Montag, 13. Februar 2017

Werbung mit Hund: Solidarität der Dicken?

Eine attraktive Frau mit Idealmaßen läuft im Bikini am Strand. Die ebenso idealmaßigen Männer im besten Alter schauen begierig hinterher. Neben all diesen Idealtypen müht sich eine dicke, schwabbelige Bulldogge, mit der Schönen am Strand mitzulaufen. Wir sehen die Werbung für Almased, ein Schlankheitsmittel. Werbung zur besten Sendezeit im TV "für alle die schon morgen eine Bikini-Figur brauchen!" Schnell und gesund Abnehmen, in wenigen Tagen, Wunschgewicht und Planfigur verspricht Almased. Wie passt dazu der pummelige, faltige Hund?

Ein Bulldog in der Schönheitswerbung ist sicher kein Zufall. Die Wirkung von Tieren auf Menschen wird seit Mitte der 1970er Jahre auch im deutschsprachigen Raum systematisch erforscht. Das gilt besonders für die Werbung, einen Milliardenmarkt. Da will man schon genau wissen, mit welchem Hund sich welche Produkte am besten verkaufen lassen. Die Mensch-Tier-Forschung ist an einigen psychologischen Instituten angesiedelt und liefert für das Marketing der großen Konzerne fundierte Hunde-Empfehlungen vom Basset Hound bei Hushpuppies, dem Scotch Terrier bei Whisky, dem Border Collie bei Ford, bis zum English Bulldog bei Almased oder beim Mini.
Screenshot aus Almased  Bikini-Werbung (hier ARD kurz vor Tagesschau)
Wie kommt nun der Bulldog zu Almased?

Die Zielgruppe, also die potenziellen Käufer des Schlankheitsmittels sind nicht die Schönen der Werbung. Es sind im Gegensatz dazu genau solche Menschen, die sich selbst als zu dick, vermeintlich unschön und unattraktiv empfinden. Die dicke Bulldogge baut aber die Brücke zur Welt der Schönen und Attraktiven. Der sympatische Hund funktioniert als der Kumpel, der den emotionalen Zugang öffnet, Angst nimmt, Solidarität weckt. Erst der speziell ausgesuchte Hund macht die Werbung für die Zielgruppe wirksam.
Screenshot aus Almased Werbung "Commercial"
Der Bulldog ist auch ein Lebewesen. 

Ein Lebewesen, das frei atmen und wie ein Hund unbehindert laufen können will. Ein Lebewesen, das nicht schon mit 6 Jahren - so die durchschnittliche Lebenserwartung des Bulldogs - sterben will, obwohl er - gesund gezüchtet - doppelt so alt werden könnte. Der in der Werbung gezeigte Bulldog hat keine Wahl - im Gegensatz zu dem (meisten) Dicken. Die Menschen haben ihm einen kranken Körper angezüchtet. Qualzucht nennt man das. Er muss sich schon mühen, für ein paar Meter mit einem joggenden Menschen mithalten zu können. Hätten wir Menschen ihm seine Gesundheit gelassen, könnte auch ein Bulldog einen Zweibeiner im Laufen locker übertrumpfen. Trotzdem wollen genug Menschen solche Hunde mit zu kurzer Nase, dicken Falten, großen glubschigen Augen und einem pummeligen Körper wie bei Bulldog, Mops, Bully, Kavalier King Charles Spaniel, Perserkatzen und vielen anderen von den Menschen wissentlich und willentlich geschundenen Kreaturen.

Kurznasen und Glubschaugen: Nicht süß, sondern gequält!“ 

Fünf Tierarztverbände fordern deshalb: Stoppt die Werbung mit Mops & Co! Die Industrie nutzt die Wirkung der qualgezüchteten Hunde und Katzen ganz bewusst. Sie arbeitet wissentlich mit dem Elend dieser Tiere, um ihre Produkte besser zu vermarkten, statt dieses Elend anzuprangern und Qualzucht zu ächten. Aber auch die "Tierfreunde" sollten in sich gehen. Gerade in Deutschland erleben die Plattnasen seit Jahren einen Boom, namentlich billige Welpen aus den Hundefabriken Osteuropas oder von Hinterhof-Hobby-"Züchtern" in Deutschland. Die Deutschen, die sich so gerne als Tierschutz-Weltmeister selbst hofieren, sollten sich einmal an die eigene Nase packen und endlich der Qualzucht ein Ende bereiten. Es ginge, wenn man nur wollte.

