Freitag, 26. August 2011

WDR - nicht einmal die halbe Wahrheit zum Bulldog

In dem WDR-Film "Viel Rasse, wenig Klasse – Das Geschäft mit der Hundezucht" spielt der Bulldog eine zentrale Rolle. Tierarzt Dr. Ralf Unna bezeichnet die Bulldogs im Ring der Europasiegerschau 2011 gar als einzige "Tierschutzkatastrophen". Am Bulldog wird kein gutes Haar gelassen. Das Verdienst des Films ist es, dass Auswüchse der Show-Zucht, die tatsächlich Qualzucht relevant sind, deutlich gezeigt werden - wohl zum ersten Mal im deutschen TV. Missstände in der Rassehundezucht aufzeigen ist das eine, fragt sich aber: Mit welchem Ziel.

Mein Ziel ist der Erhalt des Rassehundes, speziell auch des Bulldogs - wenn denn noch möglich!?

In "Bulldogs in Geschichte und Gegenwart" habe ich die über 2.000-jährige Geschichte des Bulldogs nachgezeichnet und auch die Hintergründe seines so einmaligen Charakters verdeutlicht. "Phlegma und Leidenschaft" in einem kennzeichnet ihn Richard Strebel, Bulldog-Freund und Mitbegründer des deutschen Bulldog-Clubs, schon vor mehr als 100 Jahren. Der Bulldog war noch vor 150 Jahren einer der robustesten Hunde überhaupt und wurde deshalb und wegen seines markanten Charakters in viele Rassen eingekreuzt. Ein gesunder Bulldog ist ein wunderbarer Partner, charmanter Begleiter, ja inniger Freund. Ein gesunder Bulldog kommt zudem bestens mit den Widrigkeiten unserer heutigen Zeit zurecht.



So sah man den perfekten Bulldog vor 100 Jahren.
Etwas krumme Läufe, aber gewiss keine Qualzucht.
Solche Bulldogs entsprechen
dem neuen Standard sehr gut.


Das Ziel des WDR-Films sieht leider anders aus. Als Lösung werden Designer-Dogs präsentiert. Prof. Sommerfeld-Stur meint gar, man müsse sich an kranke Rassehunde gewöhnen. Genau das will ich NICHT. Entweder gesunde Rassehunde oder keine. Dass man gesunde Rassehunde züchten kann und dies z.B. bei den meisten Jagdhunderassen auch weitflächig unter dem Dach des VDH praktiziert wird, unterschlägt der Film. Eckpunkte für einen gesunden Rassehund, wie sie der Dortmunder Appell für eine Wende in der Hundezucht fordert, den inzwischen knapp 5.000 Menschen unterzeichnet haben, werden ebenso weitgehend ignoriert.

Mit Recht empört sich Alexander Däuber über die Feststellung von FCI-Vizepräsident Christopher Habig in "Unser Rassehund" (06/2011): "Bulldog. Aus Richterperspektive war diese Rasse noch nie so gesund wie heute." Eine Feststellung, die im Übrigen auch Petra Grell-Hansohm, die langjährige Richterobfrau des ACEB/VDH teilt, Mitglied genau des ACEB-Vorstandes, der laut Film angeblich für einen gesunden Bulldog kämpfte. Eine solche Feststellung von FCI/VDH Funktionären wie Habig oder Grell-Hansohm ist insofern bemerkenswert, als dass so
  • nahe gelegt wird, eine Wende in der Bulldogzucht sei nicht nötig, alles sei in guten Händen,

  • der ganze Qualzucht-Skandal einer Zucht mit über 86% Kaiserschnitt ignoriert wird,

  • würde beim Richten auf den Shows die Gesundheit der Hunde eine wesentliche Rolle spielen,

  • getan wird, als habe man wirklich einen fundierten Überblick über die Gesundheit der Rasse.

Wo sind denn die belastbaren Zahlen, mit denen Harbig &Co eine Gesundung des Bulldogs nachweisen könnten?

