Freitag, 3. Juli 2020

Der beste und der älteste Freund des Menschen

Vor drei Jahren Jahren fanden sibirische Wissenschaftler auf einer Insel im Polarmeer - Schochow genannt - einen Schlitten und direkt daneben die Überreste von 11 Hunden. Das Erstaunliche: 10 dieser 11 Hunde konnten einem sehr einheitlichen Typ zugeordnet werden. Es war der Typ eines Schlittenhundes ähnlich dem heutigen Siberian Husky oder Malamute. Der elfte war ein schwerer Typ, deutlich zu unterscheiden. Mit den Methoden der Archäologen wurden die Fossilien schließlich auf ein Alter von 9.500 Jahren geschätzt. Die Wissenschaftler um Wladimir Pitulko und Aleksej Kasparow kamen zu dem Schluss, dass „man annehmen kann, dass Schlittenhundeteams in Sibirien bereits vor 15.000 Jahren aktiv gewesen sein könnten.“ Es gilt als der bis dahin älteste Nachweis von spezialisierten Hunden, so etwas wie erste Hunderassen. Es dokumentiert eine Kultur der Zusammenarbeit von Mensch und Hund bereits in der Altsteinzeit.
Hundeschädel von der Schochow-Insel (Foto: Elena Pawlowa)
Die Spur der Gene

In diesen Tagen erhält diese Untersuchung eine große Bestätigung. Einer internationalen Forschergruppe um Mikkel-Holder Sinding von der Universität Kopenhagen gelang es, das komplette Genom dieser Hunde zu sequenzieren. So kann man ungeahnte Einblicke in die frühe Vergangenheit gewinnen. Diese Hunde sind tatsächlich ganz eng verwandt mit den heutigen Schlittenhunden, am meisten noch mit den heutigen Grönlandhunden. Zudem konnte nachgewiesen werden, dass es in der ganzen langen Zeit keine Kreuzungen mit Wölfen gegeben hat. Zwar gab es Flaschenhälse und einiges hin- und her über die tausenden von Jahren hinweg, doch es besteht eine direkte Linie der heutigen Schlittenhunde zu denen aus der Altsteinzeit.

Wie entstand der Hund?

Das wirft ein weiteres Licht auf die Frage, wie der Hund entstanden ist. War er ein Schmarotzer auf den ersten Müllkippen der Menschheit - wie es Wissenschaftler aus den USA um Coppinger oder Österreich um Range und Marshall-Pescini beschreiben und gerne auch den Medien verbreitet wird? Bereits 2008 in der ersten Auflage von „Schwarzbuch Hund - Die Menschen und ihr bester Freund“ habe ich begründet, weshalb ich dieses Modell ablehne und eine Kultur der Zusammenarbeit als Triebkraft der Domestikation des Wolfes hin zum Hund annehme. Mit „Tierisch beste Freunde - Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin“ habe ich 2014 zusammen mit der Neurologin und Psychiaterin Daniela Pörtl diese Annahme umfassend und allseitig begründet und das Modell der „Aktiven sozialen Domestikation des Hundes“ vorgeschlagen. Schließlich veröffentlichten wir den Artikel "How old are (Pet) Dog Breeds?", wo wir der Entstehung der Hunderassen genauer nachgehen.
Partnerschaft baut Stress ab

Der Hund ist tatsächlich nicht nur der beste, vielmehr auch der älteste Freund des Menschen. Man jagte zusammen, man wachte gemeinsam über das Lager, Welpen und Kinder spielten miteinander, man wärmte sich gegenseitig in den kalten Nächten. Durch diese Partnerschaft entstand nicht nur der Hund. Auch die Evolution des Menschen wurde maßgeblich vorangetrieben. Schließlich konnte das Leben durch diese interspezifische Partnerschaft für beide Seiten entspannter angegangen werden. Das Stressniveau konnte gesenkt werden. Das wiederum ist eine entscheidende Grundlage für die Entwicklung sozialer Toleranz. So wurde in unserer Psyche die Grundlage für die modernen Gesellschaften vorbereitet.

