Freitag, 20. Juni 2014

Evolution - Halfen uns Hund und Neandertaler? (3)

Pat Shipman ist Professorin für Archäologie in Pennsylvania/USA und Spezialistin für Fossilien. Sie kann im wahrsten Sinne aus den Knochen lesen. So aus denen von Mammuts. Shipman fiel auf, dass sich ein paar tausend Jahre nach Ankunft des anatomisch modernen Menschen (AMH) in Europa große Ansammlungen von Mammutknochen häufen. Die Überreste von um die Hundert, vereinzelt auch noch viel mehr Mammuts finden sich an einem einzigen solchen Ort. Die Skelette sind komplett. Eine natürliche Ursache für eine solche Massenansammlung, etwa einen Erdrutsch, kann ausgeschlossen werden. Indizien wie die Spuren von Schneidwerkzeugen an den Knochen unterstützen die Vermutung, dass die Mammuts von Jägern erlegt wurden. Nur, "wie kann man 86 Mammuts töten" fragt Shipman im Titel ihrer Arbeit (s.u. in den Literaturhinweisen). Zumal das Fleisch dieser Tonnen-schweren Kolosse nach dem Erlegen auch noch transportiert werden musste. Zudem findet man keine solche Anhäufungen von Mammutfossilien, die älter als 40.000 Jahre datieren. Danach aber häufen sich solche Funde schlagartig.
Foto: Piotr Wojtal
Die Archäologin führt das auf einen Sprung in der Jagdtechnologie des Menschen zurück. Im Aurigniacien vor gut 30.000 Jahren ist ein Kultursprung der Menschheit festzustellen. Zum einen hatte man neue Distanzwaffen erfunden, etwa die Speerschleuder. Zum anderen sieht Shipman den Hund als weiteren wesentlichen Fortschritt. Damals hatte die Kooperation Mensch-Wolf einen solchen Stand erreicht, dass man von (Proto-)Hunden sprechen kann (siehe Thalmann et al. unten und Teil2). Die Zusammenarbeit mit Hunden wiederum habe den Jagderfolg signifikant erhöht, so die Archäologin.
Karte Mammutfundorte (Pat Shipman)
Kooperation Mensch-Hund: Besserer Jagderfolg, bessere Versorgung mit hochwertiger Nahrung

Studien weisen auch heute noch höhere Jagderfolge durch die Kooperation mit dem Hund nach. Das galt erst recht in der Steinzeit und bei der Jagd auf das Großwild der damaligen Kaltsteppen, Wollnashörner, Steppenwisente und vor allem Mammuts. Beim Finden und Ausspähen der Herden, beim Treiben und Stellen des zu erlegenden Individuums, beim Erlegen und schließlich beim Sichern und Abtransport der Beute. Ohne die Zusammenabeit mit dem Hund seien solche Erfolge nicht erklärbar, so Shipman. Die Menschen, die mit dem Hund zusammengearbeitet haben, hätten eine bessere Ernährung und somit auch erfolgreichere Vermehrung gehabt.
Primitiver Hundeschlitten aus späterer Zeit
Die nun sprunghaft bessere Versorgung mit Fleisch beförderte eine gesteigerte Aktivität des Großhirns. Auch das ist eine notwendige Grundlage für die Fortschritte im Werkzeug- und Waffenbau und der Kultur, die im Aurignacien nachgeweisen wurden. Zugleich wird die Höherentwicklung von Sprache und Sozialordnung durch die verbesserte Ernähungsgrundlage begünstigt.

Nutzung der überlegenen Sinnesleistungen des Wolfes/Hundes

Neben dem besseren Jagderfolg und infolge besserer Ernährungslage hatte die Kooperation mit dem Wolf und später Hund weitere Vorteile. Die Kooperation brachte einen besseren Schutz vor Angreifern und ein höheres Durchsetzungsvermögen gegen Konkurrenten, vier- oder zweibeinige. Der anatomisch moderne Mensch konnte sich zudem auf die weit überlegenen Sinnesleistungen des Wolfes resp. Hundes verlassen. Hunde riechen "tausendfach" besser als Menschen, haben ein größeres Spektrum des Hörsinns, sehen bei Nacht wesentlich mehr. Der Mensch konnte sich auf dessen hervorragendende Sinnesleistungen zunehmend verlassen. Das erleichterte es dem Großhirn, immer mehr intellektuelle Ressourcen für den technologischen und kulturellen Fortschritt bereitzustellen. Auch das hatte weitreichende Folgen für den Siegeszug des AMH.

Weniger Stress, höhere Leistungsfähigkeit...