Das Gegenteil ist vielmehr der Fall. Eine entsprechende Anfrage von mir an die FCI von Juni 2011 blieb bis heute unbeantwortet. So verschleiern die Bulldog-Clubs seit vielen Jahren regelmäßig die Bilanzen ihrer Zucht. Belastbare Zahlen zu Kaiserschnittquote, Tod der Mutterhündinnen, künstlichen Besamungen, Welpensterblichkeit, Fitness, Krankheiten oder erreichtes Lebensalter gibt es in aller Regel nicht! Alleine das ist eigentlich ein Skandal für ein Zuchtgeschehen, dass sich den Anschein von Seriösität gibt und mit "kontrollierter" Zucht wirbt. Aber das gilt nicht nur für den VDH. Von ganz vereinzelten Ausnahmen abgesehen ist das Zuchtgeschehen neben ihm noch sehr viel skandalöser.

Erst eine Untersuchung des Kennel Clubs, dessen neuer Standard für den Bulldog vom WDR-gelobten ACEB-Vorstand bis zu seinem Rücktritt Ende 2010 aktiv bekämpft wurde, brachte belastbare Zahlen ans Licht. Diese waren alles andere als schmeichelhaft. Die britischen Wissenschaftler Katy M. Evans und Vicki J. Adams konstatierten 2010 eine Kaiserschnittquote bei den Bulldogs von nicht weniger als 86,1% (Proportion of litters of purebred dogs born by caesarean section, Feb 2010)!

Es ist für mich völlig unverständlich, wie man eine Population als "gesund" bezeichnen kann, ohne solche katastrophalen Fakten wie 86% Kaiserschnittquote oder die Todesrate der Mütter zu würdigen.

Daher ist die Feststellung des FCI-Vizepräsidenten Christopher Habig im Grunde als Tierschutzskandal zu kennzeichnen.

Eine Zucht mit einer Reproduktion mehrheitlich per Kaiserschnitt muss man als Qualzucht kennzeichnen, und das betrifft etliche Hunderassen, nicht nur brachyzephale (und das sollten auch der "Richterperspektive" bekannt sein). Zudem haben sich terminierte Kaiserschnitte als vorteilhaft für das Ernten der Welpen, den Profit der Veterinäre und den Zeitplan der Züchter erwiesen und sind längst dabei, sich flächendeckend zu etablieren. Die Perversionen einer Zucht angeblich nur aus "Liebhaberei" geht in eine neue Dimension. Ähnliches gilt für die zZ stark zunehmende künstliche Besamung



Ein neues Bulldog-Leben.



Erste Begrüßung von Mutter und Kind




Natürlich geworfen, Züchterin Bettina Selle-Treiber (ACEB)
Wenn man den Stand aber nicht wirklich kennt, so kann man noch nicht exakt sagen,
  • wie ein Gesundzuchtprogramm in allen Details aussehen muss,

  • ob es ohne Einkreuzungen geht

  • und ob es überhaupt erfolgreich sein kann.

Ich bin diesem Thema seit Jahren nachgegangen. Unmittelbare Zahlen und Fakten habe ich nicht hinreichend finden können, um beim Bulldog eine solche Frage fundiert beantworten zu können. Aber es gibt ein paar Indizien, die ein wenig Hoffnung begründen:
  • Als eine der ältesten Hunderassen der modernen Rassehundezucht und Nationalhund des britischen Empire hat der Bulldog eine weltweite Verbreitung seit weit über 100 Jahren. Es gibt ihn auf allen Kontinenten und in allen Klimazonen, interessanterweise auch weit verbreitet in heißen Ländern wie Mexiko, Südafrika oder Brasilien.