Unsere Denkweise - in der Praxis ohne Respekt vor den Tieren

Es ist kein Zufall, dass das Modell vom Hund als Schmarotzer im Müll eine so große Verbreitung findet, obgleich es hierzu keinerlei direkte Beweise gibt, ja alle Grundannahme infrage gestellt werden können. Es gab damals nicht einmal die zu Grunde gelegten Müllkippen. Der Mensch der Altsteinzeit verwertete alles. Und wenn Müll trotzdem mal anfiel, wurde dieser nicht gleich am Lager deponiert, eben um keine Beutegreifer anzulocken. Das Modell vom Hund als Schmarotzer passt allerdings hervorragend in unsere heutige Denkweise, die real von einer Missachtung gegenüber den Tieren geprägt ist. Eine Denkweise, die das Vegetieren von Milliarden Leben in der Massentierhaltung zulässt, die ein ungekanntes Artensterben verursacht. Für die Zukunft unserer eigenen Spezies täte es nur gut, die Leistung der Tiere mit Respekt anzuerkennen.

Ich stehe auf dem Standpunkt, dass wir ohne die Hilfe von Hund, Katze, Pferd noch in der Steinzeit verharren würden. Wir haben ihnen viel zu verdanken und es gibt nur eine Zukunft: gemeinsam.

Artikel in wissenschaftlichen Journals von uns zu diesem Thema:

  • Pörtl D., Jung C. (2019) Physiological pathways to rapid prosocial evolution - Hier wird die Rolle der Epigenetik und der sozialen Interaktivität bei der Domestikation des Hundes diskutiert. Biologia Futura Vol 70, Issue 2 (publ. 30.07.2019; open access; Editor-in-Chief: Adam Miklosi)
  • Jung C. (2019) Why cod don't like to sunbathe: Quantity and quality in the animal kingdom. Animal Sentience 23(49) Kommentar zu "Why do we want to think humans are different?"
  • Jung C., Pörtl D. (2019) How old are (Pet) Dog Breeds? Pet Behaviour Science No 7 2019 open access
  • Jung C., Pörtl D. (2019) Qualzucht - warum wir unsere Lieblinge quälen. TIERethik - Zeitschrift zur Mensch-Tier-Beziehung 01/2019 - Hier ein Bericht dazu in der Zeitschrift "Mensch-Heimtier
  • Jung C., Pörtl D. (2018) Scavenging Hypothesis: Lack of evidence for Dog Domestication on the Waste Dump. Dog Behavior Vol 4, No 2 2018 DOI: https://doi.org/10.4454/db.v4i2.73
    Hier wird das Modell von einer Domestikation des Hundes auf der Müllkippe und die Modelle vom Wesen des Hundes als Aasfresser grundlegend und allseitig widerlegt. Das Modell der "Aktiven sozialen Domestikation des Hundes" wird als konstruktive Lösung vorgestellt. open access / kostenloser Download

Ein Artikel von Christoph Jung

Dienstag, 16. Juni 2020

Bullys und Bulldogs

Unser neues Buch ist herausgekommen: Bullys und Bulldogs: Eine Liebeserklärung an starke Typen. Bulldoggen sind etwas ganz besonderes. Das ist nicht nur so dahingesagt. Bullys und Bulldogs haben nicht nur ein markantes Aussehen. Sie betören durch ihren einzigartigen Charme und Charakter. So gibt es keine andere Hunderasse, die so oft als Symbol verwendet wird. Aber leider gibt es auch eine sehr dunkle Schattenseite.

Wir erzählen mit vielen Geschichten aus ihrem Zusammenleben mit Bully und Bulldog. Wir geben Tipps für eine glückliche gemeinsame Zeit. Dazu starten wir beim Welpenkauf, gehen zu Erziehung und Sauberkeit, der Gewöhnung an Donner und Knallerei, der Ernährung und schließlich zum Leben mit dem alten, grau gewordenen Freund.

Wir berichten von unserem Engagement gegen Qualzucht und markieren den Weg zu gesunden Bulldoggen.