Ein Kommentar von Christoph Jung



Samstag, 7. Januar 2017

The domestication from the wolf to the dog is based on coevolution

Wir veröffentlichen hier einen Artikel, der in der aktuellen Ausgabe des wissenschaftlichen Journals "Dog Behavior" veröffentlicht ist. Es ist die Zusammenfassung der Präsentation von Daniela Pörtl und Christoph Jung auf dem Canine Science Forum 2016 in Padua, das nun nach Durchsicht durch fachkundige Wissenschaftler in dieser Form zugänglich gemacht wird (Double-blind peer-reviewed). Hier zunächst den Abstract in seiner englischen Originalfassung. In einem weiteren Artikel werden wir dazu auf Deutsch Stellung nehmen.

The domestication from the wolf to the dog is based on coevolution.
The evolutionary continuity of the brain enabled both to social contact and empathy


Keywords: domestication of dogs; stress axis; epigenetics; pro-social neurotransmitters; coevolution

Dogs, derived from wolves, have been living in human environment for millennia. During the Palaeolithic period, humans and wolves lived simultaneously as similar structured social mammals and cooperative hunters in the same ecological niche. Due to the evolutionary continuity of brain both evolved very similar refined social communication. Mirror neuron mechanism enabled both of them mutual empathy and interspecific cooperation. Enhanced social contact and empathy between humans and their associated wolf-clans started epigenetic modulation of the HPA-stress axis. Our model of the active social domestication considers that domestication is essentially an epigenetic based process of changing the interactions of HPA stress axis and 5-hydroxytryptamine (5-HT) system. Both are closely cross-regulated. Changes in their interactions are of particular relevance when regarding domestication processes of animals.

Operated by epigenetic modulation social affection like licking and grooming enhance hippocampus Glucocorticoid receptor (hGCR) expression via increased serotonin and subsequently increased NGF levels binding on GRexon1;7promotorbloc. Increased hGCR density inhibits the activity of HPA stress axis. In addition, during Neolithic-period nutrition changes like methionin decrease and thryptophan increase reduced the activity of HPA stress axis via same epigenetic modulation.Thus, epigenetically decreased cortisol levels and therefore increased serotonin and oxytocin levels improved social learning capability of wolves allowing them to extend their social skills to interactions with humans. Tamed wolves could grow into domesticated social dogs able to emerge human directed behaviour. This epigenetic modulation of neurotransmitter activities is still the base of human-dog-bonding and the benefit of dog facilitated therapy.

Autors
D. Pörtl, C. Jung

References
Jung, C., Pörtl, D., 2015. Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin. Schattauer-Verlag, Stuttgart, Germany.
Pörtl, D., Jung, C., 2013. Die aktive soziale Domestikation des Hundes: Ein neurobiologisch begründetes Modell zur Mensch-Hund-Beziehung. BoD, Norderstedt, Germany

DOG BEHAVIOR Vol 2, No 3 (2016)
DOI: http://dx.doi.org/10.4454/db.v2i3.44

Poster
Dog’s Domestication is based on coevolution with humans



Donnerstag, 29. Dezember 2016

In Memoriam Hellmuth Wachtel

Das Ende des Jahres 2016 möchte ich zum Anlass nehmen, nun endlich Dipl.Ing. Dr. Hellmuth Wachtel zu würdigen, der uns bereits Ende 2015 verlassen hat. Mit Hellmuth Wachtel geht einer der letzten Vertreter der klassischen Kynologen des 20. Jahrhunderts. Hellmuth Wachtel war nicht nur ein großer Kynologe, er war zudem eine unbestechliche Stimme für das Wohl und die Gesundheit des Hundes in unserer Gesellschaft.
Dr. Hellmuth Wachtel (1925 -2015)
Zusammen mit Prof.Dr. Wilhelm Wegner (Kleine Kynologie, Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes/Qualzuchtgutachten) legte er bereits Mitte der 1990er Jahre in seinem Buch "Hundezucht 2000" die Grundlage für eine fundierte Kritik an den Missständen der Rassehundezucht und zeigte heute noch aktuelle Eckpunkte für eine Wende auf. Er entwickelte das Konzept des Biohundes. In Büchern, unzähligen Artikeln, mit Engagement in Fachforen im Internet, Vorträgen und geduldig erläuternden Emails, z.B. mit dem Autor dieses Nachrufs, setzte er sich für das Wohl des Hundes und die Zukunft der Partnerschaft Mensch-Hund ein – in damals schon betagtem Alter.

