Sonntag, 20. Mai 2018

14.000 Jahre emotionale Bindung zwischen Mensch und Hund

Es gibt nicht wenige Wissenschaftler, die ein besonderes emotionales Band zwischen Mensch und Hund in Frage stellen. Positive Effekte auf die Psyche des Menschen seien nicht wirklich nachweisbar, so vertritt es John Bradshaw, Anthrozoologe aus Bristol. Der durch seine Bücher auch in Deutschland bekannte und von Medien und Hundefachleuten oft zitierte, kürzlich verstorbene Biologie-Professor Ray Coppinger sieht im Hund lediglich einen Schmarotzer, dessen Natur es sei, menschlichen Müll zu verwerten. Ähnlich sehen es die Wiener Verhaltensbiologinnen Friederike Range  und Zsófia Virányi, die ein Dasein als Aasfresser für Hunde und das eines kollektiven Jägers von Huftieren für Wölfe als deren jeweils charakteristische Natur  beschreiben. Coppinger kanzelt eine Charakterisierung des Hundes als "besten Freund des Menschen" mit so wörtlich "hohles Statement" ab.

Manche Wissenschaftler bezweifeln die besondere Rolle des Hundes

Die Natur des Hundes als Vertilger von Aas und menschlichen Fäkalien zu beschreiben, meint kein hohes Ansehen für unseren treuen Begleiter seit wohl 35.000 Jahren. Für viele Menschen unseres Kulturraumes ist die Vorstellung eines Tieres als Partner oder Freund des Menschen auf Augenhöhe  im Wortsinne Gotteslästerung. Die Ideologie von der Sonderstellung des Menschen als Ebenbild eines Gottes, dem alle anderen Kreaturen der Welt zu dienen hätten, erscheint mir immer noch lebendig, wenn auch kaum in einer solch platten Form.

Es gibt immer mehr wissenschaftlich handfest begründete Hinweise, das speziell Hunde und Menschen psychisch sehr ähnlich ticken, sozial wie emotional eng verbunden sind. Kaum möglich scheint jedoch eine belegbare Antwort auf die Frage, ob schon Steinzeitmenschen ein emotionales Band zu ihren Hunden entwickelt hatten. Schließlich versteinern Gefühle nicht. Doch selbst Gefühle hinterlassen Spuren.
Pütz Martin, Jürgen Vogel, Ralf Schmitz (LVR-LandesMuseum Bonn)
Archäologische Spuren der Gefühle

Wir haben sogar die Spur von Gefühlen zwischen Mensch und Hund, die 14.200 Jahre alt ist. Sie führt uns nach Deutschland, genauer Oberkassel bei Bonn. Das berühmte Doppelgrab wurde in den letzten Jahren von verschiedenen internationalen Wissenschaftlergruppen noch einmal gründlich untersucht. Zunächst einmal überrascht, dass es sich um die Überreste von zwei Hunden handelt, einen älteren und einen Welpen. Dabei wurde bestätigt, dass es sich um voll domestizierte Hunde und nicht etwa um Wölfe handelt. Eine Arbeitsgruppe um Luc Janssens von der Universität Leiden untersuchte die Reste dieser Hunde, die zwischen einer etwa 20 jährigen Frau und einem mittelalten Mann begraben worden waren, noch genauer. Anfang des Jahres wurden die Ergebnisse in dem Fachmagazin "Journal of Archaeological Science" veröffentlicht.

Ein 14.000 Jahre alter Welpe mit Staupe 

Die Überreste des Welpen verrieten dabei Erstaunliches. Anhand von Spuren in den Zähnen konnte nachgewiesen werden, dass der Welpe schwer an Staupe (Morbillivirus) erkrankt war. Die Wissenschaftler schätzen, dass der Welpe binnen drei Wochen an seiner Erkrankung hätte sterben müssen. Doch er überlebte drei bis vier Monate und währenddessen nicht weniger als drei Schübe dieser auch heute noch unheilbaren Viruserkrankung. Dies sei nur durch intensive Pflege durch seine Menschen erklärbar. Sie müssen den Welpen gewärmt, ihn mit Wasser und Futter versorgt haben. Da der Welpe keinen Nutzen als Arbeitstier gehabt habe, könne man von einer einzigartigen Beziehung der Pflege zwischen Menschen und Hunden vor 14.000 Jahren ausgehen, so Luc Janssens*.