Alles ist in kleine, unterhaltsame Artikel gefasst. Mehr als 100 Fotos untermalen lebendig diese so wunderschöne Verbindung von Menschen mit ihren Fell tragenden Kindern.

Bei buch.de:
https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/ID148391613.html

Bei Lehmanns:
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Bei Amazon:
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Sonntag, 7. Juni 2020

FCI verharmlost Qualzucht

Der wichtigste Dachverband der Hundezucht weltweit, die Fédération Cynologique International (FCI) verbreitet dieser Tage auf Youtube ein Video unter dem Titel "Save Our Brachy Breeds - #becausewecare". Es richtet sich gegen die Maßnahmen der Niederlande, die die Zucht extremer Kurznasen verboten haben.

Das Video lässt erfolgreiche Züchter der FCI-Ausstellungsszene zu Wort kommen. Züchter von Französischer Bulldogge, Mops, Bulldog, Boston Terrier, Boxer, Shih-Tzu, Griffon und anderen, die mit World-Champion- und anderen Titeln nur so überhäuft sind. Sozusagen die Crème de la Crème der Ausstellungsszene.

Diese Züchter verbindet eine weitere Gemeinsamkeit: Sie leugnen allesamt die gesundheitlichen Probleme der brachyzephalen Hunderassen. So auch - als Beispiel - Tierarzt und Züchter Constantinos Andreou aus Zypern, der schlicht in die Kamera behauptet, die Hunde seien gesund, es gäbe keine Probleme.
Screenshot aus dem FCI-Video Save Our Brachy Breeds
Für mich am krassesten der Zynismus der zwei Bulldog-Züchter/innen.

So Elizabeth Hugo Milam aus den USA, die sich mit einem Welpen mit extremer Nasenfalte filmen lässt. So eine Nasenfalte schnürt die Atemfähigkeit der eh schon gebeutelten Hunde nur noch weiter ein. Zudem sind solche Falten ein Herd für Keime und Entzündungen. Sie jucken ein Leben lang. Das ist Qualzucht, Tierquälerei! Im übrigen sind solche Nasenfalten im offiziellen Standard der FCI  wie des Kennel Clubs selber glasklar und ausdrücklich verboten. "Schwere Nasenfalten sind unerwünscht sollen schwer bestraft werden" - bestimmt der Standard wörtlich (FCI-Standard 149 für den Bulldog, S.4). Eine solche, klare Bestimmung wird von diesen Tierquälern und deren Kunden schlicht ignoriert.

Dasselbe gilt bei Stefan Sinko aus Slovenien. Er behauptet ganz frech, seine Hunde seien gesund, während die beiden völlig übertypisierten Bulldogs an seiner Leine unüberhörbar keuchen - im Stehen bei kühlen Temperaturen* wohlgemerkt (*wie aus Jahreszeit und Kleidung von S.Sinko zu schließen ist). Auch bei diesen Bulldogs liegt die Annahme manifestierter Qualzucht nahe. Für die FCI ist es Werbung.
Screenshot aus dem FCI-Video Save Our Brachy Breeds
Für mich persönlich schießt allerdings eine Mops-Züchterin aus Norwegen den Vogel ab. Es ist die Züchterin des Mopses, der 2011 in Dortmund zum Jahrhundertsieger gekürt wurde. Ein armes Tier mit kugelrundem Kopf, das von Professor Oechtering und mir auf dem Leipziger Tierärztekongress öffentlich und gut begründet als Musterbeispiel für Qualzucht vorgestellt worden war. Übrigens damals im Beisein von Prof. Friedrich, dem Präsidenten des VDH, der nicht widersprach.
Prof.Dr. Oechtering bei der OP einer laut FCI-Video nicht vorhandenen Behinderung und Podiumsdiskussion auf dem Tierärztekongress (Scan aus Wuff)
Die Züchterin des Jahrhundertsieger-Qualzucht-Mopses, Elisabeth Juverud (damals Olsen) mit ihrem Zwinger Tangetoppen, bedankte sich bei mir seinerzeit, indem sie eine zweifelhafte Figur per Email ausdrücklich beauftragte, mich mundtot zu machen - wie vor Gericht aktenkundig wurde.

