalt zu gebieten. Aber auch wir Hundehalter sind herausgefordert, uns viel kritischer und verantwortungsvoller an die Auswahl eines Welpen oder Hundes aus dem Tierheim oder bei der Wahl des Futters zu verhalten und die ökonomischen und politischen Verursacher dieser Verhältnisse in die Verantwortung zu nehmen und uns bei Bedarf an die eigene Nase zu fassen. Wo Welpen auf dem Markt, per Boten oder aus dem Kofferraum angeboten werden, muss es auch Käufer geben - verantwortungslos!

Durchschnittliche Lebenserwartung von 15 Jahren für einen Rassehund müsste Standard sein.

Kommen wir zurück auf die Erhebung des Kennel Clubs. Die Lebenserwartung der Rassehunde ist weiter gesunken. Sie war bereits 2004 weit unter den natürlichen Möglichkeiten des Hundes. In früheren Zeiten lag diese weit höher als heute und das ohne moderne veterinärmedizinische Versorgung und ohne das angeblich so gesunde Futter der Industrie. In meinen Buch "Rassehund am Ende?" hatte ich zwei Zeitzeugen zu Wort kommen lassen:

Der griechische Philosoph und Naturwissenschaftler Aristoteles verfasste vor 2.300 Jahren die "Historia Animalium" mit der er die Wissenschaft der Zoologie begründete. Aristoteles geht auf das Alter der Hunde ein und hält fest: "Der lakonische Hund lebt ungefähr zehn, die Hündin zwölf Jahre, von den übrigen Hunderassen leben die meisten Hündinnen vierzehn oder fünfzehn, einige auch zwanzig Jahre." In weiteren Schriften antiker Naturkundler werden ähnliche Angaben gemacht. Aus dem 18. und 19.Jahrhundert werden ebenfalls solche Daten überliefert, etwa von Georges Cuvier, einem der Begründer der modernen Zoologie. Er notiert 1831: "Der Hund ist alt mit fünfzehn Jahren und überlebt nicht leicht zwanzig."

Links:

Ein Beitrag von Christoph Jung




Sonntag, 1. November 2015

Tierisch beste Freunde

Ein Beitrag zu meinen/unserem neuen Buch.
Ist sie wirklich etwas Besonderes, die Beziehung zwischen Mensch und Hund? Oder ist es nur Sentimentalität vereinsamter Großstadtmenschen, die von inniger Bindung zwischen Mensch und Hund schwärmen? Diese Frage war lange kein ernsthaftes Thema weiter Teile der Naturwissenschaften. Regelmäßig wurde das Verhältnis Mensch-Hund als trivial erklärt, Besonderheiten dieser Beziehung zweier Spezies als Einbildung der Hundefreunde, als wissenschaftlich unhaltbar abqualifiziert. Zusammen mit Daniela Pörtl, Ärztin im Bereich Neurologie und Psychiatrie, habe ich dieses Thema in unserem neuen Buch genauer beleuchtet.
Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin
von Daniela Pörtl und Christoph Jung
Es klingt zunächst ganz banal. Aus dem Wolf ist einzig durch den Bezug zum Menschen der Hund entstanden. Also kann man den Hund auch nur verstehen, wenn man ihn im Kontext Mensch anschaut. Dieser Kontext ist im wahrsten Sinne des Wortes steinalt. Er beginnt bereits in der Altsteinzeit, kurz nachdem die ersten modernen Menschen Europa erreichten und Schritt für Schritt eroberten. Wir müssen also schauen, wie Menschen und Wölfe zu jener Zeit lebten. Im harten Überlebenskampf in der Mammutfauna der Eiszeit beanspruchten Mensch und Wolf exakt dasselbe Biotop. Und sie jagten mit den gleichen kollektiven Methoden dasselbe Großwild, etwa Mammut und Bison. Diese unmittelbare Konkurrenz im Kampf ums Überleben ist alles andere als eine gute Voraussetzungen für Freundschaft! Nichtsdestotrotz muss es zumindest bei einigen Wolfsrudeln und Menschen-Clans "gefunkt" haben. Sonst gäbe es heute keine Hunde.
Wölfe im Yellowstone jagen einen Wapiti Hirsch (c NPS)
In unserem Buch schauen wir, welche mentalen Funktionen diese Verbindung zweier unmittelbar konkurrierenden, ebenbürtigen Beutegreifer überhaupt möglich machten. Es sind bei beiden Spezies sehr ähnliche elementare Grundfunktionen kooperativer Sozialität, die aus einer Kommunikation und Zusammenarbeit innerhalb der eigenen Art, also innerhalb des Wolfsrudels und innerhalb der Gruppe eiszeitlicher Jäger schließlich eine zwischenartliche ermöglichte. Und tatsächlich sind diese Funktionen noch heute lebendig, sichtbar und bis in die neurobiologischen Abläufe hinein nachweisbar. Hormone wie Cortison, Serotonin oder Oxytocin wirken bei Hunden und Menschen inner- und zwischenartlich sehr ähnlich. Und nicht nur diese. Man kann die Vorgänge der Hundwerdung vor mehr als 30.000 Jahren noch heute in den psychodynamischen, neurobiologischen und epigenetischen Vorgängen nachvollziehen. Dabei zeigt sich auch, dass die Veränderungen, die aus dem Wolf einen Hund werden ließen, nicht hinreichend mit einfachen genetischen Gesetzmäßigkeiten wie Mutation und Selektion auf Zahmheit erklärt werden können.