Gemeinsam leben, arbeiten, fühlen

Die Befunde der Arbeitsgruppe um Luc Janssens kann man als Beleg werten, dass das tiefe emotionale Band zwischen Mensch und Hund keine neumodische Sentimentalität, vielmehr ein uralter Teil unseres Kultur- und Gefühlslebens ist. Das verwundert nicht, sieht man den Hund nicht abschätzig als Müllverwerter vielmehr als Partner bei der Arbeit und im Überlebenskampf der Eiszeit, sieht man den Hund als Teil unserer Sozialität. Genau das schlagen Daniela Pörtl und der Autor dieses Artikels mit dem Modell der "Aktiven sozialen Domestikation des Hundes" vor. Auf Grundlage dieser Zusammenarbeit beim Jagen, Wachen, Verteidigen, Transportieren, Hüten von Schafen, beim gemeinsamen Schlafen in den Zelten, beim gemeinsamen Spiel als Kinder entwickelten sich tiefes gegenseitiges Verständnis und emotionale Bindung. Das lässt sich mittlerweile sogar am Computer live nachvollziehen, wenn Professor Gregory Berns seine Hunde in den Computertomografen legt und beim fMRT zuschaut, wie bei Hund und Mensch die gleichen Hirnregionen aktiv werden.

Ein Beitrag von Christoph Jung

*(Luc Janssens in der Presseerklärung der Uni Leiden: "That would mean keeping it warm and clean and giving it food and water, even though, while it was sick, the dog would not have been of any practical use as a working animal. This, together with the fact that the dogs were buried with people who we may assume were their owners, suggests that there was a unique relationship of care between humans and dogs as long as 14,000 years ago.")
https://www.universiteitleiden.nl/en/news/2018/02/emotional-bond-between-humans-and-dogs-goes-back-14000-years

Luc Janssens, Liane Giemsch, Ralf Schmitz, Martin Street, Stefan Van Dongen and Philippe Crombé  (2018). A new look at an old dog: Bonn-Oberkassel reconsidered, Journal of Archaeological Science, https://doi.org/10.1016/j.jas.2018.01.004

Mehr zu diesem Thema und den genetischen, epigenetischen und neurobiologischen Hintergründen der Mensch - Hund Beziehung könnt ihr erfahren auf dem 

4. Rostocker Vierbeinerforum


Es referieren:
  • Irene Sommerfeld-Stur, Genetikerin
    Wie wird der Hund zum Hund - Grundlagen der Genetik und Epigenetik
  • Daniela Pörtl, Ärztin mit Schwerpunkt Neurologie und Psychiatrie
    Die Mensch-Hund Beziehung im Spannungsfeld von Umwelt, Epigenetik und Genetik
  • Christoph Jung, Diplom-Psychologe und Publizist
    Vom Allrounder zum Spezi - Hund extrem: Ästhetik und Leistung vs. Ethik 
Samstag, 16. Juni 2018 
von
08:30 Uhr bis 17:30 Uhr
Hörsaal der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock
Justus-von-Liebig-Weg 8
18059 Rostock

Dienstag, 27. Februar 2018

4. Rostocker Vierbeinerforum

Im Juni findet wieder das Rostocker Vierbeinerforum statt. Es ist das 4. mal, dass sich Experten und Interessierte in der Universität Rostock unter dem Motto "Wissenschaft trifft Hund" treffen. Diesmal hat das Vierbeinerforum den Schwerpunkt:

Der Hund. Der Mensch.
Aussehen, Gesundheit, Verhalten - Wie der Mensch den Hund verändert! 

Es referieren:

Irene Sommerfeld-Stur, Genetikerin
  • Wie wird der Hund zum Hund - Grundlagen der Genetik und Epigenetik
Daniela Pörtl, Ärztin mit Schwerpunkt Neurologie und Psychiatrie
  • Die Mensch-Hund Beziehung im Spannungsfeld von Umwelt, Epigenetik und Genetik
Christoph Jung, Diplom-Psychologe und Publizist
  • Vom Allrounder zum Spezi - Hund extrem: Ästhetik und Leistung vs. Ethik 

Samstag, 16. Juni 2018 
von
08:30 Uhr bis 17:30 Uhr
Hörsaal der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock
Justus-von-Liebig-Weg 8
18059 Rostock


Diese Veranstaltung ist eine Zusammenarbeit des Vierbeinerforums und der Universität Rostock mit Unterstützung der Kynos Stiftung.