Es ist aus menschlicher und aus Sicht des Tierschutzes eine Schande, welche Figuren die FCI da in ihrem Namen sprechen lässt.

Ein Kommentar von 
Christoph Jung




Dienstag, 28. April 2020

Suizid: Wie viele Menschen töten zuerst ihre Haustiere? COVID-19 wird zu mehr Suiziden führen. Wie wird sich das auf Haustiere auswirken?

Ein Beitrag von Professor Harold Herzog:
Am Morgen des 26. Dezembers 2019 wurde die Polizei in Bellingham, US-Staat Washington, nach Meldungen über Schüsse in die Wohnung von Kevin und Lynn Heimsoth gerufen. Sie fanden Lynn Heimsoth, die Direktorin der örtlichen Grundschule, tot vor. Nachdem er seine Frau getötet hatte, erschoss sich Mr. Heimsoth, aber er starb nicht. Die Polizei fand auch die Leichen von Sukha, dem Therapiehund, den Frau Heimsoth immer für die Kinder mit in die Schule genommen hatte, sowie die Katze der Familie. Kevin Heimsoth wurde wegen Mordes und Tierquälerei angeklagt.

Laut Thomas Joiner, Psychologe an der Florida State University, ereignen sich in den USA jede Woche zwischen 11 und 17 Mord-Suizide. Was die Schießerei in Bellingham so ungewöhnlich machte, war, dass darüber hinaus zwei der Opfer Tiere waren. Nachrichten über Menschen, die ihre Haustiere töten, bevor sie sich selbst das Leben nehmen, sind selten.

Eine von mir durchgeführte Analyse legt jedoch nahe, dass diese Vorfälle erheblich häufiger auftreten als bekannt ist. Und sie werfen wichtige Fragen auf. Erhöhen sich beispielsweise die Zahlen aufgrund von COVID-19? Und warum beinhalten so viele dieser Fälle sowohl einen Mord als auch einen Suizid?

"Erweiterter Suizid mit Haustieren"

Es wird manchmal behauptet, dass Haustiere Suizide verhindern. Aber, wie ich kürzlich ausgeführt habe, gibt es kaum Belege für diese Annahme. In einem kürzlich in der Zeitschrift Anthrozoos veröffentlichten Artikel stellte ein Team australischer Forscher unter Leitung von Dr. Janette Young fest, dass viele ältere Menschen meinen, dass ihnen ihre Haustiere Sinn im Leben schenken. Sie befragten sie zu ihren Beziehungen zu ihren Haustieren. Überraschend berichtete ein Drittel der Tierhalter spontan, ihre Haustiere hätten dazu beigetragen, dass sie keinen Suizid begingen. Die Forscher wiesen allerdings ebenso auf die Schattenseiten der Verbindung zwischen Haustier und Suizid hin, etwa wenn Menschen ihre Haustiere töten, bevor sie sich selbst das Leben nehmen.

Dieses Phänomen wurde lediglich in zwei kleinen Studien angeschaut. Im ersten Artikel aus dem Jahr 2013 beschreibt Dr. Brian Cooke sieben Fälle aus den amerikanischen Medien, in denen Menschen ihre Hunde und dann sich selbst töteten. Cooke nennt diese Fälle "erweiterte Suizide mit Haustier". Einige Jahre später berichteten der Anthrozoologe James Oxley und seine Kollegen über drei weitere Fälle in Großbritannien.
Wir streicheln und wir essen sie: Unser paradoxes Verhältnis zu Tieren (auf Deutsch im Hanser Verlag erschienen)
Muster erweiterter Suizide mit Haustieren

Das Durchkämmen von Medienberichten ist die einzige Methode, mit der solche Suizide unter Beteiligung von Haustieren bisher untersucht wurden. Mithilfe von Internet-Suchmaschinen habe ich 30 Artikel in amerikanischen Zeitungen gefunden, die zwischen 2010 und 2020 veröffentlicht wurden und von erweiterten Suiziden mit Hunden oder Katzen berichteten. Die sieben von Cooke gemeldeten Vorfällen dazu genommen, enthielt meine Datenbank schließlich 37 Suizide mit Haustieren in den Vereinigten Staaten. Bei einer so großen Stichprobe entstanden einige Muster.