Der wichtigste Vorteil liegt jedoch im Verborgenen, ist aber heute noch lebendig und für jeden Hundefreund spürbar, ja der wesentliche Faktor der Partnerschaft Mensch-Hund. Das Verstehen und Vertrauen zwischen Mensch und Hund, der gegenseitige Stessabbau durch die erfolgreiche Kooperation und die neurobiologischen Folgen dieses "Wohlfühl"-Szenarios: Dem Menschen der Altsteinzeit brachte es einen Schub in der Entwicklung seiner psychischen, geistigen, handwerklichen und sozialen Fähigkeiten. In Wechselwirkung mit den direkt sichtbaren Vorteilen wie dem besseren Jagderfolg und höheren Schutz vor Feinden wirkten diese als neurobiologischer Katalysator für die individuelle und kollektive Leistungsfähigkeit unserer Vorfahren. Das allgemeine Stressniveau konnte heruntergefahren, Hormone wie Serotonin, Oxytoxin oder Dopamin verstärkt produziert werden. Dieser Prozess ist als eine epigenetische Modulation cerebraler Funktionssysteme zugunsten prosozialer Beruhigungssysteme zu verstehen.
29.000 Jahre alter Hundeschädel, dem man einen Mammutknochen ins Maul gelegt hat: Dank an einen verdienten Jagdpartner?
Anthropos Museum, Brno, mit freundlicher Genehmigung Mietje Germonpré.
Die Folgen solcher neurobiologischen Verschiebungen sind sehr vielfältig und weitreichend. Kinder können sich besser entwickeln insbesondere hinsichtlich ihrer Immunkräfte, ihrer geistigen Fähigkeiten und sozialen Kompetenz. Menschen können unter solchen Bedingungen leistungsfähigere soziale Gruppenstrukturen herausbilden und festigen. Kommunikation, Spiegelneuronenaktivität, Empathie und Theroy of Mind (ToM) werden gefördert. Die gesamte intellektuelle Leistungsfähigkeit wird umfassend gesteigert, die gesundheitlichen Parameter positiv beeinflusst. Solche Wirkungen sind heute neurowissenschaftlich wie auch verhaltensbiologisch umfassend nachgewiesen. Man kann davon ausgehen, dass die Wirkmechanismen beim Steinzeitmenschen, der anatomisch zum heutigen identisch ist, dieselben waren.

...bei Mensch wie Hund

Solche Einflüsse, zumindest in Teilen, kann man auch beim Hund unterstellen. Hunde verstehen den Menschen wie kein anderes Tier. Wir gehen davon aus, dass auch der Hund in jener Zeit seine Aktivität des Spegelneuronensystems steigerte und seine Fähigkeiten zu interspezifischer Empathie und Theory of Mind sprunghaft verbesserte. Die kollektive Jagd zweier Spezies zumal auf wehrhaftes und intelligentes Großwild, die komplexe Handlungsabläufe beinhaltet, basiert auf der Unterordnung des individuellen Mitglieds der Jagdgemeinschaft unter deren Gesamtplan. Als der Wolf zum Hund wurde, ordnete er sich zugleich aktiv den sozialen Regeln seiner Menschengruppe unter. Das ist auch heute noch eines der Alleinstellungsmerkmale der Mensch-Hund-Beziehung. Der Hund war dazu nur in der Lage, weil auch bei ihm die hier angesprochenen neurobiologischen Veränderungen wirkten. Der Hund ist mehr als ein zahmer Wolf, er hat eine neue Qualität entwickelt. Diese wirkt insbesondere im interpezifischen Verständnis, der kognitiven Flexibilität, vermindertem Konkurrenzverhalten und massiver Zunahme der Hemmbarkeit. In der Folge konnte er die unterschiedlichsten, zum Teil gegensätzlichen Arbeitsaufgaben für den Menschen leisten. Diese Fähigkeiten basieren auf differenzierten Triebausprägen und eben der aktiven Einordnung unter die sozialen Regeln des Menschen. Wir nennen diesen Prozess die "aktive soziale Domestikation des Hundes".
Husky (Mary) und Wolf (Foto: Christoph Jung)

Kommen wir noch einmal zurück auf die Wirkungen dieser Kooperation auf den Menschen. Wir unterscheiden:

a.) unmittelbare Wirkungen der Kooperation Mensch - Wolf/Hund in der Steinzeit
  • größerer Erfolg bei der Jagd
  • besserer Schutz vor Feinden
  • mehr Durchsetzungskraft gegen Konkurrenten
  • neue Transportoptionen, Hund als Zugtier verfügbar
  • Spielpartner für die Kinder
  • verschiedene: Hund als Wärmekissen, Nahrungsreserve, Orientierungshilfe, Schädlings- und Unratvernichter
b.) mittelbare Wirkungen der Kooperation Mensch - Wolf/Hund in der Steinzeit
  • mehr hochwertige Nahrung zur Steigerung der Hirnleistung verfügbar
  • weniger Hirnressourcen für Sinnesleistungen nötig
  • weniger Stressbelastung und
  • mehr Oxytocin und Dopamin - steigern intellektuelle und psychische Leistungsfähigkeit sowie körperliche Widerstandskraft und letztlich Fertilität von Individuum und Gruppe
Die Kooperation mit dem Wolf und infolge die Herausbildung des Hundes kann als eine Art Katalysator für die Evolution des Menschen in der Steinzeit bezeichnet werden. Der Autor dieses Artikels hat 2012 zusammen mit der Neurologin Daniela Pörtl hierzu das Modell der "Aktiven sozialen Domestikation des Hundes" entworfen und 2013 u.a. auf verschiedenen Medizinerkongressen wie der DGE oder DGPPN vorgestellt. Denn auch heute noch ist es von Bedeutung, diese Wirkmechanismen zu kennen: Zum einen für das Verständnis der (therapeutischen) Wirkung des Hundes auf den Menschen, zum anderen für eine Wiederbelebung der Partnerschaft Mensch-Hund, dem originären Anliegen von Petwatch.