Donnerstag, 8. Februar 2018

GroKo bläst zur Wolfsjagd

Im Verhandlungsergebnis von CDU/CSU und SPD zur Bildung einer neuen Bundesregierung befindet sich eine von den Massenmedien kaum beachtete Passage zum Thema Wolf. Sie lautet wörtlich:

"Im Umgang mit dem Wolf hat die Sicherheit der Menschen oberste Priorität. Wir werden die EU-Kommission auffordern, den Schutzstatus des Wolfs abhängig von seinem Erhaltungszustand zu überprüfen, um die notwendige Bestandsreduktion herbeiführen zu können. Unabhängig davon wird der Bund mit den Ländern einen geeigneten Kriterien- und Maßnahmenkatalog zur Entnahme von Wölfen entwickeln. Dazu erarbeiten wir mit der Wissenschaft geeignete Kriterien für die letale Entnahme. Wir wollen, dass Wölfe, die Weidezäune überwunden haben oder für den Menschen gefährlich werden, entnommen werden." (Hervorhebungen CJ)

Ich möchte einmal wissen, auf welcher "wissenschftlichen" Grundlage hier eine "notwendige Bestandsreduktion" mal kurz so behauptet wird. "Letale Entnahme" meint nichts anderes als den Abschuss von Wölfen. Auch andere "Entnahmen" laufen zu 100% auf die Tötung des Wolfes hinaus. Ein wilder Wolf kann nicht im Gehege gehalten werden. Es ist schon bemerkenswert, dass dem Wolf und seiner Bejagung ein ganzer Abschnitt in einem Papier, das Basis einer 4-jährigen Bundesregierung sein soll, gewidmet wird. Und diese Basis ist wolfsfeindlich.

Zugleich werden Themen wie Qualzucht und Welpenhandel und weitere zusammen mit einem einzigen unverbindlichen Spruch abgespeist, einer Floskel, die schon in den Papieren der letzten gefühlt 20 Regierungen stand und lediglich den Status Quo erhalten soll:

"Das für Tierschutzfragen zuständige Ministerium wird bis zur Mitte der Legislaturperiode Vorschläge für konkrete Maßnahmen bis hin zu Verboten zur Verbesserung des Tierschutzes in diesen Bereichen vorlegen."

Der Kotau vor den Interessen der Agar- und Lebensmittelindustrie sowie der Jagdlobby ist tiefer nicht möglich.

Christoph Jung


Donnerstag, 1. Februar 2018

Hunde und Qualzucht 2/2

Im ersten Teil habe ich das Thema Qualzucht behandelt und einige betroffene Hunderassen aufgezählt. Aus meinem Archiv habe ich nun einige historische Aufnahmen dieser Hunderassen zusammengestellt, die deren ursprünglichen Zustand über 100 Jahre (1857 - 1956), ohne die Qualzucht der letzten Jahrzehnte widerspiegeln.

In the fist part I discussed the problem with inherited disorders, extrem conformation issues in purebred dogs and puppy mills. Now I show some pictures of some of these breeds from my archive. They demonstrate the orginial exterior of these breeds over 100 years from 1857 - 1956, without the failed developement of the last decades.

1940
Afghanischer Windhund /Afghan Hound
Fehringer 1940
1894 + 1913
Basset Hound
Graf van Bylandt 1894 (d'Artois)
Shaw 1913
1894 + 1933
Bernhardiner / St. Bernard
Graf van Bylandt 1894
Gräfin vom Hagen 1933
1913
Hubertushund / Bloodhound
Shaw 1913
1904 + 1940
Bobtail / Old English Sheepdog