  • Über viele Jahrzehnte hinweg haben sich etliche Populationen weitgehend getrennt entwickelt

  • Nachteile werden zu Vorteilen - 1: Makaber aber wahr: Zahllose Bulldog-Mütter verlieren bei den Geburten ihr Leben. Diese außergewöhnlich hohe Todesrate der Bulldog-Mütter wird ausdrücklich angeführt in der Untersuchung von Calboli et al., Population Structure and Inbreeding From Pedigree Analysis of Purebred Dogs, 2008, ebenfalls im Auftrag des Kennel Clubs. Bei der Untersuchung war überraschend aufgefallen, dass der Bulldog eine recht hohe genetisch effektive Population aufzuweisen hat, die ihn relativ gesehen besser darstehen lässt als der Durchschnitt der untersuchten Hunderassen wie Golden Retriever, Boxer oder Deutscher Schäferhund.

  • Nachteile werden zu Vorteilen - 2: Geschätzte weniger als 10% der Bulldog-Welpen fallen inzwischen nur noch unter dem Dach des VDH. Das heißt, dass vermutlich mehr als 90% der Bulldogs, die in Deutschland stehen, von Züchtern außerhalb des VDHs, von Vermehrern und aus dem  internationalen Hundehandel stammen*. Der Bestand ist also vermutlich sehr heterogen. (* auch dieser Fakt, daß praktisch die gesammte Population, die auf den OPs der Veterinäre landen, eben nicht aus VDH-Zucht stammen, wurde vom bewusst WDR ignoriert - obwohl diese Zahlen ihm vorlagen; meiner Einschätzung nach ist die durchschnittliche gesundheitliche Lage des Bulldogs - relativ gesehen - im VDH besser als außerhalb)

Aus solchen Indizien heraus gibt es begründeten Anlass zur Hoffnung, dass die genetisch effektive Population hinreichend groß ist für eine Gesundung. Aber eine Gesundung wird eben nur gelingen, wenn der VDH und die Züchterschaft diesen Schatz heben und sich hier öffnen.



Gesunder Wurf gesunder Bulldogs, Züchterin Dagmar Weber-Knappe
Und es soll noch eines betont werden:
  • Es gibt freiatmende Bulldogs.

  • Es gibt schon heute den leichteren, beweglichen Bulldog, der völlig problemlos seine Aufgaben als Begleithund meistert.

  • Es gibt Züchter, deren Hündinnen zwar nicht immer, aber regelmäßig frei werfen.

  • Es gibt nicht wenige gesunde, vitale Bulldogs, die locker 10 und mehr Jahre alt werden.

Aber: Wie will man eine Gesundzucht hinbekommen, wenn die breite Mehrheit der Züchterschaft das nicht will (mit schwülstigen Worten wollen natürlich alle den "gesunden" Bulldog und das schon immer), ja sogar seit Jahrzehnten regelmäßig genau solche Züchter und Stimmen nach allen Regeln der Kunst mobbt, die auch nur leise Kritik am Status Quo üben oder sich sogar erdreisten, ein Gesundzuchtprogramm vorzuschlagen?

Ob es gelingt, hinreichend viele Züchter zu einem organisierten und kontrollieren, transparenten Gesundzuchtprogramm zusammen zubringen und zu fördern, die den gesunden Bulldog auch wirklich wollen, das wird die Gretchenfrage der Zukunft des Bulldogs sein. Ich habe meine Zweifel, ob dies gelingen wird, aber ich werde alles Tun, die letzten Chancen für eine Zukunft des Bulldogs zu nutzen. Der VDH hat hierzu eine Tür geöffnet. Es wird sich herausstellen, wie ernst er es wirklich meint.

Gretchenfrage für die Zukunft des Bulldogs


Mitte 2010 hat Prof.Dr.med.vet. Gerhard Oechtering einen Bericht veröffentlicht, in dem er u.a. appelliert: "Durch selektive Zucht auf übertriebene Merkmale hat sich der Kopf brachyzephaler Tiere in einem so hohen Maße deformiert, dass heute bei einer zunehmend großen Anzahl betroffener Tiere Gesundheit und Wohlbefinden erheblich beeinträchtigt sind. ... Es ist höchste Zeit für ein radikales Überdenken der brachyzephalen Zucht. Letztlich handelt es sich bei der Brachyzephalie um eine zu 100 Prozent Menschen gemachte Erkrankung." (Veterinary Focus Vol 20 No 2 2010)