Hellmuth Wachtel zeichnete aus, dass er niemals polemisch oder gar abwertend und beleidigend mit anderen Meinungen, Kritiken oder sogar Stimmen, die ihn unter der Gürtellinie anzugreifen suchten, umging. Er blieb immer honorig, sachlich, inhaltlich souverain. Ihm ging es eben um die Sache: Das Wohl der Hunde. Über mein eigenes Engagement in derselben Sache kam ich vor etwa 10 Jahren persönlich in Kontakt mit diesem großen Freund des Hundes. Auch wir hatten nicht immer eine Meinung. So schrieb Wachtel in seiner Rezension zu einem meiner Bücher: "Obwohl ich ein paar Details etwas anders sehe..." So war es vice versa. Auch ich konnte ihn kritisieren, ohne dass er dies persönlich nahm. Ganz im Gegenteil, entwickelte sich so immer wieder ein sehr fruchtbarer Dialog, eine wertvolle Bereicherung des Blickfeldes, die ich heute sehr vermisse. Obwohl schon hochbetagt, konnte sich schon einmal locker an einem Sonntag bis spät im den Abend hinein ein reger Austausch von Emails entwickeln - in der Sache durchaus widersprüchlich und hartnäckig Argumente austauschend, in der Methode aber sachlich, kameradschaftlich, ja freundschaftlich und immer wertschätzend.
Hellmuth Wachtel mit Amigo
Dann kam recht plötzlich seine letzte Email: "...es freut mich sehr, dass sie weiter im Interesse einer besseren Hundezucht arbeiten! Ich muss mich nun leider schon mit Altersproblemen abfinden und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg!" Ich ahnte es. Leider habe ich von seinem Tod dann erst spät erfahren.

Wir vermissen den großen Hundefreund und Kynologen Dr. Hellmuth Wachtel.

Christoph Jung

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Praxis der hundegestützten Therapie - Grundlagen und Anwendung

Hunde haben eine positive Wirkung auf die Psyche des Menschen. Das ist inzwischen wissenschaftlich belegt.  In "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" haben wir die Geheimnisse der Seelenverwandtschaft Mensch-Hund beleuchtet und damit auch die elementaren Grundlagen der hundegestützten Therapie.

Mit "Praxis der hundegestützten Therapie: Grundlagen und Anwendung" haben sich nun zwei ausgewiesene Fachleute aus der Praxis zu Wort gemeldet. Der Psychotherapeut und Psychologe Dr. Rainer Wohlfarth, psychologischer Leiter an der Max-Grundig-Klinik im Schwarzwald und Präsident der ESAAT (European Society for Animal Assisted Therapy), und Bettina Mutschler, Dozentin für Hundeerziehung, ergänzen sich in ihrem Buch geradezu optimal in ihrem unterschiedlichem Zugang zu diesem Thema. Dr. Wohlfarth nähert sich aus der Sicht des Psychotherapeuten eher von der "menschlichen Seite", Frau Mutschler eher "über den Akteur Hund". Beiden zusammen gelingt somit eine umfassende und fundierte Darstellung der hundegestützten Therapie in all ihren Aspekten, von der Co-Evolution Hund-Mensch, der Geschichte und Entwicklung der tiergestützten Therapie, ihren wissenschaftlichen Grundlagen über die therapeutische Arbeit bis hin zu Tierethik und der Organisation, Evaluation, den rechtlichen Grundlagen und dem Qualitätsmanagement in der Durchführung der hundegestützten Therapie.
Praxis der hundegestützten Therapie: Grundlagen und Anwendung (mensch & tier)
von Rainer Wohlfarth und Bettina Mutschler
Hundegestützte Therapie ist immer nur eine Ergänzung einer anderen, qualifizierte Therapiemethode - fundierte Ausbildung nötig

Der therapeutische Schwerpunkt wird dabei aus psychotherapeutischer Sicht beleuchtet mit Ausblick auch auf andere Therapieformen wie Ergo- oder Physiotherapie. Sehr klar und deutlich wird hergeleitet, dass die hundegestützte Therapie IMMER ein Zusatz zu den grundlegenden Therapieverfahren wie Psychotherapie, Ergo- und Physiotherapie ist und NIE ein eigenständiges Therapieverfahren. Voraussetzung ist somit ein Therapeut mit fundierter Ausbildung, der sich zusätzlich in hundegestützter Therapie weitergebildet hat. Hier liegt, wie die Autoren darlegen, bereits die Schwierigkeit, da es bisher noch keine einheitliche zertifizierte Ausbildung in hundegestützter Therapie gibt.