Strebel 1904
Fehringer 1940
1940
Bordeaux-Dogge / Dogue de Bordeaux

Fehringer 1940
1940
Boston Terrier
Fehringer 1940
1915
Bulldog

Privatfoto 1915
1894
Chihuahua

Graf van Bylandt 1894
1894 + 1956
Chow Chow

Graf van Bylandt 1894
Gorny 1956
1881 + 1894
Deutsche Dogge / Great Dane

Shaw 1881
Graf van Bylandt 1894
1915, 1916, 1940
Deutscher Schäferhund / German Shepherd

Brehm 1915
Privatfoto 1916
Fehringer 1940
1857 + 1904
Dho-Khyi / Tibetian Mastiff

Richardson 1857
Strebel 1944
1894, 1940, 1956
Französische Bulldogge / French Bulldog
Graf van Bylandt 1894
Fehringer 1940
Gorny 1956
1894
Japan Chin / Japanese Chin

Graf van Bylandt 1894
1894 + 1940
Komondor 
Graf van Bylandt 1894
Fehringer 1940
1915, 1928, 1956 
Mops / Pug

Brehm 1915
Mops-Statue in Weißenfels von 1928
Gorny 1956
1956
Pekingese
Gorny 1956
1933
Puli

Gräfin vom Hagen 1933


Ein Beitrag von Christoph Jung

Quellen / References over 100 years
  • H.D.Richardson, Dogs: Their origin and varieties, New York 1857
  • Vero Shaw, The illustrated Book of the Dog, London 1881
  • H.A. graaf van Bylandt, Les Races des Chiens, Deventer 1894
  • Richard Strebel, Die Deutschen Hunde in 2 Bänden, München, 1904/5
  • Vero Shaw, The Enzyclopaedia of the Kennel, London 1913
  • Alfred Brehm, Brehms Tierleben Bd. 3, Leipzig 1915
  • Aga Gräfin vom  Hagen, Die Hunderassen, Potsdam 1933
  • Otto Fehringer, Unser Hund, Berlin 1940
  • Hein Gorny, Ein Hundebuch, München 1956


Samstag, 27. Januar 2018

Hunde und Qualzucht 1/2

Immer wieder werde ich gefragt, welche Hunderassen nun von Qualzucht betroffen seien. Zunächst muss definiert werden, was eigentlich unter "Qualzucht" verstanden wird. Es gibt hierzu keine offizielle oder gar gesetzliche Definition. Im deutschen Tierschutzgesetz gibt es den berühmten Paragrafen 11b, der es kurz gesagt verbietet, Tiere mit Schmerzen, Leiden oder Schäden zu züchten (Wortlaut siehe unten).

Im ersten Teil werde ich ein kleines Schlaglicht auf die Missstände werfen. Es ist wirklich nur ein zumal unvollständiges Schlaglicht mit ein paar Stichworten, ansonsten müsste man ein ganzes Buch hierzu herausbringen (letztlich noch viel mehr als mein "Schwarzbuch Hund"). Im zweiten Teil werde ich anhand historischer Fotos aus meinem Archiv zeigen, dass es zum einen anders geht, zum anderen bei den heutigen Qualzuchtmerkmalen durchweg um Verfälschungen, ja Perversionen der ursprünglichen, der originären Hunderassen handelt.

3 Kategorien der Qualzucht

Bezogen auf Hunde spreche ich von 3 Kategorien der Qualzucht:
  1. Hunderassen, die durch gezielte Zucht die Funktion wichtiger Körperteile zumindest teilweise verloren haben. Hierzu zählen der Verlust der Fähigkeit zum freien Atmen bei den Plattnasen, die Hinterhand beim Deutschen Schäferhund oder der extreme Fellwuchs etwa beim Komondor. Gigantismus oder Zwergenwuchs zähle ich ebenfalls hierzu.
  2. Hunderassen, in deren Population infolge von Versäumnissen der Zucht die genetischen Anlagen zu schwerwiegenden Erbkrankheiten stark gehäuft vorkommen oder die massiv an Lebenserwartung verloren haben. Hier sind etwa der Dobermann oder der Cavalier King Charles Spaniel zu nennen.
  3. Industrielle Hundeproduktion und Hundehandel. Hier wird im Massenumfang tagtäglich schweres Leiden durch die Gier des modernen Menschen erzeugt. Das betrifft in erster Linie die Zuchttiere, besonders die Hündinnen. Diese werden schlicht als Wurfmaschinen missbraucht und dann entsorgt. Dann betrifft es die Welpen, die meist zu jung, bestenfalls schlecht sozialisiert, minimal versorgt und kaum geimpft EU-weit in den Handel gebracht werden. 
Keine offiziellen Statistiken

