Mittwoch, 10. November 2010

Offener Brief an den VDH zur Zuchtpraxis mit erbkranken Hunden

An den Präsidenten des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH) e.V. Prof. Dr. Peter Friedrich

Sehr geehrter Herr Prof. Friedrich,

ich möchte Ihre jüngste Stellungnahme in der Öffentlichkeit zum Anlass nehmen und noch einmal auf die in meinen Augen tierschutzrelevante Praxis der Zucht mit erbkranken Hunden in einigen Ihrer Mitgliedsvereine hinweisen.

In der Sendung "Stern TV" mit Günther Jauch vom 03.11.2010 wurden einige Hunderassen vorgestellt, darunter auch der Cavalier King Charles Spaniel. In der Diskussion stellten Sie fest, dass im VDH mit erbkranken Hunden nicht gezüchtet werde. Leider trifft diese Aussage nicht immer die Realität. Stellvertretend anhand des Cavalier King Charles Spaniels, der im VDH immerhin durch drei Vereine betreut wird, möchte ich Sie darauf hinweisen, dass im breiten Stil und sehr wohl wissentlich und zudem über lange Zeiträume hinweg bewusst mit erbkranken Hunden gezüchtet wird, auch im VDH.

Beispiel 1 - Arnold Chiari Malformation / Syringomyelie (SM)

Diese oft schwerwiegend verlaufende und zur Euthanasie führende, die Hunde - und auch Halter - mit erheblichen Leiden und Schmerzen belastende Erbkrankheit des Gehirns und der Nerven wird gerne als "Kratz-Syndrom" verharmlost, wie es aktuell auch auf der Startseite des Verband Deutscher Kleinhundezüchter im VDH geschieht ( http://www.kleinhunde.de/ ). Dessen langjährige Zuchtleiterin Karin Biala-Gauß behauptet dort zudem, dass bei gerade "vielleicht 1 % SM-Erkrankungen" festzustellen seien. Trotzdem bleiben Hunde in der Zucht, die nachweislich an SM erkrankte Vorfahren oder Nachkommen haben. Lediglich Verpaarungen zweier - durch Vorfahren oder Nachkommen - als "SM-belastet" gekennzeichnete Hunde sind untersagt. Frau Biala-Gauß erklärt sogar: "Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Kennzeichnungen nur für die SM-Selektion zu beachten sind. Sie sollen die Nutzung der Zuchttiere ansonsten in keinster Weise beeinträchtigen."
In ihrem dort veröffentlichten Schreiben vom 03.11.2010 räumt die Obfrau des "Wissenschaftlichen Beirates für Zucht und Forschung" des VDH Dr. Helga Eichelberg ein: "Es handelt sich sicher um keine Methode, um die Rassen von dieser Krankheit zu befreien. Dennoch scheint sie uns geeignet zu sein, bis zur Etablierung einer besseren Untersuchungsmethode wenigstens einer weiteren Verbreitung des Defektes entgegen zu wirken." Damit wird vom VDH ein Freibrief für die Zucht sogar mit manifesten SM-Vererbern erteilt.
Warum wird nicht konsequent auf die Zucht mit SM-belasteten Hunden verzichtet, zumal wenn diese nach Angaben von Zuchtleiterin Biala-Gauß nur 1% der Population darstellen?

Beispiel 2 - Mitral Valve Disease (MVD)