Der Hund als Arbeitspartner

Immer aber steht der Klient im Fokus, der Hund ist Arbeitspartner nicht Arbeitsmittel, im Buch passend als "Therapiebegleithund" benannt. Der Hund macht  aus der therapeutischen Dyade eine Triade und bringt  immer auch eigene Aspekte und seine Persönlichkeit mit ein. Hierin liegt der zusätzliche Gewinn der hundegestützten Therapie aber auch ihre Herausforderung. Hunde "ergänzen das Mängelwesen Therapeut mit ihren ganz bestimmten Qualitäten" wie ihrer non verbalen Kommunikation, ihrem Leben im Augenblick, ihrer Kooperation sowie ihrem Vertrauen und ihrer auch körperlichen Zuwendung, die so mit einem menschlichen Therapeuten absolut undenkbar, ja obsolet ist.

Hundegestützte Therapie wirkt über eine echte emotionale sichere Bindung, die Vertrauen und Entspannung fördert und Stressreaktionen senkt. Hundegestützte Therapie ist immer eine zielgerichtete und strukturierte Arbeit und hebt sich so von den Besuchen einer Hundehalterin mit ihrem Familienhund im Altenheim deutlich ab. In der hundegestützten Therapie wirkt der Hund u.a. als "Eisbrecher", Bindungsfigur, Motivator, Projektionsfläche, Förderer von Kommunikation und Selbstwert. Immer wieder thematisieren die Autoren dabei, dass sowohl der menschliche als auch der tierische Therapeut eine umfassende und spezifische Ausbildung benötigen. Dabei steht neben dem Klienten immer auch das Wohlergehendes Hundes im Fokus.

Insgesamt aus meiner Sicht das bisher beste Buch zum Thema hundegestützte Therapie mit praxisorientiertem Anspruch. Das Buch informiert umfassend über alle praxisrelevanten Aspekte der hundegestützten Therapie ohne dabei "Kochrezepte" für den Hausgebrauch zu liefern; denn hundegestützte Therapie ist eine fachbezogene Weiterbildung, die in die Hand qualifizierter Ausbildungsinstitute, die teils noch zu schaffen wären, gehört.

Ein Beitrag von Daniela Pörtl, Ärztin

Leiterin einer Psychiatrischen Institutsambulanz
Autorin (zusammen mit Christoph Jung) von "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" im Schattauer-Verlag, Stuttgart erschienen.

Freitag, 2. Dezember 2016

Mensch, Hund!

3Sat sendet am Donnerstag, 8.12.16 um 20.15 Uhr die Dokumentation: "Mensch, Hund! Der Rasse-Wahn und seine Folgen". Im Film von Klaus Kastenholz werden Missstände in der Hundezucht angeprangert und nach Auswegen geschaut. Es ist eine Wiederholung von 3Sat von September 2013, aber - leider - immer noch aktuell. Danach kommt Scobel, wo das Thema Schönheit ganz allgemein weiter vertieft wird.

Wer das Thema Mensch-Hund weiter vertiefen will, dem seien bei dieser Gelegenheit folgende Optionen empfohlen:
  • DOCnDOG - Die Akademie für Hundefreunde
Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund
Von Streicheln, Stress und Oxytocin

Hier geht es darum, wie aus der Beziehung zwischen Mensch und Wolf überhaupt der Hund entstehen konnte und worauf diese einmalige Verbindung zweier Spezies gründet und funktioniert.

Am 5. April 2017, 19 Uhr in Rödinghausen (Nähe Bielefeld)
  • 3. Rostocker Vierbeiner Symposium
Wissenschaft trifft Hund
Der Wolf. Der Hund. Der Mensch.

Mit Vorträgen von Elli Radinger, Christoph Jung, Daniela Pörtl

Am 17. Juni 2017, 9 -17 Uhr in der Universität Rostock
  • Dokumentarfilm „Freund oder Feind“ über die Ambivalenz der Mensch-Hund-Beziehung
Der Film von Ruth Stolzewski kommt in diesen Tagen in den Handel. Hier bei amazon.de


Bereits 2009 erschienen aber  - leider - immer noch aktuell:
https://www.amazon.de/Schwarzbuch-Hund-Menschen-bester-Freund/dp/3837030636/ref=asap_bc?ie=UTF8

Und die Hintergründe dieser besonderen Beziehung wissenschaftlich beleuchtet in: 
 
Petwatch Blog