Literaturhinweise:

Ein Beitrag von Christoph Jung



Sonntag, 15. Juni 2014

Evolution - Halfen uns Hund und Neandertaler? (2)

In Teil 1 haben wir gesehen, dass der Neandertaler möglicherweise eine wichtige Rolle für den Siegeszug des anatomisch modernen Menschen (AMH) spielte. Vielleicht hatten wir sogar noch einen weiteren Helfer. Auch der Hund könnte eine Rolle als Entwicklungshelfer der Menschheit gespielt haben. Eine internationale Forschergruppe hat 2013 praktisch alle europäischen Fossilien von Hunden sowie Fossilien von Wölfen aus gleicher Zeit mit neuesten genetischen Methoden angeschaut. Dem renommierten Wissenschaftsmagazin "Science" war das im November 2013 einen Titel wert.

Die Uni Tübingen berichtet: "Danach stammen alle heute lebenden Hunde von europäischen Vorfahren ab. Die Domestikation nahm ihren Anfang im Zeitraum vor 18.800 bis 32.100 Jahren zum Höhepunkt der letzten großen Eiszeit, als europäische Jäger und Sammler die ersten Wölfe zähmten." Untersuchungsleiter Olaf Thalmann ergänzt: "Ich war verblüfft, wie deutlich herauskam, dass die heute lebenden Hunde alle auf gemeinsame Stammbäume zurückgehen, nämlich vier Abstammungslinien, die alle in Europa ihren Anfang nahmen".
SCIENCE COVER  Photo: © Barbara von Hoffmann/Alamy
30.000 Jahre Hund

Unsere Hunde begleiteten den Menschen also bereits kurz nachdem dieser Europa betreten hatte. Damals mussten sich unsere Vorfahren an Kaltsteppen und die Jagd auf Wollhaarmammuts oder Steppenwisente erst einmal gewöhnen. Wölfe jagden hier bereits seit Urzeiten. Menschen und Wölfe sind hochsoziale Jäger, die demselben Wild mit sehr ähnlichen, kollektiven Methoden nachstellen. Vielleicht hat sich der Einwanderer Homo sapiens Einiges vom Wolf abgeguckt. Vielleicht ist man sich so näher gekommen. Bemerkenswert ist allemal der Fakt, dass aus schärfsten Konkurrenten im Überlebenskampf, unmittelbaren Konkurrrenten in derselben ökologischen Nische, Konkurrenten, die sich gegenseitig (Lebens-) gefährlich werden konnten, dass aus solche Konkurrenten schließlich Partner wurden. Und das bereits vor gut 30.000 Jahren. Der Wolf sollte bis heute der einzige große Beutegreifer bleiben, der je domestiziert wurde.
31.700 Jahre alter (Proto-)Hundeschädel,
gefunden in Belgien in einer Höhle an der Maas
(c) Royal Belgian Institute of Natural Sciences -
mit freundlicher Genehmigung von Mietje Germonpré 
Kooperation bei der Jagd?

Der Wolf zählte zu den wenigen Tieren, die dem Steinzeitmenschen gefährlich werden konnten. Tatsache ist ebenfalls, dass dieser Beutegreifer zum - mit großem Abstand - ersten und zugleich am engsten verbundenen Haustier des Menschen wurde. Aus dem Wolf war schon lange der Hund entstanden, als viele tausend Jahre später erste Menschen sesshaft wurden. Höhlenmalereien zeigen bereits Hunde in Jagdszenen. Der Archäologie Professorin Pat Shipman, Spezialistin für Fossilien, ist aufgefallen, dass die Funde von Mammutknochen vor etwa 30.000 Jahren sprunghaft angestiegen sind. Sie sieht dies u.a. als Ergebnis der erfolgreicheren Jagd mit und durch den Helfer Hund. (Mehr dazu im nächsten Teil.)
Weitere Belege zur konkreten Rolle der altsteinzeitlichen Hunden haben wir bisher jedoch nicht. Mit Hilfe der Verhaltensbiologie, Psychologie und Neurowissenschaften können wir allerdings Rückschlüsse auf die Wirkmechanismen ziehen, die zur Hundwerdung geführt haben könnten.

Wir wissen, dass Wolfsgruppen gelegentlich Traditionen ausbilden, die in einem bestimmten Rudel von Generation zu Generation weitergegeben werden. Wir wissen auch, dass Wölfe sehr gute Beobachter sind. Dasselbe gilt für die Menschen der Steinzeit. Zwischen steinzeitlichen Menschenclans und einzelnen Wolfsrudeln müssen sich Traditionen der Annäherung herausgebildet haben. Man beobachtete sich bei der Jagd gegenseitig. Schließlich bezog man das Verhalten der anderen Spezies in die Überlegungen zur Jagd mit ein. Solche Traditionsbildungen zwischen zwei Spezies können auch heute noch beobachtet worden. Das "befreundete" Wolfsrudel wusste die Nähe zum Lagerplatz der Menschen zu schätzen. Menschen hatten Feuer und Waffen und hinterließen wohl auch dieses oder jenes noch verwertbare Stück von der Beute. Die Menschen wussten die Nähe dieser "befreundeten" Wölfe ebenfalls zu schätzen. Wölfe sind effiziente Jäger, wehrhaft, verfügen insbesondere über weitaus leistungsfähigere Sinnesorgane. Eine für beide Seiten vorteilhafte Kooperation entstand. Man lernte sich immer besser kennen und einschätzen. Mit der Zeit wurde der gegenseitige Stress immer weiter abgebaut. Es entstand eine gewisse Vertrautheit. Diese positiven Erfahrungen wurden von Generation zu Generation weitergegeben und epigenetisch gefestigt, während zugleich aggressive Individuen aussortiert wurden. So entstand die Basis der Domestikation.