Die tragischen Statistiken sprechen für sich:

Die Zahlen. Insgesamt starben in den 37 Fällen 81 Menschen. Dazu zählten 28 Männer, 33 Frauen und 20 Kinder. Darüber hinaus wurden 74 Hunde und drei Katzen getötet.

Die Opfer. Unerwarteterweise waren 80 Prozent der Fälle Mord-Suizide. In all diesen Fällen handelte es sich bei den menschlichen Opfern um Familienmitglieder oder langjährige Partner. Bei 85 Prozent der Mord-Suizide zählte zu den Opfern ein Ehepartner oder eine Freundin. In 11 Fällen wurden zudem ein oder mehrere Kinder ermordet. Zwei Männer wurden von ihren Frauen getötet, ein Mann von seiner Schwester und zwei Mütter von ihren erwachsenen Kindern.

Haustierarten. In allen 37 Fällen starb ein Hund. In drei Fällen wurde dazu die Familienkatze getötet. Der extremste Vorfall betraf eine Tierschutzbeauftragte aus Ohio, die ein Tierheim betrieb. Sie tötete sich selbst und 32 kleine Hunde, indem sie den Motor ihres Auto in einer geschlossenen Garage laufen ließ. Ein Hund überlebte.

Geschlecht und Alter der Täter. Siebzig Prozent der Mordfälle wurden männlichen Tätern und 15 Prozent Frauen zugeschrieben. In den anderen 15 Prozent wurde die Person, die der Täter war, im Medienbericht nicht genannt. Das Durchschnittsalter der Täter betrug 47 Jahre. Die jüngste war eine 32-jährige Mutter, die an einer Wochenbett Depression litt. Sie tötete ihren Mann, ihr drei Monate altes Kind und den Familienhund, bevor sie die Waffe auf sich selbst richtete. Die ältesten Opfer waren ein Ehepaar. Sowohl der Ehemann als auch die Ehefrau waren zum Zeitpunkt der Schießerei 83 Jahre alt. Sie haben auch ihren Hund mit in de Tod genommen.

Methoden. Waffen wurden bei allen Mord-Suiziden mit einer Ausnahme eingesetzt. Ausnahme war ein von Cooke (2013) beschriebener Fall, in dem ein Mann sich selbst, seine 16-jährige Tochter und ihren Hund in einem Minivan per Kohlenmonoxidvergiftung tötete. Waffen wurden jedoch nur in zwei der sieben Fälle von erweiterten Suiziden mit einem Haustier eingesetzt, in denen jedoch kein Mord begangen wurde. Die Methoden ohne Waffen waren das Springen von einer Brücke, das Fahren des Autos in einen See, eine Überdosierung von Tabletten, das Werfen vor einen Zug sowie eine Kohlenmonoxidvergiftung.

Motive. Die Medienberichte geben wenig Aufschluss darüber, warum Einzelpersonen ihre Haustiere und Familienmitglieder töteten, bevor sie sich selbst töteten. Zwei der Opfer wurden als depressiv gemeldet. In nur zwei Fällen, wo an beiden ältere Paare beteiligt waren, schien es, dass der Tod das Ergebnis eines Suizidpaktes gewesen sein könnte.

Fehlgeschlagene Versuche. In vier Fällen wurde der Suizid verpfuscht. In drei Fällen starben die Haustiere, nicht jedoch die suizidale Person. Der andere Fall betraf einen Suizid mit Kohlenmonoxid (Auto), bei dem der Mitbewohner des Verstorbenen und sein Hund offenbar aus Versehen mit starben.

Was können wir aus diesen Fällen lernen?