noch 3 Anmerkungen zum WDR-Film:

a.) Tierarzt Dr. Ralf Unna behauptet, die Falten im Gesicht eines Bulldogs oder Bullys kämen von dem (zu) kurz gewordenen Fang. Ich kann dem Leser Hunderte Fotos/Gemälde aus mehr als 250 Jahren Bulldog präsentieren, wo Bulldogs mit bestenfalls feinen Falten durchs Leben gehen, siehe auch hier oben die Zeichnung vom "Perfect Bulldog". Die Falten sind das Ergebnis einer speziellen Zucht auf lose Haut, wie sie auch beim Shar-Pei oder beim Bloodhound und etlichen weiteren Hunderassen genauso zur Faltenbildung am Kopf führt, Hunde, die eine "normale" Länge des Fangs aufweisen. Die extremen Falten am Kopf werden im Übrigen vom neuen Standard ausdrücklich bekämpft, dem Standard, den die im TV-Beitrag wegen ihres angeblichen Eintretens für die Gesundheit angeblich abgewählten Personen, real bis zu ihrem Rücktritt massiv und öffentlich dokumentiert bekämpft haben.

b.) Im TV-Beitrag wird unterschwellig die Aussage einer Züchterin, ihre Bulldogs würden morgens erst spät aus dem Bett kommen, als Hinweis auf Qualzucht dargestellt. Auch das ist unrichtig. Bulldogs haben schon seit Jahrhunderten lernen müssen, in den Pausen zwischen zwei Hundekämpfen friedlich und phlegmatisch dahinzudösen. Das ist Teil ihres Wesens geworden. Und diese Eigenschaft ist für die heutige Rolle als Begleithund durchaus nützlich. Wer etwas einen Bulldog kennt, wird das extrem schnelle Umschalten eines Bulldogs von scheinbarem Tiefschlaf in blitzschnelles, grollendes Zustürmen auf einen (vermeintlichen) Gegner mit Schmunzeln immer wieder beobachtet haben. Genauso wird sich der Bulldog innerhalb Sekunden auf dem Sofa grunzend wieder einfinden, wenn er meint, die Gefahr sei vorbei (natürlich immer aufgrund seines energischen Eingreifens und auf dem Weg zurück wirft der Bulldog noch einen kurzen Blick zu Herrchen oder Frauchen und sagt, schau, was ich für ein toller Kerl bin, ich verteidige meine Lieben ;).

Schon in den 1930er Jahren hatten US-Wissenschaftler dieses Phänomen untersucht. Sie berichten, dass anfangs die Skala der Messgeräte nicht ausgereicht hätte um die neuronale Intensität dieses blitzschnellen Umschalten von Ruhe in Erregung und umgekehrt zu messen. Keine andere Hunderasse wies auch nur annähernd ein solch blitzschnelles und extremes Umschalten von Ruhe in Erregung und umgekehrt auf, wie eben der Bulldog.

c.) Frau Prof. Sommerfeld-Stur ist im Übrigen stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgruppe Reproduktionsmedizin in der Hundezucht e.V., deren satzungsgemäßes Ziel u.a. die "Förderung der Reproduktionsmedizin" ist. "Die Arbeitsgruppe stellt eine Gemeinschaft von Tierärztinnen und Tierärzten dar, die sich mit einem Schwerpunkt dem Thema Hundefortpflanzung widmen und besonders im Bereich der künstlichen Besamung engagiert sind oder dies zukünftig wollen."

Tierarzt Dr. Konrad Blendiger, der in dem WDR-Film die Absamungen u.a. von den Qualzucht-Bulldogs durchführte, ist Gründungsmitglied und der Vorsitzende dieser Arbeitsgruppe Reproduktionsmedizin in der Hundezucht e.V. Ein Tier-/Hundefreund hätte sich meiner Auffassung nach weigern müssen, solche evident schwer kranken Hunde zur Zucht zu verwenden und als Tierarzt diesen Zuchteinsatz erst zu ermöglichen.



 
Petwatch Blog