Kooperation Mensch - Wolf als Vorteil im Überlebenskampf

Durch die Kooperation mit dem Wolf war der Mensch erfolgreicher bei der Jagd und standhafter gegenüber Konkurrenten und Gefahren. Ein Vorteil im Überlebenskampf. Zudem konnten sich die in Kooperation mit dem Wolf stehenden Menschenclans auf die überlegenen Sinnesleistungen des Wolfes stützen. Dadurch musste der AMH mit der Zeit weniger wertvolle Hirnkapazität für die Sinnesleistungen bereithalten. Diese Ressourcen konnten innerhalb der (bis heute) bestehenden anatomischen Strukturen des Großhirns umgewidmet werden. So wurden Kapazitäten etwa für die Höherentwicklung der Fertigkeiten in der Werkzeugherstellung frei. Komplexere soziale Strukturen samt der hierzu nötigen Sprache und Kultur konnten herausgebildet werden. Insgesamt wurde die Fortentwicklung des Intellekts, des Abstaktionsvermögens und damit die Fähigkeit des anatomisch modernen Mensch, die Gesetzmäßigkeiten der Natur zu erkennen, begünstigt.

Weniger Stress und höhere Leistungsfähigkeit

Neuere Erkenntnisse der Neurowissenschaften lassen einen weiteren Aspekt dieser Zusammenhänge als den potenziell wichtigsten erscheinen. Er steht in unmittelbarer Verbindung zu den eben genannten Szenarien der Kooperation Mensch - Wolf. Mit ihrer Annäherung verschob sich bei Mensch wie Wolf die Stressachse. Das Stressniveau reduzierte sich auf beiden Seiten durch das Gefühl einer erhöhten Sicherheit, engeren sozialen Eingebundenheit und der höheren Leistungsfähigkeit der Gruppe im Überlebenskampf. Soziale Hormone wie Dopamin oder Oxytoxin wurden verstärkt ausgeschüttet. Effekte einer solchen Wohlfühlsituation sind: Erhöhte Sozialkompetenz in der Gruppe, höhere intellektuelle Leistungsfähigkeit, besseres Lernverhalten, bessere Immunabwehr und eine höhere Fertilität. Diese Wirkungen der Hormone sind heute unstrittig.

Stresskiller: Kooperation Mensch-Hund

In den letzten Jahren haben mehrere Wissenschaftlergruppen die positive Wirkung des Hundes auf den Menschen bis hinunter auf diese neurobiologischen Wirkmechanismen nachweisen können. Noch ist die Stress reduzierende Wirkung auf des Hundes auf den Menschen nachweisbar. Die Auswirkungen waren für den homo-affinen Wolf noch viel weitgehender. Es entstand mehr als nur ein zahmer Wolf, er wandelte sich zum Hund. Der zum Hund gewordene Wolf wurde der engste Begleiter des Menschen und übernahm nach und nach eine schier endlose Fülle an sehr unterschiedlichen Arbeitsaufgaben für den Mensch. Vielleicht wäre auch der Schritt zur Viehhaltung ohne den Helfer Hund nie gelungen?

Vielleicht werden wir uns an den Gedanken gewöhnen müssen, dass der weltweite Siegeszug des modernen Menschen nicht allein aus der ihm gerne unterstellten immanenten oder gottgegebenen Omnipotenz rührt. Vielleicht hatte er nur das Glück, sich dieses oder jenes Helfers bedienen zu können, hatte er vor allem die Fähigkeit, von anderem zu lernen, die Offenheit auf Unbekanntes zuzugehen und Neues anzuwenden?

Im dritten Teil werden wir ein Modell vorstellen, das beschreibt, wie sich die Annäherung Mensch - Wolf und die damit beginnende Domestikation des Hundes abgespielt haben könnte.

Literaturhinweise:

Ein Beitrag von Christoph Jung

Donnerstag, 12. Juni 2014

Evolution - Halfen uns Hund und Neandertaler?

Es ist eines der großen Rätsel der Menschheitsgeschichte: Unsere Vorfahren kamen vor gut 30.000 Jahren aus dem warmen Afrika. Dennoch eroberten sie das kalte Europa binnen weniger tausend Jahren. Was machte die Überlegenheit unserer Ur-Ahnen aus? Wer waren diese Menschen?

Der Neandertaler beherrschte Europa mehr als 100.000 Jahre lang. Er verschwand nach Ankunft des anatomisch modernen Mensch in historisch sehr kurzer Zeit und das obwohl der Neandertaler an die Verhältnisse in Europa bestens angepasst war. Er hatte sich über mehr als 100.000 Jahre hinweg durch alle Eiszeiten und Klimaschwankungen behauptet. Wie konnte sich da ein Einwanderer aus Afrika durchsetzen?