Wesentlich breitflächiger als mit der o.g. SM ist die Population der Cavalier King Charles Spaniels mit einem erblich bedingten Verlauf einer Herzkrankheit belastet, der Mitral Valve Disease (MVD). Ein sehr hoher Anteil der Cavaliere ist bereits in jungen Jahren an dieser nicht selten innerhalb von zwei Jahren tödlich verlaufenden Herzkrankheit erkrankt (etwa 50%). Schon 1997 wurde festgestellt, dass diese Hunderasse 21mal häufiger von MVD betroffen ist als der Durchschnitt. Zudem sind Cavaliere auffällig früh betroffen. Bei anderen Hunderassen gilt diese Herzschwäche lediglich als eine typische Alterskrankheit. Bereits 1998 wurden von einem internationalen Wissenschaftlergremium klare Empfehlungen zur Bekämpfung ausgesprochen. Diese haben 12 Jahre später noch keine Beachtung in der Praxis des VDH gefunden. Auch zur Bekämpfung dieser Krankheit fehlt es an einem wirkungsvollen Programm. Auch hier darf ausdrücklich mit symptomatischen, sogar bereits durch Herzgeräusche auffälligen Hunden gezüchtet werden, wenn auch eingeschränkt. Nach dem "Mitral Valve Disease Breeding Protocol" von 1998 (s.o.) sollen Cavaliere, die unter 5 Jahren ein Herzgeräusch zeigen, nicht in die Zucht. Auch sollen Rüden frühestens im Alter von 2,5 Jahren in die Zucht gehen. Im VDH darf aber mit dreijährigen Rüden gezüchtet werden, die ein Herzgeräusch Grad 1 und ab 6 Jahren sogar Grad 2 zeigen. Rüden dürfen bereits mit  9 Monaten in die Zucht, einem Alter indem die Anlage zu MVD noch gar nicht beurteilt werden kann.
Zudem begnügt man sich zur Zuchtzulassung mit dem Ergebnis der Auskultation durch einen beliebigen Veterinär, obwohl es unstrittiger Stand der Medizin ist, dass eine Diagnose lediglich auf Basis der Auskultation nur ausgesprochenen Spezialisten und ansonsten nur mit Hilfe technischer Diagnosemittel (wie Doppler-Ultraschall) möglich ist.
Die langjährige Halterin von Cavalier King Charles Spanieln Elke Grabhorn hat hierzu am 01.11.2010 einen Artikel veröffentlicht, der Einzelheiten und umfangreiche Quellen zu dem hier genannten enthält ( http://petwatch.blogspot.com/2010/11/cavaliere-haben-sehr-viel-herz.html ).


Das geltende Tierschutzgesetz verbietet in § 11b aber genau hier genannte Zuchtpraktiken wenn bestimmt wird:
"Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten..., wenn damit gerechnet werden muss, dass bei der Nachzucht, ... erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten."

Zudem ist es ethisch und zumal für einen Hundefreund kaum nachvollziehbar, bekannte Erbkrankheiten nicht konsequent und vorrangig in der Zucht zu bekämpfen. In der Satzung des VDH §2 Abs.2.1 heißt es ja: "Als ordentlicher Züchter und Halter gilt, wer lediglich aus Gründen der Liebhaberei (Hobby) die Zucht und/oder Ausbildung nach kynologischen Grundsätzen betreibt und fördert."

Wer würde aber seinen Hunden solche Leiden zumuten, wenn lediglich "aus Gründen der Liebhaberei" gezüchtet wird? Bemerkenswert ist auch, dass man in manchen Mitgliedsvereinen des VDH angesichts solch schwerer Schäden wie oben beschrieben zu keinen ernsthaften Maßnahmen bereit oder in der Lage ist, jedoch kleinste Farbvarianten, die rein optisch einem von Menschen ausgedachten Standard widersprechen - wie beim Cavalier ein weißer Fleck - sofort zum Zuchtausschluss führen. Zugleich wird die Verpaarung der verschiedenen Farbvarianten streng untersagt.


Mir ist durchaus bewusst, dass der VDH in Konkurrenz zu den vielen Verbänden steht, die "Züchtern" ein wesentlich komfortableres Dach bieten - regelmäßig zulasten und auf Kosten des Wohls der Hunde. Mir ist durchaus bewusst, dass die Lage der Hunde außerhalb des VDHs nicht selten noch wesentlich schlechter ist. Und ich gehe davon aus, dass Sie persönlich und der VDH sehr an einer am Wohl der Hunde orientierten Zuchtpraxis interessiert sind. Zur Durchsetzung von allgemein gültigen Mindeststandards für die Zucht von Hunden und damit zum Schutz der seriösen Züchterschaft wäre darüber hinaus der Gesetzgeber in der Pflicht.

Eine bewusste Zucht mit Erbkrankheiten und Gendefekten kann aber zu keinem Zeitpunkt toleriert werden, bestenfalls dann kurzfristig in einer konkret definierten Übergangsphase im Rahmen eines verbindlichen Gesundzuchtprogramms.

Hier wurde alleine die Zuchtpraxis beim Cavalier King Charles angesprochen. Leider ist die Behandlung dieser Rasse, wenn auch ein krasser, jedoch leider keineswegs ein Einzelfall, auch nicht unter dem Dach des VDHs.

Ich möchte Sie daher bitten, Sorge dafür zu tragen, dass die Zuchtpraktiken zum Wohle des Cavalier King Charles umgehend und nachhaltig geändert werden, wie ich Sie ebenso bitten will, Sorge dafür zu tragen, damit eine Wende in der Zucht zum Wohle und zur Gesundheit der Hunde praktisch wirksam wird.


Für Auskünfte und Rücksprache stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.


Mit freundlichen Grüßen

gez.