Erweiterte Suizide mit Haustieren spiegeln ein allgemeines Muster wider: Laut einem kürzlich veröffentlichten Beitrag des Bloggers Joni Johnston von Psychology Today, sind die Täter von Mord-Suiziden in der Regel Männer und die Opfer in der Regel Frauen. In jedem vierten Fall gibt es mehrere Opfer, von denen etwa 10 Prozent Kinder unter 16 Jahren betreffen.

Die Fälle, in denen ich Haustiere gefunden habe, passen genau zu diesem Muster. Darüber hinaus haben Täter von Mord-Suiziden in der Regel psychische Probleme, es finden sich familiäre Gewalt und unerwünschte Erlebnisse. Aber im großen Ganzen gaben die Medienberichte, die ich fand, wenig Einblick in den psychologischen Zustand der Täter.

Menschen betrachten ihre Hunde wirklich als „Familienmitglieder“. Zwischen 70 und 90 Prozent der Amerikaner fühlen so. In ungefähr 39 Prozent der Haushalte in den USA leben Hunde, in 25 Prozent Katzen. Aber warum waren 95 Prozent der Tiere in den hie beschriebenen Fällen Hunde im Vergleich zu nur drei mit Katzen? Außerdem wurde in keinem Fall eine Katze getötet, ohne dass auch der Familienhund starb. Das stark verzerrte Verhältnis von Hunden zu Katzen, die von Suizidalen getötet wurden, legt nahe, dass Hunde, jedoch nicht Katzen, als Familienmitglieder angesehen werden, wenn es um erweiterte Suizide geht.

Nur die Spitze des Eisbergs?

Im vergangenen Jahr starben etwa 48.000 Amerikaner durch Suizid. Davon sind lediglich 0,5 Prozent Mord-Suizide. Dies wirft die Frage auf, warum 80 Prozent der Suizide, bei denen ein Haustier getötet wurde, auch mit einem Mord verbunden sind. Der Grund für diese enorme Schräglage ist die selektive Berichterstattung in den Medien. Die ganz überwiegende Mehrzahl der Suizide in den USA erhält keine Schlagzeilen; Mord-Suizide dagegen schon. Sogar manche der acht Fälle, in denen nur der Halter und ein Haustier starben, hatten darüber hinausgehendes News-Potenzial. So handelte es sich bei einem um einen bekannten Country-Musikstar, bei einem wetieren um den Tod vor einem Zug. Und im letzten Fall setzte der Tierhalter auch noch sein Haus in Brand, nachdem er seinen Hund erschossen hatte.

Kurz zusammengefasst:
Die Statistiken über Suizide mit Beteiligung eines Haustieres basieren auf Presseberichten. Schlussfolgerung ist, dass diese Fälle lediglich die Spitze eines großen Eisbergs widerspiegeln können. Wenn ich richtig liege, werden wahrscheinlich jedes Jahr Hunderte, vielleicht Tausende von Haustieren bei Suiziden getötet, die eben nicht für Schlagzeilen sorgen und daher in keiner Statistik auftauchen.

Schließlich sagen die Forscher in einem kürzlich erschienenen Artikel in JAMA Psychiatry einen starken Anstieg der Suizide aufgrund der COVID-19-Pandemie voraus. In der Tat sagen sie, dass das derzeitige Zusammentreffen von sozialer Isolation, wirtschaftlichem Stress, eingeschränktem Zugang zu gemeinschaftlicher und religiöser Begleitung und Hindernissen hinsichtlich psychosozialer Dienste, ein perfekter Sturm“ für Suizid ist. Die Frage ist, wie vielen Haustieren als Kollateralschaden dabei Leid zugefügt werden wird.

(Seit Anfang dieses Jahres gab es in den USA fünf Presseberichte über Suizide mit Haustieren. Sie führten zum Tod von vier Männern, fünf Frauen, sieben Kindern, zehn Hunden und einer Katze.)


*  von Hal (Harold) Herzog Ph.D.
Professor Emeritus
Department of Psychology
Western Carolina University (USA)

Hal ist einer der führenden Wissenschaftler zur Mensch-Heimtier-Beziehung. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Artikel und einige populäre Bestseller veröffentlicht.