Zunächst schien die Antwort einfach. Der Neandertaler wurde zu einer primitiven Menschenform erklärt. Er sei ohne Sprache, ohne Kultur mit bestenfalls nur grobschlächtigem Geschick im Werkzeugbau. Da habe der anatomisch moderne Mensch eben leichtes Spiel gehabt. Homo sapiens sei dem Neandertaler in allen Belangen überlegen gewesen. Selbstredend galt unter Wissenschaftlern als ausgemacht, dass der vermeintlich primitive Neandertaler nicht zu unseren Ahnen zählen könne. 2009 veröffentlichte das auf diesem Gebiet führende Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig eine Studie: "No Sex with Homo Sapiens" war deren Ergebnis und Titel zugleich. Es gäbe keinerlei Spuren des Neandertalers in unseren Genen. Viele Archäologen, Philosophen und nicht zuletzt Kirchenleute sahen sich einmal mehr bestätigt.
(c) Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology
Der Neandertaler in uns

Doch schon ein Jahr später korrigierten sich die Leipziger Anthropologen grundlegend. Inzwischen konnte man mit modernster Technik das Genom von Homo sapiens und neanderthalensis viel genauer analysiern. Jetzt wiesen die Leipziger nach, dass im Erbgut der heutigen Europäer nicht weniger als 2,1% vom Neandertaler stammen. Gut 2% sind genetisch nicht wenig, wenn man bedenkt, dass wir immerhin 95% unserer Gene mit Menschenaffen teilen. Unser Genom unterscheidet sich nur um 5% vom Schimpansen. Der 2%-Erbgutanteil vom Neandertaler soll uns sogar beim Überlebenskampf im unwirtlichen Europa der Eiszeit geholfen haben. Und vielleicht noch mehr?

Im April 2014 präsentierten die Archäologen Roebroecks und Villa eine weitere Studie. Sie sollte uns zum Umdenken hinsichtlich unseres alten menschlichen Verwandten anregen. "Wir haben keine Beweise gefunden, dass Erklärungen zur Überlegenheit des Homo sapiens von fundierten archäologischen Daten gedeckt sind." So das Resumee einer kritischen Analyse der Befunde zum Thema Neandertaler. Die beiden Archäologen vertreten die Auffassung, es gäbe keine Beweise, dass der Neandertaler unterlegen war, weder hinsichtlich Jagdmethoden, noch Technologie, noch Kultur oder Sprache. Sie vermuten, dass der Neandertaler nicht vertrieben wurde. Er sei schlicht in der Vermischung mit unseren Vorfahren aufgegangen. "Die Vermischung von Neandertaler und anatomisch moderem Menschen könnte diesem geholfen haben, sich an die nicht-afrikanischen Bedingungen anzupassen." schreiben Roebroecks und Villa. Der Typ des Homo sapiens habe sich aber durchgesetzt, u.a. weil er zahlenmäßig überlegen gewesen sei.

Entwicklungshelfer der Menschheit

Ob der Neandertaler tatsächlich im anatomisch modernen Menschen aufgegangen ist, wäre durch weitere Untersuchungen zu verifizieren. Die heutigen Erkenntnisse legen aber nahe, dass der Neandertaler einen konstruktiven Beitrag zum Siegeszug des modernen Menschen geleistet hat. Hier müssen wir umdenken. Es scheint, dass wir mindestens einen Helfer hatten. Zum zweiten potenziellen Helfer der Menschheit, dem Hund, kommen wir in den nächsten Teilen dieser kleinen Serie.

Literaturhinweise:




Ein Beitrag von Christoph Jung




Freitag, 16. Mai 2014

Zur Orientierung des Hundes auf den Menschen

Es ist immer wieder erstaunlich, wie fein und vielfältig Hunde menschliche Signale verstehen. In der Kommunikation unterscheiden wir grundsätzlich verbale und non-verbale. In der verbalen Kommunikation sind wir Menschen sehr gewandt. Wir sprechen, schreiben und lesen ausgiebig und intensiv. Das kann keine andere Spezies auch nur annähernd.

Hunde verstehen Menschen so gut wie keine andere Spezies

Allerdings verstehen Hunde die Sprache der Menschen durchaus in gewissem Umfang. Hundehalter machen nicht selten die Erfahrung, dass bestimmte Worte von ihren Hunden augenscheinlich verstanden werden, selbst wenn diese nicht direkt an den Hund gerichtet und ohne besondere Betonung sind. So kriegen Hunde mit, wenn sich Herrchen und Frauchen untereinander zu einem bevorstehenden "Gassi-Gehen" abstimmen. Es gibt inzwischen etliche wissenschaftlich fundierte Nachweise für das Verstehen von Sprachelementen durch Hunde. Besondere Experten unter den Hunden (in der Regel Border Collies) können mehr als 200 Begriffe aus unserer Sprache unterscheiden und sogar selbständig erschließen (fast mapping). Ihr Niveau erreicht das von Kleinkindern. Diese Fähigkeit ist bei Hunden besser ausgeprägt als bei jeder anderen Spezies neben dem Menschen. Selbst unsere nächsten Verwandten wie Schimpanse und Bonobo werden von Hunden in den Schatten gestellt. Hier ein ausführliches Video des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie Leipzig (MPI) zu diesem Themenbereich (mit freundlicher Genehmigung des MPI):


In der non-verbalen Kommunikation stellt sich das noch ausgeprägter dar. Da kann man den Eindruck gewinnen, Hunde kennen zuweilen unsere Kommunikationswelten besser, als wir Menschen untereinander. In den letzten 10 Jahren hat sich die Forschung auch diesem Thema zunehmend gewidmet. Hunde verstehen Zeigegesten, Hunde lesen die Blickrichtung unserer Augen - und sie handeln nach diesen Informationen. Solche recht plakativen Methoden non-verbaler Kommunikation verstehen Menschen untereinander ebenfalls problemlos.

Im Experiment wissen die Hunde, dass sich in einer Schachtel etwas zu fressen befindet, aber nicht, in welcher.
Sie folgen nun der menschlichen Stimme, um die Nahrung zu finden.
(Mit freundlicher Genehmigung von © MPI für evolutionäre Anthropologie)
Forscher des MPI haben nun herausgefunden, dass Hunde sogar non-verbale Signale des Menschen verstehen, die selbst wir Menschen kaum einmal registrieren. Hunde verstehen und interpretieren zum Beispiel die Richtung, in die wir sprechen.