Mensch und Hund sind viel enger miteinander verzahnt, als wir gemeinhin denken und in unserer Kultur zu denken "erlaubt" ist. Die produktiven Funktionen des Hundes als Jagdhelfer, Beschützer, Hüter, Treiber, Zugmaschine und viele mehr begleiteten die Menschheit bereits seit zig tausenden Jahren, als sie schließlich die ersten antiken Kulturen hervorbrachte. Schon allein aufgrund dieser Funktionen kann man ihn als Katalysator für die Entwicklung der Menschheit bezeichnen. Daher verdient der Hund eine viel höhere Wertschätzung in unserer Gesellschaft. Ganz daneben sind die unsäglichen Verunglimpfungen, die er seit ein paar hundert von Jahren durch manche Religion erfahren muss.
Daniela Pörtl und Zander
In unserem Buch arbeiten wir heraus, dass eine weitere "Funktion" sehr wahrscheinlich noch viel einschneidender war und - im Kern - noch heute ist. Die Freundschaft zum Hund half und hilft der Menschheit beim Stressabbau. Die Kooperation mit dem Wolf im Überlebenskampf der Eiszeit gab den Menschen mehr Sicherheit und senkte damit den Stresslevel (beim zum Hund werdenden Wolf ebenso). Das tendenziell sinkende Stressniveau ließ die kognitive, kulturelle und soziale Kompetenz des Menschen aufblühen und begünstigte zudem Gesundheit und Fertilität. So fällt der sprunghafte Fortschritt der Menschheit in der "Aurignacien" genannten Steinzeit-Epoche genau in die Zeit, wo der Beginn der Kooperation mit dem Wolf vermutet wird. Heute noch lassen sich diese Wirkungen des Hundes auf den Menschen, die uns sozialer, entspannter, mental leistungsfähiger und gesünder werden lassen, feststellen und zum Beispiel in unseren Hormonen messen. Der Hund tut uns gut.

Wir kommen zum Schluss, dass der Hund ganz eng mit uns Menschen und unserem Wohlbefinden verbunden ist. Deshalb ist "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" auch ein Buch über Menschen. Den Hund kann man nicht ohne den Menschen, dessen Geschichte, Kultur, Psyche, Neurobiologie verstehen. Zumindest ein Stück weit gehört auch der Hund dazu, wenn wir uns mit der Entwicklung unserer eigenen Spezies beschäftigen. Last but not least wollen wir uns auch an dieser Stelle beim Schattauer-Verlag, Stuttgart, für das Engagement zur Herausgabe dieses Buchs und bei Andreas Kieling für sein Geleitwort bedanken.

November 2015
Daniela Pörtl und Christoph Jung


aktuelle Infos rund um das Thema gibt es auf Twitter:
twitter.com/Chr_Jung
@Chr_Jung


Ergänzung 16.11.15:

Dr. Bertrams BücherBord - Folge 2: "Tierisch beste Freunde"

Der verlegerische Geschäftsführer des Schattauer Verlags, Dr. Wulf Bertram, gibt in der VideoPodcastReihe "Dr. Bertrams BücherBord" Buchempfehlungen zu Neuerscheinungen aus dem renommierten Stuttgarter Medizinverlag.

In Folge 2 geht es um "Tierisch beste Freunde" von Christoph Jung und Daniela Pörtl. Mit seinem Hund Baloo gibt Dr. Bertram einen kleinen Einblick, wieso sich Mensch und Hund so "tierisch gut" verstehen ...













Freitag, 16. Oktober 2015

Joint Attention: Hunde beobachten soziale Interaktionen wie Menschen

In den letzten 10 bis 15 Jahren haben wir zahlreiche wissenschaftliche Experimente gesehen, die nachweisen, dass Hunde den Blicken der Menschen folgen und sich hieran orientieren. Sie tun dies mit einer Intensität wie keine andere nicht-menschliche Spezies, kein Schimpanse, Bonobo oder Wolf. Selbst Hunde-Welpen, die ohne Kontakt zu Menschen aufgewachsen sind, orientieren sich instinktiv an den Blicken des Menschen, wie im Max-Planck-Institut Leipzig nachgewiesen wurde.