Leider gibt es keinerlei offizielle, wirklich belastbare Statistik zu diesem Thema. Hunde züchten, produzieren, handeln darf in der EU jeder ohne jegliche behördliche Genehmigung oder Auflage (außer gewerblicher und räumlicher Art ab einer gewissen Größe). Es ist der weiße Fleck auf einer ansonsten streng regulierten Landkarte der EU-Bürokratie. Es gibt in Deutschland keine belastbaren Statistiken weder vom Staat noch von den Veterinären (deren Vertretungen ansonsten in wohlfeilen Statements auf ihre Sorge um die Hunde verweisen) noch von den Hundezuchtverbänden. Das von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Gutachten zu §11b TSchG (Qualzuchtgutachten) ist immer noch die fundierteste Quelle, stammt aber aus dem Jahr 1999 und bedarf einer aktuellen Überarbeitung und Ergänzung.

Qualzucht ist allein von Menschen gemacht!

Wenn ich immer wieder konkret Hunderassen benenne, so geschieht das nicht, um irgendeine Rasse "schlecht zu reden" - wie mir gerne unterstellt wird. Genau das Gegenteil ist der Fall! Gerade weil und wenn man Hunde und die einer speziellen Rasse liebt, muss man geradezu die Stimme für deren gesunder Zucht erheben. Wer wenn nicht wir soll das denn tun? Qualzucht ist kein Schicksal der Natur. Sie ist allein Menschen gemacht und zwar bewusst! Schweigen macht nur mitschuldig an dem unsäglichen Elend, das wir Menschen hier und heute, mitten im Herzen Europas, den Hunden antun. Es war ja mein geliebter Bulldog Willi, dessen Schicksal mich geradezu zwang, mich dem Thema Qualzucht zu widmen und meine Stimme dagegen zu erheben - gerade weil ich das Wesen und den Charakter dieser Hunde so schätze. Heute vor 10 Jahren starb er.

Nun eine (unvollständige) Liste der wichtigsten nach meiner persönlichen Auffassung von Qualzucht betroffenen Hunderassen. Dazu muss gleich gesagt werden, dass eben nicht alle Hunde der jeweiligen Rasse von einem oder allen Qualzuchtmerkmalen betroffen sind oder sein müssen:
  • Afghane
    extremes Haarkleid bei manchen Ausstellungslinien
  • Basset Hound
    in vielen Show-Linien zu lockere Haut, Probleme an Augen, Ohren, zu kurze Beine u.a.m.
  • Berner Sennenhund
    zahlreiche Erbkrankheiten, sehr geringe Lebenserwartung
  • Bloodhound
    oft zu lockere Haut, sehr geringe Lebenserwartung
  • Bobtail
    bei Show-Linien teils extremes Haarkleid, das u.a. den Hund massiv beim Sehen behindern kann
  • Bordeaux-Dogge
    extrem geringe Lebenserwartung
  • Boston Terrier
    Plattnase*, weitgehender Verlust natürlicher Fortpflanzungsfähigkeit
  • Bulldog (englische Bulldogge)
    Plattnase*, extreme Falten besonders am Kopf, zu schweres Gebäude, weitgehender Verlust natürlicher Fortpflanzungsfähigkeit, Immunsystem, extrem geringe Lebenserwartung 
  • Chavalier King Charles Spaniel
    mehrere schwere Erbkrankheiten sind in der Population weit verbreitet
  • Chihuahua (Toy)
    Zwergwuchs, Schädeldeformationen, Glubschaugen
  • Chinese Crested
    Felllosigkeit und damit verbundene Gendefekte (ähnlich bei den anderen Nackthunderassen)
  • Chow-Chow
    in manchen Show-Linien zu üppiges Fell mit starker Faltenbildung
  • Deutsche Dogge
    teils Gigantismus und etliche Erbkrankheiten auch verbunden mit bestimmten Fellfarben
  • Deutscher Schäferhund
    u.a. Deformierung der Hinterhand und des Rückens besonders bei den Show-Linien
  • Dho Khyi
    Gigantismus und Erbkrankheiten in Teilen der Zucht
  • Dobermann
    Verseuchung der Population mit der erblichen Herzkrankheit DCM
  • Französische Bulldogge (Bully)
    extreme Plattnase*, Schädeldeformation, Rückgratdeformationen in weiten Teilen der Zucht, Immunsystem 
  • Japan Chin
    extreme Plattnase* und Schädeldeformation
  • Komondor
    extremes Haarkleid
  • Lundehund
    Lundehundsyndrom in weiten Teilen der Population
  • Mastiff
    Gigantismus in Teilen der Zucht
  • Mastino Napoletano
    teils Gigantismus, extreme Hautpartien, Augen
  • Mops
    extreme Plattnase*, Schädeldeformation, Glubschaugen in weiten Teilen der Zucht
  • Pekinese
    extreme Plattnase*
  • Puli
    extremes Haarkleid, Kopfbehaarung soll sogar laut Standard die "Augen abschirmen"
  • Rhodesian Ridgeback
    der Ridge auf dem Rücken ist Ausdruck der Anlage zu einer Nervenkrankheit, Umgang mit den eigentlich gesunden Welpen ohne Ridge
  • Shar-Pei
    teils extreme Faltenbildung besonders am Kopf, Immunsystem
  • Tibet Terrier
    verschiedene Erbkrankheiten in Teilen der Population
  • Toy-Pudel
    von Standard geforderter Zwergwuchs
  • Yorkshire Terrier (Toy)
    Zwergwuchs
  • Zwergspitz, Pomeranian (Toy)
    Zwergwuchs