Hunde verstehen die Sprechrichtung eines Menschen

"Dazu ließen sie erwachsene Hunde und Welpen zwischen zwei identischen Schachteln wählen, von denen aber nur eine Futter enthielt. Hinter einer Barriere und für den Hund nicht sichtbar befand sich die Studienleiterin, die in Richtung der Schachtel mit dem Futter blickend verbal ihre Freude zum Ausdruck brachte. Die meisten Hunde und sozialisierten Welpen konnten die richtige Futterquelle anhand der akustischen Hinweise erfolgreich identifizieren; einige Welpen schnitten sogar besser ab als die erwachsenen Tiere." Die Verhaltensbiologen um Federico Rossano kommen zu dem Schluss: "Hunde verlassen sich also nicht nur auf visuelle Hinweise, sondern kombinieren verschiedene kommunikative Signale des Menschen miteinander." (Mitteilung MPI)

Hier zwei Videos von dieser Untersuchung des MPI:


(Mit freundlicher Genehmigung von © MPI für evolutionäre Anthropologie)

Es stellte sich nun die Frage, ob diese Fähigkeit den Hunden angeboren ist oder erst im Zusammenspiel mit dem Menschen erlernt wurde. "Auch die Welpen nutzten die Sprechrichtung des Menschen und fanden die Futterquelle", sagt Untersuchungsleiter Federico Rossano. "Interessanterweise schnitten die bereits sozialisierten Welpen besser ab als die erwachsenen Hunde. Welpen mit wenig Kontakt zum Menschen wählten hingegen scheinbar zufällig die richtige oder falsche Schachtel."  (Mitteilung MPI)

Kommunikationsfähigkeit und Sozialisation

Die Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass Hunde und bereits Welpen verschiedene kommunikative Hinweise des Menschen - oder eine Kombination dieser Hinweise - flexibel nutzen, um Futter aufzuspüren. Sobald sie in Kontakt mit Menschen kommen, lernen sie diese Fähigkeit schnell. "Hunde, die dem Menschen gegenüber besonders aufmerksam waren, wurden möglicherweise als Haustiere bevorzugt", sagt Rossano. "Diese sozialen Fähigkeiten könnten sich im genetischen Bauplan der Hunde manifestiert haben."  (Mitteilung MPI)

Bedeutung der Epigenetik

Über die klassischen genetischen Mechanismen wie Selektion und Mutation hinaus werden sehr wahrscheinlich epigenetische wirken. Mit Epigenetik wird beschrieben, wie die im Genom liegenden Informationen aktiviert oder deaktiviert werden. Per Epigenetik können Erfahrungen des Individuums, wie hier des Hundewelpens, aber auch solche seiner Eltern und sogar Großeltern auf die Gen-Ausprägung des wachsenden Hundes wirken. So wird gesteuert, welche Teile des genetischen Bauplans tatsächlich ausgeführt werden. Sind die Eltern des Hundes bereits seit Generationen auf den Menschen sozialisiert, so werden epigenetisch diejenigen Schalter im genetischen Bauplan verstärkt aktiviert, die den Bezug zum Menschen ermöglichen. So können bereits Welpen zu solch erstaunlichen Kommunikationsleistungen wie im Rossano-Versuch in der Lage sein.

Drei Fundamente der Sozialisation des Hundes in der menschlichen Gesellschaft

Man kann sagen, dass die Orientierung des Hundes auf den Menschen und dessen soziale Strukturen dreifach fundiert sind.

  • Zum einen das genetische Fundament. Hunde haben ein gegenüber Stammvater Wolf bereits deutlich verändertes Genom. 
  • Zum zweiten die Sozialisation. Deren Bedeutung kennt jeder seriöse Hundehalter und vor allem seriöse Züchter. Eine gute Sozialisation von der Welpenstube an ist der beste Start für ein erfolgreiches Meistern der komplexen Anforderungen des Lebens in der menschlichen Gesellschaft heute. 
  • Mit beidem eng verknüpft ist das dritte Fundament, die epigenetische Einstellung des Hundes. Diese kann bereits bei den Großeltern und Eltern des Welpen anfangen. Werden diese zum Beispiel in irgendwelchen Hinterhöfen oder Massenzuchtanlagen gehalten, so können die hieraus stammenden Welpen keine optimale Aktivierung des genetischen Fundaments für eine erfolgreiche Sozialisation haben.


(Foto: Christoph Jung)
Die aktuelle Untersuchung des MPI zeigt einmal mehr, wie fein und komplex der Hund auf den Menschen ausgerichtet ist. Sie zeigt einmal mehr, welches Leid wir Menschen mitten in Europa unseren Hunden durch die offensichtlichen Missstände in der Zucht, den leider immer noch legalen Hundehandel, durch staatliche Restriktionen wie großflächige Freilaufverbote oder Rasselisten und so manche Haltungsbedingungen bei Herrchen und Frauchen antun.

Ein Beitrag von Christoph Jung

Donnerstag, 27. März 2014

Bulldoggen: CT statt Show

Die Initiative Gesunde Bulldoggen und seine fleißigen Unterstützer und Befürworter haben in den letzten Jahren genug Bildmaterial anhand von Röntgenbildern und CT-Auswertungen gesammelt und möchte sich hier bei allen willigen Bullybesitzern und Züchtern herzlich für die Unterstützung bedanken.