Dieser Artikel erschien am 27.04.2020 im Original als:

"SUICIDE - How Many People Who Die By Suicide First Kill Their Pets?
COVID-19 will result in more suicides. What will the impact be on pets?"


Veröffentlichung auf Petwatch und Übersetzung ins Deutsche mit freundlicher Genehmigung von Hal Herzog  - besorgt durch Christoph Jung





Dienstag, 14. April 2020

Corona - Wenn im Zoo geschlachtet wird

Wir haben eine Liste erstellt, welche Tiere wir als Erstes schlachten müssen - erklärt Verena Kaspari, Direktorin des Tierparks Neumünster. Die Diplom-Biologin spricht den Gedanken aus, mit dem alle Zoodirektoren derzeit konfrontiert sind. Die Restriktionen der Bundesregierung zwingen sie dazu. „Unsere täglichen Kosten liegen bei 63.000 Euro," berichtet Andreas Michael Casdorff, Geschäftsführer des Zoos von Hannover. Sie fließen Tag für Tag ab. Und Besucher dürfen nicht rein, auch nicht unter den 2-Meter-Abstandsregeln und anderer Schutzmaßnahmen, die allesamt problemlos eingehalten werden könnten - besser als in Straßenbahn oder Supermarkt.

Schlachten, euthanasieren, entsorgen

Als Psychologe erlebe ich jetzt in Zeiten der sozialen Isolation, wie oft Hunde und Katzen ihren Herrchen und Frauchen beim psychischen Überleben helfen. Für nicht wenige sind sie der letzte Halt im Notstand der Psyche. Das alles habe ich in "Corona - unsere Psyche im Notstand" aufgeschrieben. Auf das Schicksal der Tiere gehe ich dort auch kurz ein. In der von Medien, Robert Koch-Institut und Politikern gemachten Öffentlichkeit kommt es dagegen nicht vor. Es ist eine große Schuld, die wir uns hier aufladen. Wie gehen wir mit unseren Tieren um? Wir lassen sie abschlachten. In den Zoos wird ihnen durch undifferenzierte Restriktionen die wirtschaftliche Grundlage genommen. Wir als reiche Gesellschaft sehen zu, wie sie kurzerhand entsorgt werden, wenn es uns mal nicht in die Zeit passt.
Screen von Welt-Online vom 14.04.2020
Nicht nur die Tiere in Zoos sind gefährdet. Hunderttausende so genannte "Versuchstiere" werden euthanasiert, weil in den Laboren die Arbeit ruhen muss. "Überall müssen Wissenschaftler die schwierige Entscheidung treffen, was sie nun mit den Forschungstieren tun sollen." Manch einer nimmt die gerade geschlüpften Schildkröten erst einmal mit heim, berichtet "Spektrum der Wissenschaften". Den Millionen Labormäusen wird dieses Glück nicht widerfahren. Lastwagenweise werden sie abgeholt. Was passiert mit den zigtausenden an Versuchshunden, meist Beagle? Alleine in Deutschland werden in den Laboren ganz offiziell und legal drei- bis viertausend pro Jahr getötet - zu Normalzeiten. Gesunde nicht-menschliche Tiere, einfach "entsorgt" zu Millionen. Was sind wir für eine Spezies?

Brigitte Bardot: "Ich habe die Welt noch nie als so unlebenswert, so zerstörerisch und auch so gewalttätig empfunden und mit so wenig Freiheit wie die heutige." (Welt 13.04.2020)

Wie sollen wir da noch in den Spiegel schauen?

Ja, unsere Psyche ist massiv gestresst. Wochenlang eingesperrt. Am Sorgentelefon meines Berufsverbandes hören wir immer mehr von häuslicher Gewalt. Ich für mein Teil lausche auch zwischen den Zeilen und frage nach. Es gibt häusliche Gewalt gegen Tiere. Da wird der Frust dann mit einem Tritt gegen die Katze oder den Hund rausgelassen. So sind wir halt - Kollateralschäden pauschaler Restriktionen. Den Medien und Mächtigen dieser Tage keine Zeile wert. Es gibt nicht einmal eine Statistik hierzu. Nur Tierärzte wissen zu berichten - unter der Hand.