Christoph Jung

Diplom-Psychologe und Biologe
Dortmunder Appell für eine Wende in der Zucht zum Wohle der Hunde
http://dortmunder-appell.de/

10 Kommentare:

Andrea hat gesagt…

Ich finde diesen offenen Brief an den VDH sehr gut und allumfassend geschrieben.

Es sollten tatsächlich einige Bahnen zum Umdenken eingeschlagen werden !!!

Zwergpinscherwelpen hat gesagt…

Die Züchter, die tatsächlich etwas für die Gesundheit der Hunderasse unternehmen wollen trifft dieser Brief auf offene Ohren.
Doch gerade dort, wo dringender Handlungbedarf wäre, wird dieser Hinweis ignoriert.

Gerade bei meiner Rasse ( Zwergpinscher und Affenpinscher) wird vom VDH/PSK "keine Gesundheitsuntersuchung" verlangt. Eine Zuchtzulassung bekommt der Hund weil er schön aussieht.

Doch auch diese kleine Rasse hat bereits einige üble Erbkrankheiten wie PL,PRA,Epilepsie uvm.

Wagt man das als Züchter öffentlich zu machen, bekommt man keinerlei Unterstützung des Verbandes. Im Gegenteil er schützt sogar die Züchter, die mit erbkranken Hunden züchten.

Ich bin aus diesem Verband frustriert ausgetreten.
Schönheit vor Gesundheit??? Nein Danke!!!

LG Jutta Steinwitz
http://www.augen-auf-beim-welpenkauf.info

Jutta hat gesagt…

Danke,danke, ich habe nach der Sendung vor Wut platzen können und mir diese Wut in einem Brief niedergeschrieben. Ihr Brief enthält den gleichen Inhalt, er ist nur viel sachlicher. Abgeschickt habe ich ihn nicht.
Viele Grüße
Jutta Kämmerling

Zwergpinscherwelpen hat gesagt…

Ein wirklich guter Brief, der die Problematik der Rassehundzucht auf den Punkt bringt...........ABER leider werden auch diesmal gerade die Züchter diese Botschaft ignoriern, die diesen Brief beherzigen sollten -
Die Hunde im VDH sind alle gesund!( Ironisch gemeint)

Ich selbst habe vor 5 Jahren im VDH mit meiner Rasse Zwergpinscher angefangen zu züchten.
Idealistisch habe ich öffentlich über die genetischen Defekte in der Rassezucht gesprochen, eine Langzeitstudie für Züchter entwickelt und aufgeklärt.
Resultat war - ich weiß nun genau was Mobbing ist.
Massiv wurde ich von Züchterkollegen und sogar der Rassebauftragten des zuständigen Vereins angegriffen :"Die Hunde sind gesund! Ich solle aufhören die Rasse "krank" zu reden!!!

Der Rasseverband duldete alle Angriffe und Verleumndungen gegen mich.Und sicher wird sich auch hier diese Gegenseite zu Wort melden.

Im Juli 10 habe ich gekündigt.

Ab 2011 werde ich gesunde Hunde züchten dürfen, ohne das ich mich vor meinem Verband dafür rechtfertigen muss.

Schönheit geht vor Gesundheit? Nein Danke!

Erfreut hat es mich, dass Herr Jung auch meinen Text in seinem Buch vollständig übernommen hat.

Weiter so, ich kämpfe mit
LG Jutta Steinwitz

Ruth Stolzewski hat gesagt…

Herr Jung,

ich bin gerade durch Zufall auf ihren Blog gestoßen, und vieles was Sie schreiben kommt mir leider sehr bekannt vor, und zwar aus der Zucht der Deutschen Dogge. Auch hier werden schlimme Erbkrankheiten wie z.B. die Dilatative Kardiomyopathie (DCM) konsequent ignoriert und verharmlost und alles unternommen, damit diese Krankheit weder erforscht noch bekämpft wird. Da frage ich mich warum? Haben die Züchter Angst davor, plötzlich gesunde Hunde zu züchten?

Leider geht es aber vielen nicht um die Hunde und deren Halter, denn die meisten Welpen aus Züchterhand gehen in Privathand, es gibt also auch einen nicht zu vernachlässigenden "Endverbraucher". Nein, es geht vielmehr darum, sich mit seinen züchterischen "Erfolgen" zu profilieren, die vor allem in Championtiteln gemessen werden. Und ums Geld geht es natürlich auch. Für einen Welpen mit VDH-Papieren kann man ja so einiges verlangen, er stammt ja auch aus einer "kontrollierten Zucht". Wenn der tolle Rassehund dann mit wenigen Jahren "kaputt geht", tja, dann hat der "Endverbraucher" eben Pech gehabt, denn eine Reklamation ist nicht möglich (und im Falle eines Lebewesens auch nicht angebracht).