Es ist erschreckend, wie wenige befundarme und stabile Bulldoggen es tatsächlich gibt und wie verwirrend manche ausgestellten Gutachten eine gute Bullygesundheit vortäuschen. Dies ist kein Phänomen unkontrollierter Vermehrerzuchten, hinter vielen kranken Hunden steht „hochrangiges“ Pedigree aus namenhaften FCI-Zwingern. Man muss ganz klar die Definition Gesundheit in Bezug auf die Französische Bulldogge und „zuchttauglich ohne Auflagen“ in Frage stellen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Bully ohne große Einschränkungen alt werden kann, dies kann er auch mit mittlerer HD, verlegten Atemwegen und deformierten Wirbeln. Ihn nur, weil er kein tierärztlicher Dauerpatient war, mangels umfangreicher Diagnostik als gesund darzustellen ist sehr irreführend und stützt nur die oberflächigen Untersuchungen, die einige Vereine fordern.

Betrachten wir das Problem der Keilwirbel:

Bisher war es üblich ein Röntgenbild in Seitenlage von Brust- und /oder Lendenwirbelsäule anzufertigen und dieses durch Tierärzte begutachten zu lassen. Hier sehen wir nur eine Außenseite der Wirbelkörper und können maximal erkennen, wo die Hemivertebrae, wo die Keilwirbel sitzen.

Viele Hemivertebrae werden in der Regel nicht berücksichtigt, Keilwirbel werden ab einer gewissen Abweichung vom gesunden Wirbelkörper als leicht verändert oder ausgeprägt eingestuft. Lage, Ausbildung und Anzahl dieser Wirbel entscheiden über Graduierung und Zuchttauglichkeit. Spondyliosen, arthrotische Zubildungen, Kissing Spines, verkalkte Bandscheiben werden je nach Verein berücksichtigt oder ignoriert.
Gutachter diagnostizieren nicht alle Anomalien und nicht alle Formen von Hemivertebrae. Eindeutige Keile werden gutachterlich berücksichtigt, viele weitere Anomalien, die ebenso in die Gruppe der Hemivertebrae fallen, nicht. Eine Anomalie liegt vor, auch bei einseitigen Veränderungen und Verkürzungen. Diagnostizierte Keilwirbel zeigen beidseitige Verkürzungen des Wirbelkörpers. Die Anlagen aller Hemivertebrae sollten für jeden Züchter interessant sein, da sich durch den autosomal rezessiven Erbgang die vorhersehbare Gesundheit der Nachkommen positiv wie negativ beeinflussen lässt.

Hier finden Sie die fachmedizinische Definition der Hemivertebrae.

Darstellung einzelner Wirbelkörper inkl. Durchfluss des Rückenmarks
Anhand der folgenden Röntgenbildern eines Bullys können Sie erkennen, dass ein einziger, diagnostizierter, leichter Keilwirbel keine sichere Aussage über die Gesundheit und Stabilität der Wirbelsäule sein kann. Eine Beurteilung nutzt überhaupt nichts, wenn man nicht den gesamten Wirbel inkl. Durchfluss des Rückenmarks erkennen kann.

Es sind in den letzten Jahren viele Bullys mit berühmten Pedigrees und unauffälligen Wirbelkörpern aufgrund von multiplen Bandscheibenvorfällen aufwändig saniert und in vielen Fällen tragischerweise euthanasiert worden. CT-Untersuchungen zeigen, dass sich Wirbel oftmals nicht ausbilden, es fehlt teilweise der gesamte Umschluss um den Wirbelkanal, es brechen Fragmente aus oder Teile des Wirbels sind erst gar nicht ausgebildet. Dies kann in seltenen Fällen sogar bei keilwirbelfrei begutachteten Wirbelkörpern aus seitlicher Aufnahme der Fall sein. Die Folgen für den Hund und vor allem für seinen möglichen Nachwuchs können verheerend sein.

Daher sollte jedem Züchter eine komplette, einmalige dreidimensionale Diagnostik per Computer-Tomografie am Herzen liegen, wenn er ein wirklicher Freund der Hunde und der Rasse ist!

Betrachten wir das Problem der Atemwege:


Das Unwort der Bullyzucht ist Freiatmung! 

Man brüstet sich mit dieser Floskel als Prädikat für sensationellen Zuchterfolg. Sollte eine ungehinderte Atmung nicht für jedes Säugetier selbstverständlich sein? Eine komplikationsfreie Atmung in jeder Lebenslage ist nur gewährleistet, wenn das Zusammenspiel von Nasenloch, Nasengängen, Rachen, Stimmtaschen, Kehlkopf, Gaumensegel und Trachea harmonisch und ohne Deformationen zusammenpasst. Dies muss individuell bei jedem Hund per CT-Untersuchung festgestellt werden. Ein alleiniger Blick per Endoskopie in den Rachen, meistens noch bei einem nicht annähernd ausgewachsenen Bully gibt hierüber überhaupt keinen Aufschluss. Es ist immer wieder erstaunlich zu welchen Ergebnissen man hier kommen kann. Komplett verlegte Hunde, die nie ein schwerwiegendes Symptom in der Atmung zeigten, geräuschvolle Schnorchler, bei denen keinerlei Behinderungen feststellbar waren. Sicher ist, dass weder Nasenloch-Index, Nasenlänge oder Geräusche sicheres Indiz für die Gesundheit der Atemwege sein kann. Hiermit ist der Unsinn diverser Belastungstest in bekannter Form ziemlich sicher. Und da wir uns ja alle einig sind, dass wir nicht vermehren, sondern durch gezielte Selektion in der Zucht negative Merkmale der Rasse zurückdrängen und positive Eigenschaften verbessern wollen, sollte sich jeder ehrliche und aufrichtige Züchter mit der möglichen, umfassenden Diagnostik der Atemwege beschäftigen wollen.