Kollateralschäden, die nicht wieder gut zumachen sind

Durch die "seriösen" Medien geistern Meldungen, dass Hunde und besonders Katzen das Virus Sars-Cov-2 übertragen könnten. So pauschal ist das unseriös, Fake. Unter Laborbedingungen gelang es in China, eine mit einer massiven Dosis dieses Virus infizierte Katze erkranken zu lassen. Einzelne der mit ihr auf engsten Raum zusammengepferchten Katzen wurden infiziert, erkrankten aber nicht einmal. Bei Hunden gelang derselbe Versuch nicht. Unter normalen Bedingungen ist eine Covid-19 Infektion durch eine Katze oder einen Hund praktisch auszuschließen. Trotzdem sollen wir jetzt an Freigang gewöhnte Katzen einschließen. Die ersten werden bereits ausgesetzt. Die neue, lebensfeindliche Corona-Ordnung.

Wenn die Welpen an der Grenze verderben

Auf Petwatch habe ich bereits unzählige Male über den internationalen Hundehandel und die Vermehrer von Hunden und Katzen berichtet. Sie bedienen heute leider zwei Drittel des ganzen Welpenmarktes in Deutschland. Das ist schon mehr als schlimm genug. Jetzt sind die Grenzen geschlossen. Was passiert nun mit den ganzen Welpen, die schon in der Produktion sind? Hier kann man nicht einfach das Band abschalten und die Ware im Lager parken. Die Welpen werden geboren, sie werden alt. Zu alt um drei Monate später noch gewinnbringend vermarktet zu werden. In der Zwischenzeit kosten sie nur. Die eh schon brutale, unmenschliche Szene der Puppy-Mills, Vermehrer und Hundehändler wird keine Skrupel haben und die unverkäufliche Ware "entsorgen".
Corona - unsere Psyche im Notstand
Corona - unsere Psyche im Notstand

Schließlich leiden selbst unsere Tierheime. Kaum ein Tier wird in diesen Tagen vermittelt. Helfer springen ab oder können aufgrund der Restriktionen nicht helfen. Eine Tierheimleiterin berichtet mir, dass etliche Patenschaften zurückgezogen würden, da viele Leute Angst um ihre wirtschaftliche Existenz hätten. Sie es sich schlicht nicht mehr leisten könnten. Alles nur Spitzen eines Eisbergs der Unmenschlichkeit.

Die Schlachthöfe arbeiten ungestört

Währenddessen arbeiten die Schlachthöfe weiter, uneingeschränkt. Töten ist erlaubt. Im Zoo Tiere anschauen nicht. Die Versorgung der Labortiere schert keinen der Corona-Mächtigen, auch nicht die Welpen im internationalen Hundehandel, wie ebenso wenig die häusliche Gewalt gegen Tiere, kurz das ganze Elend der Tiere unter ihren Corona-Restriktionen. Wir sollten die Erfahrungen dieser Krise nutzen und unser Verhältnis zur Natur und den nicht-menschlichen Tieren grundsätzlich überdenken. Ansonsten wird unsere Spezies keine Zukunft haben - und auch keine verdient haben. Meine Meinung.

von
Christoph Jung
Diplom-Psychologe

Als Anmerkung zu diesem Post berichtet mir eine betroffene Familie:

"Der Bürgerservice des Auswärtigen Amtes unter der Telefonnummer 030 5000 3000 zuständig für die Corona Rückholungen hat mir soeben bestätigt, dass eine Rückholung mit Haustieren nicht möglich ist und ggf. persönlich mit privaten Fluggesellschaften geklärt werden muss. Diese fliegen aber kaum noch, was de facto für den Bürger heißt, der muss sich zwischen Rückreise und seinem geliebten Vierbeiner entscheiden."

 
Petwatch Blog