Heini Törnqvist und sein Team von der Universität Helsinki gehen dieser Fragen einen Schritt weiter nach. Sie untersuchten die Aufmerksamkeit von Hunden und Menschen in Bezug auf soziale Interaktion und zwar im direkten Vergleich. Hierzu wurden mit 46 Hunden und 26 Menschen Tests durchgeführt. Die Hunde waren aus zwei Gruppen zusammengesetzt. Einerseits gut sozial eingebundene Familienhunde, andererseits Hunde aus Zwingerhaltung. Analog zwei Gruppen auch bei den Menschen: Einerseits Hunde-Experten, andererseits Leute mit wenig Hundeerfahrung. Alle Teilnehmer des Tests mussten Fotos anschauen, die einmal Menschen und einmal Hunde zeigen. Die Fotos zeigten zum einen Menschen die sozial interagieren und sich dabei anschauen, zum anderen Menschen, die voneinander wegschauen. Dasselbe bei den Fotos von den Hunden. Mit einem Eye-Scanner wurde bei Testpersonen und Testhunden gemessen, wie und wie lange diese auf die jeweiligen Fotos schauten.
Eye-Scan Beispiele (C) Törnqvist et al. 2015
Das Ergebnis war eindeutig. Menschen und Hunde verhielten sich gleich. Die Fotos mit der sozialen Interaktion wurden durchweg länger betrachtet und sehr ähnlich analysiert. Dabei nahmen sich sowohl Hunde als auch Menschen mehr Zeit, die Fotos der jeweils anderen Spezies zu betrachten. Besonders interessant: Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen sozial kompetenten und sozial ungeschulten Teilnehmern. Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass hier kein erlerntes vielmehr ein grundlegendes Verhalten zum Ausdruck kommt. Sie verweisen darüber hinaus auf eine vergleichbare Untersuchung, die zeigt, dass Kleinkinder dasselbe Verhalten wie Hunde zeigen.

Von Skleren und Joint Attention

Erst im letzten Artikel auf Petwatch hatte ich über das Buch der Archäologin Pat Shipman berichtet, das einen wegweisenden Beitrag zur Erforschung der gemeinsamen Geschichte von Mensch und Hund darstellt (The Invaders: How Humans and Their Dogs Drove Neanderthals to Extinction). In dem Artikel heißt es: "Als Brücke der Annäherung sieht Shipman die analogen, kollektiven Jagdtechniken von Mensch und Wolf und hier insbesondere die Funktion der Skleren, der weißen Fläche um die Iris der Augen, die es Mensch wie Wolf ermöglichen, die Absichten des anderen selbst aus der Ferne im wahrsten Sinne des Wortes von den Augen abzulesen." Die Untersuchung von Törnqvist und seinem Team kann als weiterer Beleg hierfür gewertet werden. Tatsächlich bieten Skleren eine gute, vielleicht sogar notwendige, Grundlage für eine wichtige psychische und soziale Funktion, die Joint Attention. Die Fähigkeit zu "Joint Attention", einer Form der non-verbalen Kommunikation insbesondere mit den Augen, ist wiederum Grundlage für komplexe kollektive Vorgehensweisen etwa bei der Jagd. Joint Attention, gleichgerichtete Aufmerksamkeit und sozial koordinierte Handlungsabläufe waren Überlebens notwendige Fähigkeiten, die vor 30.000 Jahren die steinzeitlichen Jäger-Clans wie auch die Großwild jagenden Wolfs-Rudel auszeichnete. Hier liegt aber auch ein elementarer Schlüssel für die Annäherung von Wölfen und Menschen und schließlich der Herausbildung des Hundes. Die Fähigkeit zu "Joint Attention" innerhalb der jeweiligen Spezies also innerhalb des Wolfsrudels und des Clans der steinzeitlichen Jäger entwickelte sich mit der Zeit zu einer interspezifischen Fähigkeit höher. Interspezifische "Joint Attention" ließ Wölfe und Menschen zielgerichtet untereinander kommunizieren und machte sie koordiniert handlungsfähig etwa bei der Jagd auf Großwild wie Mammuts oder Bisons.
In dem in den nächsten Tagen beim Schattauer-Verlag, Stuttgart erscheinenden Buch "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" gehen der Autor dieses Artikels und Daniela Pörtl auf diesen Prozess weiter ein. Wir zeigen, dass in der Herausbildung der interspezifischen Fähigkeit zu "Joint Attention" eine der wesentlichen Grundlagen lag, dass aus Wölfen schließlich unsere Hunde hervorgehen konnten, dass Mensch und Wolf resp. Hund sogar echte Sozialpartner werden konnten. Die Untersuchung der Finnen belegt ein weiteres Mal, dass diese Fähigkeit auch heute noch lebendig ist. Das Wissen um diese Zusammenhänge ist nicht nur von Interesse für unsere gemeinsame Geschichte, es trägt auch zu einem tieferen Verständnis für unseren besten Freund hier und heute bei. Und es trägt auch zum tieferen Verständnis unserer eigenen menschlichen Psyche bei. Die einzigartige Mensch-Hund-Beziehung sagt mehr über uns Menschen aus als wir gemeinhin denken und manche wahr haben wollen.


Ein Artikel von Christoph Jung


 
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