    (* siehe Brachycephales Syndrom)
Darüber hinaus kann man noch bei etlichen weiteren Hunderassen Erscheinungen von Qualzucht der von mir genannten Kategorien eins und zwei finden. Am verheerendsten wirkt meiner Einschätzung nach derzeit die Qualzucht der dritten Kategorie. Sie betrifft einen Großteil der Hunderassen wie auch Mischlinge.

Die Verantwortung der Welpenkäufer

Der Marktanteil der Welpen und Hunde aus industrieller Produktion und Hundehandel wächst kontinuierlich. Nach einer Statistik des britischen Kennel Clubs hat der Marktanteil der von Qualzucht gebeutelten Plattnasen in den letzten Jahren im UK massiv zugenommen. Bei den Französischen Bulldoggen sogar um das 30-fache. In Deutschland wird der Trend vermutlich ähnlich sein. Wir reden immer lauter von Tierschutz, in der Praxis werden immer mehr Welpen aus zwielichtigen Quellen gekauft. Ohne die entsprechenden Welpenkäufer gäbe es keine Qualzucht!

Bulldog, Mops & Co sind tolle Hunde

All die hier genannten Hunderassen, von dem Toy-Pudel abgesehen (der per Standard als Zwergwuchs konzipiert ist), haben ihre Daseinsberechtigung. Es ist jede für sich eine tolle Hunderasse. Der Charme eines Mopses oder eines Bulldogs, die sprichwörtliche Leistungsfähigkeit des Deutschen Schäferhundes oder des Bloodhounds, das Gemüt einer Deutschen Dogge oder eines Mastiffs - all das sind Kleinode der Hundewelt, die es unter allen Umständen zu erhalten gilt. Gerade deswegen müssen die Irrwege und Missstände in der Zucht offen benannt und angeprangert werden - um eine Chance auf den Erhalt dieser Hunderassen zu haben. Fast alle Hunderassen sind sehr alt oder haben uralte Wurzeln - kerngesunde Wurzeln. Deren heutige Qualzucht zeugt lediglich vom Wirken des modernen Menschens der Industriestaaten der letzten Jahrzehnte samt ihrer Politiker und Veterinäre.

Gesunde Zucht ist möglich!