Darstellung eines Bullykopfes mit gesunden Nasengängen:


Darstellung eines Bullykopfes mit verlegten Nasengängen:

Wir haben in den letzten Jahren zu viele „freiatmende“ Hunde aus „freiatmenden“ Eltern nach Leipzig überweisen müssen, als dass wir an das Märchen der Selbstdiagnostik per Bällchenschmeißen und 10 Minuten Spaziergang als Belastungstest diverser Züchter glauben können!

Warum CT statt Show?

Eine CT-Untersuchung ist eine einmalige, kostenaufwändige Diagnostik eines Zuchthundes, der mehrere Dutzend Nachkommen zeugen kann. Dies wird er nicht ohne finanziellen Verdienst tun. Wer sich für die Zucht der Rasse Französische Bulldogge entscheidet, weiß um die vielen möglichen genetischen Defekte, die dieser liebenswerte Geselle mittlerweile leider in sich hat. Wenn wir so sehen mit welchem Aufwand, je nach Vereinszugehörigkeit, hinter Pokalen und Beurteilungen und Championaten nachgestellt wird, wie wichtig scheinbar die fragwürdige Beurteilung durch Dritte vielen Züchtern ist, die den Hund besonders „wertvoll“ machen, möchten wir gerne vorschlagen, ein bisschen weniger in Show und äußerliche Bewertungen und ein bisschen mehr in Zuchtprophylaxe zu investieren. Angesichts des riesigen Aufwandes von Züchtern auf zahlreichen Weltsieger-, Universums- und anderen Siegerschauen mit zu erreichenden fragwürdigen Titeln, kommen wir zu dem Schluss, sobald das Argument der teuren CT-Untersuchung fällt: Sparen Sie sich im Sinne der Rassegesundheit ein paar Ausstellungen und investieren sie lieber in umfang- und aufschlussreiche Bilddiagnostik.

Trennen Sie strikt Zucht von Show! 

Wobei man leider erwähnen muss, dass in Österreich beispielsweise die Zucht nur mit Tieren erlaubt ist, die mindestens zwei V-Platzierungen und eine SG-Platzierung auf einer österreichischen internationalen Clubausstellung erwerben haben.

Die heutigen Show-Gewinner zeigen nur in Ausnahmefällen gesunde anatomische Merkmale, die der Weitervererbung dienlich wären. Und diese bedauernswerte Entwicklung zieht sich leider durch viele Rassen.

Fahren Sie mit den potentiellen Topvererbern aus FCI-Ahnen nicht nach Birmingham zur Crufts, sondern in die nächste Universitätsklinik ins CT, wenn sie wirklich etwas Sinnvolles für die Rasse beitragen wollen! Selektieren Sie potentielle Hunde mit Defekten vor dem Zuchteinsatz aus und ersparen dem Nachwuchs und deren Besitzern Schmerz und Leid.

Angesichts der nach wie vor massiven Einschränkungen der Bulldoggen muss man sich eingestehen, dass all die bisherigen Zuchtuntersuchungen und Zuchtzulassungsprüfungen der Rasse keine ausreichende gesundheitliche Stabilität verschafft haben. Daher sollte hier schnellstens ein Umdenken stattfinden, wenn man der Französischen Bulldogge tatsächlich noch helfen möchte wieder zur stabilen Hundeform zurückzufinden.

Liebe Züchter, zeigen Sie Mut, Fachkunde und Rückgrat, wenn sie sich dieser anspruchsvollen Rasse annehmen wollen.

Das Risiko der Sedierung ist gering und kalkulierbar. Dieses Argument des Ablehnens der CT-Untersuchung ist unhaltbar, denn jeder Züchter der Französischen Bulldogge nimmt mit dem relativ hohem Risiko einer Kaiserschnittgeburt bei jeder Belegung das Wohlergehen von Hündin und Welpen bewusst in Kauf.

Zumal man mit solcher Diagnostik bei nicht so erfreulichen Ergebnissen den Hunden frühzeitig schwerwiegende Folgen von entdeckten Deformationen ersparen kann. Durch eine Pektinektomie bei mittlerer und schwerer HD lassen sich schmerzhafte Coxarthrosen vermeiden bzw. hinauszögern. Entdeckte auffällige Wirbelmissbildungen lassen sich durch frühzeitige Infiltration positiv beeinflussen und beugen Bandscheibenvorfällen vor. Rechtzeitig korrigierte Atemwege minimieren das Risiko von Herz- und Kreislauferkrankungen als Folge behinderter Sauerstoffzufuhr.

Wir arbeiten eng mit Fachtierärzten und Rassekennern zusammen, bei Fragen stehen wir gerne zur Verfügung.

Ein Artikel von
Claudia Fuhrmann – Gesunde Bulldoggen.de

(Die Abbildungen wurden von der Autorin zur Verfügung gestellt)

Informationen zum English Bulldog auch auf www.bulldogge.de
(Christoph Jung)


 
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