Ich frage mich, ob sich das jemals ändern wird...und was man dafür tun kann?

Anonym hat gesagt…

Ich züchte seit ca. 10 Jahren Zwergschnauzer schwarz-silber. Aus dem VDH-PSK bin ich vor ca. 3 Jahren ausgetreten. Zuvor habe ich versucht auf die zunehmende Inzuchtproblematik aufmerksam zu machen. Ich kann heute sagen, dass sich im PSK fast alle standhaft weigern neue wissenschaftliche Erkenntnisse anzunehmen. Auf Zuchtschauen geht es nur um die Schönheit. Einsicht in die Ahnentafeln der ausgestellten Tiere haben die Richter nicht, das ist beim PSK nicht üblich. So sind es meistens stark ingezogene Zwergschnauzer, die bei der Siegerehrung ganz vorne stehen.Auch ganz junge und unerfahrene Züchter wagen sich an engste Verpaarungen, weil sie keine Anleitung erhalten und weil sie natürlich mit ihren Inzuchtprodukten auf Zuchtschauen mögl.schnell glänzen möchten.
Ich habe zu meinem Bedauern auch etliche Züchter kennengelernt, die sich mit den Zuchtlinien und Ahnen der ss gar nicht auskennen. Dann wird nur verpaart, was äußerlich hübsch zueinander paßt.
Über einige Moderüdenlinien sind fast alle Zwergschnauzer ss heute miteinander verwandt, denn eine Deckbegrenzung für Rüden gibt es nicht beim PSK.Besonders traurig ist, dass die Welpenkäufer nicht aufgeklärt werden, wenn sie einen Welpen aus Inzuchtverpaarung kaufen. Oft werden sie darauf erst aufmerksam, wenn das Tier zu früh verstirbt.
Heute züchte ich mit einigen Gleichgesinnten im Internationalen Rassehundeverband "Biozwergschnauzer". Wir werden vom IRV tatkräftig unterstützt und können jetzt endlich gesunde Hunde züchten. Wir richten uns dabei nach den Anforderungen von Dr. Helmut Wachtel, der schon lange den "Biohund" fordert. Die notwendige genetische Vielfalt erreichen wir u. A. dadurch , dass wir mit anderen Farbvarianten kreuzen, das war beim PSK nicht möglich. Wir nutzen auch Rüden aus alten Linien, die beim PSK keine Chance hätten auf einem der vorderen Ränge bewertet zu werden.Wir hoffen sehr, dass sich uns noch viele Züchter anschließen, damit der Zwergschnauzer wieder ein langlebiger kleiner Hund wird. Ich kann mich meiner Vorrednerin, Frau Steinwitz, nur anschließen, wer gesunde Hunde züchten will, der kann aus dem PSK nur frustriert austreten.

Anonym hat gesagt…

Der Brief an sich ist sehr gut und vor allem sachlich...

...fachlich allerdings ist er nicht ganz korrekt;

Syringomyelie und Chiari Malformation sind zwei verschiedene Krankheiten und sollten daher nicht zu einer zusammengefasst werden, was hier aber passiert ist.

Anonym hat gesagt…

Gab es je eine Stellungnahme vom VDH?
Auch ich habe einen Brief an den Herrn Präsidenten geschrieben, eine Rückmeldung kam nie.

Christoph Jung hat gesagt…

Auf den Brief habe ich bis heute, 23.2.11, weder von Prof.Friedrich noch vom VDH eine Antwort erhalten.

Das ist im übrigen nichts Neues für mich, blieben doch bisher sämtliche ganz konkreten Nachweise von Qualzuchtpraktiken von Frau Eichelberg und Co ohne Antwort wie auch Korrektur in der züchterischen Praxis.

Allerdings gab es eine indirekte Antwort:
Im November 2010 hat der VDH eine Richtlinie verabschiedet, die die Zucht mit erbkranken Hunden ausdrücklich erlaubt, und zwar ohne zugleich ein Programm zur Bekämpfung dieser Erbkrankheit zur Voraussetzung zu machen.

Prof. Friedrich hat in der Jauch-Sendung also bewusst die Unwahrheit gesagt!

Bianca Cocco hat gesagt…

...vielleicht sollte man hinter diesem Hintergrund Stern-TV noch einmal informieren?!
Die Herrschaften dort sind sicher sehr interessiert.

Als Halter eines epilepsiekranken Hundes aus einer Verbandszucht bin ich nicht wirklich entsetzt, aber entäuschen tut es mich immer wieder.

 
Petwatch Blog