Die benannten Rassen stellen reichlich 10% aller offiziell von der FCI anerkannten Hunderassen dar. Das ist zuviel. Jeder Qualzuchtfall ist zuviel. Das heißt jedoch positiv ausgedrückt, dass rund 80% aller Hunderassen nicht oder nur in Ausnahmefällen von Qualzucht betroffen sind. Das heißt leider noch lange nicht, dass es überall ansonsten gut aussehen würde. Doch: Bei vielen Hunderassen, namentlich den Jagdhunderassen aber nicht nur dort, sehen wir zumeist in den dem VDH angeschlossenen Vereinen Zucht-Reglements und entsprechende reale Praxis, die selbst bei kleinen zahlenmäßigen Populationen vitale, in Körper und Psyche gesunde, langlebige Rassehunde hervorbringen. Gesunde Zucht von Rassehunden ist möglich und die vorherrschende Realität aber leider nur unterhalb des VDHs und einiger anderer Vereine**.

Denn wie oben schon angeführt: Diese seriöse Zucht deckt einen Marktanteil von nicht einmal 30% ab, bei ständig sinkendem Marktanteil. Die Hundehalter kaufen immer öfter den industriell produzierten und EU-weit vermarkteten Billig-Welpen vom Sofa aus per Maus-Click im Web mit Lieferung nach Wunschtermin. Das ist die traurige Realität unter deutschen "Hundefreunden".

Ein  Beitrag von Christoph Jung


* * Ich höre jetzt schon gleich die oft keifenden Kommentare von wegen Zucht im VDH. Nach meiner Kenntnis gibt es keinen Dachverband in Deutschland, der real strengere Zuchtreglements hat als der VDH. Klar, den Dachverband VDH schert es oft nicht, wenn Mitgliedsvereine gegen diese massiv verstoßen, siehe Dobermann. Doch ist es (leider) ebenso Realität, dass sich fast alle (aber nicht alle) seriösen Zuchtvereine unterhalb des Dachs des VDHs befinden. Gerne nehme ich Hinweise entgegen, die auf positive Alternativen verweisen. Hinter dem Schimpfen auf den VDH verbirgt sich oft nur eine umso schlechtere Zuchtpraxis. Allerdings kenne ich ebenso Beispiele von Züchter und Zuchtvereinen, die ob Misständen im VDH außerhalb dessen eine bessere Praxis zeigen. Es ist auch klar, dass der VDH in Deutschland seit Jahrzehnten hauptverantwortlich ist für das Ausstellungswesen, das wiederum ein Katalysator für die unter Kategorie 1 genannten Auswüchse ist.

Dokumentiert:

Tierschutzgesetz § 11b 

(1) Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten oder durch biotechnische Maßnahmen zu verändern, soweit im Falle der Züchtung züchterische Erkenntnisse oder im Falle der Veränderung Erkenntnisse, die Veränderungen durch biotechnische Maßnahmen betreffen, erwarten lassen, dass als Folge der Zucht oder Veränderung
1.
bei der Nachzucht, den biotechnisch veränderten Tieren selbst oder deren Nachkommen erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten oder
2.
bei den Nachkommen
a)
mit Leiden verbundene erblich bedingte Verhaltensstörungen auftreten,
b)
jeder artgemäße Kontakt mit Artgenossen bei ihnen selbst oder einem Artgenossen zu Schmerzen oder vermeidbaren Leiden oder Schäden führt oder
c)
die Haltung nur unter Schmerzen oder vermeidbaren Leiden möglich ist oder zu Schäden führt.
(2) Die zuständige Behörde kann das Unfruchtbarmachen von Wirbeltieren anordnen, soweit züchterische Erkenntnisse oder Erkenntnisse, die Veränderungen durch biotechnische Maßnahmen betreffen, erwarten lassen, dass deren Nachkommen Störungen oder Veränderungen im Sinne des Absatzes 1 zeigen werden.
(3) Die Absätze 1 und 2 gelten nicht für durch Züchtung oder biotechnische Maßnahmen veränderte Wirbeltiere, die für wissenschaftliche Zwecke notwendig sind.
(4) Das Bundesministerium wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates
1.
die erblich bedingten Veränderungen und Verhaltensstörungen nach Absatz 1 näher zu bestimmen,
2.
das Züchten mit Wirbeltieren bestimmter Arten, Rassen und Linien zu verbieten oder zu beschränken, wenn dieses Züchten zu Verstößen gegen Absatz 1 führen kann.



 
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